Manchmal wünschte ich, ich wäre wieder Studentin. Dann könnte ich mir meine Zeit frei einteilen. Statt jeden Tag aufs Neue ins Büro zu eilen, würde ich manchmal eine Vorlesung besuchen, manchmal zuhause seitenweise Aufsätze über Philosophie lesen. Manchmal würde ich in die Bibliothek fahren, manchmal ins Café, um mit einer Freundin den Tag zu verquatschen. Und manchmal würde ich einfach im Bett bleiben.
Manchmal wünschte ich, ich wäre wieder Studentin. Aber nicht die Studentin, die ich einmal war. Denn die war verbissen. Die wollte “es durchziehen”. Die hat nie eine Vorlesung verpasst und ständig gelernt. Die hatte während des Semesters einen Neben- und in den Semesterferien einen Vollzeitjob. Die ist auf Partys immer früh gegangen und hatte selten Zeit, um Tage im Café zu verquatschen. Der Schreibtisch rief.
Nur einmal, einmal hat sie sich getraut. Hat gelebt. Es war eine Studentenparty im Winter, auf den Straßen lag Schnee. Da hat sie getanzt bis um 5 und ist danach lachend mit ihren Freunden durch den Schnee nach Hause gestapft. Dann zwei Stunden schlafen, um 10 Uhr Vorlesung. Danach zur Arbeit. Sie war noch nie so müde. Sie war noch nie so lebendig.
Das Studium habe ich mit Auszeichnung beendet, Durchschnitt 1,4. Schon heute, nur anderthalb Jahre später, interessiert das niemanden mehr. Im Job werde ich trotzdem genauso mies bezahlt wie alle anderen, fange wie alle anderen ganz unten an. Was im Studium war, ist jetzt egal.
Was dagegen nicht egal ist, ist das Leben. Glücklich sein, das ist es, was zählt. Ich habe das spät gelernt. Spät, aber nicht zu spät. Heute stapfe ich durch den Schnee, durch den Regen, durch den Sonnenschein. Nutze jede freie Minute, um mich lebendig zu fühlen. Doch ich weiß, dass ich als Studentin viel freier war, viel mehr dieser Minuten hatte, die zum Leben da gewesen wären.
Manchmal wünschte ich, ich wäre wieder Studentin. Aber nicht die Studentin, die ich einmal war.