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@wortgeschmack
Das hier ist fĂĽr die kleinen Jungs.
Stets auf der Jagd nach dem nächsten kolossalen Abenteuer. Höher, schneller, weiter. Dabei schwingt das Schwert der Unsicherheit ĂĽber sie, während sie einander in epischen Duellen mit Stöcken bekämpfen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz ist das Credo, wie es sich fĂĽr einen tapferen Jungen auch gehört. Mut und Unantastbarkeit sind die Schätze, die sie unentwegt zu finden suchen. Dabei will die RĂĽstung glänzend sein und wird unmerklich von Tag zu Tag schwerer, schmiegt sich enger an das kleine StĂĽck Mensch. Am Lagerfeuer erzählen sie sich nächtens Geschichten von vergessenen Zeiten und verlorenen Zielen. Von den vielen groĂźen Siegen und den wenigen kleinen Niederlagen. Von all den heroischen Eroberungen, den kurzzeitig geduldeten Sidekicks, die ihren Heldenweg weich gestalten, weil sie nicht fĂĽhlen, was sie niedertrampeln. Nur die wahrhaft groĂźen Träume sind es wert, geträumt zu werden. Neben ihren Luftschlössern bauen sie sich mächtige Festungen und vergessen dabei eine TĂĽr zu viel. Bis selbst die Mauern irgendwann so hoch geworden sind, dass sie an den Versuchen scheitern, diese zu ĂĽberwinden.Â
Währenddessen warten sie vergebens auf dieses eine selige Schulterklopfen, das nie kommen wird. Die ungestillte Sehnsucht brennt. WofĂĽr den Schmerz ach so schmerzhaft schlucken, wenn nicht dafĂĽr? Bis die grauenhafte Erkenntnis, dass kein heldenhaftes Abenteuer den tief ersehnten Epilog zu bieten hat, sie immer wieder einholt. Die Erwartungshaltung der Welt wiegt so verdammt schwer auf den Schultern. Die MĂĽhe, diese Last auf andere Schultern zu verteilen, fällt dafĂĽr ungemein leicht. Einer fĂĽr alle, alle fĂĽr einen. Also hält man die Zahl der Anhänger groĂź. Jeder Weggefährte bekommt nur den nötigsten Teil, so bleibt man am besten bei sich. Mit geschärftem Verstand und noch schärferen Zähnen weiĂź man sich schlieĂźlich durchzubeiĂźen. Alpha sein - die leichteste Ăśbung. Aufrichtig sein - eine Unmöglichkeit.Â
Sich emanzipieren bleibt die größte Herausforderung. Die Maßstäbe wurden bereits vor allzu langer Zeit in Stein gemeißelt. Wird doch keine Frau diesen Jungen so sehr lieben, wie... Ein aussichtsloser Konkurrenzkampf, der kein Happyend verspricht. Für Niemanden. Zwischen Morgengrauen und Abendrot wissen sie längst nicht mehr zu unterscheiden. Vier Schritte vor, sechs Schritte zurück. Vielleicht kehren wir immer wieder ein Stück zurück? Die Bewunderung der Hingabe ist allzu groß, doch ziehen sie es vor, sich vor der eigenen Hingabe in Sicherheit zu bringen. Lieber Geliebter als Liebender. Am besten noch Legende sein. Unter all den Händen, die am kleinen Jungen ziehen und zehren, lässt sich die gereichte Hand auf dem Ausweg nicht erkennen.
Also lieber in die nächste, vielversprechende Heldenschlacht ziehen, um siegreich wiederkehren zu können; Wohin?Â
FFM 3AM.
“And in the nighttime when the first of them is lit We will sneak back there in darkness just to kiss”
Thirteen, La Dispute
Perfect days.
Autumn Vibes.
Über verlorene Lächeln
Ein Tag im Mai 2013. Bereits in der Früh ist es heiß und ich laufe wie jeden Morgen die Stufen zum Bahngleis hoch. Wie jeden Morgen steht er dort und lächelt mich schweigend an, seine Augen sagen dabei mehr, als seine Mundwinkel. Ich lächle vorsichtig zurück und senke dann wie meist meinen Kopf ein Stück oder ändere krampfhaft die Blickrichtung. Und wie jeden Morgen lächelt er dann über mein Verhalten.
Das geht schon seit ein paar Tagen so. Ich fahre nach Frankfurt, er fährt nach Aschaffenburg. Er. Ein junger und hübscher Mensch. Vielleicht drei bis vier Jahre älter als ich. Sobald ich aber in den Zug steige, verliere ich mich in der Musik und in ersten Planungen zur Bewältigung meines Arbeitstages. Ich denke nicht darüber nach, ob er im Zug nun an mich denkt, an unser dämliches Lächeln oder sonst über irgendetwas. Gehe ins Büro, arbeite, fahre zurück und ertrage in meinem Feierabend all die widerlichen Gerüche, die Zugfahrten mit sich bringen. Wenn ich am Abend wieder am Bahnhof ankomme, um mich dieselben Stufen erneut herunter zu kämpfen, ist er nicht da. Ich laufe zu diesem Haus, in dem ich wohne, das ich aber nicht Zuhause nennen kann und meist ist der Tag beendet, sobald ich die Türschwelle übertrete. Sozialleben by Smartphone und Schlaf.
Die nächsten Tage sind ereignisreich und bis zum Himmel mit Terminen vollgestopft, ich quäle mich teils drei Stunden durch den Berufsverkehr ins Büro. Muss mir peinlicherweise von einem Mitarbeiter der Tankstelle zeigen lassen, wie ich den Cayenne tanken kann, da ich ihn vorher noch nie tanken musste und mir die Besonderheiten unbekannt waren. Das war weder die erste, noch die letzte Red Flag. Irgendwie noch diese Tage hinter sich bringen.
Dann ist da an diesem Morgen nach etwa einer Woche wieder sein Lächeln am Bahnsteig. Diesmal spricht das Lächeln: Ich hab dich schon vermisst - sagt es. Ich bin irritiert und meine Verwirrung lässt ihn noch viel breiter grinsen als sonst, sogar seine weiĂźen Zähne kann ich sehen. FĂĽr die nächsten vierzehn Tage beginnt fĂĽr mich jeder Morgen mit einem Lächeln - mit seinem Lächeln. Wortlos. Irgendwie verdammt magisch. Ich frage mich im Zug, wo er wohl wohnt, denn ich habe ihn in diesem winzigen Dorf noch nie gesehen. Weder am einzigen Bankautomaten, noch beim Bäcker. BloĂź an diesem trostlosen Bahnsteig. Vielleicht steigt er hier um? FĂĽr mich wäre es klĂĽger, auch in Aschaffenburg zu arbeiten oder nach Frankfurt zu ziehen. Ich könnte viele, klĂĽgere Dinge tun. Am Abend schreite ich lächelnd die Stufen hinab, voller Vorfreude, sie am nächsten Morgen wieder dem Lächeln entgegen zu erklimmen.Â
Kein Lächeln. Nicht heute. Nicht morgen. Eine ganze Woche vergeht ohne das Lächeln und ich verstehe nun die Bedeutung seiner Worte. Und ich werde nervös - habe ich da aus Mutlosigkeit eine Chance verstreichen lassen? Wie dumm und tragisch das wohl wäre? Und mein Umzug in die groĂźe Stadt rĂĽckt näher. Dieser verdammte Umzug. Dann ist das Alles hier endlich vorbei, einschlieĂźlich des Lächelns, das ich leider nicht mitnehmen kann.Â
Neun Tage vergehen und das Lächeln ist wieder da. Es lächelt besonders friedlich wie freudig und breit, mit weiĂźen Zähnen und funkelnden Augen. Ich fasse all meinen Mut zusammen und spĂĽre, wie meine Körpertemperatur in die Höhe schieĂźt und auch, dass meine Wangen nun ganz sicher knallrot sind, doch ich stehe nun vor ihm. Allen Mut zusammengekratzt. Das Lächeln riecht auch noch sehr gut und blitzt mich an, schaut mit blauen Augen direkt in meine. Ich ringe um Fassung und stottere, aber das ist egal. Ich sage ihm, dass ich bald umziehen werde und ich sein Lächeln nicht zurĂĽcklassen mag, mir wĂĽrde etwas fehlen ohne dieses Lächeln am Morgen.Â
Da vergeht es im Wind. Mit jedem meiner Worte wird es weniger und mit dem Vergehen seines Lächelns steigt meine Unsicherheit. Er sagt: “Du bist eine wunderschöne Frau und ich werde das hier auch sehr vermissen. War doch irgendwie aufregend und ganz anders, als das Leben sonst ist. Ich habe schon befürchtet, dass “das” bald passieren würde. Aber ich werde in wenigen Wochen heiraten.”
Ich lächle gezwungen und sage ihm, dass es mich für ihn freut und wünsche ihm alles Gute. Er steigt in seinen Zug und lächelt ebenfalls gezwungen zurück.
Bis dahin war mir nicht bewusst, wie peinlich und endlos ein Augenblick sein kann. Mindestens genauso lang, wie die Quälerei durch den Berufsverkehr, durch den ich mich bis zum Umzug nun quälen werde, um dieses besondere Stück Peinlichkeit nicht unnötig in die Länge zu ziehen.
MĂĽde.Â
“Let me tell you, it’s dangerous to keep quiet for too long. Your tongue shrivels up if you don’t use it.”
Pippi, in Pippi Longstocking Goes Aboard
Expensive things for an empty soul.Â