Der Mehrwert den wir schaffen, der macht andere reich.
Farin Urlaub

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Der Mehrwert den wir schaffen, der macht andere reich.
Farin Urlaub
berlin 2018
Das bestehende System ist auf der Angst voreinander und vor Mangel errichtet, und es hat unendlichen Mangel hervorgebracht und vieles, vor dem man sich fürchten muss.
Rebeca Solnit: "Aus der Hölle ein Paradies gebaut" in: Ilija Trojanow (Hrsg.): "Anarchistische Welten", S.79
Auch du warst mal ein Kind und auch ich war mal klein Und auch uns haben sie was erzählt Und dann macht man das alles und versucht, so zu sein Und dann merkt man, dass einem etwas fehlt Und dann verlernt man, sich richtig zu spüren Oder man flüchtet sich in Kunst oder Konsum Und während ihr fleißig Pläne macht, Lachen die Götter sich krumm Lasst eure Kinder mal etwas dazu sagen Hört ihnen richtig zu. Die spür'n sich noch, die haben Feeling für die Welt Die sind klüger als ich und du Und denkt dran, bevor ihr antwortet: Ihr seid auch bloß verletzte Kinder. Am Ende gibt’s wieder ganz neue Symptome, und ihr wart die Erfinder Und dann sagt ihnen wieder, wie es richtig geht „Werd erwachsen" und „bist du naiv" Predigt Formeln, lasst alles in Hefte schreiben, Die Götter lachen sich schief Achtet auf Schönschrift und Lehrpläne Und dass sie die Bleistifte spitzen Zeigt ihnen Bilder von Eichenblättern Während sie drinnen an Tischen sitzen Und dann ackern und büffeln und wieder auskotzen Und am Nachmittag RTL 2 Am Wochenende geht’s was Schönes kaufen, fertig ist der Einheitsbrei Und jeder, der sich nicht anpasst Wird zum Problemkind erklärt Und jede, die zu lebhaft ist Kriegt ‘ne Pille, damit sie nicht stört Und damit betrügt ihr euch selber, denn Kein Kind ist ein Problem Und all die Freigeister, all die Schulschwänzer Nur Symptomträger im System Doch bedenkt, wenn ihr so hart urteilt: Ihr seid auch bloß gefangene Geister Der Unmut wird immer lauter Und die Lehrer schreien sich heiser Empört euch, dass Hänschen nicht ist, was er sein soll Sondern nur, wer er nunmal ist Die Götter pullern sich ein vor Lachen Und ihr denkt, dass ihr was wisst Und wenn Hänschen ein Hans ist, Der eigene Kinder hat, denen er was erzählt Dann merken Hans und Kunz, und ihr vielleicht auch, Dass wieder irgendwas fehlt Ihr habt Wünsche und Träume Und rennt damit ständig an imaginäre Wände Und jeder Wunsch, den ihr euch erfüllt Der ist dann halt auch zu Ende Geht ihr nur malochen für erfundene Zahlen Und wartet, bis die Burnouts kommen Schmeißt euer Geld für Plastik raus, Um ein kleines Glück zu bekommen Das Beste aus Cerealien und Milch Noch ‘n Carport und noch ‘n Kredit Und alle finden‘s scheiße, aber alle machen sie mit Ihr klugscheißert und kauft trotzdem Und die Werbung verkauft euch für dumm Und dann sitzt ihr vor neuen Flachbildfernsehern Und meckert auf den Konsum Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd Die Götter lachen sich krumm Ihr Traumverkäufer, Symptomdesigner Merkt ihr noch, was passiert? Wer hat euch das Land und das Wasser geschenkt, Das ihr jetzt privatisiert Ihr Heuchler, ihr Lügner, ihr Rattenfänger Ihr Wertpapierverkäufer Man hat euch Geist und Gefühl gegeben Und doch seid ihr nur Mitläufer Ihr großen, vernarbten, hilflosen Riesen Ihr wart doch auch mal klein Und jemand hat euch mit Schweigen gestraft Und ließ euch darin allein Und jetzt hört ihr nicht nur die Götter nicht lachen, Ihr hört auch ihr die Kinder nicht weinen Und sagt ihnen weiter, es würde nicht wehtun, Ohne es so zu meinen Macht ihr ruhig Pläne, ich steh am Rand Ich sehe euch und ich bin nicht allein Hinter mir stehen mehr und mehr Weltfremde Die passen auch nicht hinein Und jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende Den Gefallen tu ich euch nicht Kein Augenzwinkern, keine milde Pointe, Die das Unwohlsein wieder bricht Irgendwann werden die Götter nicht mehr lachen Und falls es mich dann nicht mehr gibt, Hinterlass ich ein Kind, das sich selbst gehört Und dies unhandliche Lied
Sarah Lesch - Testament
Druck
“Diamanten entstehen unter Druck.”
Schon mal gehört?
Auch beliebt: “Was dich nicht umbringt, macht dich härter.”
Ein großer Teil dessen, was in unseren Schulen schiefläuft, hängt mit dem immer noch weit verbreiteten Glaube zusammen, dass Zwang, äußere Disziplinierung und Strenge sowie ein konsequent geführter Regelkatalog etwas in Schüler/innen hervorbringt, was sie sonst nicht in der Lage sind, auszubilden: Disziplin, Selbstbeherrschung, Fleiß, Leistungsbereitschaft, kurz: alle diese Tugenden, die insbesondere unsere deutsche Gesellschaft so hoch hält.
Und so wird ermahnt, gemaßregelt, zurechtgewiesen, gedroht, getadelt, geschimpft, gestraft was das Zeug hält.
Angst und Druck zu verbreiten, gehört unter Lehrern schon fast zum guten Ton, denn “sobald der Notendruck wegfällt, machen die ja nichts mehr”. Fällt jemand in der Klasse aus dem vorgegebenen Verhaltensmuster (still, gefügig, höflich, gehorsam, diszipliniert, arbeitsam), wird sofort Gegendruck aufgebaut.
Der Gedanke dahinter: diese Schüler müssen lernen, sich an Regeln zu halten und diszipliniert mitzuarbeiten. Druck, Zwang und Unterwerfung unter die Autorität der Lehrkraft schaden dabei nicht, ganz im Gegenteil: es dient der Persönlichkeitsbildung der Jugendlichen, wenn ihnen endlich mal feste Grenzen aufgezeigt werden.
Verlassen wir für einen Moment die Szenerie der Schule und wenden uns dem Pflanzenreich zu. Stellen Sie sich eine kleine Topfpflanze vor: sie kränkelt etwas, wächst nicht so gut wie die anderen, treibt kaum aus und entwickelt fast keine Blüten. Wie gehen Sie vor? Sie haben zwei Möglichkeiten:
(1) Sie schneiden die Pflanze kräftig zurück. Für jeden neuen Tag, an dem sie keine Blüte trägt, schneiden Sie ihr einen Ast ab - die wird schon sehen, was sie von ihrem Verhalten hat! Als Sie merken, dass auch das nichts bringt, handeln Sie konsequent und entziehen der Pflanze das Wasser - das wird ihr eine Lehre sein! Doch der Zustand der Pflanze verbessert sich einfach nicht. Sie sind mittlerweile etwas ratlos, auch leicht überfordert - die Pflanze ist zudem ein schlechtes Vorbild für die Pflanzen um sie herum! Sie beschließen, die Pflanze von den anderen zu separieren und stellen sie in die dunkle Abstellkammer. Dort wird sie vielleicht endlich mal lernen, sich zusammenzureißen und sich mehr anzustrengen.
(2) Sie stellen fest, dass der Pflanze offensichtlich etwas fehlt oder dass ihr etwas Probleme bereitet. Sie wissen, dass diese Probleme vielfältiger Natur sein können, daher nehmen Sie sich etwas Zeit und untersuchen die Pflanze genauer. Sie stellen fest, dass es der Pflanze offenbar an Halt fehlt, daher geben Sie der Pflanze zunächst eine Rankenhilfe. Dann entdecken Sie, dass einige der Wurzeln nicht mit Erde bedeckt sind. Schnell beheben Sie das Problem. Sie lesen noch ein paar Käfer von den Blättern ab, die die Pflanze anknabbern. Zuletzt düngen Sie die Pflanze noch ein wenig und achten in der nächsten Zeit darauf, dass die Pflanze genügend Licht und Wasser bekommt.
Was denken Sie - bei welcher der beiden Varianten entwickelt sich die Pflanze in der Folgezeit besser?
Wir hängen dem uralten Glauben an, dass Persönlichkeit geformt werden muss, und dass dies im Zweifelsfall unter Druck von außen geschehen muss. Dabei übersehen wir die simple, aber tiefe Wahrheit, dass nichts Gutes durch Zwang, Druck und Repression entsteht.
Persönlichkeit, Charakter und damit auch die Fähigkeit zur SELSTbeherrschung und SELBSTregulation muss in uns selbst wachsen und gedeihen, müssen wir selbst, muss jeder Einzelne in sich selbst ausbilden. Lehrkräfte können in diesem Prozess eine maßgebliche Rolle spielen: indem sie durch Worte und Taten Druck ausüben, Angst verbreiten, erniedrigen, entmutigen und demotivieren. Schüler/innen, die dem ausgesetzt sind, mögen rein äußerlich irgendwann nachgeben und sich einfügen, aber welchen Einfluss hat dies auf die Entwicklung der Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden?
Stellen Sie sich auf der anderen Seite Lehrkräfte vor, die die Nöte und Defizite der Schüler/innen wahrnehmen. Die Mut machen, bestärken, Anerkennung zeigen. Fehler und Versagen verzeihen, die mitfühlen und sich bemühen, Ängsten entgegenzuwirken. Die Geduld aufbringen, auch bei der dritten Nachfrage, die gelassen bleiben und den Ursachen von Fehlverhalten auf den Grund gehen, anstatt stumpf zu sanktionieren.
Druck macht keine Diamanten aus uns - es macht uns zu unsicheren, getressten und angespannten Persönlichkeiten. Druck führt vielleicht zu Gehorsam - aber selten zu freier Entfaltung.
Was ist der Kapitalismus? Den Kapitalismus gibt es mittlerweile auf der ganzen Welt und er heißt Kapitalismus, weil er die Herrschaft des Kapitals ist. Das ist etwas anderes als die Herrschaft der Kapitalistinnenklasse. Im Kapitalismus gibt es zwar noch Menschen, die mehr zu sagen haben als andere, aber es gibt keine Königin mehr, die an der Spitze der Gesellschaft stehen würde und allen befehlen könnte. Wenn es aber nicht mehr die Menschen sind, die über die Menschen herrschen, wer dann?- Es sind die Dinge.
-Kommunismus, kleine Geschichte wie es endlich anders wird von Bini Adamczak
Ernsthafte Systemkritik
Ich habe ein ernsthaftes Problem mit unserer Gesellschaft. Im Prinzip mit dem gesamten System, aber es konzentriert sich im Augenblick auf unser Schulsystem, weshalb ich mich heute auf ein Symptom konzentrieren will.
Das Abi.
Was ist da falsch gelaufen? Ich stehe nur noch grob einen Monat vor meiner allgemeinen Hochschulreife und kann sie an diesem Punkt nicht mehr ernst nehmen. Gut, ich räume ein- ich habe eine geteilte Sicht darauf. Einerseits möchte ich mein Abi machen, denn ich habe jetzt nahezu 13 Jahre darauf hin gearbeitet und es wäre schade alles abzubrechen. Außerdem steht es sinnbildlich für einen Lebensstil und eine Erfahrung, die ich unbedingt machen möchte: Den Lebensstil des Studenten. Die Erfahrung des Student-Seins.
ABER: Ich habe ein ganz großes Problem mit diesem Abi. Ich kann es wahrscheinlich bestehen, aber ich kann es nicht mehr richtig ernst nehmen. Das ganze Prinzip, dass man sich ein gesellschaftliches Upgrade in Form einer Zahl mit einer Nachkommastelle sichert, dass fortan mit den 3 Buchstaben “ABI” betitelt ist, finde ich lächerlich. Ich bin jetzt nahezu auf dem gleichen Kenntnisstand, wie die meisten, die soeben ihr Abitur gemacht haben. Und doch- wenn ich jetzt abbreche, dann wird mir das nicht anerkannt, weil ich mich nicht dem System unterworfen habe.
Das ist der einzige Ablehnungsgrund: “Er hat sich nicht mehrfach einer mehrstündigen Prüfung ausgesetzt, bei der er sein Schicksal in die Hände einer höher gelegenen Instanz überlassen hat und er hat sich nicht in den bürokratischen Apparat eingefügt.” Das ist der Einzige Unterschied. Ich hatte schon Schulaufgaben, ich habe sogar schon meine Delf B2- Prüfung abgelegt, mein schriftliches Abi in Französisch hab ich also schon absolviert. Ich kann in dieser Prüfung nichts mehr lernen, das ich nicht schon gelernt hätte, keine Erfahrung machen, die ich nicht schon gemacht habe.
Aber darum, geht es nicht. Es geht bei dem Abitur auf Deutsch gesagt nur darum mir mit Schwung und mit erheblichem Stress einen Stempel auf den Arsch zu klatschen, der fortan meinen Marktwert mitbestimmen soll.
In Form von einer einstelligen zahl mit Nachkommastelle. 1,7; 2,3; 3,4; 4,0. Das sind einfach einige möglichen Werte, die ich im Nachhinein für andere haben kann. Diese Bewertung ist eindimensional, völlig willkürlich, weil man unmöglich für jeden “gerechte” Testbedingungen bereitstellen kann und nichtssagend obendrein, denn was sagen 5 Punkte in Deutsch über mich aus? Was sagt das? Dass ich mich nur auf eine bestimmte Weise artikulieren kann? Dass ich beim Textverständnis oft größere Schwierigkeiten habe? Dass ich nicht gewillt/ in der Lage war die Aufgabenstellung in vollem Umfang zu erledigen? Sagt mir mal einer konkret wofür dieser Zahlenwert steht, er erscheint mir so variabel und in mancherlei Hinsicht doch so stet, in Deutsch ist er meist relativ gleichbleibend (5 Punkte waren der untere Rand, 9 der Obere), in anderen Fächern ist die Amplitude viel gewaltiger. Aber was heißt das konkret? Warum dürfen mich Menschen, die keinen Kontakt zu mir hatten mich nach diesem Kriterium einordnen?
Es gibt Menschen, die beschweren sich (völlig zu Recht) darüber, dass sie auf nur ein Körperteil reduziert werden. In Ordnung! Ich beschwere mich, dass man Körperteile gar nicht mehr mit einbezieht! Man urteilt bei mir nach einer Zahl! Einer Handvoll Parameter:
Englisch: 13
Geographie: 9
Mathematik: 9
Bin ich ein guter Mensch? Bin ich ein schlechter Mensch? Bin ich der Mann ihrer Träume? Bin ich der Mitarbeiter, den sie brauchen? Wie viel zahlt man einem wie mir? Was ist mein Wert für ihre Firma?
Und das ist der nächste Punkt. Bis jetzt konnte ich das gut mit machen, weil es gut lief und weil es eh nicht so relevant war, es hat an meinem Alltag wenig geändert, diese Noten waren nie ein großer Teil meines Lebens, sie haben mir ab und an einen halben Tag versaut, aber ich habe mir nie länger einen Kopf gemacht. Aber jetzt bekommen sie eine langfristige Bedeutung. Jetzt bekommen sie überhaupt erstmals eine Bedeutung. Und es gibt auch keine Aussicht, dass ich bald nicht mehr die richtige Zahl haben muss um in Ihr System hinein zu passen, um im Gesamtsystem zu funktionieren. Und es stört mich gewaltig, wie das hier läuft. Ich komme mir vor wie ein Produkt mit Seriennummer: Cannon XD666 und ich bin dann halt Abiturient (insert name) 2,3. Wow.
Und ich schreibe diese Zeilen und ich sorge mich, denn auf diesen dummen Stempel soll ich jetzt auch noch hin lernen! Wie soll ich mich noch darauf konzentrieren, wenn ich die ganze Zeit den Eindruck habe ich bekomme dabei nur ein abstraktes Goldkettchen? Ein gesellschaftliches “Bling”? Tand?
Ich sehe mich auf einem dämlichen Podest in eine viel zu teure Kamera schielend und einen Schnipsel haltend und auf dem Schnipsel steht:
“TAND TAND ist alles von Abiturientenhand”*
In diesem Sinne, frohes Schaffen allerseits, ich hoffe euch nicht desillusioniert zu haben. Meine düsteren Pubertäts-Fantasien sind ja nicht zwingend das Ideal der Deutschen Arbeitsmoral. Viel Erfolg, falls ihr vor dem Abi steht und davon unabhängig auf eurem Lebensweg,
Saruman
*Anspielung auf die Ballade “Die Brück’ am Tay” von Theodor Fontane (18??)
Es gibt Gewinner und es gibt Verlierer. Und dann gibt’s noch Leute die einfach keine Lust haben auf so einen Blödsinn.
Eigenes