Diverse Leitfäden für PR-Unternehmen
In letzter Zeit sind einige Broschüren zum Thema „PR in der Wikipedia“ erschienen. Alle Broschüren haben PR-Unternehmen verfasst. Man kann wohl mit gutem Gewissen allen drei Verfassern unterstellen, dass sie mit der Broschüre nicht nur Wissen vermitteln wollen, sondern sie vor allem als Werbung in eigener Sache dienen. Immerhin kennt das lesende Publikum danach den Verfasser, und wird sich bei Problemen-mit-Wikipedia dann hoffentlich an diesen Verfasser wenden.
Wie schon woanders gesagt: die Existenz einer neutralen Broschüre zu dem Thema "do's and don't für PR people" wäre sinnvoll, aber das ist eine andere Baustelle und soll ein andernmal behandelt werden.
Spannend hier und jetzt ist die Frage: welches Wissen vermitteln diese Broschüren? Was machen die Broschüren-Leserinnen die Leser nach der Lektüre? Ist die Lektüre hilfreich für Leserinnen und Leser und die Wikipedia? Oder sorgt die Lektüre für allgemeinen Unmut bei allen Beteiligten?
Die drei Broschüren
Bei den drei Broschüren handelt es sich um
* Public Relations in Wikipedia (deutsch, Sucomo-Aufgesang, CC-BY-NC-ND, 24 Seiten),
* Whitepaper – Wikipedia in der Unternehmenskommunikation (deutsch, PR-com, 24 Seiten)
* Ethics in Wikipedia marketing (englisch, EthicalWiki, 16 Seiten).
Attitüde
„PR in WP“ ist bietet vom Ansatz her eine Beratung für alle Aspekte der Wikipedia. Die Verfasser haben sich ihr Leben allerdings selber schwerer gemacht als sie müssten – gerade in den von allen gelesenen Texten: Einleitung und Pressemitteilung, vergreifen sie sich etwas im Tonfall und suggerieren etwas anderes als das, was dann tatsächlich kommt.
Anders als in der Broschüre angepriesen ist „interessensgeleitetes Schreiben nach klaren Regeln“ nicht wirklich erlaubt. Es ist eher „nicht verboten“, und vor allem „it’s complicated" Wie die Verfasser eigentlch wissen müssten, ist die erlaubt/verboten Frage ein Fall von schlimmerer Wikipedia-Dialektik. Nach dem kleinen Anfangs Faux Pas legt die Broschüre dann aber gewaltig zu, und schafft es dann tatsächlich einmal die große Runde über Relevanzkriterien, verifizierte Accounts, Diskussionsseiten, Mentoren etc. zu drehen, und einen recht umfassenden Überblick über Wikipedia zu verfassen.
Das „Whitepaper“ ist weniger eine generelle Beratung und Aufklärung zur Wikipedia, sondern es geht primär um das Schreiben – zu einem Großteil auch um das Nicht-Schreiben – von Wikipedia-Artikeln; immerhin bietet der Text ausführliche Erläuterungen zur Neutralität, Relevanz, Bequellung etc. und diversen Hinweisen, im Zweifel lieber nicht zu schreiben. Trotzdem hält der Ratgeber natürlich das Schreiben von Wikipedia-Artikeln durch PR-Leute an sich (Neutral; zu Sachthemen etc.) für eine gute Sache.
„Ethics in Wikipedia“ hingegen ist dem Titel entsprechend zweigeteilt. Der erste Teil ist eher ein moralphilosophisch angehauchte Abhandlung über ethische Verhalten und langfristige Integrität. Im Zweiten Teil kommt King aber dann kurz zum Punkt, drei Sätze zum Content, drei zu den Diskussionsseiten, ein Link zu den Vorlagen etc.
Was auch noch aufhält: sowohl von der Sprache und der Attitüde her, würde ich alle Autoren für Wikipedianer halten – beziehungsweise von Markus Franz („PR in WP“) und David King („Ethical editing“) ist allgemein bekannt, dass sie schon länger Wikipedia auch privat arbeiten, und eine starke Affinität zur Wikipedia haben. Aber auch der oder die PR-com-Autoren (whoever it may be), wirkt von der Art sich auszudrücken, der Detailkenntnis her, aber auch der immer wieder durchscheinenden Selbstidentifikation mit Wikipedia, eher wie jemand, der auch schon lange privat editiert.
Schreiben von Artikeln
Alle drei Broschüren befürworten prinzipiell das Schreiben von Artikeln. Bei Ethical Editing und insbesondere beim Whitepaper liegt hier der deutliche Schwerpunkt, während „PR in WP“ einen deutlich breiteren Ansatz wählt.
Alle drei Broschüren versuchen ihren Lesern einzubläuen, dass die Artikel neutral sein sollen, nicht in Werbesprech verfasst, nicht manipulativ und möglichst belegt. Soweit so gut. Und immerhin, so langsam scheinen diese Minimalanforderungen an Artikel auch bei den PR-Menschen anzukommen.
Diskussionsseiten
Sucomo/Aufgesang raten dazu, vor der Bearbeitung doch lieber „zunächst Hilfe auf der Diskussionsseite“ zu suchen. Versehen ist das ganze mit einem netten Erklärbild. Dazu geben sie noch Hinweise, dass das Arbeiten mit neutralen, starken Quellen am überzeugendste ist, und es sinnvollerweise darauf ankommt, die anderen Autoren inhaltlich zu überzeugen. Dazu geben sie noch den durchaus sinnvollen Hinweis, dass man von Freiwilligen, die in ihrer Freizeit aktiv sind, nicht erwarten kann, dass sie sofort reagieren.
Pr-com ignorieren das Thema „kommunizieren mit der Community“ fast ganz. Immerhin führen als „interessante Lösung“ die Otto Group an, die selbst ihre Unternehmensdaten nur zur Änderung auf der Diskussionsseite vorschlägt. PR-com empfinden diese Lösung aber auch als „ein wenig passiv.“ Sonst kommen die Diskussionsseiten in der Broschüre nicht vor.
„EthicalWiki“ hingegen geht sogar soweit, sich selbst in geradezu grüblerischen Meta-Argumenten zur Nutzung der Diskussionsseite zu vertiefen. „Is it ethical to obtain a biased article on Wikipedia through persuasive arguments pitched to naive, amateur volunteers on a site that prohibits advocacy? It’s a question with no clear answer.“ Das empfinde ich persönlich als eine durchaus sinnvolle und begrüßenswerte Frage. Nur fürchte ich leider auch, dass sie komplett an der potenziellen Zielgruppe eines solchen Textes vorbeigeht.
Support-Team
Das Support-Team ist sozusagen die E-Mail-Beantwortungsstelle der Wikipedia. Und bei echten gravierenden Problemen in/mit der Wikipedia ist das Verfassen einer E-Mail an das Supportteam meist das sinnvollste, was man machen kann. Einen Hinweis auf das Support-Team (https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Support-Team) gebe ich persönlich ja immer, wenn es um wirklich Dringendes und Notfälle geht. Zeitnah Notfälle klären können die am besten, und sofern die Lage wirklich eindeutig ist, können die Freiwilligen dort auch schnell aktiv werden. Es verwundert also, dass sowohl das Whitepaper wie auch EthicalWiki die Existenz einer Kontakt E-Mail-Adresse komplett ignorieren. Das ist eine gravierende Auslassung von den beiden.
Angemessenes Sozialverhalten
Das Whitepaper ist wie schon oben geschrieben eine reine Anleitung für das Artikelschreiben. Das Whitepaper weist zwar auf Neutralität etc. hin und warnt vor „dem Schwarm“, der einem gerne „Hürden in den Weg schmeißt“ – sagt dann aber auch nicht, wie man damit umgehen sollte. Sobald ein Wikipedianer einen Leser des Whitepapers anspricht, ist der Leser allein und verraten. Ein halber Absatz zum Thema „Kommunikation“ läuft darauf hinaus, dass die Wikipedianer generell unfreundlich sind, man aber trotzdem editieren sollte.
„Public Relations in Wikipedia“ bestätigt, dass es der kommunikativste und am ehesten auf Arbeit mit der Community zielende Leitfaden ist. PR in WP gibt relativ umfangreiche Informationen dazu, wie man sinnvoll mit der Community redet (lernfähig sein, zuhören) und wie eher nicht (auf die VM rennen, Kopf-durch-die-Wand).
David King findet da den Mittelweg. Dessen Erwähnungen zur Diskussion mit Usern sind zwar deutlich kürzer als bei PR in WP, dafür aber durchaus sinnvoll und angemessen. Fazit: „At its best, Wikipedia marketing should give Wikipedia’s editors an experience similar to working with fellow volunteers. The experience should feel organic, incremental, collaborative and based on mutual trust and good - faith efforts to improve Wikipedia.”
Transparenz
Transparenz ist bei Sucomo/Aufgang die erste „Goldene Regel“, die ganz am Anfang steht. Das ist lobenswert. Dazu kommen noch längere Abschnitte zu verifizierten Benutzerkonten, und zu sinnvollen Angaben auf der Profilseite. Viel mehr als PR in WP kann man tatsächlich an Transparenzförderung nicht machen, und das verdient Lob.
Das Whitepaper ignoriert das Thema ganz, erwähnt die Transparenz aber doch noch ganz am Ende. Nach 21 Seiten Anleitung zum Artikelschreiben stellt es die Regel auf: „Anmeldung entweder mit Klarnamen, mit einem beliebigen Nicknamen oder mit dem Firmennamen; auf jeden Fall sollte man eine Unternehmenszugehörigkeit offenlegen; Transparenz ist wichtig. Eventuell einen verifizieren Unternehmens-Account anlegen.“
Ethical Wiki schreibt - soweit ich finden kann - drolligerweise auch fast nichts zum Thema. Das mag zum einen an den Regeln der englischen Wikipedia liegen, die Unternehmensaccount auf Sicht sperren, und so Transparenz doch arg erschweren, zum anderen mag David King es für selbstverständlich halten. Seine einzige Forderung ist: „In general, employees should be asked to disclose their employment at the company if they edit articles related to it on their free time. “ – nun wäre es seltsam, zwar Transparenz schon in der Freizeit zu fordern, nicht aber in der Berufszeit. Ich neige dazu, das Fehlen von Tranzsparenzanforderungen eher für ein Versehen als für Absicht zu halten. Aber dennoch fehlen sie halt.
Lizenzen:
Alle drei Broschüren sind ja Wikipedia-nah, und geben sich große Mühe zu betonen, dass sie nur das beste für Wikipedia wollen. Da stellt sich natürlich die Frage: wie haltet ihr es selbst mit dem Freien Wissen und den Freien Lizenzen? Stellt ihr die Broschürentexte selbst unter eine freie Lizenz, damit z.B. Wikipedianer daran arbeiten oder sie als Steinbruch benutzen können? Die Antwort lautet: eher nein.
Während sich Sucomo/Aufgang immerhin dazu durchringen können, ihrem Text eine CC-BY-NC-ND-Lizenz zu verpassen – also die restriktivsten Variante, die Creative Commons zulässt, versuchen die anderen beiden nicht mal mehr den Anschein zu erwecken, als hätten sie irgendwas mit freien Lizenzen am Hut. Das gilt das ganz profanes und gewöhnliches Urheberrecht, wenn man mit dem Text arbeiten möchte.
Fazit:
Ganz allgemein ist die Existenz der Leitfäden natürlich schwierig. Alle halten das PR-Editieren von Artikeln zumindest für möglich, und wie gesagt, it’s complicated. Zudem sind sie halt auch alle Werbung für ihre Verfasser. Das muss die restlichen Wikipedianer nicht unbedingt stören, aber vielleicht sollte es vorsichtig machen, wenn man einen davon tatsächlich empfiehlt. Andererseits sind PR-Leute, die die Broschüren lesen und sich daran halten, wesentlich besser für Wikipedianer als das freifliegende PR-Gesummse, was man sonst so kriegt. Und wenn die PR-Menschen wirklich lesen und verstehen, was da steht, kommen zumindest inhaltlich bei allen drei Broschüren ordentliche Artikel hinten bei raus.
Das Whitepaper PR-com scheint mir was Tonfall, Beispiele und Attitüde angeht, durchaus Ahnung von der Wikipedia zu haben, und auch ein Verständnis dafür, was in Wikipedia geht und was nicht geht – allerdings will das Whitepaper seine Leser unbedingt zum Artikelschreiben treiben. Und Artikel schreiben ist nun der risikobehaftetste Teil des Wikipedierens, in dem Fehler am schlimmsten wirken können. Es ist der Teil der PR-Aktivitäten, der Wikipedia selbst am ehesten schadet, und der einem am ehesten die Abneigung der Community einbringt. Sollte der PR-Mensch aufgrund seiner vorherigen Edits jemals in eine Situation geraten, in der er in der Wikipedia kommunizieren muss, lässt einen das Whitepaper allein.
Die Ethical-Wiki-Broschüre mag ich persönlich durchaus. Nur scheint mir der Leitfaden noch auf halbem Wege zwischen Selbstfindung und Ratgeber für andere zu sein. Irgendwie hat sich der Autor noch nicht so richtig entschieden, ob das jetzt ein Debattenbeitrag zum Thema PR in Wikipedia ist, oder eher eine Anleitung für PR-Menschen. Ich habe einfach die Befürchtung, letztlich wird er beide verfehlen.
„PR in WP“ wiederum bietet eine tatsächlich umfassende und sachkundige Beratung. Leider machen sie sich das Karma dieser Kompetenz durch die verunglückte Einleitung etwas kaputt. An sich scheint mir die Broschüre aber deutlich am sinnvollsten zu sein, wenn man tatsächlich mit Wikipedia agieren, und nicht einfach nur Content abladen will.
Und nichtsdestowenigertrotzallemtrotz: genug Platz und Sinn für eine Broschüre, mit Do’s and don’ts die nicht von einem kommerziellen Anbieter kommt, und nicht unbedingt das Artikelschreiben propagiert, ist auch nach Erscheinen der drei Blätter hier locker.













