7. April 2017
Scannen als Passion
„Der neue Buchscanner ist da!“, ruft verheißungsvoll ein mit Tesa an der Wand befestigtes Blatt, das eine Kurzbedienungsanleitung präsentiert und inzwischen selbst gar nicht mehr ganz so neu aussieht. Da für mich dennoch alles hier neu ist, freue ich mich trotzdem und lese mit hermeneutischer Finesse das implizierte „… na endlich, Gott, was für eine Erlösung!“ gleich mit, sodass mir die Wahl zwischen den zwei Geräten nicht schwer fällt. Der „neue Scanner“ ist kompakt. Er steht auf einem Tisch, verfügt über einen Vorschaubildschirm und lässt sich über ein separates kleines Touchdisplay steuern. Der Nutzer nimmt auf einem stoffbezogenen Stuhl Platz, darf zwischen verschiedensten Scanqualitäten und Dateiformaten wählen, sich die Ergebnisse direkt per Mail zusenden lassen oder sie auf einem USB-Stick speichern. Der alte Scanner hingegen hat die Ausmaße jener hochberühmten Helden der Vorzeit, von denen Moses spricht, und ist wahrscheinlich (bestimmt!) vollständig aus Eisen, er lässt sich nur im Stehen bedienen und wenn es hart auf hart kommt, rechne ich mir keine Chancen aus. Und er heißt „book2net Kiosk“.
Mein Ziel (der Nutzer hat inzwischen auf einem stoffbezogenen Stuhl Platz genommen) besteht darin, ein seit längerem vergriffenes Reclam zu digitalisieren. Es ist die Textgrundlage für mein literaturwissenschaftliches Seminar in diesem Semester und sollte möglichst bald verfügbar sein. Also los, „neuer Scanner“! Haptik, Sound und Lichteffekte wirken soweit in Ordnung. Man löst den Scan durch mittleren Druck auf einen Knopf neben dem Display aus. Dann läuft hurtig, begleitet von einem sieeeeeps, von links nach rechts ein Streifen Licht über die Seiten – und schon erscheint das hochgradig verpixelte Vorschaubild, auf dem … keinerlei Text zu erkennen … hm. Nach einigen Versuchen, Geduld, Geduld, erinnere ich mich an die verheißungsvolle Kurzbedienungsanleitung. Der Trick besteht darin, das Vorschaubild, das offenbar nur eine Art Vorschaubildvorschaubild ist, über die Funktion „Lupe“ zu überprüfen. Dann ist zu erkennen, ob die Scans geglückt sind. Und wirklich, wie raffiniert! Unter der „Lupe“ sieht es plötzlich sehr gut aus. Ich werfe einer Studentin, die den Raum betritt, einen vielleicht etwas zu begeisterten Blick zu, der soviel wie „Vorschaubildvorschaubild!“ zum Ausdruck bringt, woraufhin sie den Raum relativ zügig wieder verlässt. Nach ca. 12 Minuten schaue ich stichprobenartig noch einmal nach, und ja, das ist doch gar nicht schlecht – einige wenige Scans sind tatsächlich geglückt.
Leider habe ich mir über die Jahre ein hypersensibles philologisches Gewissen antrainiert und immer wenn ich „reicht das nicht?“ denke, straft es mich mit Empfindungen, die ich aus Scham nicht näher beschreiben möchte. Wir handeln aus, dass ich wenigstens den Scanner wechseln darf. Und so trage ich mein Reclam wie ein (kleines, gelbes, federleichtes) Kreuz aus dem Raum, kehre dem „neuen Scanner“ mit Verachtung den Rücken, halte gebührenden Abstand zu „book2net Kiosk“, verlasse die Seminarbibliothek und suche das Kulturwissenschaftliche Zentrum auf.
Der kleine Scanner im Eingangsbereich der Bibliothek ist, glaube ich, tatsächlich neu. Er tut in etwa das, was der „neue Scanner“ tut, nur alles eine Nummer sanfter und vernünftiger. Man löst den Scan durch eine in die Buchauflagefläche eingelassene Leiste aus, die bereits auf leichten Druck reagiert, es gibt kein enervierendes sieeeeeps und keine kitschige Lichtshow, nur ein kaum hörbares zik, wenn die Kamera auslöst. Und das Vorschaubild ist ein Vorschaubild. Und es läuft sehr gut. Bis ich ein Drittel des Buches gescannt habe. Dann setzt der gefürchtete Reclam-Effekt ein: Das Buch ist sehr klein und vergleichsweise eng gebunden, sodass es von beiden Seiten mit den Fingern aufgehalten bzw. gezogen werden muss. Das irritiert den Buchscanner, der nun permanent Bilder produziert, die nur zu ca. 20% aus Buch und zu 80% aus Auflagefläche und meinen Händen bestehen. Zum Glück gibt es dafür eine technische Lösung, die nicht nur von bestechender Einfachheit und äußerst kostengünstig, sondern auch mit allen marktgängigen Buchscannern kompatibel ist: Eine transparente Plexiglasplatte. Man legt die Plexiglasplatte auf das Buch, sodass sie die Seiten gleichmäßig aufdrückt und der Scanner sich nicht über unappetitliche Menschenhände ärgern muss. Also gehe ich rasch zur Theke, um mir die Plexiglasplatte … haben sie nicht? Ah …
Es bleibt immerhin noch eine Option, die allerdings nur den Schwarzgürtelträgern unter den Buchreproduzenten zu empfehlen ist: Wildes Herumprobieren mit unterschiedlichsten Hand-Buch-Kombinationen. Ohne erkennbares Muster klappt es nach vier bis sechs Versuchen pro Doppelseite. Meistens. Gut nur, dass sich die Fehlversuche vergleichsweise einfach ersetzen lassen. Nach ca. 35 Minuten, einigen Krampfpausen und mühsam unterdrückten Tränen erreiche ich das lang ersehnte Literaturverzeichnis. Letzter Scan: zik. Es ist vollbracht. Nun speichere ich die Datei als Multipage-PDF und mir entfährt ein Lachen – ein Lachen in eindeutig inakzeptabler Lautstärke. Leider hat es keinen triumphierend-irren, sondern einen verzweifelt-irren Charakter. Wäre der Scanner ein Schäferhund, so würde er mich jetzt anpinkeln. Er sagt: „Fehler beim Speichern der Datei“.
Erniedrigt und mit gebrochenem Willen krieche ich in die Seminarbibliothek zurück und stelle mich, es ist ohnehin alles egal, vor den archaischen „book2net Kiosk“. Auch hier ist die Auslöseleiste in die Buchauflagefläche integriert, aber sie ist kalt, weil sie aus Metall ist. Man muss sie ziemlich weit hinunterdrücken, es gibt ein leichtes Quietschen und zuweilen federt sie als SCHNAPP zurück. „book2net Kiosk“ scannt nicht, er äugt. Es ist ein schlafender Zyklop, der bei Druck in die Leistengegend für kurze Zeit surrend sein Auge öffnet. Dann fällt Licht auf das Buch. Dann erlischt es. Dann geschieht einige Sekunden lang nichts. Und dann erscheint auf dem Bauch des Riesen, jedes Mal, ohne Ausnahme, eine sauber aufgenommene Doppelseite.
(Christian Schmidt)













