Interview mit Online-Chef Timo Maier
Beschreibe doch mal deine Aufgabe bei WIR SIND HIER.
Vor ca. einem halben Jahr kam Salvatore Vanasco mit einer Idee auf mich zu, und die lautete WIR SIND HIER. Zunächst ging es darum, dass man einen Textkorpus dafür benötigte und mich das Projekt generell sehr interessierte. Dann habe ich erst gesagt: „O.K. ich kümmere mich um die Texte.“ Im Anschluss fragte mich Salvatore dann aber, ob ich bereit wäre, Online-Chef des gesamten Projekts zu werden.
Diese Aufgabe umfasste die Konzeption der Web-Plattform und verschiedene Schnittstellenfunktionen zu Entwicklung und Design hinsichtlich der Umsetzung. Außerdem war ich verantwortlich für den Aufbau und das Editorial aller Social-Media-Kanäle, Entwurf und Umsetzung verschiedener Aktionstypen, Community Management, Content Management und unterschiedliche Aufgaben in der Bekanntmachung des Projekts. Die Chefredaktion der auf der Web-Plattform veröffentlichten Essays kam noch oben drauf.
Gut, dann erkläre doch mal den Ablauf, also wie die vielen Dinge ineinandergreifen.
Zu Beginn stand die Konzeption, also die Frage was wir machen wollen und natürlich was wir machen können. Wir haben ja einen Prozess geschaffen, der online gestartet ist. Selbiger hat ungefähr acht Wochen vorher angefangen und sollte zum Hauptakt, der Live-Performance selbst, hinführen. Dann wurde die Live-Performance durch die Online-Redaktion begleitet, um das gesamte Projekt abschließend wieder online zurückzuführen und aufzuarbeiten. In einem letzten Schritt soll noch ein Archiv entstehen.
Das sind die vier Stufen des Projekts, die wir strukturell „Vorverhandlung“, „Hauptverhandlung“ „Nachverhandlung“ und „Archiv“ nennen. Die „Hauptverhandlung“ selbst ist die Live-Performance in der Tabakfabrik in Linz gewesen. Was mich an dem Projekt so gereizt hat, was ich unbedingt ausprobieren wollte, war dieser Vierstufenprozess. Selbiger geht auf eine Formatentwicklung zurück, die wir vor über zwei Jahren zum ersten Mal besprochen haben und für verschiedene Typen und Interaktionsmodelle - meistens für Events und Konferenzen - konzipiert haben. Uns geht es dabei eigentlich darum, ein Angebot zu machen, so dass ein möglichst großer Kreis von Menschen an etwas partizipieren kann und das entstandene Wissen nicht verloren geht. Online-Medien sind im Kern ja für die Partizipation gemacht, maßgeblich durch sogenannten User Generated Content.
Dieses Modell wollten wir auch auf WIR SIND HIER übertragen. Dementsprechend brauchten wir eine Web-Plattform, wobei wir uns zunächst angeschaut haben, welche Plattformen es schon gibt, die Kunstprojekte begleiten. Die meisten (im deutschsprachigen Raum) sind relativ langweilige, statische Websites, die ein paar Texte und Bilder drin haben. Wir haben aber gesagt: „Wir wollen Partizipation, wir wollen Interaktion.“ D.h. in diesem Fall, dass wir eigene Interaktionstypen geschaffen haben, was mir persönlich die wichtigste Aufgabe war. Allen voran der User Generated Choir, bei dem wir dazu aufgerufen haben ein Gedicht von Brecht - eine leicht abgeänderte Fassung von Gegen Verführung - einzulesen, über ein, hier bei xailabs entwickeltes Tool zur Aggregation von Videos.
Die Menschen konnten sich so direkt in die Live-Performance von WIR SIND HIER einschreiben mit Bild und Wort. Wir haben dann in einem achtwöchigen Prozess mehr als hundert Videos zusammenbekommen, die während der Live-Performance auf der Fassade der Tabakfabrik als großer User Generated Choir gezeigt wurde. Sinn dahinter ist es zu sagen: „Wir haben hier ein Stück Kunst und du als unbekannter User kannst daran partizipieren, indem du dich direkt in den Prozess einbringst. Deine Stimme, dein Gesicht zu diesem thematisch sehr wichtigen Punkt.“
Eine andere Aktionsform war die Collective Sculpture. Dabei haben wir gedacht, dass es vielleicht interessant wäre, den Elitarismus, der der bildenden Kunst oft inne ist, aufzubrechen und den Entstehungsprozess zu demokratisieren. Also haben wir uns dazu entscheiden, den Prozess zu öffnen. Die Leute konnten uns Ideen schicken, welches Thema und welche Form die Skulptur haben soll und sie konnten sogar - weil es eine Datenträgerskulptur werden sollte - analoge und digitale Datenträger schicken. Auch das hat geklappt. Die Künstlerin Sibylle Waldhausen war von der Idee so angetan, dass sie uns Skizzen für das Grundgerüst schickte und uns eine ganze Liste von Tipps für Material und Bau samt Anleitungen mitgab. Wir haben die Skulptur dann vor Ort gemeinsam gebaut und waren auch sehr glücklich, als sie dann tatsächlich vor uns stand. Das war eine einzigartige Erfahrung, ganz großes Lob an das Team, besonders an Laura Zidda und Elisa de Paolis, die die künstlerische Leitung vor Ort übernommen haben.
Ein weiterer wichtiger Punkt, neben dem interaktiven Akt zwischen der physischen Verarbeitung von Datenträgern und Ideenwelten und der Aggregation von Videos für den Chor, war die Aggregation von Ton. Das war eine weitere Aktion, bei der User per Soundcloud Geräusche von kultureller Zerstörung schicken konnten. Was ist für ein Individuum, auditiv gemessen, kulturelle Zerstörung? Nachdem wir die Sounds aggregiert hatten, wurden sie vom Komponisten FM Einheit in den ersten Teil der Live-Performance integriert. Hintergrund all dieser Aktionen ist nicht die Partizipation als Selbstzweck. Sondern, dass Nutzer die Gelegenheit bekommen, sich durch Partizipation, verstanden als ein Akt der Gestaltung, mit den Themen von WIR SIND HIER im wahrsten Sinne des Wortes auseinandersetzen. Sie sollten aus dieser behaglichen Kontemplation raus- und in einen Prozess der Konfrontation reinkommen, indem sie selbst schaffend tätig wurden.
Wo du gerade von Konfrontation sprichst... Welche Diskurse bietet das Projekt?
Gut, um Diskurse zu schaffen braucht man eine Basis, mit dem Ziel, Menschen zum Nachdenken zu bringen. Dafür haben wir ein Redaktionskonzept aufgebaut, bei dem ich für die Chefredaktion verantwortlich war. Hierbei haben wir - natürlich im Kontext von WIR SIND HIER - die brennenden Themen unserer Zeit evaluiert - Überwachung, Zensur, Freiheit, Immersion, Staat etc. Anschließend haben wir Autoren gesucht und sie gefragt, ob sie frei darüber schreiben wollen. Die Idee war einfach einen Kosmos zu bieten, zu sagen: „Das ist das Thema grob umrissen, wir sperren dich aber nicht in ein formales oder gedankliches Korsett. Oder du musst dieses und jenes liefern und wir zensieren dich hier und da.“ Im Gegenteil, die Autoren konnten in Form eines Essays frei darüber schreiben, was ihnen zum jeweiligen Thema einfiel.
Das ist natürlich eine einmalige Chance und kann so nur im Schutzraum der Kunst stattfinden. Auch damit versuchten wir einen Transformationsprozess ins Heutige aufzugreifen, da eines unserer Kernthemen, ausgehend von der Bücherverbrennung '33 durch die Nazis, die kulturelle Amputation ist. Also nicht zensierte Texte von Autoren, die gewillt sind, frei zu schreiben. Dafür haben wir unbekannte und bekannte Autoren gewonnen. Eher unbekannt ist beispielsweise Maria de Palmas, die das Thema Freiheit bearbeitet hat. Wohingegen Jules Marshall ein altgedienter journalistischer Hase ist, der auch schon für den Guardian publizierte. Hinzu kommen Autoren wie David Dorrell oder Johannes Heinrichs, ein deutscher Sozialphilosoph und Semiotiker oder Andy Müller-Maguhn, die einfach mal frei Schnauze schreiben und reden konnten. Somit wurde versucht eine Basis, eine Möglichkeit für einen Diskurs überhaupt, zu schaffen - als Angebot.
Überdies haben wir das das komplette Kommentarsystem freigehalten, es wurde nicht zensiert (Spam-Bots ausgenommen). Ob es jetzt angenommen wird oder nicht, man kann sich in jedem Fall damit auseinandersetzen, was die Freiheit des Schreibens und Kommentierens bedeutet. Ansonsten ist die ganze Plattform, die wir konzipiert haben, darauf angelegt, dass es überall Anschlussstellen gibt, online wie offline. Und natürlich wurde das Ganze in die sozialen Medien erweitert, wo ebenfalls überall kommunikative Anschlussstellen gebildet werden konnten.
Wie fällt dein Fazit aus?
Dieses Projekt überhaupt zu machen war eine Chance, experimentell arbeiten zu können. Was in den nächsten Jahren immer größer werden wird, und wo händeringend Konzepte gesucht werden, ist die Schnittstelle On-/Offline. Wie können wir die Onlinesphäre mit der Offline-Sphäre verbinden? Wie können wir Interaktionsmuster schaffen, die zu Erkenntnissen und Gestaltungen der Nutzer selbst führen? Welche Impulse können gesetzt werden?
Unser Denken kam erst einmal stark aus dem wissenschaftlichen Rahmen, wobei wir große Protestbewegungen analysiert haben, um festzustellen, wie sich politische Massenphänome im Internet bilden und wie sie auf die Offline-Sphäre wirken. Welche Wechselwirkungen existieren zwischen den Sphären, wo gibt es eine Chance, über reinen Clicktivism hinauszugehen. Da die Chance zu haben, im künstlerisch- experimentellen Bereich einige Theorien zu überprüfen und ausprobieren zu können, war großartig. Es war einer meiner größten Motivationen einfach mal machen zu können. Persönlich halte ich das Projekt für sehr gelungen, wobei es natürlich darauf ankommt, nach welchem Maßstäben man es bewerten möchte. Das Experiment und die Lehre daraus stehen für mich an erster Stelle. Alles was wir bekommen haben, egal bei welcher Aktionsform war qualitativ gut, auch, wenn wir uns noch eine viel größere Beteiligung gewünscht hätten. Aber nicht aus Gesichtspunkten des Marketing, sondern als ehrliches Angebot zur Gestaltung.
Das hat sich insbesondere bei den Sounds gezeigt und der Komponist FM Einheit war auch sehr davon bewegt. Beim Kollektivprozess mit der Skulptur haben wir recht wenige Einzeleinsendungen bekommen, aber was wir bekommen haben war sehr üppig. Ich war begeistert, dass Menschen uns tatsächlich ihre Datenträger geschickt haben. Ein voller Erfolg war es natürlich, als der Protestchor von über hundert Leuten auf der Fassade der Tabakfabrik zu sehen war. Durchaus kein einfacher Prozess, bei dem Menschen fünf Brecht-Zeilen als Videobotschaft einlesen sollten, ohne das Projekt WIR SIND HIER in Gänze nachvollziehen zu können, da es sich bis zuletzt ständig transformiert hat. Und das Ganze noch ohne eine üppige PR-Struktur dahinter zu haben, ohne Testimonials, also ohne dass ein Künstler sein Netzwerk anspricht und somit sofort eine Mio. Leute erreicht. Es gab außerdem kein Budget, über das große Firmen bei solchen Aktionen verfügen können, geschweige denn Agenturstrukturen, die die Popularität einer solchen Aktion hinsichtlich des Mainstream steigern.
Also, vor dem Hintergrund eines ernstzunehmenden, künstlerischen Projektes, finde ich es einzigartig, was wir geschaffen haben. Ich würde gerne noch zwei Punkte zum Thema Erfolg nennen:
1. Wir haben hier einen Grundstein für eine lebendige Community, die auch nicht wieder eingerissen wird, gelegt. D.h. es ist ein Fundament für die Zukunft geschaffen worden und kein singuläres Event.
2. Was mir sehr viel Freude bereitet hat, ist die Tatsache, dass die Plattform auch intern, für das Team, ein Werkzeug geworden ist. Das heißt zum Beispiel, dass die Menschen, die WIR SIND HIER gemacht habe, sich ebenfalls zu allem aktiv dort äußern konnten. Jeder konnte an der Arbeit des anderen partizipieren, d.h. eine Illustratorin ist z.B. zur künstlerischen Leiterin einer Skulptur geworden, ein Programmierer hat Sounds für die Aktion mit FM Einheit gemacht, Menschen, die die meiste Zeit hinter ihren Schreibtischen sitzen, haben auf einmal ein Brecht Gedicht laut gelesen. Es hat auch intern etwas mit dem Team gemacht. Es gab also eine Außen- und Innenwirkung und diese Innenwirkung war mir persönlich sehr wichtig.