2020
Misslungene Entclutterung
Für jemanden, der berufsmäßig viel mit wissenschaftlicher Literatur zu tun hat, sind undurchsuchbare Bücher zwar lesbare, aber letztlich nicht sehr funktionale Bücher. Denn entweder verlegt man sie (oder hat sie fern im Büro, wenn man zuhause ist, oder zuhause, wenn im Büro) oder man vergisst, die wichtige Stelle rauszuschreiben, und muss dann ewig suchen, sie wiederzufinden. Da hilft es, sich zumindest vage an eine Formulierung erinnern und sie dann in der digitalen Version suchen zu können. Dafür sind PDFs unverzichtbar und im wissenschaftlichen Kontext auch gegenüber seitenzahllosen und damit nicht zitierbaren epubs das einzige wirklich sinnvolle Format.
Jetzt gibt es zwar auf Library Genesis oder aaaaarg.fail jede Menge, aber eben nicht alle PDFs der Bücher, die ich für meine Arbeit brauche. Nach jahrelangen Weinkrämpfen im Umgang mit OCR-Software auf Smartphones – die zwar immer besser geworden, aber immer noch eine so unsägliche Fummelarbeit sind, zwischen Buchaufhalten, Lichtquelle lokalisieren und unverwackelte Fotos machen, dass der praktischen Nutzen nicht den dabei entstehenden psychologischen Schaden aufwiegt –, habe ich länger schon darüber nachgedacht, einen Buchscanner zu kaufen.
Ideal wären die großen Overheadscanner aus der Bibliothek, wo sie die Größe von Werkbänken der Industrieproduktion haben, aber ich dachte lange, dass es davon ja keine Verbraucherversionen geben kann. Auf reddit findet sich zwar r/bookscanning, aber die da vorgeschlagenen DIY-Buchscanner verlangen enormen Arbeitsaufwand. Irgendwie jedenfalls muss Facebook von meinem Buchscannerkaufüberlegungen Wind bekommen haben, denn eines Tages sah ich Werbung für die Firma CZUR, die eben solche Heimscanner für ein Publikum wie mich anbietet.
Gesehen, gekauft – denn bei einem Preis unter knapp 200 € musste ich zwar ein bisschen, aber eben nicht sehr lang überlegen, versprach das Gerät doch genau die Lösung meiner Buchprobleme. Nach dem Bestellvorgang, der direkt über AliExpress lief, wurde mir aber bewusst, dass es Monate dauern könnte, bis ich mit der Eigenscannerei beginnen könnte. In der Tat waren es fast zwei, bis das Gerät geliefert wurde, nach wahrscheinlich langer Reise auf Containerschiffen aus der chinesischen Produktion. Allerdings scheint CZUR auch selbst ein chinesisches Start-Up zu sein, das in Shenzhen registriert ist, was das Ganze schon wieder irgendwie okay macht.
Der Scanvorgang geht sehr angenehm: Man legt ein Buch unter den Scan-Arm (am besten auf einen schwarzen Hintergrund, am allerbesten auf die mitgelieferte schwarze Matte, die man gut als normale Schreibtischunterlage nutzen kann) und scannt fröhlich los. Vereinfacht wird das Ganze durch ein Fußpedal, das erlaubt, das Buch mit beiden Händen aufzuhalten. Damit die Finger nicht mitgescannt werden, gibt es zwei gelbe, mit einem Spezialmuster bedruckte Halterchen, deren Abbild am Ende von der Software automatisch entfernt wird. Ein Buch dauert nicht mehr als zehn, meistens eher fünf bis sieben Minuten. Die Qualität ist so mittel, weil es eher Fotos macht als echte Scans (also wirklich nicht weit vom Smartphone entfernt ist), was aber für meine eher auf Text bezogenen Belange völlig ausreicht. Außerdem ist die integrierte OCR-Software ganz ordentlich, so dass ich ein Buch meistens direkt im hauseigenen Programm scannen und verarbeiten kann.
Der Scanner hat den theoretischen Vorteil, dass er genau jenes Hauptproblem des Gadgetkaufs vermeiden soll, das mich neben Preisfragen immer am meisten zögern lässt: Wohin mit dem Teil, wenn man es nicht benutzt? Das Modell Aura, das ich mir angeschafft habe, löst das Stauraum- und Staubfangproblem, indem es auch als Schreibtischleuchte benutzt werden kann. Das war anfangs ein echtes Argument. Aber leider wirft der ausklappbare Leuchtturm eher kaltes LED-Licht, und es gibt auch keinen Knopf, der daran etwas ändern könnte. Hier wurde am falschen Ende gespart, denn die Lösung dafür ist so umständlich, dass das ursprüngliche Versprechen der Entclutterung sehr gedämpft wird. Man soll sich nämlich eine Smartphone-App herunterladen, extra um die Lichtwärme ändern zu können. Es hat ewig gedauert, bis ich die Funktion rausgefunden habe: Es ist nämlich nicht Bluetooth, sondern eine kleine Melodie, die das Smartphone dann piepst und die von der Scanner-Lampe gehört wird. Man muss also den Ton des Handys anmachen, damit man in den Genuss einer ordentlichen Lampenfarbe kommt. Die ist dann auch in Ordnung, weil das aber immer so umständlich ist, habe ich meine alte Schreibtischleuchte immer noch neben ihrer potentiellen Konkurrentin stehen. So habe ich nun eine teure Lampe mit Scanfunktion, die theoretisch keinen Staub fängt. Weil ich aber nicht immer mein Handy entsperren, die App öffnen, auf laut stellen und neben das Gerät halten möchte, nur um das Licht anzuschalten, müsste ich eigentlich am besten lernen, die Lichtänderungsmelodie zu pfeifen. Das will mir noch nicht recht gelingen. Aber immerhin habe ich nun meine halbe Bibliothek auch digital, und darum ging es ja.
(Alan Smithee)











