Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich habe das Gefühl, bestimmte Dinge bleiben in der Familie. Bewusst oder unbewusst setzt sich eine Tradition fort, egal wie neu oder alt sie ist.
Wie Kickboxen. Zumindest wirkte das so, heute morgen am Strand. Aber Strand ist eigentlich auch schon übertrieben, das bisschen Sand am kleinen abgesteckten Bereich des Sees hat diesen Namen nicht unbedingt verdient.
Um das mal ein bisschen aufzuklären, gehen wir am besten zurück zu den Anfängen dieses Tages. Denn dort entschloss man sich Schwimmen zu gehen. Abgesehen davon, dass ich nicht gerne in offenen Gewässern schwimme, hatte ich auch keine Badehose dabei. Nein war keine Option, also saß ich eine geschlagene Stunde am See und sah dem Treiben zu.
Es ist zwar schwer vorstellbar, aber Teilweise habe ich Vergleiche zu den großen Familienurlaubsstränden ziehen können.
Da wären zum einem die lauten Kinder. Die das Freud und Leid der überwiegend schwedischen Blagen waren schon einige Zeit vor dem eigentlichen Strand zu hören. Brutal, wenn es um das Spielzeug geht, erbarmungslos, wenn es um Spaß geht: Überall nehmen Kinder am Strand ihre Vergnügung sehr Ernst. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, hat ein Kind, während es am Bein seiner Mutter hing, angefangen zu singen. Denkbar schief und denkbar unmelodisch, ohne erkennbaren Text oder Melodie. Zum Glück hat es schnell wieder aufgehört.
Zum anderen waren da die typischen Urlaubsvatis und -muttis, die auf ihren Handtüchern lagen und hofften, dass es nicht ihr Kind gewesen ist, das da so geschrien hat.
Was ich allerdings nicht ganz einordnen konnte war eine Familie, wo die beiden Jungs, fast erwachsen nehme ich an, miteinander… Na ja, trainiert haben. Kickboxen oder so, mit Handschuhen ind Knieschonern. Am Rand stand die breitschultrige Mutter und gab Anweisungen oder stoppte die Zeit. Sie haben dann Übungen gemacht, nochmal einen Übungskampf und… Oh, sie waren auch mal im Wasser, aber nur kurz, direkt danach waren wieder Bauchpressen angesagt. Es wirkte etwas seltsam neben den Kleinkindfamilien.
Und dann waren da natürlich noch wir. Zwei Leute ganz ohne Badesachen, vier mit. Und im Gegensatz zu der anderen Person in Klamotten hatte ich mir nichts mitgebracht um die Zeit zu vertreiben.
Nach einer Stunde hatte ich keine Lust mehr und bin wieder nach Hause gegangen.
Einen Großteil des Tages war ich dann mit Zeichnen beschäftigt.
Gegen Abend dann kam Oma zu mir. Sie fragte mich, wie ich mich denn bei den Gedanken Deutschland bald und allein zu verlassen fühlen würde. Ich antwortete, dass ich eigentlich im Moment nur eine unbändige Neugierde empfinde, wenn ich daran denke. Und dann begann sie zu erzählen. Wie sie als sie jung war auch alleine in die Schweiz fuhr, um dort als Hausmädchen zu arbeiten. Wie sie und ihre Gastfamilie sich super verstanden haben. Wie sie unglaublich viel davon gelernt und mitgenommen hatte. Sie erzählte davon, wie mein Onkel auch dem Ruf der Ferne unterlag, aber in Amerika blieb. Wie es meine Mutter vom ländlichem Viersen ins große Hamburg zog. Und wie sehr sie sich für mich freuen würde, dass ich nun auch diesen Schritt ins Unbekannte wagen würde.
Ohne es zu wissen setzte ich mit meiner Entscheidung eine Art Familientradition fort. Irgendwo ins Ausland zu gehen und Erfahrungen zu sammeln. Und ich muss sagen, dass mich Oma’s Worte sehr glücklich gemacht haben. Ich nehme alles zurück, was ich über meine Familie schlechtes gesagt habe. Sie sind toll. Ich bin froh, dass sie der Haufen sind, zu dem ich immer zurückkehren kann.
Und wie vielleicht die Kickboxer am See die Tradition der Mutter fortführen, oder das singende Kind die (un)musikalischen Gene vom Vater hat, bin ich froh und möglicherweise auch ein bisschen stolz ein Erbe meiner Familie zu sein.
In diesem Sinne, Gute Nacht.
Over and Out.