Mit dem Fotoapparat und der 8mm Kamera hat sich verändert, vielleicht erweitert, was man die Biographiepflicht nennt. Solche Apparate sind auch bei den Brandis eingezogen, um 1900 die Kleinbildkamera und das sorgfältig geführte Fotoalbum, um 1920 die 8mm Kamera mit sorgfältig geschnittenen, sogar mit Zwischentitel versehen Filmen und den dazugehörenden Filmabenden.
Seitdem Hermann Brandi zum Geheimen Regierungsrat wurde und sein ältester Sohn Karl Brandi Professor für Geschichte in Göttingen, war aber die schriftlich geführte Biographiepflicht Bestandteil der Familienerziehung, selbst wenn man eher bei den Söhnen darauf achtete, dass sie dem nachkamen.
Die Filme resultieren auch aus einer Biographiepflicht. Sie protokollieren diplomatisch: Einzüge und Auszüge, denn ohne Züge kommt kein diplomatisches Protokoll aus, das sind die Schlangen dieses Materials, in ihnen drehen und kehren die Leute zum Beispiel ihre Köpfe, schauen vor und zurück.
Man blickt darauf, wie die Brandis und ihre Gesellschaft sich an Tische setzen oder aufstehen und winken. Man verfolgt Begrüßungen, Badende, Sport, Tanz und sieht immer Väter, Mütter, Kinder, inklusive der Rituale ihrer Bindung. Man sollte nicht so engstirnig sein, an dieses Material das Dogma der Großen Trennung heranzutragen, also zum Beispiel zwischen uns und den Anderen, zwischen Menschen und Tieren oder zwischen Lebendem und Totem groß zu unterscheiden. Man sieht in den Filmen durchaus etwas von römischem Recht, von römischer Verwaltung, von römischer Staatlichkeit und römischer Disziplin, also allem dem, aus dem sich so ein Dogma der Großen Trennung entwickelt haben mag.
Hermann Brandi präsentierte wohl durchaus selbst- und mythenbewusst Francesco Brandi als den Ahnherrn der Brandis, nicht weil der etwas gehabt hätte, ganz im Gegentei. Der hatte nichts und flüchtete. Darum, wegen der Flucht ja der fast vergilsche Stolz. Und immer wieder wird von den italienischen Wurzeln in den Bergen bei Genua erzählt. Aber Gegensätze und Widersprüche, die mit solchen Erzählungen wie von selbst kommen, die sind nicht so groß, wo es sie gibt, durchziehen sie die römische Familie selbst und lassen sie auch schrumpfen, wie Ventile sorgt so etwas für den Druckausgleich der Stolzen.
In Referenzen wie Rom oder Staat verkümmert etwas, wenn man sie so liest, wie etwa Karl-Heinz Ladeur die Texte von Bernhard Siegert liest oder wie Thomas Vesting die Texte von Cornelia Vismann und Friedrich Kittler liest. Siegert ist ein Medienwissenschaftler, Vismann eine Undwissenschaftlerin römischer Assoziationen, also auch römischer Staaten, Gesellschaften, Geschlechter und Personen. Darum werden sie auch von manchen Staatsrechtslehrern gelesen. Ihre Worte kommen aber nicht so an, wie sie abgeschickt werden. In der Lektüre der beiden Staatsrechtslehrer werden Wörter wie Rom und Referenz, Staat und Disziplin oder auch Passagen über die römischen gründlichen, diagrammatischen, durchziehenden Linien wie das sog. pomerium platt oder einseitig, etwa als 'nur und nichts als staatliche, nur und nichts als disziplinäre' oder primär politische Akte verstanden.
Solche Wörter sind Reizwörter, etwas freiheitsbedrohendes soll dort angeblich auftauchen, suggerieren Ladeur/ Vesting. Das sei keine Wissenschaft für liberale Gesellschaften, legen die beiden sogar nahe. Weder bei Foucault, noch bei Siegert oder Vismann wird das Wörtchen Staat als großer Gegenbegriff zum Wörtchen Gesellschaft aufgerufen. Für die Brandis wäre das auch eine seltsame Vorstellung, den Staat gegen die Gesellschaft oder die Gesellschaft so in Stellung zu bringen, wie das Ladeur und Vesting in ihren kurzen polemischen Momenten oder Zügen machen, um sich von Vismann und Siegert zu distanzieren und die Wissenschaft auch so nochmal liberaler zu gestalten. Man macht doch sowieso nur was nach und sowieso nur was vor, mit Staat und Gesellschaft, mit sich und den Anderen. Nur, aber immerhin.
Die Brandis sehen römische Assoziationen und deren puissance lockerer, aber nicht total locker, ungefähr so wie den Weihnachtsmann oder Fronleichnam. Siegert und Vismann halten das, wie übrigens auch Foucault, auch so, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Die Produktivität oder das, was Vesting Kreativität und Wissensgenerierung nennt, wird solchen Einrichtungen nicht abgesprochen. Aber auch die Kosten, der Verbrauch, das Verschlingen, das alles wird auch nicht ignoriert.
Dass man den Institutionen und erfolgreich erprobten Freiheitsräumen mehr Vertrauen schenken sollte, da schwanken die Brandis so wie die Kamera, die ein bisschen wackelt, die aber auch weniger wackeln kann und mehr wackeln kann. Die Biographiepflicht ist in dieser doch auch sehr deutschrömischen Familie instituiert. Natürlich, d.h. routiniert, schreibt Karl Brandi sein Hauptwerk als Biographie von Karl V., römisch-mimetischer geht es kaum. Natürlich, d.h. routiniert, erzählt man auf Familientreffen, warum ich Fabian heiße und warum mein Bruder Cajus heißt, warum meine Schwester Anja und warum man behauptet, der Name sei schwedisch. Römische Assoziationen sind auf mimetischen Routen angelegt, da ist alles sekundär.
Es gibt für die Biographiepflicht (natürlich seitdem die Generation um Karl Brandi das Ruder übernahm) ganz speziell alle drei Jahre ein Treffen, inklusive Konvent, Vortrag und inzwischen auch aufwendiger Filme, vor allem seit auch Filmprofis von der Familie einverleibt wurden. Dieses Treffen richtet an wechselnden Orten dasjenige ein, was Plinius ein Tab(u)linum nennt, ein mehr oder weniger spontanes Gestell mit Bildern, Tafeln und Texten aus dem Familienarchiv. Seitdem die wunderschöne Sabine gen. Sabienchen vor den Spontantafeln spricht, gehört vertiefte Familienaufklärung zum Programm. Seitdem auch Friedrich Küppersbuch zur 'Clanität' Brandi gehört, sind manche Berichte auch dominikanisch, scharf, analytisch und gleichzeitig kynisch distanziert geworden. Witzig waren sie auch vorher schon.
Solche Institutionen produzieren keine schwarzen Schafe, sie produzieren keine Totalausfälle und kein Scheitern, sie produzieren auch nicht die weissen Schafe und den Erfolg. Ihre Produktivität liegt in ihrer Effektivät, wie in mythologischer Kausalität, in Wahrnehmbarkeiten, die nicht aufhören, meteorologisch zu sein und wie Hochdruck- und Tiefdruckgebiete zu funktionieren. So machen römische Institutionen die Brandis sichtbar, auch für sich, wahrnehmbar untereinander, immer noch Leute, die man daran erkennt, dass an ihnen manchmal ein Faden absteht.