11.09.2019
Der Vysor nimmt defekten Smartphonedisplays etwas ihres Schreckens
Defekte Smartphonedisplays sind ein auf viele Weisen außerordentlich unerfreuliches Problem. Einmal unglücklich heruntergefallen und das ganze Display stirbt. Offensichtlich ist der finanzielle Aspekt, gerade bei ganz neuen und teuren Geräten. Das muss man verkraften können oder sich dagegen (teuer) versichern oder das Gerät ganz dick einpacken und hoffen. Dann ist die Beschaffung eines Ersatzdisplays, auch wieder gerade bei ganz neuen Geräten, oft erstaunlich problematisch. Nicht nur, aber besonders bei Geräten, die auf dem deutschen Markt nicht erhältlich sind. Die Verfügbarkeit von Ersatzdisplays, die nicht mehr als 50% des Geräteneupreises kosten, ist oft erst nach etwa einem halben Jahr nach Marktstart einigermaßen gut. Darüber möchte ich heute nicht schreiben, stattdessen über die sich aus dem Defekt ergebenden Auswirkungen auf die Rettung der auf dem Gerät befindlichen Daten.
Viele der Daten und Einstellungen sind zur Zeit gar nicht mehr exklusiv auf dem Gerät gespeichert, sondern werden ohnehin stetig mit der Cloud synchronisiert. Das sind vor allem E-Mails, Kontakte, Kalender, diverse Programmeinstellungen, je nach Privatsphärebedürfnis auch mit dem Gerät erstellte Fotos und Videos; die Daten der Apps selber liegen oft ohnehin nicht auf dem Gerät, etwa die von Sozialen Netzwerken. Aber einen Typ wichtiger Daten gibt es, zumindest bei mir, der absichtlich nur auf dem Gerät liegt und an den man im Falle eines Gerätewechsels sehr gerne noch heran möchte, vorzugsweise an den aktuellen Stand: Cryptomessenger. In meinem Fall ist das Threema, mit dem ich etwa 90% meines Messagingaufkommens abwickle. Dessen Chatinhalte kann man in eine ZIP-Datei exportieren und auf einem neuen Gerät inklusive Medien, ID und Gruppenzugehörigkeiten wiederherstellen. Dazu muss man das Gerät allerdings bedienen, was bei defektem Display nicht ganz einfach ist.
Als mir das das letzte Mal passiert ist (ja, das passiert häufiger, weil ich nicht nur meine eigenen Geräte verwalte), hatte ich nicht vorgesorgt und so lag einige Wochen lang, während das neue Display aus China unterwegs war und im Zoll fest hing, das eingeschaltete Gerät auf meinem Schreibtisch, ließ täglich penetrant lange den Wecker klingeln und signalisierte fröhlich all die eingehenden Messengernachrichten, die ich nicht lesen konnte. Ich hätte das Gerät ausschalten und meine ID aus einem Backup auf dem Ersatzgerät wiederherstellen können, aber dann hätte es für die Zeit später auf dem Hauptgerät ein merkwürdiges Loch in den Chatprotokollen gegeben, was für mich primär ein ästhetisches Problem ist; allerdings ein schwerwiegendes, eine Art für immer bleibende Vernarbung des Displayschadens. Geräte sind austauschbar, meine Chatprotokolle wandern mit.
Doch fürs nächste Mal habe ich vorgesorgt! Noch mal werde ich nicht dumm vor einem schwarzen Display sitzen und Benachrichtigungstönen lauschen. Die Lösung kommt in Form einer Fernsteuerungsapp mit dem schönen Namen Vysor. Die beherrscht nämlich einen für meine Zwecke äußerst wichtigen Trick, den andere Fernwartungslösungen nicht beherrschen: Es reicht, auf dem Gerät als Vorbereitung auf den Schadensfall den USB-Debug-Modus (und ggf. die erweiterten Varianten davon) zu aktivieren und einen Computer daran anzuschließen und mit entsprechenden Treibern auszustatten und einmalig in die Liste der vertrauenswürdigen Geräte für eben diesen USB-Debug-Modus zu bringen. Das klingt komplizierter als es ist: Für die ADB-Treiberfrage gibt es Anleitungen wie Sand am Meer und das mit der Liste löst man, indem man den ersten Verbindungsaufbau bestätigt und dabei einen Haken setzt, dass dieser Computer dauerhaft berechtigt für Debug-Schindluder ist. Danach kann man die Sache wieder vergessen, das ist der beste Aspekt an der Geschichte. Hat man dann wieder ein defektes Display, schließt man das Gerät erneut an, startet die Software auf dem Computer und startet die Fernwartung. Die Software installiert dann die aktuelle Version von sich auf dem Smartphone und wenige Sekunden später hat man ohne weitere Rückfragen ein stark komprimiertes Bild vor sich und kann das Smartphone darüber bequem bedienen. Nicht nur kann man dann Backups ziehen und Einstellungen übernehmen, man kann das Gerät auch einfach so bedienen, was vielleicht bereits für die paar Tage bis zum Eintreffen von Ersatz reicht. In Zeiten von Fingerabdrucksensoren ist das gar kein so großer Vorteil mehr, aber dass die App bereits vor der Entsperrung des Geräts funktioniert, kann einem noch mal mehr den Tag retten. Früher brauchte ich für solche Fälle einen USB-OTG-Adapter, mit dem ich eine Tastatur oder eine Maus anschließen konnte, um defekte Touchscreens zu umgehen. Das Gehampel damit fällt mit Vysor auch weg.
Oder man ignoriert das alles und nimmt den Schadensfall einfach als Gelegenheit für etwas Digital-Detox. Ich empfand es als erstaunlich befreiend, mal eine Zeit lang nicht über Messenger erreichbar zu sein. Dafür braucht man aber eigentlich kein Digital-Detox, sondern einfach die richtige Einstellung zu ungelesenen Messengernachrichten. Seitdem kommt es vor, dass ich Nachrichten tagelang nicht öffne, weil ich einfach keine Lust habe zu reagieren. Der Gelesen-Haken erscheint dann auf der anderen Seite auch nicht und es ist sichtbar, dass ich die Nachricht noch nicht gelesen habe. Das ist ein riesiger Fortschritt gegenüber anderen asynchronen Kommunikationsmitteln, die diesen Rückkanal nicht bieten und einen im Unklaren darüber lassen, ob das Gegenüber die Nachricht einfach nicht beantwortet, möglicherweise gar vergessen hat, oder sich einfach noch nicht darum gekümmert hat.
(Gregor Meyer)












