Mein Wäschekorb steht exakt 1 Meter 20 von meinem Bett entfernt. Das ist die perfekte Entfernung, das Nonplusultra moderner Inneneinrichtung, quasi. Denn so weiß ich genau, dass in dem Moment, wo das Volumen und die Auswucherungen des Wäschekorbes eine solche Dimension erreicht haben, dass sie gleichsam mit der Schlafstätte verfließen und ich des Nachts wirklich lange überlegen muss was von beidem jetzt eigentlich genau nochmal mein Bett und was der Wäschekorb ist, dass in dem Moment Waschtag ist. Aber Hallo! Als ich mich nach einer kurzen, unruhigen und unbequemen Nacht aus dem Wäschekorb erhebe, spüre ich genau, vor allem am Rücken, heute ist es soweit. Der Wecker zeigt 11 Uhr. Na hab ich doch länger geschlafen, als es sich anfühlt. Mache Notiz, Wäschekorbschlaf ist nur halb so erholsam wie Normalschlaf. Man lernt eben nie aus. Greife mir einen gewaltigen Stoß Wäsche, stopfe ihn in die Waschmaschine, fülle Waschpulver ein, will sie gerade einschalten, als überraschend auch mein Hirn aufwacht:
‘Moment Chris!’
‘Was’n? Ach so.’
Hole alles wieder raus und beginne die Wäsche zu sortieren. Als erstes entscheide ich mich für eine 40-Grad-Wäsche. Wie meistens, eigentlich fast immer. Während die Maschine läuft, beginne ich den Tag mit einem gemütlichen Vor-mich-hin-starren. Würde gerne Radio hören, aber das ist kaputt. Rufe Eldat an.
“Hallo Eldat, hier ist Chris, weißt du noch, wie ich erzählt habe, das die sich weigern, mein Radio zu reparieren, nur weil die Garantie ein paar Wochen abgelaufen ist?”
“Was?”
“Hab ich doch erzählt, weißte doch. Und jetzt dacht ich, wenn du da vielleicht nochmal hingehst, weißte, so mit deinem arabischen Aussehen, wennde dann noch so’n bißchen fanatisch guckst, vielleicht stimmt die das ja um.”
“Sag mal, weißt du, wie spät das is?”
“Na ungefähr zwölf schätz ich, also auf, auf, der Tag freut sich auf dich.”
“Arschloch.”
Er legt auf. Werde nachdenklich. Gehe nochmal zum Wecker. Der Zeigerstand hat sich seit elf verändert. Klar. Drehe den Wecker richtig herum und komme zu dem Schluss, dass es so gesehen dann wohl doch eher erst sechs ist. Blöder Sommer, das ständige Hellsein draußen is doch ne Frechheit, wer blickt da noch durch? Na wenigstens hat mich dann mein Schlafgefühl nicht getrogen, zerreiße die Notiz zum Wäschekorbschlaf. In diesem Moment erhebt sich ein ohrenbetäubender Lärm aus der Küche. Die Waschmaschine beginnt den Schleudergang. Rund zwei Minuten lang dröhnt, wackelt, klirrt und donnert alles. Wie gelähmt, aber auch andächtig verharre ich angesichts der beeindruckenden, unbändigen Urkraft meiner Waschmaschine. Begreife plötzlich das ohnmächtig faszinierte Staunen der Live-Reporter vor dem ausbrechenden Ätna. Dann, genauso plötzlich Totenstille; nur durchbrochen vom leise wieder in die Maschine einschießenden Wasser. Aus den Wohnungen über und unter mir erhebt sich Gerumpel. Flüche, stapfende Schritte, noch mehr Flüche, wütendes Stampfen, endlose Flüche Scheiße. Wenigstens ist der Nachbar neben mir im Urlaub. Renne zur Wohnungstür. Türen schlagen, die Schritte sind jetzt im Treppenhaus. Die Gedanken in meinem Hirn rasen panisch von Schädelwand zu Schädelwand: ‘Verdammt Chris, denk dir irgendwas aus, irgendeine Erklärung, denk nach, verdammt nochmal.’
Stürze aus der Wohnungstür und trommel an die Tür meines Nachbarn:
“Ey du Idiot, bist du völlig verrückt geworden, spinnst ja wohl, um die Zeit zu waschen, mach auf du Schwachkopf!”
Das war knapp, grad noch rechtzeitig, bevor die anderen dazukommen.
“Ach der ist das Arschloch, hatte erst gedacht, das kam aus Ihrer Wohnung.”
“Ich? Wirke ich auf Sie wie jemand, der um sechs Uhr aufsteht?”
Prima, ein einleuchtendes Argument. Die halbe Hausgemeinschaft donnert jetzt an die Tür meines Nachbarn.
“Komm raus du Sau!”
Kriege ein wenig Gewissensbisse, will schlichten.
“Na, der wird sich hüten, jetzt rauszukommen. Is vielleicht auch besser so. Die Situation ist ja doch ein wenig aufgeheizt. Ich wette, der macht das bestimmt nie wieder!”
Das aufgepeitschte Grüppchen beruhigt sich ein wenig.
“Na jut, aber da reden wir noch drüber.”
Jeder tritt nochmal gegen die Tür meines Nachbarn, bevor alle wieder langsam zu ihren Wohnungen schlurfen. In diesem Moment beginnt die Maschine den zweiten Schleudergang.
Deshalb musste ich umziehen.