#TRNSFRM 003: Lokal ist Sozial?
- welchen Beitrag freies WLAN für die die Gesellschaft leisten kann -
Frei - während Manche dieses Wort mit der Freiheit assoziieren meint es für Andere eher kostenfrei, wie das berühmte Freibier. Ähnlich verhält es sich mit Freifunk. Freifunk ist ein Dienst, der im übertragenen Sinn frei und besoffen macht. Neben dem freien, also uneingeschränkten Zugang zum Internet bietet Freifunk diesen auch kostenfrei an. Beides ist wichtig, aber warum?
Es dürfte eine Binsenweisheit sein, wie wichtig die Ressource Internet, ähnlich wie Strom, Wasser und Bildung für die Entwicklung und die Chancen eines jeden Einzelnen wie auch der Gesellschaft ist, [1,2]. Dies gilt trotz des ganzen Rauschens, des Shoppings und der menschlichen Abgründe die sich täglich im Web über uns ergießen. Freifunk greift diesen Anspruch auf.
Auf technischer Ebene kommt Freifunk simpel daher: Es ist einfaches WLAN. Man könnte auch sagen, dass Menschen ihr heimisches WLAN mit anderen Menschen im direkten Umfeld teilen. Das kann auf dem Bürgersteig vorm Haus sein, im Garten, in der Wohnung oben drüber oder auf dem Parkplatz. Also im einfachsten Fall soweit die Reichweite des eigenen Routers reicht. Der Kniff dabei ist, dass im besten Fall viele Router in unmittelbarer Reichweite zueinander liegen. Diese Router, auch Knoten genannt, vernetzen sich untereinander und bilden ein Netz, das sogenannte Mesh. Neben kostenfreiem Internet bietet dieses freie Netz auch die Möglichkeit, lokale Dienste für schwarze Bretter, Chats, Umweltsensoren oder Nachrichten anzubieten.
Vorteile und der Einfluss auf die Gesellschaft
Die simple Idee der Vernetzung ist der eigentliche Clou am Freifunk. Es werden lokale Netze im Straßenzug, einem Viertel oder einer Stadt gebildet. Um aus diesem Netz ins Internet zu gelangen, braucht es nur einen Router im lokalen Netz, der ans globale Netz angebunden ist und schon sind alle verbunden. Sobald mehrere Knoten eine Verbindung zum Internet haben, ist Ausfallsicherheit geschaffen. Stellen sie sich vor, Ihr Provider hat technische Probleme. Dann sichert eine Anbindung ans Freifunknetz Ihnen weiterhin den Zugang zum globalen Netz. Natürlich gilt das nicht nur für das Surfen im Web. Auch andere Services wie Datenspeicher, Websites, IP-Kameras oder Backups bleiben somit verfügbar.
Zunächst klingt das alles sehr technisch, abstrakt und vage, für Manchen sogar nach Chaos. Und genau das ist es nicht. Im Gegenteil, der kleinteilige Ansatz lokaler Knoten und Netze hilft Komplexität zu verstehen und sich in ganz kleinen Schritten selber einzubringen.
Neben der technischen Raffinesse, Dienste wie das Internet lokal und frei anzubieten, hat Freifunk eine ebenso große und relevante kulturelle Funktion. Freifunk ist im Wesentlichen ein nachbarschaftliches Projekt. Ein gemeinsames Projekt schafft Kontakte, aber auch ein Bewusstsein für die Nachbarschaft. Wer Bürgerbeteiligung sucht, kann sie in einem solchen Projekt sehr direkt ausleben. Dies geht auch weit über den technischen Aspekt hinaus. Neben Vermittlern der Idee braucht es Menschen, die mit Gespür für ihre Nachbarschaft auf andere zugehen, es braucht Organisatoren, die bei Bedarf bei Firmen oder öffentlichen Einrichtungen für das Projekt um Unterstützung werben. Auch gestalterische Fähigkeiten für die Umsetzung von Infomaterial und Vorträgen können gefragt sein. Weiterhin erlauben die technischen Eigenschaften, wie Verschlüsselung und das Nicht-Speichern von Daten sowohl den Nutzern als auch jenen, die sich um Aufbau und Instandhaltung des Netzes kümmern, wichtige digitale Kulturtechniken zu erlernen sowie zu verstehen. Trotz vieler gut gemeinter Versuche lässt sich der Umgang mit (privaten) Daten beziehungsweise die technische Funktionsweise von Datennetzen nur selten mit bisherigen Denkmustern erklären. Es braucht also ein neues Verständnis für den Umgang mit den eigenen Daten sowie den Geräten und Akteuren, die diese erfassen, weiterleiten und verwerten. In Konsequenz sind es diese Fähigkeiten, die eine demokratische Gesellschaft auf Dauer ergänzen müssen. Das was einmal "Medienkompetenz" hieß, muss inhaltlich ebenso wie technisch aber auch kulturell erweitert werden. Hier bietet Freifunk einen Einstiegspunkt.
Wie sieht‘s denn in Zwickau aus?
In Zwickau kann man Freifunk auch ganz praktisch erfahren. Zum Beispiel am Neumarkt. Ein Unternehmen hat einen Knoten zur Verfügung gestellt und ans Internet angebunden. Darum haben sich mittlerweile etwa acht weitere Knoten gebildet, die mit dem ersten vernetzt sind. Insgesamt gibt es derzeit in Zwickau und der näheren Umgebung mehr als 65 Knoten, die von einer lokalen Initiative unterstützt werden. Das sind deutlich mehr als die vier Zugangspunkte die die Stadt Zwickau mit viel Budget und unter unfreien Rahmenbedingungen betreibt. Dabei schafft es Freifunk nicht nur, mehr Standorte zu betreiben sondern vor allem Freifunk an Orte zu bringen, die nicht im Fokus städtischer Aufmerksamkeit liegen wie an den Neumarkt, das Muldeparadies, eine Kleingartenanlage oder das kreative Zentrum in der Seilerstraße.
Während vielfach über die sogenannte Digitalisierung diskutiert wird, kann man mit solch einem Projekt sehr schnell digitale Infrastruktur im Lokalen schaffen, die allen offensteht und zudem durch direktes Bürgerengagement aufgebaut wird. Dies hat natürlich zwei Rahmenbedingungen: Bürger müssen sich finden, um solch ein Projekt aufzubauen und in Stand zu halten. Aber genau das ist schon Realität: In Deutschland gibt es derzeit in etwa 400 Orten Freifunk, mit mehr als 48000 Knoten, LINK. Darüber hinaus hat Freifunk deutschlandweit noch viel wichtigere Beiträge geleistet. In einer Vielzahl an Flüchtlingsunterkünften haben Freifunkinitiativen mit ihrem Engagement für eine wichtige Unterstützung gesorgt, [3]. Außerdem gibt es ganze Dörfer, die über beeindruckende Funkstrecken und der internen Verteilung per Freifunkknoten dem Breitbandloch auf dem Land zumindest ein Stück weit begegnen, [4, 5]. Auch Festivals und andere temporäre Veranstaltungen setzen auf die Nutzung offener, geteilter Infrastruktur, [6]. Bei all diesen Projekten ist der kulturelle Einfluss wesentlich. Es geht hier nicht um eine technische Spielerei weniger Nerds, sondern um die gemeinsame Nutzung von Räumen.
Alles, was nicht im Fokus kommerzieller Interessen steht, aber für eine Gemeinschaft, Nachbarschaft oder Stadt wichtig ist, kann hier realisiert werden. Damit ist Freifunk nicht nur ein Freiraum, es schafft auch Freiräume! Das, was vielfach mit Empowerment gemeint ist, wird hier direkt umgesetzt. Nach dem Prinzip: Einfach mal machen!
Was ist nun "Frei" in Freifunk?
Neben der Tatsache, dass das Netz kostenfrei ist, ist es vor allem frei von Beschränkungen. Insbesondere gibt es keine zentrale Autorität, die über den Zugang zum Netz wacht. Diese Freiheit ist fundamental und ermöglicht auch Menschen den Zugang zum Internet und den Diensten, die sich einen Zugang bei einem Provider aus irgendeinem Grund nicht leisten können oder ihn nicht bekommen. Das können zum Beispiel Besucher, Kinder oder Pendler sein. Hier kommt eine weitere Stärke von Freifunk zum Tragen. Da keinerlei Nachweis über irgendetwas wie Gehalt, E-Mail-Adresse, Herkunft oder Haarfarbe zur Nutzung des Netzes erforderlich ist, wird auch niemand ausgeschlossen. Egal ob politisch Verfolgter, Teenager oder der Nachbar, was ja alles ein und dieselbe Person sein kann, ist dabei. Auch wenn das nicht für jeden leicht auszuhalten ist, ist das die nicht-so-geheime Superkraft des Freifunks: es ist frei wie in Freiheit! Dazu gehört auch, dass es niemanden gibt, der irgendwelche Daten über die Nutzer und deren Verhalten sammelt, auswertet oder verkauft.
Letztendlich geht es auch um eine sehr einfache Übung für das eigene Ego und dem gefühlten Kontrollverlust: Kann ich eine Ressource, für die ich wenig persönlich getan habe, die ich kaum greifen kann und die mir nicht wirklich gehört, vorbehaltlos teilen? Bin ich bereit, anderen Menschen etwas von meinem Wohlstand abzugeben, ohne etwas direkt dafür zu erhalten? Egal wie die Antwort ausfällt, kann die Beschäftigung damit vielleicht eine Annäherung an diesen schwierigen Begriff der "Freiheit" sein.
Wer tiefer in die Thematik einsteigen möchte, findet hier noch einige Ansatzpunkte:
- Allgemeines gibt es auf www.freifunk.net
- Vor Ort in Zwickau ist die Initiative Freifunk Chemnitz zuständig, sie wird unterstützt von einer Zwickauer Gruppe aus dem Hackerspace z-Labor (Link/Treff)
- es gibt schöne Karten mit den Knoten in der Region und überall sonst