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Das vage Objekt
1.
Wie, schreibt Georges Didi-Huberman, soll man sich beim Anblick eines Grabmals, angesichts der schmerzlichen Trennung und des Verlustes, den es verkündet, wie soll man sich da nicht gegen die Vorstellung eines "universellen Daseins" auflehnen? Auflehnen gegen das universale Dasein, gegen die Vorstellung eines Systems ohne Verlust und ohne unüberwindliche Trennung, in dem auch der Tod seinen Platz hätte, seinen Platz im ewigen Reich der Ideen? Wo er schon dabei ist: Auflehnen gegen die inwendige Selbstbehauptung und den Aufenthalt in einer großen, grenzenlosen Anreicherung und Vermehrung, wie nicht, wenn man vor einem Grabmal, vor einem Sarkophag, überhaupt vor einem vagen Objekt steht, das verschlingt und sich dabei nicht in Abstraktion abschieben lässt.
2.
Als Beispiel für einen, der sich auflehnte, nennt Didi-Huberman Yves Bonnefoy. Er habe diese Erfahrung behutsam beschrieben, als er in entschiedener Auflehnung gegen das ewige Reich der Begriffe und gegen den Begriff des Todes an erster Stelle die Grabmäler, diese paradoxen Stätten des Verschwinden als schmerzliche und entscheidende Gegenstände in Erinnerung rief. Bonnefoy habe sich gegen den Idealismus, gegen Hegel gestellt, sagt Didi-Huberman und er zitiert Bonnefoy: Es sei "die einschläfernde Kraft und die schmeichelnde Wirkung des Systems", denn in diesem System sei "der Tod immer nur eine Idee, die sich zu Komplizin anderer Ideen mach(e), in einem ewigen Reich, das kein Sterben kenn(e). Wo Didi-Huberman und Bonnefoy schon dabei sind: Ein System, das selbst Name und Begriff für einen Zug ist, der sich unausgesetzt anreichert und vermehrt und sich sein Dasein zum Jackpot macht, in dem Tod, Verlust oder sogar nur Verminderungen die Station für ein weiteres Anwachsen, letztlich also Kosten im Sinne von Ressourcen sind.
Erstens nennt Didi-Huberman Bonnefoys Protest gegen die Hegelsche Philosophie ungerecht, zweitens sagt er, diese Ungerechtigkeit sei im Grunde genommen belanglos. Entscheidend sei der Protest. Er fordere, dem Tod das Lebendige jener Berührung zu gewähren, die jedes Grabmal (und wo er schon dabi ist: ein vages Objekt) einfordere. Ort, Gegenwart, Anwesenheit: Bonnefoy schreibt vom Entgleiten.
3.
Ein Sarkophag (und wo wir schon dabei sind: ein vages Objekt) ist keine Metapher. Didi-Huberman erläutert seinen Kommentar anhand eines Sarkophages, der sich heute im Archäologischen Museum in Leiden befindet. Weil das ein Wendeobjekt ist, ist auch dieser Sarkophag ein Beispiel für die Nähe (Verwandtschaft) zwischen vagen Objekten und Polobjekten. Er ist ein Wendeobjekt, weil die Innenwände aus einer, wie Didi-Huberman schreibt, freudigen und feinen Substanz sind. Sie sind mit Bildfiguren, mit Skulpturen versehen. Die Innenseite haben Bildhauer gemacht, die Aussenseite Steinhauer, denn die Aussenseite ist zwar (grob und roh) gemustert, aber ohne Bild und ohne das, was im engeren Sinne Schmuck und Ornament ist.
Es ist hilflos gesagt, aber ich sag es einfach mal: die Innenseite visualisiert etwas, die Aussenseite visualisiert nichts, nicht bildförmig und auch nicht ornamental. Lichtlos soll sich im Inneren das Sehen abspielen, und es soll sich für den Toten abspielen, nicht für die Lebenden. Das Inwendige ist mit dem Bild und dem Ornament aus dem Leben gekehrt. Es ist eingekehrt, wie eigentlich immer, aber diesmal dem Verschlingen, ins Verschlingen eingekehrt.
Das nennt Didi-Huberman in formaler Hinsicht eine Umkehrung. Dietmar Kamper benutzte hier und da das Wort Umstülpung, das wäre vielleicht auch nicht schlecht. Es ist auch eine Wendung, ein seltsamer Umschlag.
4.
Liest man System, liest man von der großen Anreichungen und großer Vermehrung, von Garantien großer Trennung, zittert man. Wohl nicht jeder, aber die Zitternden gibt es. Sie haben keine Gänsehaut. Ihr Zittern spielt sich bebend, auf den Lippen ab. Man würde diese Bewegung dem aktuellen Stand der Ordnung der Gefühle nach wohl eher in Wut oder der Rage, nicht in Phobie oder der Angst einsortieren, aber man müsste mal abwarten, was die nächsten Ordnungen der Gefühle so sagen werden. Bei dem römischen Sarkophag, bei Didi-Huberman Kommentar und dem darin entwickelten Realismus des Dunklen stellt sich eine andere Vibration ein (eingeräumt: eine schon/noch andere Vibration), die eher in die Welt dessen gehört, was man Ornament nennt: Resonanz, die schmückt.
Soll, kann ich sagen, dass mir Didi-Hubermans Kommentar Lust bereitet, dass ich ihn gut finde und gerne lese? Dass mir der Text und die Bilder, schließlich das vage Objekt behagen? Ich würde sie zumindest gerne heranziehen, um mit ihnen etwas entgegnen, jemandem etwas entgegenhalten zu können, einer Gestalt, die in grauer Stunde ab und zu auftaucht und gute, aber auch stechende, manchmal schlicht gemeine Erinnerung mitschleppt.