März 2020
Alte Damen mobil – Teil V
Es ist Coronazeit. Das Stammcafé der beiden Freundinnen ist geschlossen. Sie vermissen ihre regelmässigen Treffen.
Immerhin verfügen die beiden über einen ordentlichen Vorrat an Resilienz. Erzogen von Vätern, die Aktivdienst geleistet haben, und von Müttern, die streng darauf achten, dass die zwar nicht mehr rationierte Butter nicht in die Löcher im Brot verschwendet, sondern nur hauchdünn über das Brot verstrichen wird, haben sie den Grundsatz «Es wird nicht reklamiert!» verinnerlicht.
Sie halten sich an Rilke: «Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben». Doch auch die langen Briefe können auf die Dauer den ganz gewöhnlichen Altweibertratsch nicht ersetzen. Sie reden zusammen über das gute alte Festnetz. Sie sind sich bewusst, zur Risikogruppe der Ü65 zu gehören und werden von ihren Familien streng überwacht. Frau D. hat eine Idee, wie sie sich treffen könnten, ohne gegen die bundesrätlichen Empfehlungen zu verstossen. Sie kennt in der Umgebung einen kleinen Park mit ein paar Bänken und einem Springbrunnen. Dort könnten sie sich an einem warmen Frühlingsmorgen gefahrlos treffen. Als Frau N. eintrifft, hat Frau D. bereits beim nahen Bäcker zwei «Coffee-to-go» geholt, ungewohnt, aber immerhin. An beiden Enden einer Bank nahe beim Springbrunnen sitzend, schildern sie sich ihre Befindlichkeit und kommen zum Schluss, dass es ihnen trotz Einschränkungen eigentlich noch sehr gut geht. Da nähert sich eine Frau mit drei Kindern dem Springbrunnen. Die Kinder haben Segelschiffchen gebastelt, die sie nun mit Stecken vom Beckenrand zur Mitte hin stossen und auf dem Wasser treiben lassen.
«Ist das nicht fast wie in Paris im Jardin du Luxembourg?» ruft Frau D. entzückt aus. In Frau N. steigt sofort die Erinnerung auf, wie sie vor Jahrzehnten dort gesessen und Gedichte von Jacques Prévert gelesen hat. Frau D. schwärmt von den Jazzclubs in St. Germain, wo die göttliche Jujube gesungen hat. Frau N. sieht sich in der Rue de Savoie zur Wohnung von Dora Maar hinaufschauen, wo Picassos einstige Muse als verwirrtes Schemen herumgeistern soll, während sich der Meister längst mit anderen Gespielinnen in seine südfranzösischen Schlösser abgesetzt hat. Sie hat im Théâtre de l’Odéon Madeleine Renaud und Jean-Lous Barrault gesehen, Theatererlebnisse von unvergesslicher Intensität. Beide erinnern sich an eine kleine Seitentür im Louvre, wo man ungesehen hineinschlüpfen und die Toilette benutzen konnte. Sie tragen immer noch gerne schwarze Rollkragenpullover, doch die Gitanes haben sie längst aufgegeben. Die beiden Damen je an einem Ende ihrer Bank hören wieder die brüchige Stimme von Charles Aznavour, die brillanten Wortspiele von Georges Brassens auf kratzenden Vinylplatten, sehen das schwarz-weisse Paris von Izis Bidermanas, Henri Cartier-Bresson, Robert Doisneau vor ihren inneren Augen und nippen an ihren Pappbechern.
Da klingelt Frau N.s Handy. Es ist ein Enkel, der per FaceTime mit ihr plaudern möchte. Frau N. hat das noch nie gemacht. Das hübsche Lausbubengesicht des Enkels sieht aus wie der Frosch, nachdem ihn die Prinzessin an die Wand geworfen hat und er noch nicht dazu gekommen ist, sich fertig in den Prinzen zu verwandeln. Er gibt ihr Anweisungen, wo sie tippen muss, damit er sie auch sieht. Sie sieht sich selbst, sieht ungefähr aus wie die Prinzessin, kurz bevor sie sich in eine Kröte verwandelt. Sie ist froh zu hören, dass es der Familie und ihm gut geht, und verabschiedet sich bald. Das ist definitiv nur im äussersten Notfall ihr Ding.
Die beiden Damen erheben sich, verneigen sich in zwei Metern Abstand wie zwei aus Raum und Zeit gefallene Geishas und fahren nach Hause. Es ist aigre-doux. Es ist Coronazeit.
(Frau N. aus L.)














