Mitten im Vierten - Lokalkolorit und Trashgeschichten
Episode 08 einer echten, Grazer Seifenoper - Stau
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Ein Konservendosenpopsong eröffnet das Intro.
Eine Kamera fliegt aus dem Weltall hinab und durchfliegt die Marienstraße. Das Bild wird diagonal geteilt. Während links oben weiter das Viertel gezeigt wird, wird rechts unten Bier gezapft, das Glas geht über, Schnaps wird ausgeschenkt, ein Burger wird gegessen, ein Toast wird getoastet, die Namen der Weltklasseschauspieler blinken immer wieder auf (Michael Ostrowski ist explizit nicht dabei), die Kamera fliegt ins „Herrlich“ und bleibt in der Totalen auf der Registrierkasse stehen. Dieses Bild wird größer, bis es alles ausfüllt und man sieht was auf der Registrierkasse steht:
Mitten im Vierten
HERRLICH
8 x0,3 Murauer à € 2,90
Summe € 23,20
Nach einer Idee von
YANNICK STEINKELLNER
Vielen Dank!
Komm bald wieder!
Eine letzter Gitarrenakkord blendet langsam aus, das Bild wird schwarz, dann geht die Folge los:
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Ein Kaffee in Deutschland ist in direkter Proportion vergleichbar mit einem Wiener Schnitzel in einer Dönerbude in Neuseeland. Der Dichterjunge saß bei besagtem Kaffee Americano in einem Herner Café, das man auch getrost als Spelunke für zwielichtige, arbeitslose Gestalten aus dem Ruhrgebiet bezeichnen könnte, und schmökerte mit einer vom Kaffee angeekelten Grimasse in einer Bildzeitung.
„GEHEIMER ABSCHIEBETUNNEL IN ÖSTERREICH AUFGEFLOGEN“ steht in großen Lettern auf dem Titelblatt, darunter ein Foto von Andreas Gabalier in Lederhose auf einem Berg mit Wanderstock in der Hand und kariertem Tuch um den Hals. Wenn er sich nicht vollkommen getäuscht hatte, dann war der Tunnel laut Bob Tough jedoch als Geheimgang in die andere Richtung konzipiert gewesen. Wie konnte es sein, dass der österreichische Innenminister in einer laut Bild-Zeitung originalen ORF-Tonbandaufnahme vom Grazer Lend-Laternenfest jedoch sturzbetrunken vom Gegenteil ausgehend in das Mikrofon lallte? Es musste sich um ein Missverständnis handeln, oder einem geschickt eingefädelten Plan der Herrlich-Crew. Undenkbar, dass jemand aus dem Lendviertel tatsächlich Flüchtlinge ausbeuten würde, um einen ausländerfeindlichen Plan umzusetzen. Viel naheliegender war die Vorstellung, dass Jovan und Bob die diskriminierenden Haltungen des Innenministeriums ausnutzte und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen sich den Bau des unterirdischen Familienzusammenführungsweges von öffentlicher Hand finanzieren ließ. Der Dichterjunge zuckte mit den Schultern und blätterte weiter. Überrascht zog er seine Brauen hoch, als ihm die nächste merkwürdige Schlagzeile in die Augen stach: „Geheimnisvolle Steinpyramiden im Stadtpark Herne aufgetaucht!“ Nach wie vor gab es für ihn keine schlüssige Erklärung, wieso ein schwarzes Loch in Graz existierte und noch viel weniger, warum das Geröll aus dem Tunnelbau durch das schwarze Loch in eine ekelhafte, marode Kloake wie Herne führen konnte... Er selbst konnte sich nicht erinnern, was passiert war, nachdem ihn Bob Tough hinein gestoßen hatte. Alles, was er wusste, war, dass er benommen in Herne auf zwischen Geröll eingegraben aufgewacht war, als ihn ein Pitbull eines Cola Light trinkenden Kettenrauchers beschnupperte und ihm dann ins Gesicht pisste. Bemerkenswert war auch, dass der Geröllhügel immer höher wuchs und die Steine offensichtlich von unten nach oben drückten. Mittlerweile war der Geröllhügel schon über die Dächer der Reihenhäuser gewachsen. Keiner konnte sich erklären, wie es dazu gekommen war. Pilgergruppen aus Medgugorje und Lourdes waren ebenso angereist, wie aus Braunschlag. Erich von Däniken hielt Vorträge am Herner Hauptplatz und sprach von einer großen Reptiloiden-Verschwörung, der Pyramiden-Lüge und Frauke Petry predigte, dass das Geröll bestimmt vom Ausland kommen musste (womit sie ja auch Recht hatte) und dass man die Steine sofort wieder nach Syrien zurückschicken müsste. Deutschland war in Aufruhr, aber niemand konnte einen Zusammenhang zwischen dem Tunnel von Graz in die Südsteiermark und dem Geröllberg im Herzen des Ruhrgebiets herstellen. Der Dichterjunge gähnte und blätterte weiter. Wieder gab es eine Schlagzeile, die ihm verblüfft die Augen vergrößerte: „BEKLOPPTE ÖSIS RANDALIEREN BESOFFEN IM ÖSI-BEISL – KELLNER TOT!“
In einer engen Zelle am Grazer Karlauergürtel saßen Miguel, Tobias, Andrea und die zwei weinenden Hasen. „Hawi, i pack's net, dass der depperte Hawi ausm Pony des echt net dapackt hat und sich bei dem Sturz des Gnack brochen hat.“ Ungläubig schüttelte Miguel den Kopf. Tobias saß genervt daneben und verfluchte Gott und die Welt. An seine rechte Hand klammerte sich die linke von Andrea, welche sich offensichtlich noch immer im Schock befand, weil sie einen Kellner in einer unglücklichen Kettenreaktion unabsichtlich getötet hatte. Die Hasn weinten noch immer und warteten darauf, dass sie endlich ihre Eltern anrufen konnten, um dieses große Missverständnis aufzuklären. „Oida, i muss jetz telefonieren. I sag's euch: Der Kastner Peter haut uns da scho irgendwie aussi. Das is ja a Unfall gwesen. I weiß net wieso de uns no imma festhalten. Das is alles a Farce. A FARCE!“ Keiner reagierte. Die Hasen heulten noch lauter, Tobias blickte weiter genervt geradeaus und drückte Andreas Hand, die sich daraufhin etwas an ihn schmiegte. „Und wieso is der Harri dann einfach gangen? Der Hund hätt uns a helfen können. Ohne Schaß. Was für ein Deserteur... Herrlich! Herrlich!“, äffte Miguel den Liese-Besitzer nach. Die zwei Hasen hatten sich eben beruhigt, als Miguel sich an sie wandte: „Wü ane von euch schmusen? Wal euch schadet's net und mir tat's taugen...“ Mit dem Hinterkopf stieß Tobias gegen die Wand, weil er wusste was die Folge dieser Aussage sein würde. Wie auf Kommando fingen die zwei Hasen wieder an zu weinen.
Im Keller des Herrlich herrschte Großbetrieb. In der Nacht war der Durchbruch im Casino Mond erfolgt und die ersten hundert Flüchtlinge auf dem Weg durch den Stollen nach Österreich. „Glück auf!“, hatten die slowenischen Casino-Bediensteten den Fugees noch mit auf den Weg gegeben, als sie von Bob Tough, der emotional stark aufgewühlt alle Mitreisenden einzeln umarmt und willkommen geheißen hatte, mit einer Fackel am Ende des Stollens abgeholt wurden. Jovans Mobiltelefon läutete schon den ganzen Tag Sturm. Sämtliche Nachrichtenagenturen warteten auf eine Stellungnahme, ob es denn wahr sei, was der Innenminister laut ORF gesagt hätte. Man hatte sich nach Absprache mit den restlichen Mitarbeitern dafür entschieden, dass man das Handy auf lautlos stellen würde und einfach das Problem weg ignorieren würde. Nora hatte das Auto genommen und war aufs Land gefahren, der Dichterjunge war in Deutschland verschwunden, Joe hatte sich in die Schweiz abgesetzt und Sahid und Konsorten waren in ihr Asylantenheim abgezogen, wo sie freudig auf die Ankunft ihrer Angehörigen warteten. Einige Fernsehstationen belagerten die Mariahilferstraße, wo sich ein riesiger Stau bis zurück auf die Keplerstraße gebildet hatte, da kein Auto mehr durch das „verkehrsberuhigte Viertel“ über den Kai abkürzen konnte. Da österreichische Autofahrer aber zu unflexibel sind, um sich auf aktuelle Verkehrslagen einzustellen, stand der Verkehr im Nordwesten von Graz nun still. Russia Today berichtete vor dem Baccara mit 30-minütigen Live-Schaltungen, BBC News hatte sich ein Studio in der Liese eingerichtet und FOX News hatte sich im St. Pauli eingemietet. Ohne Studio. Al Jazeera war im Zerum untergebracht und ließ seine Mitarbeiter neu und fair einkleiden und ein TV-Hubschrauber des ORFs zog seine Schleifen, nur um Präsenz zu zeigen. Von politischer Seite war niemand zu erreichen, da Wolfgang Sobotka sich leider wegen eines wichtigen Termins nach Deutschland aufmachen musste (er war bei Anne Wil in eine Talkshow geladen und wollte dann noch ein Kurwochenende anhängen), Sebastian Kurz, der sich als Außenminister sonst sehr für die Innen-Agenda interessierte, hatte seine Ohren eingeklappt und sich im Geilomobil verschanzt, während Christian Kern damit beschäftigt war die Sozialdemokratie wieder auf Fordermann zu bringen, indem er weitere New Deals versprach, ohne sie jemals halten zu wollen. Reinhold Mitterlehner hatte bereits ein Statement herausgegeben, es war jedoch von allen ignoriert worden, da ihn keiner in seiner Position ernst nahm und HC Strache hatte in einem Facebook-Live-Video gesagt, dass der Abschiebungstunnel doch auch nur eine FPÖ-Idee gewesen war, die man sogar im Parteibuch fordere. Norbert Hofer war noch damit beschäftigt die Tränen seiner weinenden Verena zu trocken, während Robert Lugar damit beschäftigt war sein Faust in den Hintern von Herbert Kickl zu schieben, der wiederum einfach nur genoss. Eva Glawischnig war gerade mit wichtigeren Problemen beschäftigt (Es ging um eine Intervention bei einen verkühlten Eichelhäher, der nicht korrekt gendernd Tschilpte!) und Alexander Van der Bellen war noch nicht im Amt und hatte deshalb keine Lust seine Rauchpause bis zur Angelobung für internationale Nachrichten zu unterbrechen.
Kurzum: Keine Sau in der österreichischen Bundespolitik wollte sich äußern und kein Schwein von außen wollte Reinhold Mitterlehner zuhören. Es war ein PR-Desaster für das schöne Land in dem wir leben und doch war es 99% der Bevölkerung vollkommen egal, da sie sich zu dieser Jahreszeit sowieso lieber an Glühweinständen Alkoholika in die Rübe goss, als die Nachrichten zu verfolgen. Das alles schrieb Jovan dem Dichterjungen in einer Facebook Message nach Deutschland, während er zwischendurch die Kohlensäure in seinem Champagnergläschen beobachtete.
Mag. Peter Kastner hatte sich gerade ordentlich mit Burgersauce im Chivi bekleckert, als sein Handy vibrierte und er aufspringen musste: „Sorry, Jungs! Ma des is wichtig. Ich muss leider, sorry. Tut mir Leid. Die Arbeit. Meine Güte. Sorry. Tut mir Leid. Theo! Bitte aufschreiben. I zahl später. Ich muss los. Sorry. Ciao!“ Peter gab Theo Kriecher und Max Fellkilt eine Brofist und nahm das Telefongespräch an. „Kastner, Magister, was kann ich für Sie tun? … Miguel? … Was du bist im Hefn?...“ Doch bevor Theo und Max nachfragen konnten was los war, war der Magister schon verschwunden. Die beiden prosteten sich zu, blickten nach draußen auf das Hupkonzert der im Stau stehenden Österreicher und dann wieder auf den Fernseher, der die Hubschrauber-Bilder des ORFs vom vierten Bezirk aus der Vogelperspektive zeigte. „Well...“, sagte der Fellkilt. „That escalated quickly.“
Während Jovan und der Dichterjunge in unaufgeregter Korrespondenz in weit voneinander entfernten Cafés saßen, die Menge hupte und die Medien ihr Süppchen kochten, gab am Karlauer Gürtel plötzlich der Boden nach und die Zelle in der Miguel, Tobias und Andrea mit den zwei Hasen saßen, gab nach. Harri, der sich gerade an der Tändelwiese am Kiosk mit Tschick versorgt hatte, beobachtete, wie ein riesiger Strom Häftlinge aus den Trümmern stieg und auf der Triester Straße gen Süden lief. „HERRLICH!“, rief er, als er sah, wie sich seine drei Saufkumpanen ebenfalls aus dem Staub machten.
Als Sekunden später ein riesiges Polizeigebot damit beschäftigt war entlaufene Insassen wieder einzufangen, stand Bob Tough mit hunderten Flüchtlingen in einem verschütteten Stollen und sah einen Haufen Geröll in einer abwechslungsreichen Mischung mit schwedischen Gardinen durch die hin und wieder Sonnenlicht in den unterirdischen Gang fiel. „Fuck!“, sagte er, dann ging das Licht seiner Fackel aus.















