Verhockt
Es ist Sonntagmittag. Wir bestellen eine Pizza für jeden, aus Vernunft. Jeder isst ein Stück zur Hälfte und kann dann nicht mehr. Björn zählt auf: „Ich habe seit gestern Mittag 30 Bier getrunken.“ Wer braucht da noch feste Nahrung?
Jenseits der Berliner Techno Hipster Bubble existiert ein faszinierendes After Hour Universum, in das nur wenige Hauptstadt-Psychonauten jemals reisen. Es sei denn Dorfkinder wie ich. Statt Doc Martens, Club Mate und einem Gartenschlauch als Duschkopf gibt es hier gepflegte Eigentumswohnungen mit Vorgärten und im schlimmsten Fall Camp David von Kopf bis Fuß - und das schon mit Mitte 30.
Die Menschen sind die gleichen auf den Aftern, sie sehen nur anders aus, weil ihnen egal ist, wie sie aussehen und ob sie cool sind, und man spricht Deutsch. Die meisten hier könnten sich nicht einmal auf Englisch unterhalten, was mich jetzt genau so stört, wie wenn man nur deswegen Englisch spricht, weil eine Person im Raum kein Deutsch kann, obwohl sie zehn Jahre in Berlin lebt und Akademiker ist. Jens Spahn tobt in mir, und weil mir das nicht gefällt, zwinge zwinge ich mich zu dem Verständnis und der Toleranz, die ich von mir erwarte. Oder die ich früher von mir erwartet hätte. Ich werde alt.
Nico wollte gestern nur auf ein Bier mit uns zum Dorffest und heute auf Fahrradtour mit seiner Frau. Jetzt sitzt er hier einen Tag später und sein Akku ist leer. Sie ist das gewohnt, denken wir.
Das Koks ist alle, doch Speed tut es auch. Nicht lecker, aber zweckmäßig. Im Hintergrund läuft kein Techno, nicht mal elektronische Musik, einfach nur das Radio, irgendein Hitsender. Gelegentlich halten wir inne, lauschen den Nachrichten und finden so neue Inspiration für Gespräche, die so oberflächlich-dumm sind wie in jedem Berliner Altbau um diese Uhrzeit, nur dass ich hier jeden seit meiner Kindheit kenne und wir nicht die Hälfte der Leute im Verlauf des abends kennengelernt und zur After eingesammelt haben. Das ist gut, denn deren Geschichten langweilen mich, weil sie immer die gleichen sind. Der Individualismus in der Hauptstadt ist dann irgendwie auch aus einem Guss.
Alle vapen. Etwas orientierungslos (bei mir immer so nach langem Feiern) versichert mir das, dass wir auf dem Land sind. Mit acht Leuten auf dem großen Ecksofa, dem weißen Dampf in der Luft und der Ambient-Beleuchtung rund um den Fernseher kommt etwas Club Atmosphäre auf, bis der Dunst sich verzieht und es wieder wie Dorfwohnung aussieht, auch weil man das Wandtattoo jetzt deutlich lesen kann: GOOD VIBES ONLY. Aus dem Radio schallt Roxette, ein Duft aus süßer Kirsche, grünem Apfel und Vanille vermischt sich zu einem allgemeinen Puff-Geruch, aber eigentlich riechen wir eh nichts mehr. Die Fenster sind natürlich zu, die Rollläden auf Halbmast, damit die Nachbarn nichts mitkriegen, während die Familienbesuche zum Sonntagsbraten eintrudeln. Der Raum ist hermetisch versiegelt und so dünsten wir vor uns hin, die Augenringe immer tiefer, die Münder immer trockener, die Biers immer leerer, die Haut immer fahler und gelber. „Ordentliche Feierbräune“, sagt Jens. Eins vor Nierenkollaps, würde ein Arzt sagen.
Ich bekomme Heimatgefühle. Die Freunde in Berlin kommen und gehen. Die Leute hier sind immer die Gleichen, haben nie woanders gewohnt. Diese Monotonie ist reizvoll und beängstigend zugleich.
Ich schaue auf die Uhr. In zwei Stunden geht mein Zug zurück. Mein Gepäck liegt noch bei meinen Eltern. Entweder noch eine Line oder vor der Zugfahrt duschen. Es wird die Line.
Natürlich wollen mich alle aufhalten, doch ich kann mich durchsetzen. Zum Abschied bekomme ich ein Gramm Speed. „Jetzt im Zug schlafen lohnt sich nicht“, sagt Bernie.
Mit einer Träne im Auge sage ich tschüs. Im Zug sitze ich alleine im Abteil und pendle zwischen Sitz und Klo. Die Jungs sitzen noch bis Montagabend, können nicht arbeiten wegen After. Sie sind mal wieder unplanmäßig verhockt.












