Kein Tag und Nacht ohne Linie, keine Linie ohne Wellen, keine Wellen ohne Scheitelpunkte, keine Scheitelpunkte ohne Kehren und keine Kehren ohne Schichten.
Thomas Melle nennt sein Buch zur Polarforschung "Die Welt im Rücken". Er beschreibt den Polarforscher als den entfremdeten Charackter schlechthin. Ihm stünden in einem Augenblick alle Kanäle "bestürzend offen". Dann kippt etwas und alles ist dicht und zu. Melle schreibt, dass ein Polarforscher drei Leben führe,
die einander ausschließen, bekriegen und beschämen: das Leben des Depressiven, des Leben des Manikers und das Leben des zwischenzeitlich Geheilten. Letzterem ist nicht zugänglich, was seine Vorgänger taten, ließen und dachten. Der zwischenzeitlich Geheilte [...] wandert zerfetzt durch die Gegend und kann sich nur über das Schlachtfeld wundern, das hinter ihm liegt. Ändern kann er es nicht, obwohl der Maniker, der da gewütet hat, und der Depressive, der da siechte, zwei Versionen seines Ichs sind, die ihm völlig fremd werden, die er mit seinem jetzigen Ich (aber wer ist das überhaupt) nur qua Erinnerung, aber kaum qua Identität verbinden kann. Und doch ist nicht von der Hand zu weisen: Er war es. Er war all die Taten und Katastrophen und Lächerlichkeiten, die Obsessionen und Nullsätze, die Hausverbote und Selbstmordversuche, die Peinlichkeiten, das Wüten der Kollaps. Er war der Rowdy, dann die Leiche.
Der Polarforscher hat immer eine Welt vor sich, immer eine Welt im Rücken und diese Welt rückt auch vor. Während seine Gegenwart wie jede Gegenwart noch das Privileg des gewöhnlichen Plausibilitätsdrucks genießt, ist die Welt im Rücken nicht nur nicht zugänglich. Dem, was an einer ganz äußerlichen Erinnerung noch zur Verfügung steht (etwa, weil der Polarforscher Tagebuch führt und Zettelkasten füllt) ist auch jede eben noch vorhandene Plausibilität entzogen. Dem Urteil ist der Richter entzogen, der Aussage ihre Anwälte, ihre Zeugen, Sprecher und Schreiber, der Beobachtung der Blick. Dem Sinn sind die Sinne entzogen. Und der Polarforscher weiß, nachdem er einige Zeit am Pol verbracht und sich bei seinen Forschungen immer wieder nur dem Wissen um Pole ausgesetzt hat, dass diese Welt im Rücken vorrückt: mitten hinein in seine Evidenzen. Die Welt rückt immer, und man muss sich vorbereiten, um nicht völlig von der Welt im Rücken abgetrennt zu werden und nicht jede Voraussicht zu verlieren. Die Gegenwart entwickelt ihren gewöhnlichen Plausibilitätsdruck ohnehin sanft, sie braucht keine Hilfe. Schon das Wort von der 'normativen Kraft des Faktischen' klingt zu laut, um die Gewöhnlichkeit eines Zustandes zu beschreiben, dessen Plausibilität unabhängig davon, ob am Pol gerade ein Sturm wütet oder eine Stille eisig auskristallisiert ist, sanft und mild daherkommt. In seiner Plausibilität ist der Sturm so sanft wie die Windstille und das Eis. Das alles braucht keine Stütze. Plausibilitätsdruck ist weniger ein Schub oder eine Kraft, das ist ein meteorologischer Ausgleich, der den Polarforscher und seine Umwelt involviert. Dieser Druck ist ausgeglichen (im Sturm stürmt der Polarforscher mit, mit der Stille hält er still), soweit nicht die kurzen Augenblicke eines Kippens oder des rapid cyclings schwuppdiwupp und kaum greifbar etwas mehr von den Drehungen mitteilen. Dann ist aber sofort wieder Gegenwart und Druckausgleich und alles plausibel, entweder beschissen oder geglückt. Plausibilität braucht keine Stütze.
Die Welt im Rücken muss gestützt werden. Polarforscher wie Warburg lieben Kalender, sie sind ab und zu Gerüst- und Gestellfetischisten. Vielleicht ist das Rücken einer der Gründe, warum der Polarforscher ein Motto, das Plinius dem Apelles in den Munde gelegt haben soll ("nulla dies sine linea") so wuchern lässt. Irgendwie muss auch eine rückende Welt geschaukelt werden.