Mitten im Vierten - Lokalkolorit und Trashgeschichten
Letzte Episode 09 einer echten, Grazer Seifenoper - Finale
Ein Konservendosenpopsong eröffnet das Intro.
Eine Kamera fliegt aus dem Weltall hinab und durchfliegt die Marienstraße. Das Bild wird diagonal geteilt. Während links oben weiter das Viertel gezeigt wird, wird rechts unten Bier gezapft, das Glas geht über, Schnaps wird ausgeschenkt, ein Burger wird gegessen, ein Toast wird getoastet, die Namen der Weltklasseschauspieler blinken immer wieder auf (Michael Ostrowski ist explizit nicht dabei), die Kamera fliegt ins „Herrlich“ und bleibt in der Totalen auf der Registrierkasse stehen. Dieses Bild wird größer, bis es alles ausfüllt und man sieht was auf der Registrierkasse steht:
Mitten im Vierten
HERRLICH
8 x0,3 Murauer à € 2,90
Summe € 23,20
Nach einer Idee von
YANNICK STEINKELLNER
Vielen Dank!
Komm bald wieder!
Eine letzter Gitarrenakkord blendet langsam aus, das Bild wird schwarz, dann geht die Folge los:
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Armin Wolf kratzte sich an der Schläfe. Wieder einmal wollte die aufwendige Internetverbindung zu seinem Außenreporter nicht klappen. „Entschuldigen Sie bitte, die Verbindung nach Graz ins Krisengebiet ist nicht leicht herzustellen. Wie wir bereits wissen, ist unser Kollege Ben Segenreich Vorort und versucht sich einen Überblick über die desaströse Lage in der steirischen Landeshauptstadt zu verschaffen, die sich nach einem, nach derzeitigen Stand, unerklärlichen Strukturversagen der Außenmauern des Gefängnisses Graz-Karlau, in Angst befindet, sind doch nun 522 Insassen auf freiem Fuß.“
Ben Segenreich stand auf dem Dach der Trafik auf der Tändelwiese in Graz und wurde live ins ZiB2-Studio zu Armin Wolf zugeschalten.
„Wie ich sehe konnte die Verbindung nach Graz nun doch hergestellt werden. Ein Wunder der Technik. Grandios von unserer technischen Abteilung. Kollege Segenreich. Was können Sie zum derzeitigen Zustand in Graz sagen?“
Ben Segenreich räusperte sich, dann sprach er:
„Nun. In einem Jahr das mit dem Tod von David Bowie, Gott hab ihn selig, begann, dem Professor Snape folgte, und Prince, und meine Schulkollegin July, und tausende geflüchtete Menschen, tausende gebliebene Menschen, tausende vertriebene Menschen. Terrorismus grassiert quer durch die Bank um den Planeten. Asylantenheime werden zur Vergeltung angezündet. Zwischendurch grassiert ein Zicken-Virus in Brasilien. Die Russen dopen wie die Weltmeister. In der Türkei wird geputscht. Dann doch nicht geputscht. Schmähgedichte sind ein internationales politisches Problem. Österreich spielt bei einer Europameisterschaft mit, weil sie eine geniale Quali spielen und dann spielen s’den größten Topfen seit 4 Jahren. Was hab ich mich geärgert, Armin, meine Güte war das schlecht. Aber nicht nur das. Roger Willemsen, einer meiner absoluten Lieblingsautoren hat den Löffel abgegeben. In Deutschland sind zwei Züge frontal zammen g'fahren. Wo passiert denn sowas noch bitte... Und das Herrlich nimmt sich aus dem Spiel und will ein Nichtraucherlokal werden... Ich mein... Lang steht die Welt nicht mehr, Armin... Ich mein... jetzt haben wir endlich die eine Wahl hinter uns bracht, und jetzt müssen's in Graz scho wieder wählen. Und dann in Deutschland auch. Und Wahlen verheißen in letzter Zeit ja selten was Gutes. Ein Jahr 2016, in dem sich die Briten selbst aus dem Spiel genommen haben und die Amerikaner mit den Briten nachzogen und ebenfalls ihren Untergang in Form eines überalterten Milliardärs mit ausgestopftem Hund als Frisur am Schädl beschlossen. Ein Jahr 2016, in dem James Blunt ein neues Album ankündigt, in dem der SK Sturm eine solide Saison spielt, aber zur Halbzeit schon wieder überholt und entthront wurde und dann verkaufen sie auch noch ihren besten Spieler... ach Gott! Ein Jahr, in dem wir den heimischen Polit-SuperGAU noch einmal abgewandt haben und net den Burschenschaftler, sondern den Typen, der kurz vorm Lungenkollaps gewählt haben, ein Jahr mit neuem Kanzler, aber ohne neuen Bundespräsidenten, obwohl es genau andersrum erwartet worden war. Ein Jahr... Ein Jahr das sich in seinem Herbst befindet, weil es wird eh kein Winter mehr kommen... Umweltbla eh scho wissen, Armin... wo ich mir selbst denke, scheiß die Wand an... Hoit di goschn! Was für ein Witz!? Was für ein Witz! Und dann EIN MAL macht jemand etwas Gutes und gräbt zusammen mit den Flüchtlingen einen verdammten Tunnel bis nach Slowenien und dann bricht der Scheiß Hefn bei der Triester Straße ein und plötzlich ist auf den heimischen Straßen die Hölle los. Aber war ja klar. Wenn das in einem Jahr passieren darf, dann in diesem, weil es is ja eh scho alles wurscht. Mich wundert ja nur, dass wir scheinbar die einzigen sind, die bis jetzt gecheckt haben, dass der Tunnel mit dem Hefen-Kollaps zammenhängt. Aber meine Güte. Halt’ma mal die Kamera drauf. Die werden’s scho bemerken. Is ja eh scho alles wurscht.
Das muss übrigens auch das Motto von Robert Lugar, dem Vorsitzenden des Team Stronach sein. Weil es is ja eh scho alles wurscht... Zumindest was er sagt. Die Relevanz seiner Partei für Österreich ist mit jener eines Fliegenschiss in der Sahara zu vergleichen. Kein Wunder also, dass er sich die Ärmel hochgekrempelt hat und mit beiden Armen voraus tief im Gesäß der FPÖ-Parteigranden abgetaucht ist und seitdem in der braunen Scheiße wühlt, als wäre dort irgendetwas nachhaltig Gutes zu finden. Wobei ich ja einen Satz aus der Pressestunde schon gut fand: „Das Volk entscheidet bei der Wahl, welche Partei relevant ist und welche nicht.“ Und da freue ich mich dann ja schon auf die Relevanz, die dann am Ende für den Herrn Lugar und Konsorten rausschaut. Und wenn du mich jetzt fragst, was ich zum Zustand in Graz sagen kann... Nun ja... Ganz ehrlich... Wundert's dich? In Graz, wo das ganze Jahr über nichts passiert... wo der größte Skandal ist, wenn zwei Straßenbahnen hintereinander pünktlich sind, weil die Leute sich dann über nichts beschweren können, da ist es ja dann wohl ganz klar, dass die Volksseele danach verlangt, dass einmal was passiert. Die geschundene, Grazer Seele, nach dieser tragischen Amokfahrt, die lacht sich einen ab über diese paar Insassen, die da nun mit der Polizei Katz und Maus spielen, weil samma uns ehrlich – es gibt ja nix Schöneres, als a paar übergewichtige Kiwara, de sich beim Laufen die Hosen oben halten müssn, damit sie's net verlieren bei der Verbrecherjagd. Wemma uns ehrlich sind – Ohne Kommissar Rex sind de ja alle dazu verpflichtet ständig Wurstsemmerln selber zu essen und schau da an was aussa kummt... Das ist ja unterhaltsamer als Verstecken und Abklatschen im Kindergarten.“
„Wie reagiert die lokale Politik auf die derzeitigen Geschehnisse?“
„Nun ja, man muss sagen, dass ich diesbezüglich sehr positiv überrascht bin. Zwar hat der Eustacchio gleich mal wieder den besten Sager aussi lassen, aber „Graz darf nicht Aleppo werden“ fand dann doch sogar der Mann von der Straße – hab vorher extra einen befragt – ein bisserl zu reißerisch formuliert. Die Elke Kahr war eh vorher noch in einer Gemeindewohnung auf der Tändelwiese zur Wohnungsbegehung und hat dann gesehen, wie die Häftlinge die Triester Straßen runtergerannt sind. Mehr als ein „Freundschaft!“ war ihr dann aber doch nicht zu entlocken. Die Wirnsberger von den Grünen soll angeblich auch da gewesen sein und irgendeine Stellungnahme abgegeben haben, leider weiß keiner wie die aussieht. Keiner konnte mir sagen wer genau das ist. Und bevor ich die Stellungnahme von irgendwem reinschneide, lass ich das lieber bleiben. Einige waren überrascht, dass nicht mehr die Rücker die Chefin ist. Aber was PR-Arbeit angeht, da waren die Grünen ja eh nie wirklich die besten. Jedenfalls ist die Rücker scheinbar net mehr Chefin von den Grünen Graz.“
„Ach? Das wusste ich auch nicht. Ich muss gleich mal schauen, ob ich diese Wirnsberger auf Twitter finde. Was ist mit dem Bürgermeister und den Roten, Ben?“
„Naja, Armin, die Roten gibt es in Graz ja bekanntlich nicht mehr, dementsprechend hat sich das ja dann von selbst erledigt. Der Bürgermeister war jedenfalls grad mit seinem Moped unterwegs und konnte nur im letzten Moment ausweichen, als von hinten mit rasantem Tempo die Häftlingswelle angerollt kam.”
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Einspieler: „Die haben mich anvisiert! Ich konnte mich in Sicherheit bringen. Ich habe so etwas noch nie erlebt“, so Nagl fassungslos. Und weiter: „Es wird alles abgesagt. Alle Feierlichkeiten, Feste, wir werden schwarze Fahnen aufhängen. Ich bin noch nie über die Triester Straße gegangen und habe eine solche Stimmung erlebt“, kämpfte Nagl mit den Tränen. Einspieler ENDE
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“Jedenfalls scheint die Idee mit den schwarzen Fahnen ja auch nur Wahlwerbung zu sein. Die Lokalpolitik in Graz war immer sehr offen für kreatives, opportunistisches Stimmenwerben. Es scheint tatsächlich ganz allein der Exekutive überlassen, dieses Problem zu regeln, Armin.“
„Die Politik kümmert sich also nicht um ein aktuelles Problem. Alles beim Alten in Graz. Danke für diese ausführliche Analyse an Ben Segenreich nach Graz.“
Jovan schaltete den Fernseher in seinem Wohnzimmer aus und nahm sein Mobiltelefon. „Bob? … Nein, im TV weiß noch keiner außer dem ORF, dass der Tunnel der Grund für ein Einsturz in der Karlau is. Können wir euch irgendwie da rausbekommen?“
Der Dichterjunge stand mit einer Zigarette in der Hand vor dem riesigen Steinhaufen in Herne. Er wollte wieder nach Hause. Immer wieder ging er ein paar Schritte nach links und nach rechts und versuchte einen Weg zwischen den Steinen zu finden, durch den er sich zwängen konnte. Das schwarze Loch musste sich unter dem Schutt befinden. Schließlich fand er eine Lücke, die es ihm ermöglichte ein paar Meter in den Gesteinshaufen vorzudringen.
Nora stand währenddessen im Herrlich-Keller und rauchte eine Zigarette. Sie hatte vom Einsturz der Karlau gehört und gehofft, dass die Fugees und Bob schon daran vorbei waren, doch mittlerweile wartete sie zu lange. Offensichtlich hatte der Tunnel zu früh nachgegeben. Joe hatte wieder einmal recht gehabt. Wieder einmal war das Handwerk der Herrlich-Mitarbeiter zu schlampig gewesen. Wieder einmal hatte man Berechnungen nicht gründlich genug durchgeführt. Wie damals, als Löcher in die neue Karte gebohrt werden sollten und Tobias sich vermessen hatte, aber man erst drauf kam, als es schon zu spät war. Sie seufzte laut auf, als es hinter ihr laut rumpelte. Überrascht fuhr sie herum und entdeckte den dreckigen Dichterjungen, der sich aufrichtete und den Staub von der Kleidung klopfte. „Heast, Dichterjunge! Gut, dassd da bist. Heut' könnt dich tatsächlich mal jemand gebrauchen.“
Harri kam in die Liese gestürmt. „Leute, was da auf der Triester Straße los is – ihr werdet's es net glauben. Absolut herrlich!“ Er blickte in die Runde, wo alle Leute gebannt auf den Fernseher starrten, wo bereits eine Live-Übertragung von Russia Today das Geschehen auf der Triester Straße zeigte. „Is auf allen Kanälen, brauchst uns nix dazöhln“, sagte sein Kollege Nils von hinter der Bar. Kurz streichelte er sein Wohlstandsbäuchlein, rückte sein teures Brillengestell zurecht um „A Kleines zum Owekumman?“ hinzuzufügen. Heli zündete sich eine Zigarettean und setzte sich zum Erzherzog an die Bar. Sie prosteten sich zu und schauten gebannt in den Fernseher, wo gerade zwei Häftlinge ihre freien Füße dafür einsetzten, um einem übergewichtigen, gestolperten Polizisten ein wenig in den Bauch zu treten. „Herrlich“, sagte Harri. Der Erzherzog nickte zustimmend.
Ein Auto fuhr vor dem Herrlich vor und der Dichterjunge und Nora stiegen ein. Jovan saß am Steuer und ließ die Reifen quietschen, sobald die beiden eingestiegen waren: „Solang die Cops wie die aufgscheuchten Hühner auf der Straße hinter den Häftlingen her sind, hamma a Chance, dass wir den Bob und seine Fugees da rausholen, ohne dass es wer verhindert.“ Der Dichterjunge küsste Jovan den Ring bevor er sprach. „Aber alleine, ohne Werkzeug, kommen wir doch nie runter in den Tunnel, oder?“ „Runterkommen brauchma ja net. Wir müssen nur schauen, dass wir einen Durchgang bohren, damit die Leute rauskraxln können“, bemerkte Nora. „Exakt“, sagte Jovan. „Aber womit sollma denn Graben und des ganze Geröll zur Seite schaffen?“, der Dichterjunge ließ nicht locker. „Ich mein … meine zarten Dichterjungenhände dapacken des doch net. Die sind doch so zart und können gerade einmal einen Stift über ein Blatt Papier führen.“ Nora gab dem Buben eine Gnackwatschn, während Jovan den Kopf schüttelte und mit gepflegten 120 km/h über den Griesplatz radierte.
Tobias, Miguel, Andrea und die zwei Hasen waren gerade im Begriff auf der Flucht die Straße am Griesplatz zu überqueren, als ein schwarzer Kombi mit 120 Sachen angerauscht kam, Andrea die beiden Kollegen gerade noch zurückhalten konnte und der Volvo zu spät zum Stehen kam und die zwei Hasen durch die Luft flogen. „NA! Net meine geilen Hasn!“, schrie Miguel entsetzt. Jovan stieg aus dem Auto und rief: „Geh scheiße! Den Blechschaden hab i grad no braucht.“ Tobias drehte die Augen über und stieg mit Andrea ins Auto. „DICHTERJUNGE! HE! DU! DA!“, erstmals seit Folge 1 sah man ein Lächeln im Gesicht des Herrlich-Angestellten. Der Dichterjunge freute sich ebenfalls sichtlich Tobias und Andrea zu sehen. Während die drei am Rücksitz den Lend-Tratsch der letzten Monate austauschten, versuchte Miguel verzweifelt seine beiden Hasen wieder zum Laufen zu bringen. Während Miguel den einen Hasen neben dem Auto 'beatmete', zog Jovan den anderen Hasen auf den Gehsteig, rief die Rettung und stieg ins Auto. Miguel, so sehr ins 'Beatmen' vertieft, bemerkte nicht, wie Jovan mit den anderen Richtung Karlau weiterfuhr.
Russia Today hatte Wolfgang Sobotka in Deutschland aufgespürt. Vor einem Puff in Köln stand er der russischen Reporterin auf Englisch Rede und Antwort: „Yes I heard there was a problem in Graz. Some escape from the Karlau prison. Yes. Apparently I have not been briefed yet what we should do. It is not my fault. All you have to know. I was not there. With me there are no bad things happen in Austria. Because I am Law and Order! But I will make Austria great again. No Problem. Just give me...“ Sobotka dreht sich kurz zum Puff hinter ihm. „...Just give me about 30 Minutes and then I will be ready to solve any problem in the world. And now sorry. I have an appointment.“ Sobotka zwinkert, dann dreht er sich um und geht ins Puff.
„Is des der Volvo vom Jovan?“, fragte Harri in die Runde, als er über die Helikopterkamera sah, wie im Trubel auf der Triester Straße ein schwarzer Kombi am Gefängnis hielt. Tobias, Andrea, Jovan, Nora und der Dichterjunge stiegen aus. „Schaut fast so aus“, sagte der kleine Nils. Gespannt verfolgte man in der Liese, wie an die neun Lieferwägen von Bauunternehmen um den Volvo hielten und mehrere Dutzend illegale Arbeiter vom Balkan mit Bauwerkzeugen bewaffnet ausstiegen. Einer davon trug Anzug und gab Jovan eine Brofist.
„Was zum Teufel?“, sagte der Dichterjunge zum wenig beeindruckten Tobias, als der Mann im Anzug Jovan mit einer Brofist begrüßt hatte. Nora hatte ihr Handy bereits in der Hand und die Koordinaten von Bob Tough aus dem Tunnel geschickt bekommen. Sie kletterte in den Ruinen der Karlau umher, bis sie sich genau über Bob befand. „Do sans drunter!“, winkte sie Jovan. Jovan gab dem Anzugmann noch einmal eine Brofist, sagte “Hvala, brate!” und deutete ihm, dass bei Nora die Arbeit wartete. „Das is Jovan sei Bruder aus Zagreb. Der hat a paar Bauunternehmen in Jugo unten und immer wieder a paar Schwarzarbeiter in Österreich. Zumindest vermittelt er viele“, erklärte Tobias, während im Hintergrund die Schwarzarbeiter in Windeseile begannen sich nach unten vorzubohren, zu graben und Steine auf die Seite zu werfen. ZAPPZARAPP! Und schon brachen sie im Tunnel durch. Die ersten Flüchtlinge wurden bereits aus den Trümmern hoch gezogen und in die Lieferwägen geleitet. Sobald der erste Lieferwagen voll war, fuhr er zu den Flüchtlingsunterkünften, wo die bereits in Österreich lebenden Flüchtlinge auf die Familienzusammenführung warteten. So ging das für die nächsten 30 Minuten weiter. Während weit entfernt Wolfi Sobotka seine 30 Minuten im Puff verbrachte. Es war ein Spiel mit der Zeit.
„Krass!“, sagten Erzherzog, Nils und Harri gleichzeitig in der Liese vor dem Fernseher, als sie sahen, was ihre Freunde vom Herrlich da abzogen.
Sämtliche Fernsehanstalten hatten aufgehört das Chaos auf der Triester Straße zu filmen und konzentrierten sich auf das soziale Wunder, das ein paar Schwarzarbeiter zusammen mit Flüchtlingen und Bewohnern des Lendviertels vollbracht hatten. Als schließlich Bob Tough als letzter Mensch aus dem Tunnel gezogen wurde und fast alle Fugees bereits abgefahren waren, brandete von einer riesigen Grazer Zuschauerschar, die durch die TV-Berichte auf das Happening aufmerksam gemacht worden war und sofort zum Ort des Geschehens gepilgert war um die üblichen Schaulustigen wie bei allen Happenings abzugeben, ohrenbetäubender Applaus und Jubel auf. Ein Helikopter landete und Christian Kern stieg aus, ging zum stolz weinenden Bob Tough und dem gefassten Jovan schüttelte ihnen Medienwirksam die Hände und gab Jovan außerdem einen Kuss auf den Ring. Vor den TV-Geräten flossen weltweit Tränen. Noch nie hatte es auf der Welt eine derartig solidarische Aktion gegeben. Als die Mikrofone bei Bob, Jovan und Chris Kern angekommen waren, sagte der Kanzler gerade: „Wir brauchen eine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik. Danke, dass ihr mir den Glauben an das Sozial in Sozialdemokratie wiedergegeben habt.“
Als am nächsten Tag die Bauarbeiter von Jovans Bruder anfingen die Triester Straße zusammen mit einigen anderen Baufirmen wieder instand zu bringen und die Karlau als Baustelle eingezäunt wurde, herrschte im Lendviertel ein riesen Menschengedränge. Sogar die Spießer und Schnösel aus 8010 waren gekommen und wollten sehen, wo diese sozialen Menschen, die sich um ihre Mitmenschen mehr kümmerten, als um politische Streitigkeiten und Lobbyismus, überhaupt herkamen. Die Liese machte einen Rekortumsatz zwischen 11 und 18 Uhr. Erstmal war tagsüber etwas los in der Bar, während das Herrlich wegen „Betriebsurlaub“ geschlossen hatte. TV-Stationen interviewten etliche Lendbewohner – die ganze Stadt war stolz auf das Viertel, das Graz weltweit ein positives, solidarisches Image verliehen hatte und Magister Peter Kastner, Theo Kriecher und Maximilian Fellkilt verteilten Gewinnerbrofists an alle Menschen im Viertel, die mit ihnen einen Pfiff Bier tranken. Dank dem gar nicht so toughen Bob Tough hatte es weltweit eine solidarische Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge gegeben. Der IS war implodiert und hatte die Waffen niedergelegt, weil er nicht mehr wusste, wo er als nächstes einen Terroranschlag planen sollte, wenn nun plötzlich alle Länder down miteinander waren... Friede, Freude, Eierkuchen und nur noch etwa 50-100 andere Kriege, die nicht nur der Lend alleine lösen konnte.
Bevor der Dichterjunge am folgenden Tag fröhlich im Flieger nach Deutschland saß, da er sich entschieden hatte, sein Glück in der Fremde zu versuchen, weil er bei seiner kleinen Odysee durch das schwarze Loch im Herrlich-Keller eigentlich sehr gute Erfahrungen gemacht hatte, schrieb er nach seinem Abschiedsbier noch folgende Zeilen über das Pissoir auf die Wand der Liese-Toilette:
„Der Lend ist ein Zuhause für jeden. Mitten im Vierten sind alle daheim.
Scheißt's euch net an, bei uns ist man Mensch, im Lend darf jeder sein.“
Ende der Geschichte.












