Juli 2017
Das Internet macht mich zum Dokumentenfälscher
Ich habe mich in letzter Zeit bei einigen Diensten im Netz angemeldet, die eine mehr oder weniger aufwändige Verifikation der Identität ihrer Nutzer betreiben. Alle diese Dienste wenden sich an ein internationales Publikum. Und “international", das bedeutet für die Betreiber der meisten Plattformen “Länder, in denen alles so ist wie bei uns”.
Deshalb wird mein Personalausweis nirgends als Beweis anerkannt, dass ich auch wirklich an der auf der Rückseite des Personalausweises eingetragenen Adresse wohne. Denn die Rückseite des Ausweises ist dasselbe Dokument wie die Vorderseite des Ausweises, und da könnte ja jeder kommen und sich mit nur einem einzigen Dokument auszuweisen versuchen! Gültig ist nur ein Kontoauszug oder eine Rechnung für Strom, Gas oder Telefon. Möglichst englischsprachig, und nicht älter als drei Monate.
Bei Dienst Nr. 1 lache ich über die Idee, eine Rechnung könne ein verlässlicheres Ausweisdokument sein als mein Ausweis, und eröffne eben kein Kundenkonto bei einer so dämlichen Firma.
Bei Dienst Nr. 2 lade ich einen Kontoauszug hoch. Immerhin kann ich im Onlinebanking meiner Bank die Sprache umstellen und bekomme dann englischsprachige Kontoauszüge. Der Kontoauszug wird abgelehnt. Die Begründung habe ich vergessen. Es ist schon ein paar Monate her.
Bei Dienst Nr. 3 lade ich einen Kontoauszug hoch. Der Kontoauszug wird abgelehnt: Man akzeptiere keine Belege von Onlinebanken. Das ablehnende Unternehmen ist selbst ausschließlich im Internet tätig.
Bei Dienst Nr. 4 lade ich einen Kontoauszug hoch. Der Kontoauszug wird abgelehnt: Darauf fehle der Name der Bank. Das stimmt zwar nicht, aber alle Ablehnungen erfolgen automatisch und kommen von Mailadressen, die “do-not-reply” enthalten. Protest scheint mir daher zwecklos.
Jetzt reicht es. Diese Unternehmen wollen einen schlechten, leicht fälschbaren Wohnortsbeleg, und sie sollen ihn bekommen. Ich melde mich im Online-Kundenportal meines Stromlieferanten an und suche dort nach Rechnungen. Die aktuellste ist von 2016. Ich lade das PDF herunter, wandle es in ein PNG um, öffne die Datei in einem Grafikprogramm, suche auf der Rechnung passende Zahlen in passenden Schriftarten und Größen und frische damit das Rechnungsdatum auf. Dass die Abrechnungszeiträume nicht zum Rechnungsdatum passen, macht nichts, die Details werden verpixelt.
Ich lade die selbstgebastelte Rechnung hoch. Einen Tag später bin ich akkreditierter Kunde von Dienst Nr. 4. Na also, geht doch.
(Alan Smithee)









