Oral History des großen Daddelautomaten-Hacks
In den 90er-Jahren sind zumindest einige der Geldspielautomaten, die in Kneipen, Imbissläden und dedizierten Spielhallen hängen, bereits computergesteuert. Zwar rotieren hinter der Frontscheibe noch Walzen oder Scheiben mit lustigen Symbolen, von denen bestimmte Kombinationen beim Anhalten den Spielenden Gewinne bringen. Aber die Abfolge aller Kombinationen ist durch Software vorbestimmt. Und diese Sequenz wiederholt sich, allerdings erst alle paarmillionen Spielvorgänge, wovon normale Spieler:innen natürlich nichts mitbekommen.
Zudem gibt es die sogenannte "Risikotaste", mit der ein Gewinn nach der Devise "doppelt oder nichts!" potenziert werden kann. Auch hier ist durch Software vorbestimmt, bis zu welchem Schritt die Verdoppelung funktioniert. Rechtlich ist das nicht nur OK, sondern bietet gegenüber rein mechanischen Automaten sogar den Vorteil, dass sich die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Gewinnquoten besser belegen lässt.
In den Zeitungen finden sich hingegen Berichte, dass findige Hacker diese Systeme bereits analysiert hätten, um mit dem Wissen um bevorstehende Gewinne Kasse zu machen.
Ich habe derweil mein Informatikstudium in Berlin begonnen und lerne eine Menge interessanter neuer Leute kennen. Darunter S., der manche wilde Geschichte erzählt, und auch behauptet, er sei an so einem Spielautomaten-Hack beteiligt.
Zusammen mit einem mir unbekannten Kumpel hätte er sich einen solchen Automaten besorgt. Den hätten sie dann so mit einem Heimcomputer verdrahtet, dass er endlos Spiele ausführt und der Computer die Ergebnisse aufzeichnet. Damit hätten sie im Laufe von Wochen die komplette Gewinnsequenz ermittelt. Einmal hätte es dabei allerdings einen Stromausfall gegeben, sodass das System aus dem Tritt gekommen sei und sie wieder von vorn hätten anfangen müssen.
Jedenfalls sei er jetzt im Besitz der Daten, mit denen man nach ein paar Spielvorgängen bestimmen könne, wo in seiner Sequenz der Automat sei. Dann könne man – insbesondere unter optimalem Einsatz der Risikotaste – den kompletten Bargeldinhalt des Geräts abräumen, im günstigsten Fall einige hundert Mark. (Ich führe ein auskömmliches Studentendasein mit 900 Mark, die ich pro Monat von meinen Eltern bekomme.)
S. meint, er würde die Spielhallen meiden und sich auf einzeln in Kneipen und Imbissbuden aufgestellte Automaten konzentrieren. Davon hätte er immer eine Reihe im Blick, um im richtigen Moment zuzuschlagen. Insgesamt brächte er damit schon so manchen Abend zu, auch um kurz vor einem möglichen großen Gewinn zu verhindern, dass jemand anderes den Automaten im entscheidenden Moment bespielt.
Ich fange eigentlich erst an, diese Räuberpistole zu glauben, als S. einen anderen Freund namens L. mit in seine Aktivitäten einbezieht. Der soll helfen, bestimmte Automaten abzugrasen, wenn S. nicht in Berlin oder anderweitig verhindert ist. Und L. zeigt mir dann auch das hunderte Seiten dicke Nachschlagewerk mit den Gewinnsequenzen. In dem Haus, in dem ich wohne, befinden sich nämlich eine Spielhalle und ein Dönerladen mit den fraglichen Automaten.
Das Nachschlagewerk enthält viele Tabellen mit codierten und sortierten Spielergebnissen – z.B. 'S' für Sonne, 'R' für Rose, 'K' für Krone. Man fängt mit einem ersten Ergebnis in einer ersten Tabelle an, erhält dann einen Verweis auf eine weitere Tabelle, sucht dort das nächste Resultat, und so weiter, bis man nach mehreren Schritten an einem eindeutigen Punkt der Gesamtsequenz landet.
Das Nachschlagen muss man natürlich außerhalb des Ladens mit dem Automaten machen, am Besten in einem geparkten Auto. Je nachdem, wie die weiteren Gewinne aussehen, kehrt man dann sofort oder erst später zum Spielen zurück.
Insgesamt ist es eine Herausforderung, dabei nicht allzu sehr aufzufallen. Dennoch nutzen S. und L. zum Notieren der Spielergebnisse in der Analysephase wohl einen Walkman mit Aufnahmefunktion, wofür sie dann vor sich hin murmeln oder fluchen.
Vermutlich werden die betroffenen Automaten bald darauf umgestellt oder ausgewechselt, jedenfalls höre ich später nichts mehr von der Sache.