Leiden am Überfluss 3
W. E. Hill, Public domain, via Wikimedia Commons
Jeder kennt das optische Phänomen des Vexierbildes: In einem Bild sieht man zwei völlig verschiedene Bilder, die man nicht von einander trennen, aber dennoch getrennt betrachten kann. Im selben Bild sieht man etwas Verschiedenes: Junge Frau/Alte Frau.
Man kann aus diesem Phänomen ein lustiges Rätselspiel machen: Ist das Zebra ein weißes Tier mit schwarzen Streifen oder ein schwarzes Tier mit weißen Streifen? Dieses Phänomen lässt sich auch literarisch in vielen Varianten anwenden. Bekannt ist die Figur Tur Tur in einem Kinderbuch von Michael Ende. Der Scheinriese, ein Fabelwesen, das immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Alles eine Sache der Perspektive, des Betrachters: 6 ist gleich 9. Oder auch nicht. Wer soll da Recht haben, wenn es darauf ankommt, etwas zu zeigen, das andere sehen könnten, aber nicht sehen müssen?
Genau so verhält es sich mit einer Gesellschaft der Zuvielisation (sic!). In ihr gibt es von allem zu wenig. Viel zu wenig. Das ökologische Problem der modernen Welt ist das Leiden am Überfluss, woraus eine spezifische Mangelerfahrung resultiert: Warum ist es nicht möglich, die Überfülle, die auf der einen Seite anfällt, auf der anderen Seite zu verteilen, wo ein extremer Mangel herrscht? Ich meine damit die globale Ungleichverteilung von Gütern und Lebensschancen. Drastisch formuliert: die einen verrecken an der Armut, die anderen am Luxus. Wo immer aus diesem Missstand ein ethisches Problem gemacht wird, findet man niemals eine Lösung. Denn auch das ethische Räsonnement ist ein wohlfeiler Luxus, den niemand gleich verteilen kann.
Bücher gelten als Symbol für Belesenheit, Gelehrsamkeit und Klugheit. Die industrielle Trivialisierung dieses Gebrauchgutes hat daran niemals etwas geändert. Aus diesem Grund möchte man Bücher nicht wie alle anderen Gebrauchsgüter behandeln, obwohl sie wie alle anderen in den Verkehr kommen: durch Kommerz.
Seit etwa 20 Jahren werden überall auf der Welt offene Bücherschränke eingerichtet. Jede Installation eines Bücherschranks beruht gewiss auf der Anstrengung einzelner, aber keine Anstrengung einzelner kann die Anstrengung aller hervorrufen. Und trotzdem kommt es dazu. Meine Vermutung ist, das diese Anstrengungen nicht ethisch motviert sind, sondern aufgrund einer sozialen Inklusionsleistung entstehen.















