Es gibt diese Passage in Tabula Picta, an der Marta Madero einen kleinen Schritt für die Bild-und Rechtswissenschaft und einen großen Schritt für Leute macht, die an Ausdifferenzierung und die visuelle Zeitenwende glauben.
Madero schreibt dort von einer Akte mittleren Alters, nämlich von dem medieval file der angepinnten Tafel. Sie fasst die Literatur aus einer der Renaissancen (die der Glossatoren/ Kommentatoren) zu einer Akte zusammen. Wenn das ein Diskurs sein soll, dann versteht Madero ihn aktenförmig. Wenn diese Literatur den Corpus der Dogmatik bildet, dann versteht Madero ihn aktenförmig. Es kann sein, dass die Bemerkung mit dem file ihr so herausgerutscht ist und dass sie doch nur am Rande ihres Textes Sinn macht. Das kann eine Formulierung sein, von der man sagt, die sei doch nur metaphorisch, nur äußerlich, betreffe nur die Oberfläche ihres Textes, nur den Stil, nur die conduit esthétique. Nur ein Fall sei dieser file. Kann sein. Die Wahl das Wortes sei gefeilt, treffe aber die Substanz des Begriffes.
Für mich geht der Zauber ihrer Arbeit aber aus dem hervor, aus dem er auch bei Yan Thomas hervorgeht. Sie schreibt über die künstliche Welt von Schreibern, die Anton Schütz und Thanos Zartaloudis im Cover ihrer Ausgabe von Essays von Yan Thomas als legal artifices bezeichnet haben. Was ist ein Artifex? Bei FAQ nachschauen. Kurz gesagt: das sind Leute, die etwas künstlich bis kuntvoll machen. Die würden, so denke ich, schon verstehen, dass man von Rändern, Metaphern, Äußerlichkeit, Oberflächen, Stil oder conduit esthetique spricht. Aber sie würden wohl sagen: wie, nur?
Diese artifices, so glaube (auch) ich, sind exakt diejenigen, die sehr gute Juristen sein können, weil sie für alles, was sie schreiben, volle Verantwortung übernehmen. Sie übernehmen nicht nur die Verantwortung für das Eindeutige, sondern auch für das Zweideutige. Sie übernehmen nicht nur Verantwortung für ihre Schreiben, sondern auch dafür, dass sie diese Schreiben stehen lassen und versenden lassen. Sie übernehmen die Verantwortung nicht nur dafür, was sie sagen, sondern auch dafür, was sie damit loswerden und loslassen. Sogar für das, was ihnen im Schreiben entgleitet, übernehmen sie Verantwortung. Wenn ihnen was einfällt, hemmt sie der Umstand, dass sie nicht sagen können, woher das jetzt schon wieder kam, nicht. Sie übernehmen für das Schiffen Verantwortung, aber nicht, indem sie alles meinen. Das tun sie zwar, aber nur insgesamt, nicht in jeder Sekunde. Sicher können sie eine Vorschrift einmal so, einmal ganz anders auslegen, je nachdem, wen sie gerade vertreten. Da sind sie nicht anders als Fußgänger und Autofahrer, die ihre Rollen tauschen und am Zebrastreifen unterschiedliche Ansprüche entwickeln können. Da sind sie nicht anders als die Römer, vor allem die katholischen, die ihre Moral verdoppeln können. Sie trainieren das alles vielleicht nur fleissiger, sie kriegen ja auch mehr Geld dafür. Also nicht, indem sie alles meinen, übernehmen sie Verantwortung. Sondern dadurch, dass sie nichts, was sie sich ins Boot geholt habe, wieder rausschmeissen. Sie verschärfen lieber die Situation.
Träume ich? Kennst du einen Juristen, kennst du einen (das ist das Mantra, das mir Anna Katharina Mangold einmal zur richtigen Zeit eingeflüstert hat). Nicht jeder ist in allem gut. Man bildet die Leute zwar aus, damit sie was werden. Man hat dabei aber Berufsbilder im Sinn. Wenn man schon mit solchen Anspüchen die Leute unterweist, nämlich Ansprüchen, die Wechsel ohne Verwechslungen sein sollen, , die Blankovollmachten und Credit Default Swap vergleichbar sind, dann kann man sie auch ausbilden, damit sie nichts werden, also exakt darin ausbilden, die Verwirklichung eines solchen Bildes zu verhindern. Karrierezerstörung im Propädeutikum, ich würde insoweit freiwillig sogar die Massenveranstaltung übernehmen. Man muss schon Kindern nicht beibringen, Lügen zu können, die merken das von selbst. Man kann mit ihn trainieren, konsequent und inkonsequent sein zu können. Mit Juristen treibt man das am besten weiter. Es kann doch ohnehin nicht jeder Bundespräsident werden und was Anwälten nutzt, davon erzählt Bob Odenkirk mindestens so gut wie Ute Sacksofky. In der Evaluation einer Anfängerübung schrieb mal einer: Der Dozent macht alles das, was man nicht tun soll und dann genau so, wie man es nicht tun soll. Das war so lieb! Hat mich zu Tränen gerührt, kam gar nicht mehr raus aus dem Tränen. Die Redaktion vom Staat schrieb mal mehr als sinngemäß: Wenn wir das veröffentlichen, können wir die Zeitschrift gleich einstellen. On the point!
Wenn diese Artifices besonders arty sind, sind sie nerdig. Sie schreiben schraubend, drehend und verdreht. Findet man es gut, nennt man es lockig, findet man es blöd, sagt man, das sei Haarspalterei. Darum denke ich, dass man zwei Gerüchten entgegentreten muss: Dem, dass Kafka widerwillig und kein richtiger, guter Jurist gewesen sei, und dass der Umstand, dass er nicht auf die Schlachtfelder des ersten Weltkrieges gesendet wurde, auf Protektion beruht habe. Man nölt schon mal rum, das hat Kafka auch und gründlich getan, aber das Nölen ging ins Recht und in die Literatur, wie es gegen das Recht und gegen die Literatur ging. Zu der Zeit konnte die Literatur auf Kafka verzichten. Seine Fürsprecher in der Literatur saßen gar nicht an irgendwelchen Hebeln, die ihn vor dem Krieg hätten bewahren können. Kafka war der Versicherungsanstalt unverzichtbar, das hat ihn gerettet/gerichtet oder zumindest noch ein paar Jahre asymptomatisch leben lassen.
Das zweite Gerücht hat Max Warburg entweder unbedacht oder in Champagnerlaune zu sorglos in die Welt gesetzt, und das ist das Gerücht, Aby Warburg habe aufgehört Banker, Wechsler und Kreditberater zu sein, als er angefangen habe, Direktor der KBW zu werden. Das K kann für Kulturwissenschaft als Kreditanstalt stehen. Der ist auch nicht aus der einen Welt aus- und in die andere eingestiegen, nicht aus der Welt der Banken in die Welt der Kunst. So was tut man nicht. Es gehört sich nicht, es geht auch gar nicht. Man nimmt sich doch sowieso überall mit hin. Das zweite Gerücht hat Max Warburg entweder unbedacht oder in Champagnerlaune zu sorglos in die Welt gesetzt, und das ist das Gerücht, Aby Warburg habe aufgehört Banker, Wechsler und Kreditberater zu sein, als er angefangen habe, Direktor der KBW zu werden. Das K kann für Kulturwissenschaft als Kreditanstalt stehen. Man muss dem Gerücht entgegentreten, wie es Der ist auch nicht aus der einen Welt aus- und in die andere eingestiegen, nicht aus der Welt der Banken in die Welt der Kunst. So was tut man nicht. Es gehört sich nicht, es geht auch gar nicht. Man nimmt sich doch sowieso überall mit hin. Letztens traf ich jemanden, der hat mich einen Ästheten genannt. Da habe ich ihn gleich niedergeschlagen (das ist auch so eine Formel, die kursiert).
Madero macht doch nur einen kleinen Schritt. Sie ist in den Akten, also in der Welt. Sie ist mit den Gedanken bei den Schreibern und in der Akte tabula picta. Dort beschreibt sie nun etwas, was man mit Vismann ein velum, einen Schleier, eine Tracht oder aber ein Raster nennen kann.
Das sind in der Akte tabula picta Linienzüge, die durch 'Oppositionen' gebildet werden (Paarbildung, Begriffspaare, Pole, Kappen), die wiederum variabel seien und kreuzen könnten. Was sie beschreibt, ist Perspektivierung, die der Perspektivierung in Albertis Della Pictura oder in Dürers Underweysung der Messung affin bis verwandt ist. Wenn schwer zu sagen ist, was denn daran das Selbe sein soll, dann, weil auch schwer zu sagen ist, was daran der Unterschied sein soll. Die Juristen rastern Erfahrung. Sie liefern Muster, trainieren das Mustern. Sie mobilisieren die Erfahrung insoweit, als sie die Erfahrung auf das Mobile einstellen. Sie fangen nicht an, etwas zu bewegen, machen nichts beweglicher, machen sogar ihr Machen nicht beweglicher. Sie stellen das Machen aber auch auf Bewegung ein, indem die Begriffspaare anlegen, die nach Madero variabel seien und kreuzen können. Ich halte die Formulierung variable and crossed im Moment (muss drüber nachdenken) für eine Tautologie, was nicht schlimm wäre, weil auch Tautologien noch genug für Widersprüche hergeben. Kulturtechnik ist ja auch sowas. Maderos Schritt von der Dogmatik der Juristen zu Giotto and the Orators, dem Buch von Michael Baxandall, das zur selben Zeit wie Heiner Mühlmanns Buch zur Recht und Ästhetik italienischer Städte und da zu Leon Battista Alberti erschien und ebenfalls, ebenso (!) moderne Legenden beiseite räumt, ist winzig. Die Formel vom Iconic turn, die ist bei ihrem ersten Schreiber, bei Mitchell, so gemeint, meine ich: Iconic turn ist immer da, wo Bilder an- und abturnen, darum bestritten werden sollen, und wo ihr Paradigma (oder ihre archäologische Fundgrube) rhetorisch ist. Iconic turn ist da kein historisches Ereignis, an dem in eine bildlose Welt Bilder einbrechen. Das meint aber visuelle Zeitenwende in der juristischen Literatur. Juristische Literatur ist in dem Fall keine juridische Literatur. Die juristische Literatur verwechselt nichts (wenn, dann ist es ein Fehler), die juridische Literatur tut's und es ist ihr kein Fehler. Schärfer gesagt: Wenn die Literatur zur visuellen Zeitenwende stimmt, wenn richtig ist, was sie sagt, dann ist das juristische Literatur at its best. Wenn die Literatur aber doch was verwechselt und ihr das kein Fehler ist, dann ist es gute juridische Literatur.
Madero geht noch weiter. Das Raster ist ein geschlossenes Fenster. So malen es auch die Maler der camera obscura, wenn sie die camera obscura als Apparat der Seele malen (wie Vermeer das in seinen zwei Bilder des Geographen tut). Frische Luft kommt nicht hinein.
Erfahrung ja, aber künstliche Erfahrung. An der Vorstellung der Ausdifferenzierung herumzumeckern macht keinen Sinn, wenn man nicht davon ausgeht, dass etwas dran ist. An Luhmanns Begriffsapparat herumzumeckern und sich das mit Witzen leicht zu machen, macht keinen Sinn, wenn nicht etwas Ernstes drin stecken würde. Differenzierungen soll man nicht leugnen, man soll sich nicht mit ihnen begnügen. Marta Madero wird vorsichtig im Schreiben dieser Passage und tut sogar das, worüber sie schreibt. Die einen würden sagen, sie verliere die Distanz, die anderen: sie gewinne sie. Sie schreibt über Juristen, die sich fremder, sogar sehr alter Texte bedienen, um Erfahrung machen zu können und im Verlauf dieser Passage nehmen die Zitate zu, die Madero einstreut. 19 Zeilen Passage, 4 Zitate. Ein Zitat (25%) in der ersten Hälfte und drei Zitate (75%) in der zweiten Hälfte. Sag ich doch! Der Artifex ist nämlich jemand, der in der ersten Häfte seines Lebens etwas künstlich bis kunstvoll und in der zweiten Hälfte seinen Lebens kunstvoll bis künstlich macht. In der ersten Häfte scheint die Schöpfung zuzunehmen, in der zweiten Häfte abzunehmen.
Ich bin ein Krokodil, also schnappe ich auf: Das Sprechen und Schreiben, sogar die Graphien der Juristen gehen ins Latein, in die Latinität, ins Latinische, in etwas, das durch Rom ging, dort verkehrte und nach Rom pendelte: auch dadurch pendelte das, weil dieses Sprechen, Schreiben und die Graphien immer wieder dahin gingen. Noch habe ich nicht zugeschnappt. Aber jetzt! Aber jetzt, denn hier explodiert meine Zunge, jede Knospe darauf: Latin categorizations of experience, salvaged and learned like a foreign language. Dieser Satz, der hat nicht etwas von der line auf grace and beauty in ihren Versionen, das ist diese Linie in ihren Versionen. Sie schlängelt und passiert (bildet einen Pass), wird auch Schlangenlinie oder Serpentine genannt. So sieht sie aus, vielfältig, wenn Falten mit Kurven einhergehen:
Latin categorizations of experience, salvaged and learned like a foreign language. Latein ist eine fremde Sprache, wie eine Sprache. Sie ist es und ist es quasi. Salvaged and learned: Wenn das Leben instituieren oder instituiert sein kann, dann (möge es ein kindischer Wunsch sein) dann so, also durch eine Unterweisung, die salvage und leicht verwechselbar (savage) ist, die Forst und Wald, weit und wild, bald (unverzüglich) Bild, mitten im Leben und dort sogar mitten im Kamin des Lebens, Treffpunkt mit Vergil oder sonst einem Cicerone ist. Bruno würde passen. Sie soll satt bis satirisch sein. Wenn tragisch, dann auch komödiantisch. Et vice versa. Laster machen es versiert.
Salvaged ist gerettet (ist gerichtet). Salvaged ist gerichtet (ist gerettet). Wenn es zu sehr zieht, soll die Institutionen sich drehen können, damit es drückt. Wenn sie zu sehr abrichtet, sollen sie sich drehen lassen, damit sie einrichtet. So schön reizend und gnädig die Passage von Madero geschrieben ist, noch sie kann ins Fäustchen geschrieben sein, mit geballtem Rasen. So explodieren Zungen, jede Knospe. Danach ist zu schnappen, auch nach Luft.
Nachschauen: d.i. dank und durch Zettel zurückblättern im Schauen, der Schau, dem Schauer, die Theorie und Geschichte sind.