Langsamer Abstieg Von Andrew Vachss
Samstagabend, da gibt es immer eine Frau in einem roten Kleid. Sie schaut zu mir herüber, wenn meine Hände unten sind — die Mundharmonika in der einen Hand, das Mikro in der anderen.
Ich lasse meine Hände lose herunterhängen, wenn Big G ein Keyboard-Solo spielt. Bei den meisten Leuten richten sich die Augen auf den Mann, der die Musik liefert. Junior singt, Melvin spielt Slide — sie ziehen die meisten Blicke auf sich. Sie spielen beide auch mit dem Publikum, beschäftigen es.
Aber wenn ich ein Solo spiele, verliere ich mich. Meine Augen sind immer geschlossen. Das ist keine Bühnensache — es passiert einfach so. Wenn mich also eine Frau anschaut, wenn ich meine Mundharmonika nicht laufen habe, weiß ich warum.
Aber wenn die Frau mit einem Mann da ist, weiß ich es besser als zurückzuschauen. Bei so einer Frau ist das rote Kleid ein Signal. Sie ist eine Brandstifterin.
In den Clubs, in denen wir spielen, würde es am ehesten ein Messer sein, aber eine Pistole ist immer eine Möglichkeit.
Und selbst wenn ihr Mann weggeht, kann man nicht sicher sein, dass er nicht zurückkommt. Schlau und leise. Und vielleicht wird dein nächster Drink von der Sorte sein, die Robert Johnson dazu gebracht hat, seine Schulden an der Kreuzung zu bezahlen.
Aber wenn das rote Kleid randvoll gefüllt ist und daneben ist kein Mann, ist das ein anderes Signal. Und es ist nicht "Stopp!"
In diesen Läden muss man sich ins Zeug legen. Ich meine nicht laut spielen — Lärm bringt nichts. Hart genug, das kommt der Sache vielleicht näher. Manchmal spielen wir in großen Hallen. Einmal sogar in einem Stadion, gemeinsam mit einer Band, die einen Plattenvertrag hat und so weiter. In großen Hallen muss man nicht hart spielen. Die Leute in der Menge machen den Sound sowieso größtenteils selbst.
Aber in den Clubs bringst du es besser. Oder sie holen dich gleich von der Bühne.
So habe ich auch angefangen. Dienstagabends im "Ice Pick". Die Hauskapelle eröffnet, einen Slot nach dem anderen, wie eine Blüte sich öffnet, Blütenblatt für Blütenblatt. Um zu sehen, ob jemand einsteigen will. Zum Beispiel macht der Slide-Mann eine Geste und setzt sich an die Seite. Und jeder, der meint, er könne Stahl zum Singen bringen, kann einfach aufstehen und versuchen, den Platz des Mannes für dieses Stück Zeit zu übernehmen.
Es hat lange gedauert, bis ich bereit war. Länger als ich dachte, eigentlich. Denn die ersten beiden Male habe ich es nicht geschafft. Es war nicht so, dass die Leute mich ausgebuht hätten oder so. So etwas tun sie nicht. Was sie tun, ist … sie reden. Miteinander, meine ich. Sie reden einfach weiter, als wären sie in einem Aufzug.
Wenn sie das tun, bist du erledigt.
Das dritte Mal hatte den Zauber, wie die Leute sagen. Zuerst habe ich nur hinten aufgefüllt. Dann habe ich ein paar Figuren eingebaut. Und als der Bandleader ausstieg und auf mich zeigte, brachte ich die Menge zum Schweigen. Die meisten Mundharmonikaspieler können einen zu Tode improvisieren, aber sie können nicht langsam spielen. Die Großen — Jimmy Cotton, Butterfield, Musselwhite — sie können natürlich in beide Richtungen gehen. Sonny Boy, Little Walter — sie konnten gehen, wohin sie wollten.
Ich habe mich immer an Blind Owl Wilson orientiert. Ich muss ihn bei "Goin' Down Slow" eine Million Mal gehört haben. Ich wollte den Leuten das Gefühl geben, das ich hatte, als ich ihn hörte. Und an diesem Abend habe ich es richtig gemacht, die Noten langsam und weich gebogen … sauber, ohne die Rückkopplung des Mikrofons zu überspielen.
Danach habe ich bei vielen verschiedenen Bands mitgespielt, bis Junior mich für eine feste Stelle ausgewählt hat. Seitdem bin ich immer mit ihnen unterwegs.
Ich kann keine Musik lesen, aber ich kann sie perfekt hören. Ich habe es Honeyboy gesagt, und er meinte, das sei okay — er würde keinem Prediger trauen, der seine Predigt von einem Skript ablesen muss.
Ich werde nie der König von irgendetwas sein. Mein Ziel ist es, einer der tausend großen Mundharmonikaspieler zu sein. Nicht um in der Konkurrenz zu sein, nur um zu sein. Wie der Blues. Das war eines der ersten Dinge, die Honeyboy mich lehrte.
"Der Blues wird immer da sein. Wie ein Sträfling, der aus einer Sträflingskolonne entkommen ist und den der Mann nie findet. Oh, manchmal muss er untertauchen — Disco ließ den Blues damals eine ganze Weile untertauchen — aber er wird immer da sein. Immer auf der Flucht, allerdings. Nie lange oben, aber auch nie ganz weg. Merke dir diesen Teil, Sohn — nie an der Spitze sein, um zu bleiben. Viele weiße Jungs haben diesen Fehler gemacht. Diejenigen, die in den späten Sechzigern aufkamen — damals war es gut. College-Kids liebten es. Plattenverträge für alle. Stadien, Fernsehen, alles. Dann rief der Sheriff die Hunde, und der Blues musste zurück in die Wälder. Die weißen Jungs, die erwarteten, dass es ewig dauern würde, blieben draußen im offenen Feld — und wurden niedergemacht. Ihr müsst euch also an diese eine Regel erinnern:
"Sie können dich nicht hängen, während du läufst."
Das habe ich nie vergessen. Aber ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Es war ein Samstagabend. Es gab eine Frau in einem roten Kleid. Es gab einen Mann, von dem ich nicht wusste, dass sie ihn hatte.
Ein junger Mann. Ein weißer Mann. Der Sohn eines reichen Mannes, der einmal zu oft die Gleise überquert hat.
Jetzt liegt er unter der Erde und ich bin auf der Flucht.
Ich werde schon klarkommen, wenn ich nicht in die Clubs zurückkehre. Ich bin niemand … solange ich meine Mundharmonika nicht wieder in die Hand nehme.
Ich frage mich, wie lange ich es ohne schaffen kann.
Ich frage mich, wie lange ich es schaffen kann.
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Ursprünglich veröffentlicht in "Everybody Pays"
© 1999 Andrew Vachss. Alle Rechte vorbehalten. (Übersetzung von Thomas Knorra)
















