Ein Jahr ist lang
So unterm Jahr weiß ich oft nicht, wie es letztes Jahr um diese Zeit war. Was für Wetter wir im Sommer hatten und sowas. An Silvester ist das anders. Ich mag Silvester nicht, es scheint mir das ganze Jahr nochmal aufbürden zu wollen, in einer großen Bilanz. So auch diesmal. Darum schreibe ich es mir von der Seele, als Liste von Dingen, die dieses Jahr in meinem Leben geschehen sind.
- Das Jahr begann in einer Zeit, in der ich stark vermutete Autistin zu sein und das 50 Jahre lang aus vielerlei sehr guten Gründen nicht gesehen zu haben. Ich wartete auf den Termin zur Diagnostik bei Prof. Tebartz van Elst. Die Identitätskrise, in der ich steckte, war innendrin riesig und von außen nahezu unsichtbar, selbst für die, die mich sehr gut kannten. - Für meinen Mann endete mit Jahresbeginn eine fünfmonatige Krankschreibung wegen Depression, und im Januar begann die Wiedereingliederung in einer neuen Position in seiner Firma. - Der Mann, in den ich mich zweieinhalb Jahre zuvor verliebt hatte (und ich hatte wirklich die Füße stillgehalten), verliebte sich in mich. Ich zog die Notbremse, weil ich kein Verhältnis anfangen wollte. - Mein Mann und ich trennten uns. Bei weitem nicht nur deshalb. Wir vereinbarten ein Trennungsjahr und planten, so lange unter einem Dach wohnen zu bleiben, wie es ginge. - Ich zog im Haus nach unten. - Unser älterer Sohn machte schriftliches Abi. - Bei unserem jüngeren Sohn wechselte die Schulbegleiterin. - Der andere Mann brach unter seiner eigenen Lebenskrise zusammen und landete in der Psychiatrie. Mein erster Besuch dort war der Beginn einer seltsamen, tollen, tiefen Beziehung. - Der erste Diagnostik-Termin bei van Elst ergab “autistische Persönlichkeitsstruktur”, aber zu gut kompensiert für Asperger. Ich war damit nicht einverstanden. Wir vereinbarten einen weiteren Termin. - Mein Mann fand eine neue Beziehung. - Ich stellte beim Standesamt den Antrag, einen zweiten Vornamen eintragen zu lassen. Mein Freund war der erste, der mich so nannte. Manche guten Freundinnen stellten sich ebenfalls um, was mich riesig freut. - Es ging mir immer schlechter. Aus einem ersten Tal der Suizidalität kämpfte ich mich selbst wieder heraus, aber da war mir klar, dass ich in eine Klinik gehörte. Ins Landeskrankenhaus wollte ich nicht, in der Psychiatrie der Uniklinik war mein Freund, der Weg dorthin schien mir deshalb ebenfalls versperrt. - In der zweiten Phase mit Suizidgedanken kriselte die neue Beziehung, weil mein Freund selbst am Kämpfen war, und auch meine Freundinnen waren mehr und mehr überfordert. Ich wies mich selbst in die Psychiatrie der Uniklinik ein und hatte großes Glück, dass schon am nächsten Tag ein Bett in einer nicht geschlossenen Abteilung frei wurde.
- Ab da kämpfte ich um ein neues Leben, eine neue Identität, um einen Boden unter den Füßen. Gleichzeitig versuchte ich den Kontakt zu meinen Kindern zu halten und meinen Mann irgendwie zu entlasten. - Mein Mann war die ganze Zeit über schwer depressiv, teilweise krisenhaft, und tat sein Bestes sich selbst stabil zu halten und die anderen möglichst nichts merken zu lassen. - Die Autismus-Diagnostik wurde stationär nochmal neu aufgerollt. - Unser älterer Sohn machte mündliches Abitur und die Kommunikationsprüfung. - Meine Familie fuhr ohne mich nach Berlin, was unser Abitursgeschenk an den Großen war. Ich schaffte es nicht mitzufahren. - Es ging mir in meiner Anfangszeit in der Klinik noch sehr schlecht, es gab mehrere Krisen mit und ohne Suizidgedanken. - Ich bekam die Diagnose Asperger gestellt. Ich war und bin sehr erleichtert, dass das jetzt klar ist. - Mein Freund trennte sich von mir und wurde kurze Zeit später in seinem dritten Anlauf endgültig aus der Klinik entlassen. - Als mir klar wurde, wie schlecht es meinem Mann eigentlich ging und dass ich nicht wie mal gedacht zum Beginn der Sommerferien entlassen würde, organisierte ich unter Hochdruck ein Ferienprogramm für unseren jüngeren Sohn. - Nach dem Abi rutschte der Große in eine Krise. Der KiJu-Psychiater bestätigte die Anpassungsstörung und die beginnende Depression. - Die Autismus-Diagnostik wurde bei der Gelegenheit auch für ihn angestoßen, Ergebnis: autistisches Spektrum, aber zu wenig Rigidität und Stereotypie für eine formale Diagnose Asperger. Das erstaunte mich nicht, da der Psychiater auf jede Fremdanamnese verzichtet hatte. Ich halte es so nicht für ganz zutreffend, aber für meinen Sohn war es erstmal okay. - In einem neurologischen Konsil wurde geklärt, dass der Autismus auch der Grund für meinen Dauerschwindel ist. Ich arbeitete mit einem Physiotherapeuten an einem besseren Umgang mit dem Schwindel im Alltag. Das half enorm. Als unerwünschte Nebenwirkung handelte ich mir gelegentliche Sprachstörungen ein, die stattdessen auftreten, wenn mein Gehirn zuviel kompensieren muss. - Lustiger Nebenbefund in der Neurologie: ich kann Infrarotlicht sehen. - Das Standesamt gab meinem Antrag auf Namensänderung statt. Die Mitpatienten in der Klinik kannten mich sowieso schon nur unter meinem zweiten Vornamen. - Mein jüngerer Sohn teilte mir mit, dass er sich seiner Geschlechtsidentität nicht sicher ist. Das deckt sich mit meiner Wahrnehmung von ihm/ihr. Er lebt äußerlich als Junge weiter, weil es einfacher so ist. - Mein Mann äußerte Zweifel, dass er es weiterhin mit mir unter einem Dach aushalten könne. Wir waren uns einig, dass ich trotz meiner fehlenden Alltagskompetenzen bei den Jungs bleiben sollte. - Ich ging noch von der Klinik aus die Anträge auf Schwerbehindertenausweis und Pflegestufe 0 an. - Die Suche nach Praktika und einem Ausbildungsplatz für den Großen war buchstäblich auf den letzten Drücker erfolgreich, und er fand Anfang September eine Lehrstelle. Fahrzeit von zu Hause eine Stunde pro Weg.
- Ich wurde nach 4 Monaten und 2 Tagen aus der Psychiatrie entlassen. - Das neue Schuljahr begann, für unseren jüngeren Sohn mit vielen Lehrerwechseln, für den älteren an der Berufsschule. - Zwei Wochen nach Ende der nachstationären Betreuung teilte mein Mann mir mit, dass er ausziehen müsse. Wir sagten es gemeinsam den Kindern. - Der Große fand in seiner Klasse eine Freundin, seine zweite Beziehung. - Meine Eltern verkauften in einer Hauruck-Aktion ihr Haus und zogen ins Altersheim. Ich habe mich so gut es irgend ging abgegrenzt, aber ganz ohne Beteiligung ging es eben doch nicht. - Mein Mann fuhr mit seiner Freundin in Urlaub, und ich hatte einen Testlauf, wie es im Alltag alleine mit den Jungs im Haus gehen könnte. - Der Antrag auf Pflegestufe wurde abgelehnt. Ich beschloss, keinen Widerspruch einzulegen und es so zu versuchen. - Kurz nach seinem Urlaub zog mein Mann in eine Übergangswohnung. Auf meinen Rat hin ließ er die Jungs beim Umzug helfen. Am Wochenende zuvor war mein Exfreund ebenfalls mit Hilfe seiner Söhne in seine eigene Wohnung gezogen. - Ab da gab es einigermaßen feste Termine, zu denen mein Mann die Jungs sah. Da seine Wohnung zu klein für Besuch war, fand das meistens bei uns zu Hause statt. Das war nicht so leicht. - Die Beziehung des Großen zerbrach. - Der lose WhatsApp-Kontakt zu meinem Exfreund intensivierte sich wieder, und ein erstes Wiedersehen in einem Café machte klar (in seinen Worten): Die gegenseitige Faszination ist ungebrochen. Wir kamen wieder zusammen. Die Beziehung war wunderbar, schwierig und emotional sehr anstrengend. - Mein Mann zog dauerhaft in eine größere Wohnung. - Wir planten das erste “getrennte” Weihnachtsfest als Familie. Mein Freund tat das gleiche. - Ich stand vor der Aufgabe, Silvester mit den Jungs zu managen. - Am Tag vor Heiligabend trennte sich mein Freund von mir. - Heiligabend verlief glimpflich. Wir feierten in der neuen Wohnung meines Mannes. Ich war zum ersten mal dort. - Mein Mann fuhr für drei Tage mit den Jungs zu seinen Eltern. Ich war froh um die Pause zum Erholen und Aufarbeiten. - Heute abend werden wir 9 Leute zum Raclette sein. Wie üblich freue ich mich auf den Besuch und habe gleichzeitig Angst vor der Wirrnis in meinem Kopf und der Aufgabe heute abend Silvester zu feiern und das Jahr zu beenden, wo ich doch gar nicht sicher bin, ob ich schon bereit bin dafür.
Ich beende das Jahr 2016 mit sehr vielen unterschiedlichen Gefühlen. Ich kann nicht alles fassen, was passiert ist. Es war fast zuviel und zu tiefgreifend für ein Jahr. Mich verwirrt das. Ich habe mir in der Klinik unglaublich viel erarbeitet und bin stolz auf die Rückmeldungen von den Menschen, mit denen ich dort gearbeitet habe. Ich habe neue Freundschaften geschlossen mit Menschen, die mich so kennenlernen, wie ich heute bin. Sozialkontakte sind für mich genauso anstrengend wie jede andere Arbeit, aber ich brauche sie für mein Ich, für mein Leben und bin unglaublich dankbar für die alten und neuen Freundinnen und Freunde um mich herum, die mir so viel bedeuten und denen ich was bedeute. Ich bin geliebt und begehrt und geschätzt worden von einem tollen Mann, so gut dieser es in seinem eigenen Krisenjahr vermochte. Mein Mann und ich haben die Trennung bis hierher sehr, sehr tapfer und besonnen und kooperativ gemeistert. Aber wir sind uns erschreckend fremd geworden. Wir hoffen darauf, dass wir irgendwann später wieder zu einer guten Freundschaft zurück finden. Ich stemme den Alltag mit meinen beiden autistischen Jungs. Wir sind ein gutes Team. Mein Mann sucht noch seine (neue) Vaterrolle, und eine (neue) gemeinsame Elternrolle haben wir auch noch nicht entwickelt. Ich bin mit Unterstützung meines Therapeuten die Großbaustelle Beruf angegangen. Das war eigentlich zu früh, aber es drängt mich. Und es ist ein Alptraum. Ich habe in der kurzen Beziehung nach der Klinik eine Menge über mich erfahren, wie ich wohl Beziehung lebe und was ich brauche, wenn ich mich nicht verbiegen muss. Ich habe auch in meinen anderen Freundschaften und im Alleinsein vieles über mich erfahren und mich und meinen Autismus besser kennengelernt. Ich habe seit Ausbruch meiner Krise im November 2015 zwölf Kilo an Gewicht verloren und sehe für mein eigenes Empfinden ziemlich anders aus. Ich übe mich im Kochen und überhaupt Essen machen und Versorgen. Ich kann das nicht von Natur aus, ich bin “ernährungsblind” und muss das kompensieren. Es geht besser als befürchtet. Überhaupt lerne und übe ich, mit meinen Kräften zu haushalten und mir einen Alltag aufzubauen, in dem ich nicht wieder in die Burnout-Depression renne. Es ist ein Trial & Error, ich mache Fehler, aus denen ich lerne. Autismus ist in vielerlei Hinsicht eine coole Sache, aber er ist eben auch eine bekackte Behinderung.
Falls ich für 2016 einen guten Vorsatz hatte - das weiß ich nicht mehr -, wäre ein Ziel wohl gewesen, dass ich endlich ich sein kann. Das habe ich erreicht. Ich bin nicht glücklicher, ich habe wirklich einiges an Federn gelassen, dafür sind mir auch eine Menge neuer Federn gewachsen. Das Jahr war schlimm. Und toll. Auf jeden Fall reich. Ich möchte es nicht missen. Ich möchte mich selbst nicht mehr missen.
Für 2017 habe ich keine Vorsätze. Aber Wünsche, Hoffnungen habe ich. Ich möchte nicht ohne Liebe durch das Jahr gehen und auch nicht ohne guten Sex. Ich würde gerne beruflich so weit kommen, zumindest soviel Geld zu verdienen, dass ich meine eigenen Kosten decken kann. Ich möchte besser unterscheiden lernen, was mein ureigener Drang nach und meine unbändige Freude an ständiger Weiterentwicklung ist und was mir als Leistungsdruck anerzogen wurde. Ich möchte lernen mit mir selbst lockerer zu lassen und wirklich begreifen, dass ich als Persönlichkeit nirgends mehr “hin muss”, dass ich reif und stabil genug bin.
Mein Gefühl sagt mir, dass 2017 anstrengend und ereignisreich werden wird. Ich hoffe auf etwas ruhigere Bahnen, weniger Krise. Ich setze auf MICH.










