Montag, 8. Oktober
Zwischen online und offline
7:12:
Vor mir liegt die Printausgabe meiner Tageszeitung. Ich lese einen Artikel über das Bild „Girl with a Balloon“ des Künstlers Banksy. Es wurde letzte Woche für 1,2 Millionen Euro bei Sotheby’s versteigert. Unmittelbar nach dem Zuschlag hat sich das Werk selbst zerstört – der Künstler hatte einen Schredder eingebaut. Im Artikel wird auf den Instagram-Account von Banksy hingewiesen, auf dem er ein Video der Versteigerung und der Selbstzerstörung des Bildes hochgeladen hat. Ich greife zum Mobiltelefon und schaue mir das Video auf Instagram an.
9:28:
Ich schreibe an einem Text über ein Thema, zu dem ich schon seit mehreren Jahren forsche. Ich habe meine Argumentation auf einem Blatt Papier als Sketchnote skizziert. Die Einleitungssätze habe ich mir schon gestern Abend überlegt; sie sind schnell in mein Schreibprogramm am Computer getippt. Ich möchte die Relevanz des Themas mit einem Zitat untermauern. Ich schaue in mein Bücherregal, greife zu einem Buch, indem ich ein passendes Zitat vermute. Ich blättere zuvor und zurück, bis ich die Stelle gefunden habe und tippe ab. Mir fällt auf, dass das Buch nicht mehr ganz taufrisch ist. Gibt es etwas Neues von der Autorin? Ich öffne Google Scholar, recherchiere sie. Nein, es gibt keine jüngeren Veröffentlichungen von ihr. Dafür stoße ich auf einen Text, in dem die Autorin zitiert wird. Im letzten Jahr erschienen. Gibt es den online? Nur hinter einer Paywall – für 39,95 Dollar. Also ResearchGate. Der Text wurde noch nicht hochgeladen; ich schreibe eine E-Mail an die schwedische Kollegin, die ihn geschrieben hat. Danach kehre ich zu meinem eigenen Manuskript zurück. Ich schaue auf meine Sketchnote. Nach dem Zitat sollte noch der Verweis auf ein anderes Buch kommen. Ich suche ihn in meinem Literaturverwaltungsprogramm, aber dort ist er noch nicht hinterlegt. Also muss ich ihn noch einpflegen, mpfh. Der Text stammt von 1993, ihn gibt es nur gedruckt, zum Glück habe ich ihn. Ich scanne den Text am Kopierer, schicke ihn mir von dort per E-Mail und speichere ihn auf meinem Rechner im Literaturverwaltungsprogramm. Jetzt noch den Zitationscode in mein Manuskript hinein und weiter geht es.
So fließen Analoges und Digitales ineinander. Ich empfinde das nicht einmal als eine Grenze, die ich überschreite, sondern beides ist Teil des ‚Workflows‘. In meinem Alltag wechsle ich ständig zwischen Stift und Tastatur, zwischen Papier und Bildschirm, zwischen online und offline.
(Helen Knauf)












