Bonustracks & Outtakes (41)
Heute um 16 Uhr läuft beim Fußballfilmvestival 11 mm in Berlin Klaus Sterns Dokumentation „Spielerberater“. Hier meine Rezension aus der Funkkorrespondenz (25/12, nicht mehr frei online), die anlässlich der ARD-Ausstrahlung des Films im vergangenen Juni erschienen ist:
Die Berater von Fußballprofis haben den Ruf, viel Geld zu verdienen, ohne viel dafür arbeiten müssen. Sie müssen nur ein bisschen telefonieren, und bald kommt dann die fette Provision für den Vereinswechsel eines Klienten. In der Welt des Fußball gibt es nur wenige Personengruppen, die ein schlechteres Image haben, nur Hooligans vielleicht. Sieht man einmal von solchen Vereinfachungen ab, ist es kein geringes Problem, dass manche Wechsel in der Branche ohne ersichtlichen sportlichen Grund zustande kommen, sondern offenbar nur deshalb, damit die Berater, die aus gutem Grund manchmal auch „Spielervermittler“ genannt werden, Geld verdienen. Der britische Investigativjournalist Tom Bower, der vorher unter anderem Bücher über das Nazigold veröffentlicht hatte und sich für Fußball eigentlich gar nicht interessiert, hat sich durch solche Usancen 2003 zu seinem Buch „Broken Dreams“ inspirieren lassen, das immer noch als Standardwerk über Spielerberater gelten kann.
Der Dokumentarfilmer und zweimalige Grimme-Preisträger Klaus Stern - 2006 ausgezeichnet für „Der Weltmarktführer“, in dem er den gefallenen New-Economy-Star Tan Siekmann porträtiert, und 2010 für „Henners Traum – Das größte Tourismus-Projekt Europas“ - widmet sich in seinem neuem Film einem Berater, der vergleichsweise seriös wirkt: Jörg Neblung, spezialisiert auf Torhüter, bezeichnet sich selbst als „hellgraues“ Schaf unter den vielen schwarzen. Der 44-jährige war 2011 bereits in Andreas Bachs Doku „Hauptsache Fussball – junge Profis auf dem Weg ins Spiel“ zu sehen. Neblungs relative Bekanntheit ist dem traurigen Umstand zu verdanken, dass er der Berater Robert Enkes war, der 2009 Selbstmord beging.
Seinen Reiz bezieht Stern Films unter anderem daraus, dass der Protagonist Neblung nicht so leicht einzuordnen ist. Er ist zwar allem Anschein nach ein korrekter Geschäftsmann, aber einen sympathischen Eindruck hinterlässt er nicht. Es gibt durchaus Ähnlichkeiten zwischen Neblung und den Protagonisten früherer Filme Sterns, die sich als Menschenführer und Motivierer verstehen. Wenn man Neblung so reden hört, fragt man sich manchmal, warum er sich für jemanden hält, der weiß, was anderen gut tut. Egal, ob er nun sagt, es reize ihn, den „Karriereweg“ des früheren Nationalmannschaftskeepers Timo Hildebrands zu „korrigieren“, der bei Schalke 04 zuletzt nicht erste Wahl war, oder ob er dem U19-Torwart von Preußen Münster bei Mettwurstbrötchen und Kaffee in dessen Elternhaus verspricht: „Du hast kein Limit nach oben.“ Verglichen mit Mehmet Göker. dem Protagonisten von Sterns Kinofilm „Der Versicherungsvertreter“, den die ARD am 4. Juni in einer stark gekürzten Fassung zeigte, ist der Berater allerdings ein Leisetreter.
So richtig schlau wird man aus Neblung auch nicht, als er sagt, die in der Branche nicht unüblichen „Kickbacks“ gebe es bei ihm nicht. Dabei handelt es sich um Zahlungen, die der Berater von seiner Provision abzweigt und unter der Hand an einen Vereinsmanager weiterleitet, damit dieser privat dafür belohnt wird, dass er den Transfer möglich gemacht hat. Dafür sei er „zu wenig kaufmännisch gestählt“, sagt Neblung. So ein Satz müsste eigentlich sarkastisch oder zynisch klingen, doch nichts dergleichen. Bei Neblung wirkt es wie ein ganz normales Statement, und das ist verwunderlich bei jemanden, der davon lebt, mit rhetorischen Mitteln andere zu überzeugen. Vielleicht funktioniert die Äußerung aber auch deshalb nicht, weil Neblung noch beim Formulieren darüber nachgedacht hat, wie er mit dem heiklen Thema umgeht.
Anders als in seinen anderen Filmen, erzählt Stern in „Spielerberater“ keine große romanreife Biographie, und er enthüllt auch nicht die Mechanismen einer Branche - wie etwa in „Der Versicherungsvertreter“, in dem der Regisseur ein wenig ruhmreiches Bild der privaten Krankenversicherer zeichnet. Und dennoch bekommt man einen Eindruck davon, wie einflussreich Berater sind. Ohne einen Berater den Verein wechseln, sei „fast gar nicht machbar“, sagt Timo Hildebrand.
„Spielerberater“ ist kein Langzeitprojekt, in diesem Sinne für Sterns Verhältnisse also ein kleiner Film. Er beeindruckt durch ruhige Bilder aus dem sonst nicht sichtbaren Alltag des Fußballgeschäfts, etwa von Nachwuchsturnieren, für die sich eigentlich nur Berater interessieren oder etwas in Vergessenheit geratene Ex-Stars wie Christian Ziege, der heute die deutsche U-18-Nationalelf trainiert. In einer Sequenz ist Neblung morgens auf dem Trainingsplatz des Drittligisten Arminia Bielefeld zu sehen. Er ist wegen Nachwuchskeeper Stefan Ortega gekommen, der bei ihm unter Vertrag ist. Der Berater unterhält sich mit den Vater von Ortegas Freundin, der seinen Hund mit dabei hat. Sie sind die einzigen Zaungäste, denn Arminias bessere Zeiten liegen schon ein bisschen zurück. Diese Passage hat fast meditative Qualitäten.