Die Eroberung Trojas scheitert im Teutoburger Wald, weil mein Vater schlau ist
Im Büro klingelt das Telefon. Ich sehe die Nummer meiner Eltern auf dem Display. Weil meine Eltern glauben, dass ich stets ganz fleißig arbeite, rufen sie mich in der Firma praktisch nur in Ausnahmefällen an. Es muss also wichtig sein.
Ich gehe ran, und mein Vater meldet sich. Er ist hörbar aufgeregt, es gibt ein Computerproblem. Er hat eine Email bekommen, wonach ganz viele Amazon-Bestellungen unterwegs seien und es heißt, er könne das nicht mehr rückgängig machen. Zur Übersicht der Bestellungen soll er auf einen Link klicken. Er hat auf den Link geklickt. Dann habe da etwas gestanden, dass alles verschlüsselt werde. Und dann sei ihm das unheimlich geworden, so dass er zum Telefonhörer gegriffen habe. Guter Vater!
Ich beruhige ihn erst mal, dass nichts Schlimmes passieren kann. Selbst wenn Geld abgebucht würde, könne man das wieder rückgängig machen, im Gegensatz dazu, wenn man selbst etwas überweist.
Als erstes versuche ich, mich in sein Amazon-Konto einzuloggen, um nachzuschauen, ob evtl. tatsächlich Bestellungen ausgelöst wurden. Mein Vater weiß das Passwort nicht mehr (beruhigend an dieser Stelle, dass er nicht überall das gleiche Passwort verwendet). Er habe schon seit vielen Jahren dort nichts mehr bestellt. Da die Mailadresse meines Vaters über eine meiner Domains läuft, lenke ich die Mails erst mal zusätzlich an mich um und warte auf die Bestätigungsmail für ein neues Passwort. Mein Vater erhält die allerdings schneller als ich. Er liest mir am Telefon einen Code vor, den ich eintippe und Zugang zu seinem Konto erhalte. Seit Jahren keine Bestellungen. Alles ist gut, das Passwort ändern wir stante pede auf etwas sehr Kompliziertes.
Als nächstes muss ich mich um die Verschlüsselungsproblematik kümmern. Mein Vater, der nun auch bald auf die 80 zugeht, hat Schwierigkeiten, den Explorer zu finden. Es liege immer das Fenster mit der Verschlüsselungswarnung darüber. “Du konntest dich doch früher mal auf meinen Rechner schalten. Mach das doch mal!”, meint er.
Da mein Bürorechner gerade neu aufgesetzt wurde, ist Teamviewer nicht vorhanden. Ich installiere es schnell. Nach wenigen Sekunden läuft Version 14. Ich kann meinem Vater am Telefon erklären, wie er in Windows 7 in den Programmen Teamviewer startet. Bei ihm ist Version 5 installiert. Er nennt mir den passenden Code, den ich bei mir eintippe. Prompt meldet sich Teamviewer sinngemäß, dass die Version, mit der ich mich verbinden will, aber eigentlich zu alt sei. Irgendwie geht es aber trotzdem. Ich sehe den Desktop meines Vaters.
Eine Word-Datei ist geöffnet. Ich klicke sie von Berlin aus 450 km entfernt im Teutoburger Wald in der Taskleiste an und sehe nun auch die Verschlüsselungswarnung. Oha!
Aber es ist auch noch ein anderes kleines Fenster aktiv, in dem gesagt wird, dass die Makros doch ausgeschaltet seien und gefragt wird, ob die Inhalte nun aktiviert werden sollen. Ich klicke auf “Nein, bloß nicht!!!”, also “Abbrechen”, schließe die Datei und lösche sie. Über den .ru-Link, den mein Vater angeklickt hat, wurde offensichtlich eine xml-Datei geladen und in word geöffnet. Da Makros standardmäßig abgeschaltet sind, wurde der Verschlüsselungstrojaner nicht aktiviert. Noch mal Glück gehabt! Das Troja bei meinen Eltern muss an einem anderem Tag erobert werden.
Ich ermutige meinen Vater noch, mich jederzeit anzurufen, wenn ihm am Computer was komisch vorkommt. Er verspricht, das zu tun.