Der Panther
Einmal wäre ich fast erstickt. Zumindest glaube ich das bis heute. Das ist jetzt sechs Jahre her. Ob das wirklich so war, ist schwer zu sagen. Es waren ja Drogen im Spiel.
Den richtigen Umgang mit Drogen muss man erst lernen. Gilt für den Alk genauso wie für Amphetamine. Das ist zwar gefährlich, aber auch der halbe Spaß an der Sache. Gerade wenn man jung ist und unbesiegbar. Ich dachte zum Beispiel ernsthaft, ich müsste nie von Alkohol speien. Richtig stolz war ich darauf. Bis zu meinem siebten oder achten Vollrausch, als ich zuhause vor den Briefkasten kotzte. Mein Vater war begeistert.
Martin bestellt immer viel zu viel im Darknet. Jedenfalls war noch jede Menge übrig von der letzten After. Allerdings nichts Gutes, sondern nur Schnelles.
Es gibt gute Gründe, warum man Koks als Gutes und Speed als Schnelles bezeichnet, und die meisten davon verstand ich erst mit der Zeit. Der Hellste bin ich offensichtlich nicht, denn der Qualitätsunterschied schlägt sich ja auch im Preis nieder. Damals habe ich das noch nicht ganz verstanden. Speed galt als der Schmierstoff jeder guten Party.
„Das sieht aber trocken aus“, sagte ich, als Martin die Reste von seinem Wohnzimmertisch in ein kleines Tütchen schaufelte. Viel trockener als vor drei Wochen noch. Es sah aus wie Staub und hatte keine Klümpchen wie sonst immer. Gute Menge auch, bestimmt vier Gramm. Mehr als genug für eine ganze Nacht.
Material für acht bis zehn Lines lag noch vor uns auf dem Tisch. Und wir machten uns an die Arbeit. Dazu Bier und Pfeffi – in Maßen. Sorry, das muss natürlich in Massen heißen.
Gegen zwei gingen wir in die Renate. Mit zittrigen Händen legten wir im Viertelstundentakt weiter Lines auf unsere Handys, dazwischen tanzen und trinken. Als am Samstag die Sonne aufging, war die Wirkung verpufft. Von wegen viel hilft viel. Nichts ging mehr.
Wie zwei Zombies holten wir uns noch zwei Flaschen Wasser für die Heimfahrt im Supermarkt. Keine Ahnung, was sich die Kassiererin gedacht haben muss. Wir sahen furchtbar aus, ganz gelb und fahl, mit feuerroten Lippen, und wir rochen bestimmt furchtbar, wenn auch für uns nicht mehr wahrnehmbar, nach Schweiß, Alk und Kippen.
Wie auch die letzte Wirkung des Speeds entschwand, spürte ich den Alkohol. Martin war längst ausgestiegen. Die Ringbahn brachte mich tapfer zu meiner Station. Die Schmach, in die S-Bahn zu kotzen, blieb mir erspart.
Zuhause war mir so schlecht, dass ich dann kotzen wollte. Meine halbe Hand steckte in meinem Rachen, mit den Fingern war ich schon im Magen. Doch es ging nicht. Im fight or flight Basispaket ist Kotzen nicht enthalten. Schlafen übrigens auch nicht. So lag ich im Bett mit geschlossenen Augen, jeden Tons bewusst, der sich vom Hausflur und von der Straße den Weg in meine Ohren bahnte.
Und dann hörte ich auf zu atmen. (Dachte ich zumindest.) Ich erschrak, mein Autopilot war kaputt, zu viel Alk im Tank. Ich musste bewusst atmen und hatte plötzlich Angst, einzuschlafen, da ich ja bewusst atmen musste, um nicht zu ersticken. Zudem war mir immer noch speiübel. Ja, der Alk musste einfach raus, dann würde alles besser werden. Also noch mal über die Schüssel zum Kotzen. Wieder ergebnislos. Zurück ins Bett. Schlaflos, wieder zur Schüssel. Zurück ins Bett. Wie ein Tiger lief ich auf und ab in meinem Käfig. Ich musste an Rilkes Panther denken und wiederholte im Kopf immer die gleiche Zeile: so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Dazu das Echo der stumpfen Techno Melodien dieser Nacht, mein Hirn im Overdrive.
So wartete ich stundenlang auf das Ende meins Katers. Schlafen ging erst am Abend, endlich. Was soll ich sagen? Ich habe es überlebt.
















