22. April 2020
Meine Mund-Nase-Ohr-Maske triggert den Kontemplationsmodus
Unterwegs höre ich in der Regel Podcasts über kabellose Bluetooth-Kopfhörer – also das, was man vor »true wireless« kabellos nannte: Zwei Ohrstöpsel, zusammengehalten von einem Kabel, an dem eine kleine Fernbedienung ist. Der große Vorteil kabelgebundener kabelloser Kopfhörer: Man kann sie einfach rausnehmen und runterfallen lassen, ohne daß sie runterfallen. Im Alltag ist das mittlerweile eine ganz selbstverständliche Bewegung, wenn ich mit Menschen spreche. Nicht nur scheint es mir unhöflich, die Kopfhörer drinzulassen bei Gesprächen, die Gummiabdichtung erledigt ihren abdichtenden Dienst auch sehr zuverlässig.
Heute trage ich zum ersten Mal im Supermarkt eine Maske (heute erst, weil ich nur noch alle zwei Wochen einkaufen bin). Auf der Straße habe ich in der Regel keine auf, ich meide lieber allzu volle Orte, daher ist das Gefühl insgesamt noch recht neu. Mit den Ohrhörern ist das Gehör nach außen abgedichtet und ich nehme meinen Atem – weil eine Stoffmaske beim Durchatmen doch etwas schwergängig ist und jedes Ausatmen die Brille beschlägt – deutlich wahr. An der Kasse bemerke ich, daß etwas anders ist als sonst, die Kassiererin fragt mich etwas. Ich verstehe sie zuerst nicht. Ob ich die Tomaten nicht abgewogen hätte. Doch, habe ich, Strauchtomaten, Wagentaste 331 – nur der Zettel ist weg. Ah ja, sie sagt noch was, ich wieder: Wie bitte?
Dann geht mir auf: Ich habe die Kopfhörer noch drinnen, die Maske hat mein übliches Muskelgedächtnis umgeswitcht. Vom normalen Kopfhörer-Modus – Menschen da, Stöpsel raus – zu einem anderen Modus: Ich fühle mich sehr ruhig und abgeschieden. Das kenne ich aus anderen Situationen: Das intensivere Wahrnehmen des Atems hat trotz ordentlich vollem Supermarkt den Modus für kontemplatives Gebet getriggert. Und in diesem Modus kommen keine Kopfhörer vor.
(Felix Neumann)














