Manche Ereignisse werfen einen langen Schatten voraus, andere lassen einen eben solchen zurück. Das Fußball-Länderspiel zwischen der Türkei und Deutschland war mit Sicherheit das bisherige Highlight meiner Istanbul-Zeit. Und deshalb lohnt es auch, fast eine Woche später noch einmal zurück zu blicken!
Aufgrund meines Hintergrunds ist eine Begegnung Türkei - Deutschland natürlich kein normales Fußball-Spiel. Ein Blogeintrag über Identität wird das aber dennoch nicht. Warum? Diese Frage habe ich für mich bereits beim Hinspiel in Berlin geklärt. Gern gebe ich aber einen Einblick in meine Gefühlswelt, der sich in den ersten Tagen und Wochen hier verfestigt hat: Bin ich ein Deutscher? Nein, ganz sicher nicht! Woran mache ich das fest? An den Deutschen, die auch hier sind! (Und das soll nicht despektierlich klingen) Bin ich ein Türke? Nein, ganz sicher nicht. Woran mache ich wiederum das fest? An den Türken, die schon immer hier sind und auch immer hier bleiben werden. (Da ist der Ton jetzt bewusst etwas abwertender gewählt)
Wie gesagt, das wird kein Blogeintrag über Identität - und deshalb belasse ich es dabei und komme zurück zum Wesentlichen: Fußball!
Ich habe bereits erwähnt, dass mein Heimatstadtteil Atasehir so ziemlich am Popo von Istanbul liegt. Und deshalb ist allein die Fahrt zum Stadion schon einen Eintrag wert. Wir sind um 17 Uhr an der Yeditepe losgefahren, damit wir um 18.30 Uhr am Taksim-Platz sind - was dann auch auf die Minuten geklappt hat. Bus, Metrobus, Metro - so langsam kenne ich alle öffentlichen Verkehrsmittel, die einen hier von A nach B bringen.
Die Stimmung bei unserer Ankunft war schon sehr vorfreudig. Viele türkische Fahnen, an jeder Ecke kleine Händler, die ihre Schals verkauften, und außerdem: Viele Deutsche! Entgegen mancher bösen Vorahnung war es übrigens kein Problem, im Trikot mit dem Bundesadler durch die Straßen zu streifen - im Gegenteil. Die Gastgeber zeigten sich an diesem Tag von ihrer besten Seite und feierten friedlich mit den Fans aus der Bundesrepublik. So viel sei vorweggenommen: Das änderte sich auch nach dem Abpfiff und der Niederlage des türkischen Teams nicht.
Wehe dem, der klaustrophobische Anwandlungen hat: Von einer Fahrt zum Stadion in der Metro ist einem solchen dringend abzuraten. Ein bisschen funktioniert das aber, wie auf den Straßen. Es wird gedrängelt, aber es wird gleichzeitig auch aufgepasst. Deshalb kamen wir auch wohl behütet an der Türk-Telekom-Arena - dem neuen Zuhause von Galatasaray Istanbul - an. Ein schönes Stadion, keine Frage, aber auch eine schrecklich beliebige Arena, die mich persönlich nicht zum Staunen brachte. Besonders die Trägekonstruktion ist Marke 0-8-15, regelmäßige Stadiongänger haben das alles schon mal gesehen. Ein anderes Thema ist da dann wieder die Stimmung.
Vor der Partie war die Atmosphäre wirklich beeindruckend. Vor allem beim Abspielen der türkischen Nationalhymne war Gänsehaut garantiert und auch die ersten Minuten war der Lärmpegel im Stadion ohrenbetäubend. Wieso sich das dann recht schnell änderte, muss ich hier im Detail nicht mehr darlegen. Jeder, der das Spiel gesehen hat, weiß, dass die Türken gegen die starken Deutschen kaum eine Schnitte bekommen haben. Entsprechend hat sich die Hölle Türk-Telekom-Arena dann auch abgekühlt, was ich sehr schade fand. Denn von einem türkischen Publikum hätte ich bedingungslose Unterstützung bis zum bitteren Ende erwartet. Aber anscheinend ist es weltweit so, dass Ledersessel im Stadion nicht nur eine andere Erwartungshaltung erzeugen, sondern auch die Stimmung killen. Schade!
Zu sehr meckern möchte ich über die Ledersessel übrigens dieses Mal nicht, denn auch ich und meine beiden Sitznachbarn kamen bei diesem Spiel in diesen Genuss. Gar nicht mal so verkehrt, zumal diese VIP-Plätze schon für knapp 80 Euro zu haben waren - inklusive Verpflegung vor dem dem Spiel und in der Pause, versteht sich. Hinzu kam unser Glück, ziemlich nah an bei der deutschen Delegation sitzen zu können. Und so hatten wir sie alle um uns rum: Vornweg Mesut Özil und Miroslav Klose, die sich die meiste Zeit jedoch in ihrer Lounge aufhielten. Dennis Aogo und Ron-Robert Zieler. Christian Träsch und wie sie alle heißen. Sehr redselig und umgänglich war Mirko Slomka, der nun wirklich mit jedem Fan für ein Foto posierte. Ich bevorzugte als Eintracht-Anhänger dann aber einen Schnappschuss mit Michael Skibbe, von dem ich mir dann noch anhören durfte: "Eintracht-Fan, soso. Da hat der Heri am Ende doch noch kalte Füße bekommen, als wir fast durch waren." Optimistisch, der Mann. Was aber nichts daran ändert, dass Christoph Daum niemals hätte Trainer der SGE werden dürfen. Ein anderes Thema.
An diesem Abend schlug der deutsche Trainer Jogi Löw den türkischen Trainer Guus Hiddink mit 3:1 - verdient. Auch wenn mein Fußball-Herz ausschließlich türkisch schlägt, muss ich anerkennen: Das war ein beeindruckender Auftritt der meiner Meinung nach derzeit besten Mannschaft auf der Welt. Jede Menge Spaß hatten wir dennoch. Und auf der Erasmus-Party danach hatten wir dann wieder alle zusammen Spaß. Sogar mit den Holländern!