Unsichere Zeiten
Weinen ist anstrengend. Es macht so müde. Doch ich will nicht einschlafen, nachdem ich geweint habe, denn dann nehme ich all die negativen Gefühle, die Schwere, die Scham mit in meine Träume. Und setze im Schlaf fort, was mich wach schon belastet.
Zur Zeit fühle ich mich sehr ... klein? Ich glaube, das ist das richtige Wort. Klein. Unnütz. Ersetzbar.
Man verbringt so viel Zeit auf Arbeit, also sollte es einem dort auch gefallen. Man sollte nirgends vierzig Stunde in der Woche sein -oder in meinem Fall auch locker mal fünfzig- wo es einem nicht gefällt, die Arbeit keinen Spaß macht und die Kollegen einem auch nichts geben.
Zur Zeit ist es bei mir so, dass die Kollegen das einzige sind, was mich hält. Selbst die eben erhaltene Gehaltserhöhung vermag es nicht, mich besser fühlen zu lassen.
Meinen Arbeitsplatz könnte jeder andere übernehmen. Ich habe nicht die Angst, gekündigt und durch jemand anderen ersetzt zu werden. Es ist einfach der Gedanke, dass dies ohne weiteres möglich wäre, der mich unwohl fühlen lässt.
Ich mache meine Arbeit gut, das weiß ich. Und ich will dabei nicht eingebildet klingen, lediglich selbstsicher. Aber allzu anspruchsvoll kommt mir mein Arbeitsalltag nicht vor und das macht mich derzeit traurig. Kaum fordernd und Anerkennung bringt man mir auch nicht wirklich entgegen.
Nein, man frisst den Dreck von Kunden und muss die Fehler der Kollegen zum Großteil selbst ausbaden. Es sind Hilfsarbeiten und ich und meine direkten Kollegen reden uns ein, dass es wichtig ist, was wir machen. Irgendwo ist es das auch, aber eben nicht schwierig. Eigentlich muss man sich kaum konzentrieren. Nur stressresistent, dass sollte man sein.
Vorhin habe ich mit meinem Freund telefoniert. Mir fällt es ja schwer über Gefühle zu reden und deshalb mache ich meist nur Andeutungen und hoffe, der andere versteht diese und geht darauf ein. Also sagte ich zu ihm, dass ich mich auf Arbeit unnütz fühle und auch schon darüber nachgedacht habe, nach etwas Neuem zu suchen.
Seine Antwort? “Wie du meinst. Musst du wissen.” Und dann erzählte er, wie gut er sich derzeit bei und auf Arbeit fühlt. Klar, es ist viel los, aber er fühlt sich sehr geschätzt und schwer ersetzbar. Er kann so vielseitig eingesetzt werden, bekommt überall was mit und wird auch an andere Standorte unserer Firma verliehen, um dort zu helfen.
Ja, ich bin neidisch. Eifersüchtig auf seine Stellung. Und musste an dieser Stelle das Telefonat beenden, weil die Tränen kamen. Sehr sensibel war das nun nicht gerade von ihm. Und ich will es ihm ja auch nicht missgönnen, aber so richtig für ihn freuen kann ich mich auch nicht.
Solchen Situationen stelle ich mich auch nicht gerne, weil ich dann ungerecht und garstig werde. Das weiß ich, kann es aber nicht ändern. Hätten wir weiter gesprochen, hätte ich ihm wahrscheinlich Vorwürfe gemacht, die unsere Beziehung belasten, einfach weil er mich mit seinen Worten (unbewusst) verletzt hat und ich es ihm ebenso heimzahlen will.
Und leider gibt es Dinge in unserer Beziehung, die mich traurig machen und die ich ihm insgeheim vorwerfe. Zum Beispiel unser Sexleben betreffend. In allen Bereichen meines Lebens fühle ich mich zur Zeit so unsicher. Arbeit, Beziehung, Freundschaften. Und das macht mir Angst und aus dieser Angst heraus schlage ich um mich.
Natürlich ist das unfaires Verhalten, aber ich kann da nicht aus meiner Haut.
Hoffentlich ist das nur eine Phase. PMS oder so was in der Art. Simple Stimmungsschwankungen, die vorbei gehen. Möglichst schnell.















