Walter sein - Was ist Jetzt, wenn man sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann?
Mitten in der Stadt, möglich ist erdenklich jede, die gröĂer ist als Hannover. Die Ruhe ganz allein und gleichzeitig das Leben auf den StraĂen, vor den CafĂ©s und in den GeschĂ€ften. Unruhe in der Rastlosigkeit der Gegenwart. Durch die belebten StraĂen streifend umgeben von neuen Impulsen, auf der Suche nach EindrĂŒcken. Resultate aus Impulsen, die zu bleibenden Erinnerungen werden sollen, in Zeiten, in denen Nichts und gleichzeitig alles statt findet. Jeder geht eigenes Weges auf unterschiedlichen Routen, doch alle mit dem einen Ziel den Tag zu beenden und ins gemachte Bett zu fallen, um sich den Gedanken oder doch nur der Unterhaltung hinzugeben, die den Alltag verschwinden lĂ€sst. Die meisten wund gerieben durch tĂ€gliches Tun jeglicher Art und dennoch taub. So ist es ĂŒberraschend wie doch die kleinsten EinflĂŒsse dazu bringen können an andere Zeiten im Leben zu denken. Doch davon will ich nicht reden, sondern vom flanieren und sich ĂŒber das Gedanken machen Gedanken machen. Das Schöne aussuchen und probieren es an sich zu binden.Â
Vielleicht sollte ich versuchen mich in den Weltverbesserer aus der FuĂgĂ€ngerzone verlieben, der Spenden fĂŒr âSafe the Childrenâ sammelt. Immerhin hab ich ihm letztens meine Nummer gegeben, nachdem ich verstanden habe, dass er mir gar kein Geld mehr aus der Tasche fĂŒr ein gutes Gewissen, ziehen wollte, sondern mich aus. Es könnte sich einfach gestalten, doch ist es mir unmöglich, das zuzulassen. Wie soll ich mich in so Jemanden verlieben, der sich ausbeuten lĂ€sst fĂŒr die âgute Sacheâ, die leider kaum etwas bewirkt, wenn man selbst aufgehört hat an eine bessere Welt, geschweige denn ĂŒberhaupt eine Zukunft, die besser ist als Jetzt, zu glauben? AuĂerdem hat er dann gefragt: âBier oder Wein?â Wie auf jeder x-beliebigen Datingplattform, von denen ich mich schon vor Jahren verabschiedet habe, weil sie zwar dem Zeitgeist, aber nicht meinen Vorstellungen entsprachen. So scheint sich das Internet auf eine diesmal unangenehme Weise mit der analogen Welt verbunden zu haben, was mir so rein gar nicht gefĂ€llt. Um einem ungeplanten Aufeinandertreffen aus dem Weg zu gehen, gehe ich jetzt immer einen Umweg zur U-Bahn Station.Â
Laufend zieht der StraĂenzug und Alles, was sich darauf befindet an mir vorbei. Blind werd auch ich fĂŒr das, was mich umgibt. Geschmack und Sinn abhanden. Ich habe vergessen welcher Tag heute ist und das beunruhigt mich. Ganz unwillkĂŒrlich und das immer wieder. Die ZufĂ€lligkeit entledigt sich dem Zweck der GedankengĂ€nge zum GlĂŒck recht schnell, verharrt kurz Ă€ngstlich und ist danach anders als zuvor. Sei es nur fĂŒr einen kurzen Augenblick. Ein Wurmloch im Jetzt, welches nur in eine Richtung fĂŒhrt: zurĂŒck.
Weil meine eigenen nichts hergeben oder rein gar nicht mehr existieren, muss ich mich an anderer Menschen Erinnerungen bedienen. Sie sind da und wunderschön.
Vernehme ich den Geruch von BratĂ€pfeln, dann muss ich unweigerlich an meine Kindheit zurĂŒck denken. Ein kleines Versprechen von WĂ€rme und Geborgenheit von frĂŒher.Â
Daran, dass ich das Marzipan und die Rosinen, um und im Apfel, nicht mag, erinnere ich mich klar und deutlich, doch der Raum und vor allem das Ich in dieser Situation ist mir entfallen. Brennt sich Negatives deutlicher ein, als das Positive?Â
Generell werden meine Erinnerungen zunehmend verdinglicht, ohne fĂŒr den Geist ertastbar zu sein. Das Versprechen des Apfels bleibt ein Versprechen dieser Erinnerung. Der Geruch er ist real erkennbar ergo existent, die damit verbundene Handlung, die jetzt nur als Hauch einer Erinnerung bleibt, bleibt in der Vergangenheit zurĂŒck. Zwei Zeitreisen auf unterschiedlichen Ebenen.Â
 Den GroĂteil meiner Kindheit habe ich vergessen, ohne es zu wollen und ohne zu wissen weshalb.Â
Was bleibt sind GerĂŒche, GegenstĂ€nde und reproduzierte Bilder meiner selbst. Alles vergĂ€nglich. Aufgenommen durch Andere. Das FrĂŒhere mit dem Heutigen vermischt und nicht ganz die Wahrheit, wenn auch ohne Absicht. Es bleiben Waren, die mich fĂŒr kein Geld der Welt wieder zurĂŒck bringen können. Behaftet mit Vermutungen bleiben sie zwar, doch geben sie mir keine Antworten. Zwischendurch, meine ich, zumindest ab und zu, eine kleine Anekdote von frĂŒher wieder gefunden zu haben, doch meistens stellt sich heraus, dass es sich dabei nur um eine erzĂ€hlte Geschichte handelt. Mir fĂ€llt auf, dass die Perspektive eine Falsche ist. Ich schaue auf mich hinab und nicht durch meine eigenen Augen auf das Geschehen. Weitergebende Verdinglichung in Geschichten, Bild und Ton. Das vergangene Selbst ist mir verloren gegangen, doch lacht es mich auf Video vom SchoĂe meiner Oma aus an, mit direktem Blickkontakt durch den Bildschirm, doch schauen beide meiner Versionen durcheinander hindurch. Das Kind stĂŒrzt vom Fahrrad und ich spĂŒre keinen Schmerz. Auch wenn ich mich berĂŒhre, beziehungsweise das aufgenommene Bild meiner selbst, spĂŒre ich nur das Glas der Mattscheibe unter meinen Fingern. Es ist eine Barriere zwischen dem Jetzt und dem Gestern. Die Zeit ganz kalt unter meiner Haut, greifbar und trotzdem vorbei. Vielleicht ist mir durch die stĂ€ndige Reproduktion meine Aura abhanden gekommen oder es ist schlichtweg Nichts meines alten Ichs mehr ĂŒbrig. Das Original ist jetzt im Spiegel zu betrachten, auch ist die Haut nicht kalt, die BerĂŒhrung spĂŒrbar und doch kein Hauch einer Aura mehr vorhanden. Verdinglicht ja, doch ohne GefĂŒhl.
Nach kurzem Zögern, stimmt mich immer wieder aufs Neue der Biss in den Apfel traurig, da er mich nicht in der Zeit zurĂŒck reisen lĂ€sst und ich weiterhin weit entfernt durch Zeit und Raum nach Erinnerungen mit meiner Zunge suche. Auch der Geschmack war in der ErzĂ€hlung besser. Wahrscheinlich ist mir nur der Appetit abhanden gekommen und ohne den is(s)tâs sich schwerer.Â
FĂŒr die Reise zurĂŒck sind fĂŒr mich zunĂ€chst die Tickets ausverkauft. SpĂ€ter werden Einige sagen, dass ich einiges verpasst haben werde, ob mir das egal sein wird, weiĂ ich jetzt noch nicht. Fear of missing out habe ich hĂ€ufig.Â
An welche Zukunft soll ich denken, wenn ich doch schon meine eigene Vergangenheit vergessen habe? Wann wird dieses Jetzt Vergangenheit?
Ich bin auf der Suche nach der verlorenen Zeit, obwohl ich stetig dabei bin sie zu verlieren. Wer weiĂ, ob ich sie somit vergeude oder das meine Aussenwelt, die ich immer so abseits und von oben betrachte, tut, ist mir unklar. Mir wĂ€re es lieb, die Verantwortung dafĂŒr abzugeben und nicht die Schuldige zu sein. Hinter mir Nichts und vor mir Nichts, unklar, was ich eigentlich beantwortet haben möchte. Fest brennt sich Nichts, ich muss nur darauf warten, bis der Wind die Asche wegblĂ€st und sie sich in kleinsten Partikeln verstreut und unsichtbar wird. Ein Schleier auf Allem, verborgen fĂŒr Immer. Kein Ding, nicht zu greifen und egal wie traurig es klingt, doch nicht der schlechteste Ausgang.Â
Um ehrlich zu sein, muss ich mir eingestehen, dass sich auch in diesem Jetzt Vieles, das mich umgibt, Gefahr lĂ€uft verdinglicht zu werden, die Aura zu verlieren und dass niemand anderes dafĂŒr verantwortlich ist auĂer mir selbst. Ich erschaffe eine Vorstellung von mir und wer ich gerne sein möchte. So schnell wie ich Ideale konsumiere, kann ich selbst Nichts erschaffen.Â
Im Endeffekt wird sich selbst verbraucht, da mir das konsumieren anderer RealitĂ€ten - oder besser gesagt Abziehbildern davon - eine falsche Wirklichkeit meiner selbst vorgaukelt. Der MaĂstab ist fĂŒr mich ganz allein ein falscher, da zum Beispiel FlieĂbandarbeit auch alleine nicht zu bewerkstelligen ist. Doch ich will kein entfremdetes Teamwork. Ăberzeugt, stolz und dumm.Â
Ich setze mir durch selbsthinzugefĂŒgte Ă€uĂerliche EindrĂŒcke fast zwanghaft neue HĂŒrden, die ich nicht zu ĂŒberspringen vermag. Ich entferne mich dabei von mir selbst, was es unmöglich macht, selbst realistische Ziele zu erreichen. Nach und Nach vergesse ich meine wahren BedĂŒrfnisse und ohne diese bleibt Nichts meines wahren Charakters ĂŒbrig.Â
Ich selbst wĂŒrde zum Verdinglichten Objekt werden. Ob verkĂ€uflich oder nicht spielt dann keine Rolle mehr. Ich wĂŒrde austauschbar und kĂŒnstlich, bis nichts mehr von mir ĂŒbrig bleibt und ich mich selbst vergessen hĂ€tte. Ob nun hoch gelobt oder schnell vergessen ist zu diesem Zeitpunkt schon lĂ€ngst egal geworden So schaffe ich mir meine eigenen Bedingungen fĂŒr meinen Zusammenbruch.Â
Zeit brĂ€uchte ich und davon viel, um die Entwicklung zum Objekt aufzuhalten. Hin zu den GrundbedĂŒrfnissen, weg von der Schnelllebigkeit, die mich verbraucht.Â
Die Zeit werde ich oft vergessen. Sei es aus Wehmut oder Langeweile. Das ist nicht schlimm, so lang es nur lang genug dauert. Ich will das Gesagte an seinem Gebrauchswert gemessen sehen und nicht daran, wie es sich verkaufen lÀsst.
Umgeben von Reproduktionen, die sich endlos wiederholen, oft getarnt durch den Deckmantel des Neuen und nie da gewesenen, bleibt beinahe Nichts anderes ĂŒbrig, als es gleichzutun.Â
IndividualitĂ€t rettet nicht vor kollektiven Schicksal, denn es jenes wurde bereits in der Vergangenheit RealitĂ€t, lange bevor es die Idee von IndividualitĂ€t als nötige Abgrenzungsnorm fĂŒr das Vorankommen und erfinden von Etwas innovativen gab.Â
Ewige Wahrheiten wird es niemals geben.Â
Braucht es TrĂ€umerein um der Wirklichkeit entfliehen, gerade weil man sie selbst nicht Ă€ndern kann und sowieso bloĂ daneben steht? Exzesse, um im Jetzt zu sein? Ist das Metaphysik?Â
Dabei ist mein Jetzt noch gar nicht definiert und die Frage, ob es so etwas, wie das meinige Jetzt geben kann, ist dann noch gar nicht gestellt. Soll es metaphysisch sein, muss es mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Manchmal mal zu taub und manchmal höchstsensibel.
Das Jetzt kann der Sonntag sein, an dem die OpernsĂ€ngerin im fĂŒnften Stock des Hinterhauses probt und sich ihr hoher durchdringender Gesang mit dem der Vögel und dem zeitgleich stark prasselnden Regen vermischt. Mit den Augen geschlossen wirkt die Symbiose aus KlĂ€ngen fernab der RealitĂ€t, beinahe wie ein Mysthikum aus einer anderen Welt, dem ich nur nachgehen mĂŒsste, um auf ewig aus der Zeit zu fallen. Dabei fĂŒhl ich mich schon so hĂ€ufig aus der Zeit gefallen, nur mit social media AbhĂ€ngigkeit.Â
Das Jetzt kann alles Schlechte sein, das sich mir in einer solchen Klarheit prĂ€sentiert, dass sich das Hinterfragen erĂŒbrigt.
Die Welt verstehen, doch sich nicht im Stande fĂŒhlen sie zu verĂ€ndern. In ruhigen Momenten, ab und zu, erinnere ich mich doch an mein vergangene Ich, ganz ĂŒberrascht, davon im Jetzt wenig wieder zu erkennen, denn wie kann ich wissen, wer ich war, ohne zu wissen, wer ich jetzt bin. Abstrakt ist es und hilflos. Das ist RealitĂ€t.
Zuerst zermalmen mich die UmstĂ€nde durch meine UnfĂ€higkeit. Ich sonne mich in der Idee eine Lebens, welches ich, zumindest jetzt noch nicht, fĂŒhre. Oder tue ich es doch und erkenne es nicht, weil der Erfolg ausbleibt? Eigentlich ist Zeit doch auch nur eine Abfolge zusammenhangsloser Augenblicke, die durch ihre Addition einen Zusammenhang bekommen. Alles bleibt fĂŒr, zumindest grade noch, relativ. Es sind unerfĂŒllbare und vielleicht sogar unerklĂ€rbare AnsprĂŒche an mich und die Zeit, die vergangen ist und mir noch bleibt. Vielleicht muss ich Kleinigkeiten zu viel Wert bei, um mir das Leben noch ein bisschen mehr zu erschweren oder aus Angst tatsĂ€chlich an allem was schief lĂ€uft selbst verantwortlich zu sein.
Wenig hab ich verstanden und vielleicht bleibt manchmal nichts anderes ĂŒbrig, als die Hoffnung, auf was auch immer -auf bessere Zeiten vielleicht?- nicht aufzugeben, egal wie schwer es scheint. Hungrig bleiben beziehungsweise wieder Appetit auf mehr bekommen. Auf was, das wird sich herausstellen und wenn es mir die Zeit nicht zeigen kann, dann muss ich das selbst tun. Den Weg den Weg sein lassen und das Ziel das Ziel. Ich werde die Denkerin einer neuen Zeit wahrscheinlich durch viele ZufĂ€lle und post mortem. Ich werde Walter sein.