“Was machst du da?” fragt der Mann mit dem silbernen Auge.
“Mh” sage ich.
“Komm doch mal raus.” fordert er mich auf.
“Nein.” sage ich.
“Irgendwann musst du wieder rauskommen. Du musst was essen. Du warst seit zwei Tagen nicht mehr bei Tisch.”
Ich schweige. Ich bin wütend, weil er recht hat. Ich bin am Verhungern, meine Konzentration ist katastrophal. Ich mäandere.
”Wir würden gerne mal wieder mit dir essen.”
Die Müdigkeit, unterstützt von dem unbestimmten Dämmerlicht, das den Keller erfüllt, in dem ich mich verbarrikadiert habe, drückt mich runter, doch ich darf nicht schlafen, und ohnehin kann ich es nicht. Der Hunger und die ständigen besorgten Erkundigungen meiner Zeitgenossen halten mich wach.
“Komm schon! Wir sind besorgt!” ruft der Mann mit dem silbernen Auge von oben.
Ich schüttle mich, lege den winzigen Bohrer beiseite und wende mich von der filigranen Struktur ab. Jedes meiner Glieder, jede einzelne Faser meines Körpers kämpft verzweifelt gegen jede weitere Bewegung, jeder Schritt treibt mich dem Zusammenbruch entgegen. Ich schleppe mich die Treppe hinauf. Mögen sie mich nehmen, mögen sie mich füttern oder foltern, es ist mir gleichgültig. Nur fort. Nur weg von diesem gelblich grünen, irreal komplexen Weltrettungsapparat, von der Macht, die mich jede Sekunde schneller zugrunde richtet. Meine Hand, bereits fast losgelöst von meinem Körper, die Nerven mehr lose Empfehlungsinstrumente als die strengen Befehlsketten, die sie einst waren, drückt die Klinke hinunter, ob weil ich es will oder aus ihrem eigenem Antrieb entrückt mir.
Die Tür treibt langsam auf und ich schiebe mich hindurch.
Mag die Sonne mich verschlingen, mögen sie mich hinfort nehmen, mögen sie jede kleinste Struktur meiner Identität auseinanderpflücken, kartografieren und eliminieren.
Nur bringt mich fort von diesem meinem Lebenswerk.
“Bringt mich fort!”, rufe ich.
“Tse.” sagt der Mann mit dem silbernen Auge. “Immer so dramatisch.”
Er hebt mich auf. Trägt mich vorsichtig die Gänge meiner Heimat entlang.
Er bringt mich in einen freundlichen Raum, mit Pastellfarben und sanften Klängen, wie sie keinem Instrument entstammen können.
Er bettet mich auf weichen Kissen und ich versinke, alle Spannung löst sich. Ich bin bereit, zu versinken. Bereit, mich dem Schlaf zu ergeben.
“Danke.” hauche ich. “Danke für die Rettung.”
Für eine Weile schwebe ich, unbewusst, willenlos durch die Welt hinter den Lidern, die existiert in den Nanosekunden zwischen den Schnitten, in den Augenblicken des Blinzelns, in den Momenten der Neuorientierung.
Dann erreicht mich seine sanfte Stimme wieder.
Sanft, aber leicht kratzig, leicht zitternd, leicht verändert. Etwas trieft darin, zittert darüber hinweg.
“Gerne.” sagt diese Stimme. “Wir werden dich immer Beschützen.”
Ich reiße die Augen auf. Der Mann mit dem silbernen Auge beugt sich über mich und schaut mich an. Doch sein Auge ist nicht länger silbern.
Sein Blick wirkt verschleiert, sein Mund ist leicht verzogen. Die Falten um sein Auge wirken entstellt, obwohl sie keine Verletzung aufweisen.
Und sein Auge ist gelblich grün überzogen.
Ich kann nicht mehr kämpfen.
Der Schlaf, eben wirkte er noch erlösend, hat seine eiserne Faust um mich geschlossen, reißt mich hinab, es gibt nichts mehr, dass ich tun kann.
Mein Bewusstsein stürzt abrupt, senkrecht hinab, und alles, was mir zu hoffen verbleibt, ist nie mehr zu erwachen.