Ich habe bis heute darauf gewartet, dass das “Plus” verschwindet, hinter dem Kürzel SZ. Denn Jörg Häntzschel hatte im Januar Achille Mbembe für die Süddeutsche interviewt. Und der digitale Zugang zu diesem Gespräch liegt leider (noch) hinter der Paywall bzw. im Abobereich.
Deshalb möchte ich hier auf einige Zitate des afrikanischen Historikers, der an der Witwatersrand-Uni in Johannesburg lehrt, eingehen.
Eigentlich geht es in dem Interview um die Zukunft Afrikas, im Grunde beschreibt es die Situation Europas und westlicher Demokratien. Im Kanon der Sicherheitshysterie, inmitten der wir uns derzeit wie durch Honig bewegen, wirft das, was Achille Mbembe sagt, einen besonderen Blick auf unsere Gesellschaft.
“Seit dem Beginn der Globalisierung und besonders nach 9/11 werden in den liberalen Demokratien nach und nach Rechte abgeschafft, die seit dem Ende des 2. Weltkriegs zum Wesenskern dieser Staaten gehörten. Es gibt immer neue Debatten um Sicherheit. Sie dienen dazu, die Einführung repressiver Maßnahmen zu rechtfertigen, besonders wenn es um die Bewegung unerwünschter Personen geht. Das neue globale Regime der Mobilität gründet darauf, dass Sicherheit alles andere schlägt.”
Das finde ich einen interessanten Punkt: Wir bezeichnen uns als liberale Gesellschaften, setzen aber all das, was wir erreicht haben, aufs Spiel. Weil die Angst vor dem “Anderen” immer noch alles überrennt und tief verankert zu sein scheint. Sie ist so stark, dass wir Werte aufgeben, von denen zumindest ich dachte, dass sie nicht mehr zur Diskussion stehen würden wie: Toleranz, Respekt, Wertschätzung, Mit/Menschlichkeit.
Wie weit und wie subtil Europa bei der Abgrenzung zum “Anderen” geht, auch dafür findet Mbembe eine gute Beschreibung:
Europa hat Drittstaaten damit betraut zu verhindern, dass Migranten Europas Grenzen überhaupt erreichen. (...) Gleichzeitig vollzieht sich die Digitalisierung der Grenzen. Das Ziel besteht darin, Grenzen mobil und tragbar zu machen. Der Afrikaner selbst soll die Grenze werden. Er wurde im Sicherheitsdiskurs der EU zu einer Bedrohung gemacht. Wenn einer auftaucht, muss er gestoppt werden, wenn nicht gar neutralisiert werden.
“Den” Afrikaner kann man ersetzen durch “den” Syrer. Der Sicherheitsdiskurs hört mit Afrika nicht auf, sondern reicht in den Osten. Von hier aus scheint derzeit die Bedrohung größer zu sein. Wäre Europa ein Kinosaal und wir auf unseren Plätzen, würde sich der Splitscreen vor uns rechts verdunkeln, und links erstrahlen. So einfach ist das mit den Bedrohungsszenarien und Sicherheitsdiskursen. Sie sind austauschbar. “Der” Andere auch.
Achille Mbembe schlägt für das Dilemma etwas Grundlegendes vor: Er plädiert für ein “Réenchanter l’Afrique”, für eine Wiederverzauberung Afrikas:
Wir müssen eine Sehnsucht nach Afrika erzeugen. Aber wir können das nur, wenn Afrika aufhört, eine bloße geografische Größe zu sein. (...) Wir müssen die Leute zum Träumen bringen. Aber natürlich träumen die Leute heute von Waren. Wie lenken wir also die Macht des Träumens weg von den Waren hin zu den Menschen?
Der Gedanke, Menschen zu befähigen, mehr von Menschen zu träumen und weniger von Waren finde ich einen guten, generellen, nicht nur einen auf Afirka bezogenen. Waren sind ein Synonym für kapitalistische Wertzusammenhänge wie Posts, Likes, Retweets. Das Eigene zu verticken und einen Mehrwert zu generieren, den Kopfmuskel bis zur Erschöpfung zu verdinglichen, um von den Social Media Bonzen mit Wert und Nichtwert entlohnt zu werden - brave new world, slave to the algorhythm, welcome to social media colonisation.
Selbstdekolonisierung bedeutet, das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten wiederzuerlangen. Sklavenhandel und Kolonialismus haben nicht nur die Fähigkeit ausgelöscht, humane Gesellschaften zu gründen, sich um seine Mitmenschen zu kümmern, Beziehungen herzustellen, die das Leben wachsen lassen, sondern auch die Fähigkeit, sich um sich selbst zu sorgen.