Corona and Chill?
Wie die Ausgangsbeschränkung das Leben der Schüler beeinflusste. Aus dem Jahresbericht einer schwäbischen Berufsoberschule.
Mit einem Satz war ich aufgesprungen. Auf dem Fernsehbildschirm flimmerte die ungemein unterhaltsame Videokompilation „Beschte deutsche memes #1“ über YouTube. Es war Sonntagnachmittag in der von mir bewohnten WG, die Burger-King-Verpackungen stapelten sich auf dem Wohnzimmertisch und meine anwesenden Freunde amüsierten sich köstlich, auch über meine Lippen huschte gelegentlich ein Lächeln. Doch erschien es mir schlicht und ergreifend zu stumpf, um noch mehr Zeit damit zu verbringen. Trotzdem, wäre diese Situation unter normalen Umständen zustande gekommen, hätte ich meinen trägen corpus wohl noch länger in die bequeme Couch gepresst, aber von Normalität konnte nicht gesprochen werden.
Als diese Zeilen geschrieben wurden, verbrachte ich – wie jeder andere Schüler auch – bereits über 5 Wochen Zuhause. 5 Wochen, in denen Geschehnisse wie diese stellvertretend für den Alltag standen, mit dem man nun konfrontiert wurde. Auf weichem Untergrund liegen oder sitzen und mehr Essen zu sich nehmen, als eigentlich in den Magen passt – die Verwahrlosung war nah. Da wirkte jeder Ausbruch aus diesem sich immer enger schnürenden Kreislauf wie eine Fata Morgana am Horizont. In diesem Fall eben in Form eines Artikels für den Jahresbericht.
Natürlich liegt der allgemeinen Einstellung zur Schule immer noch eine Mischung aus Verdruss und Sympathie zu Grunde, die nur allzu häufig durch jede mögliche Variation von Prokrastination ans Tageslicht gebracht wird. So logischerweise auch während dieser Phase des sogenannten „home schoolings“, wenngleich jede die Gehirnmasse herausfordernde Tätigkeit für einen (wenn auch subjektiven) kleinen Anstieg des Intelligenzquotienten sorgte, fernab von The Big Bang Theory oder FIFA 20. Ohne diesen beiden hauptsächlichen Beschäftigungen meinerseits einen Beitrag zur Verblödung vorzuwerfen.
Doch wie sah sie aus, die digital abgehaltene Beschulung? Ausgehend vom provisorischen Not-Stundenplan, der erstaunlicherweise in kluger Voraussicht bereits knapp zwei Monate vor den Ausgangsbeschränkungen von der Schulleitung festgezurrt wurde, konnten Lehrer ihren Stoff an den abhängigen Schüler verticken, äh, ich meine vermitteln. Einige Lehrer nutzten die Möglichkeit der Videochats über die Software der Wahl, Microsoft Teams. Andere beschränkten sich auf nonvisuelle Kommunikation. Wieder andere Lehrkräfte fragten zu Beginn der Online-Stunde erstmal die Anwesenheit aller Schüler ab. Für den durchschnittlichen technikaffinen Pennäler sicherlich irritierend, stellte die Selektierung in bereits wache und noch schlafende Adoleszenten durch die Mitgliederlisten doch ein Leichtes dar.
Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass das Verhalten der Lehrenden und auch der Schulleitung in der Endbetrachtung fast ausschließlich positiv zu bewerten war. Die Führungsriege der Schule und auch ihre einzelnen Lehrer fragten kontinuierlich nach dem Wohlbefinden ihrer Schützlinge und versuchten stets, für einen optimalen Ablauf zu sorgen. Natürlich ist es schwierig, Ebenen in Mathe über den Laptopbildschirm erklärt zu bekommen, doch es gab ja keine andere Wahl. Viele Lehrkräfte stellten auch einfach Übungen in die Dateien und überließen es den Schülern, ob sie nun Englisch über Netflix oder doch durch ein Arbeitsblatt lernen mochten.
Klar, das setzte auch ein gewisses Maß an Eigenverantwortung voraus. Im Grunde war der Online-Unterricht aber ebenso eine gute Vorbereitung für Uni oder Hochschule, wenn auch zum maximal ungünstigsten Zeitpunkt. Die Schüler konnten sich eben selbst einteilen, wann sie was in welcher Form auch immer erledigen wollten. Die Gebundenheit, die die Präsenzpflicht der analogen Lehrform darstellt, fiel bis auf die erwähnten Video-Chats weg. Darin musste man sich aber erst einmal zurechtfinden.
Beugen mussten sich jedoch auch einige Lehrkräfte, speziell solche, die ein Nebenfach unterrichten. In diesen wurden natürlich auch Aufgaben hochgeladen, Unterricht fand aber nicht statt. Irgendwann, nach zahlreichen negativen Schülerkommentaren, wurde die Versorgung mit Material in diesen Fächern indes endgültig eingestellt, da die prüfungsrelevanten Fächer und diverse Projekte als Notenersatz – trotz aller Freizeit – genug Engagement abverlangten.
In welchem Rahmen der Jahresbericht letztendlich erscheinen wird, ist ob der noch länger herrschenden Ausgangsbeschränkung unklar. Wahrscheinlich wird das eher unspektakulär vonstattengehen. Wohl aber liegt dieser Zeitpunkt wohl nach den Abiturprüfungen, denen, wenn die Schule wieder ihre Pforten öffnet, die ganze Aufmerksamkeit gewidmet wird. Über die verschiedenen Phasen der Prüfungsvorbereitung, von rauchenden Köpfen im Blockunterricht, Panikattacken im Abstand von zwei Metern und verzweifelten Gesichtern am heimischen Schreibtisch kann an dieser Stelle aus redaktionellen Gründen leider nicht berichtet werden.
Doch kurz bevor ich diesen Artikel in Angriff nahm, machte die Meldung von gestrichenen Klausuren bei Fortsetzung der Schule die Runde.
Da war sie wieder, die Fata Morgana am Horizont.













