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Der Überfluss an Dingen verbarg den Mangel an Ideen und die Abnutzung von Überzeugungen.
Annie Ernaux: “Die Jahre”, S. 93
Warum muss man eigentlich immer um alles wetteifern? Ich bin so müde davon. Es ist doch für alle mehr als genug da. Genug Platz und genug Zeug und überhaupt eigentlich ist es nicht nur genug sondern viel zu viel.
Worttreiben
Wie viele Konfettikanonen braucht das Land?
Clueso - Anderssein
Doktrin der verlorenen Demut
Nimm nicht mehr als du brauchst und gib nicht weniger als du kannst!
Der wesentliche innere Widerspruch des modernen Kapitalismus ist der zwischen der Möglichkeit kostenloser, im Überfluss vorhandener Allmendeprodukte und einem System von Monopolen, banken und Regierungen, die versuchen, ihre Kontrolle über die Macht und die Informationen aufrechtzuerhalten. Es tobt ein Krieg zwischen Netzwerk und Hierarchie.
Paul Mason: “Postkapitalismus”, S.196
Leiden am Überfluss 3
W. E. Hill, Public domain, via Wikimedia Commons
Jeder kennt das optische Phänomen des Vexierbildes: In einem Bild sieht man zwei völlig verschiedene Bilder, die man nicht von einander trennen, aber dennoch getrennt betrachten kann. Im selben Bild sieht man etwas Verschiedenes: Junge Frau/Alte Frau.
Man kann aus diesem Phänomen ein lustiges Rätselspiel machen: Ist das Zebra ein weißes Tier mit schwarzen Streifen oder ein schwarzes Tier mit weißen Streifen? Dieses Phänomen lässt sich auch literarisch in vielen Varianten anwenden. Bekannt ist die Figur Tur Tur in einem Kinderbuch von Michael Ende. Der Scheinriese, ein Fabelwesen, das immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Alles eine Sache der Perspektive, des Betrachters: 6 ist gleich 9. Oder auch nicht. Wer soll da Recht haben, wenn es darauf ankommt, etwas zu zeigen, das andere sehen könnten, aber nicht sehen müssen?
Genau so verhält es sich mit einer Gesellschaft der Zuvielisation (sic!). In ihr gibt es von allem zu wenig. Viel zu wenig. Das ökologische Problem der modernen Welt ist das Leiden am Überfluss, woraus eine spezifische Mangelerfahrung resultiert: Warum ist es nicht möglich, die Überfülle, die auf der einen Seite anfällt, auf der anderen Seite zu verteilen, wo ein extremer Mangel herrscht? Ich meine damit die globale Ungleichverteilung von Gütern und Lebensschancen. Drastisch formuliert: die einen verrecken an der Armut, die anderen am Luxus. Wo immer aus diesem Missstand ein ethisches Problem gemacht wird, findet man niemals eine Lösung. Denn auch das ethische Räsonnement ist ein wohlfeiler Luxus, den niemand gleich verteilen kann.
Bücher gelten als Symbol für Belesenheit, Gelehrsamkeit und Klugheit. Die industrielle Trivialisierung dieses Gebrauchgutes hat daran niemals etwas geändert. Aus diesem Grund möchte man Bücher nicht wie alle anderen Gebrauchsgüter behandeln, obwohl sie wie alle anderen in den Verkehr kommen: durch Kommerz.
Seit etwa 20 Jahren werden überall auf der Welt offene Bücherschränke eingerichtet. Jede Installation eines Bücherschranks beruht gewiss auf der Anstrengung einzelner, aber keine Anstrengung einzelner kann die Anstrengung aller hervorrufen. Und trotzdem kommt es dazu. Meine Vermutung ist, das diese Anstrengungen nicht ethisch motviert sind, sondern aufgrund einer sozialen Inklusionsleistung entstehen.
Leiden am Überfluss 2
Rhilber, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons
Überall im Alltag kann man Überflussphänomene feststellen. Die Aufstellung von offenen Bücherschränken ist dabei nur ein Phänomen unter vielen anderen.
Ich habe mal eine Statistik gelesen, derzufolge in einem durchschnittlichen Haushalt 10.000 verschiedene Gegenstände vorhanden sind. Was man von einer solchen Statistik halten soll, kann man verschiedenen bewerten; allein, es reicht die Information, dass jeder Menschen sehr viel mehr Gegenstände besitzt als er alltäglich nutzen kann. Alle diese Gegenstände wurden energieaufwändig industriell gefertigt und gekauft von einem Geld, das durch diese Produktivität erst in Umlauf kommen kann.
Die daraus resultierende ökologische Problemsituation ist hinlänglich bekannt und wird seit den 1970er Jahren, also seit ca. 50 Jahren ununterbrochen ventiliert, ohne, dass sich in der Zwischenzeit irgendetwas ereignet hätte, das daran etwas ändern könnte.
Im Gegenteil hat man den Eindruck, dass dieses Wachstum immer weiter gehen soll, nur, dass sich jetzt seine Farbe ändert. Grün soll es sein, aber weiter gehen soll es trotzdem, ohne Rücksicht auf die Fraglichkeiten, die damit verbunden sind. Denn dass Wachstum nicht immer weiter gehen kann, glaubt jeder, der weiß, wie viele Tassen er im Schrank hat. An dieser Einsicht ändert sich nichts, wenn man das Wachstum grün anmalt.
Nichts hat sich an der bekannten ökologischen Problemsituation in den letzten 50 Jahren geändert. Wachstum heißt: immer mehr von allem: mehr Waren, mehr Fabrikananlagen, mehr Straßen, mehr Verkehr, mehr Arbeits-, Kredit-, Miet- und Kaufverträge, mehr Konflikte, mehr Gesetze, mehr Justiz, mehr Bürokratie, mehr Staatsverschuldung, mehr Arbeitslosigkeit, mehr Krankheiten und immer so weiter. Von allem gibt es immer mehr, das heißt, dass paradoxerweise auch immer mehr Schäden, Defizite und Mängel in Erscheinung treten. Wie bitte? Es gibt auch einen Überfluss an Mängeln?
Betrüblicherweise lautet die Antwort ja. Die Überflussproduktion der Gesellschaft ist soweit über den Rand alles Vorstellbaren hinaus gewachsen, dass sie genau das, wofür sie ehedem als Lösung zur Welt gekommen war, wieder in die Welt setzt: Mangelerfahrung. Denn es waren vor allem die Mangelerfahrungen des 19. Jahrhunderts, die durch die Industrialisierung entstanden waren, welche die Voraussetzungen für dieses Wirtschaftswachstum darstellten. Diese Mangelerfahrungen wurden zwar beseitigt, nicht aber ohne sie durch eine anders geartete Mangelerfahrung zu ersetzen.