29. September 2018
Informatik an der TU Berlin, 1970ff., ein Alumnitreffen (aus Nicht-Alumna-Perspektive beobachtet)
Ob ich zu einem Treffen von ehemaligen Informatikstudierenden mitkommen wolle, die in den 70er Jahren als erste an der TU Berlin das Fach belegt hätten, wollte mein Patenonkel wissen, und schickte eine Liste der Titel der Vorträge, die bei diesem Treffen gehalten werden sollten. Ich will gern mitkommen, Disziplinengeschichte interessiert mich immer.
Das Treffen findet in einem Seminarraum an der TU statt, als wir ankommen, sind schon fast alle da, da man sich nur alle paar Jahre trifft, tragen alle Namensschilder, das Wiedererkennen scheitert also nicht am Aussehen. Mein Patenonkel erkennt sogleich seinen ersten Algo-Lehrer, ich kenne niemanden und setze mich nach hinten, das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 60, die Geschlechterverteilung ist relativ paritätisch, hätte ich anders erwartet, aber ich habe ja auch keine Ahnung. Das Organisationskommitee stellt sich vor und bittet die ehemalige „Institutssekretärin“ nach vorn, die sich in die letzte Reihe gesetzt hat und nach Aufforderung doch dazukommt, „Ich war Programmiererin! Immer schon Programmiererin!“ rufend. Es geht eine Speisekarte des Lokals „Giraffe“ rum, in dem man später noch zusammensitzen will, eingetragen werden sollen die Speisewünsche: Der Verbleib dieser Speisekarte rhythmisiert den Verlauf des Treffens, zwischen den Vorträgen wird regelmäßig der Fortschritt der Abendbrotplanung abgefragt.
Der erste Vortrag („IBM 360/67. Unsere Rechenanlage“) handelt zunächst von der Verteilung verschiedener anderer Rechenanlagen an der TU Berlin, die von Konrad Zuse entwickelt worden waren, mitschreiben konnte ich das Folgende: 1956 besaß das Institut für Technische Optik eine Z11, 1957 war eine Z22 im Institut eines Prof. Haack vorhanden, die allerdings aus den Mitteln angeschafft werden musste, die Firmen der Forschung bereitgestellt hatten, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) lehnte zu dieser Zeit die Finanzierung ab. 1961 erhielten das Institut für Mechanik, das Institut für Kraftwerkstechnik und das Institut für Bauingenieuerwesen eine Z23. Diese Aufzählung ist unvollständig, die nächste meiner Aufzeichnungen betrifft schon die IBM 360. Wie in vielen anderen Beiträgen wird darauf verwiesen, dass man leider keine Originalaufnahmen der Rechner und Terminals habe, weshalb die Vortragenden auf Stockfotos bzw. irgendwelche symbolischen Bilder zurückgreifen, die das Vorgetragene zu illustrieren haben.
Dem Vortragenden ist es wichtig zu betonen, dass es zu dieser Zeit (frühe 1960er) keinen militärischen Auftrag zur Entwicklung der Rechner gegeben habe, später sei das anders gewesen, Vergleiche zum amerikanischen System werden gezogen. Informiert wird insbesondere über die horrenden Kosten, die der Betrieb der Rechner, und insbesondere des Speicherplatzes verursachte. IBM verlieh zuerst Speicherplatz nur und verkaufte keine Speichermedien an die Universitäten, die Miete für 250 KB Speicher betrug laut Vortrag 25.000 DM (die andere für die Nachgeborenen atemberaubende Zahl sind 1 Mio DM, die für „das zweite MB“ Speicher anfielen, deren Anschaffung offenbar Gegenstand von Kontroversen im Institut gewesen war, eine Teilnehmerin stellt sich dem Auditorium als „eine derjenigen, die damals dafür gestimmt haben“ vor). Informationen wie diese führten im Publikum, das rein aus Zeitzeug*innen besteht, zu großem Gemurmel, teils zustimmend, teils ungläubig, in allen Vorträgen unterbrechen immer wieder diejenigen, die ihre eigenen Erfahrungen als Korrektiv einbringen wollen. Der erste Vortrag schließt mit einer vermutlich auf Videokassette aufgenommenen und dann digitalisierten Aufnahme einer Fernsehsendung aus dem N6, die über die Freuden und Probleme der Elektronischen Datenverarbeitung berichtet. Zumindest nehme ich das an, da im Seminarraum der TU niemand dazu in der Lage ist, die Lautsprecher zu aktivieren, sodass die Präsentation allein durch das Referat des ersten Vortragenden untermalt werden muss. In dieser Sendung sieht man einen Studenten mit stattlichem schwarzen Schnubbel, der durch einen Büro- oder Institutsflur einen riesigen Stapel Lochkarten trägt, als ihm diese aus dem Arm fallen und nun seine ganze schöne Arbeit völlig durcheinandergerät, setzt er sich verzweifelt auf den Boden und zerfetzt so viele Lochkarten wie möglich. Referent: „Dieser Student ist Joseph Weizenbaum!“ Diese Mitteilung verfehlt ihre Wirkung nicht, großes Hallo. Nun folgt ein Vortrag über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Informatikstudiums in Bremen und Berlin; worin genau die an beiden Instituten angeblich vorherrschende gesellschaftskritische Grundeinstellung lag, ist schwer herauszufinden. Als an vollkommene andere fachliche Habitus gewöhnte Zuhörerin bin ich auch immer wieder abgelenkt von der Präsentationsform der Vorträge; die meisten eint eine große Vorliebe für PPT-Folien mit einer größtmöglichen Anzahl von Bulletpoints, die gern auch spannungsvoll eingerückt werden, nicht immer bin ich bei der Suche nach einer Pointe erfolgreich.
Der folgenden Vortrag hält mich hingegen durch ein paar immer wieder strukturierend eingesetzte Hooklines bei der Stange, „Informatik – muss da nicht Knoblauch dran“ sei sie früher häufiger gefragt worden, so die Vortragende, und dass niemand etwas mit der Geschichte habe anfangen können, dass sie ihren Mann „am Terminal“ kennengelernt habe. „Wir Informatiker hatten es früher leichter“ so der Titel des Vortrages: diese These bezieht sich in erster Linie auf immer komplexer werdende digitale Infrastrukturen, und insbesondere auf die Idee der Software als Blackbox, die niemand mehr verstehen könne.
Ohnehin ist das gesamte Treffen auf für mich überraschende Weise durch ein kulturkritisches Klima geprägt, nicht nur die Software würde immer unverständlicher, sondern auch die Studierenden der Informatik immer unkritischer („Heute kann man ja alles an die Tafel schreiben, ohne dass sich jemand beschwert!“). Während Fragen dieser Art breit diskutiert oder eher ventiliert werden, fallen diejenigen über die Wissensansprüche der Informatik als Leitdisziplin zur Bereitstellung von Steuerungstechniken aller Art grundsätzlich flach (dafür erfährt man einiges über verschiedene Studienordnungen, die allererste sah beispielsweise keine festgelegte Studiendauer vor, man konnte bleiben, so lange man wollte). Dass sich das Fach aus der Mathematik und Elektrotechnik entwickelte, wird zwar erwähnt, aber daraus ergeben sich vor Ort keine Diskussionen dazu, was es denn nun bedeutet, dass diese Verfachlichung in erster Linie dem Vorhandensein von bestimmten Rechenanlagen folgte, deren Verfahren zu theoretisieren (und bspw. auf gesellschaftliches Handeln zu beziehen) dann Gegenstand der Informatik und der Fächer, die sich für Informatik interessieren, werden konnte. Allerdings: Bei diesem Treffen handelt es sich um Freizeitveranstaltung, eine Art Klassentreffen von Informatikalumni, die sich auf das Abendessen in der „Giraffe“ freuen und darüber, ein Gruppenfoto zu machen und sich gemeinsam zu erinnern, meine eigenen universitäts- oder wissenshistorischen Interessen darauf zu projizieren, ist unpassend. Aber trotzdem. Hätte man nicht. Sollte man nicht doch. Egal.
Der folgende Vortrag betrifft die besondere Affinität, die Trans*menschen laut Vortragender zur Informatik hätten: Begründet wird diese These damit, dass eine der ganz grundlegenden Probleme, der sich die Informatik ja immer wieder stellen würde, die einer Software sei, die nicht nur zur Hardware passe – da dies eine sehr gute Metapher dafür sei, wie sich Trans*menschen in ihrem Körper fühlten, nehme sie, die Vortragende an, dass sich Trans*menschen eben besonders zu dem Fach hingezogen fühlen, in dem man diese Problematik eben in einem anderen Medium bearbeiten könne. Dieser Vortrag wird in großer Stille aufgenommen, spürbar überwindet sich die Vortragende, ihre eigene Biographie mit der Fachgeschichte zu überblenden. In noch größerer Stille nimmt das Publikum ein Blackout zur Kenntnis, währenddessen die Vortragende vor den Tischreihen des Seminarraums auf und ab geht, bis einer der Organisatoren fragt, ob sie nun eine Pause machen wolle, ja, Pause, alle raus, rauchen, reden, wieder rein, weiter im Text. Kein Problem.
Der letzte Vortrag ist der des Psychoanalytikers/Informatikers, der allerdings so lange über ein Modell des Unbewussten spricht, dass die Redezeit vorbei ist, als man dazu hätte kommen können, wie dieses nun mit der frühen Informatik zusammenhängt. Zu erahnen ist, dass er darauf hinauswill, dass man in beiden Fällen mit Graphen arbeitet. In der Diskussion, in der zunächst wenig überraschende Einwände gegen die Psychoanalyse an sich vorgebracht werden („veraltet“, „alles neuronal“), sagt der Referent, dass insgesamt der Zusammenhang doch recht schwach ausgebildet sei.
Gute Nachrichten für die Wissenschafts- und Technikgeschichte, es gibt viel zu tun.
(Hanna Engelmeier)












