C.J. Anderson-Wu/Translated from English by Ulrich Borsdorf
Am Morgen, es war ein Dienstag, holte er sich die Zeitung aus dem  Briefkasten, er las sie beim FrĂŒhstĂŒck. Die Schlagzeile auf der ersten Seite lautete: 'Anklage wegen Volksverhetzung', daneben standen die Nachrichten aus aller Welt: ' Die Sowjetunion weigert sich, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen â Jimmy Carter warnt: Die USA
erwĂ€gen den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau'. Genau ein Jahr vorher hatte der selbe Jimmy Carter die Aufnahme normaler Beziehungen zum kommunistischen Regime in Peking verkĂŒndet. Erst begeht er Verrat an Taiwan, und nun glaubt er, man könne die Gefahr des Kommunismus eindĂ€mmen?
Die Anklage war auf der dritten Seite vollstĂ€ndig abgedruckt. In aller KĂŒrze besagte sie, der Chefredakteur des Formosa-Magazins habe in Japan eine Aal-Zucht betrieben, um so eine Zusammenarbeit mit den chinesischen Kommunisten zu tarnen. Der Text erlĂ€uterte, wie die acht Angeklagten â unter dem Deckmantel des Magazins - mit verschiedenen Untergrundorganisationen in Japan und in den USA kollaboriert hatten. Das Magazin war wegen seiner UmsturzplĂ€ne verboten worden, aber die Angeklagten hatten nicht aufgehört, ihre aufrĂŒhrerischen Parolen zu verbreiten. Ein paar AbsĂ€tze weiter hieĂ es, alle acht Angeklagten, sechs MĂ€nner und zwei Frauen, hĂ€tten kurz- und langfristige PlĂ€ne geschmiedet, durch SchĂŒren gesellschaftlicher Konflikte das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung zu unterminieren. Ihr Ziel sei die UnabhĂ€ngigkeit Taiwans gewesen.
Also â waren sie nun Kommunisten oder Separatisten? Argwohn stieg in ihm auf. Die StaatsanwĂ€lte waren heutzutage bei einigermaĂen klarem Verstand und in der Regel sehr gewissenhaft. Wenn diese Leute mit chinesischen Kommunisten zusammengearbeitet hatten, dann konnten sie nicht das Ziel der UnabhĂ€ngigkeit Taiwans verfolgen, denn Peking war fest entschlossen, sich auch um den Preis eines BlutvergieĂens Taiwan einzuverleiben. War der Staatsanwaltschaft dieses Paradox nicht bewuĂt? Eine Anklage gegen acht Personen â war das alles, was sie auf Lager hatten? Aber er empfand auch gegen die Angeklagten eine Art von Abscheu. Was wollten sie wirklich? Warum wollten sie das Gift der Zwietracht in unserem Volk  ausstreuen? Wie konnten sie so naiv sein, mit Kommunisten zu kollaborieren? Wie kamen sie darauf zu glauben, Taiwan sei nicht ein Teil Chinas? Blasphemie! Verbrecher! Und: Blöde AnklĂ€ger.
Als er den Bus auf der Strasse hörte, legte er die Zeitung beiseite, griff seine Aktentasche und stĂŒrzte nach draussen, um den Bus noch zu kriegen. Es war der Bus, der allmorgendlich ihn und seine Nachbarn, sĂ€mtlich seine Arbeitskollegen, von der Wohnanlage, in der sie alle lebten, zum Gericht brachte. Die meisten waren Richter wie er. Er war einer der Vorsitzenden Richter der insgesamt fĂŒnfzehn Strafkammern.
Er fragte sich, ob sich das GesprĂ€ch der Kollegen heute morgen um den Zeitungsartikel ĂŒber die schwache Anklageschrift drehen wĂŒrde. Aber an diesem Morgen herrschte Schweigen im Bus. Er vermutete, dass sie den Artikel noch nicht gelesen hatten.
Aus dem Busfenster sah er, wie Chien Hsin-Hwan mit seinem Motorroller losfuhr, er war spĂ€ter dran als sonst. Es war ein kalter Morgen, obwohl der Winter schon zu Ende ging. Chien war der Nachbar von nebenan, in einer kleineren Wohnung, jĂŒnger als er, und er war noch Staatsanwalt. Mit 46 Jahren war Chien nicht so jung wie seine Kollegen, die meisten waren schon in die Justizbehörden der Zentralregierung aufgestiegen oder hatten in den Amtsgerichten leitende Positionen inne. Chien war eigentlich schon zu lange auf seinem Posten â wahrscheinlich, weil er zuviel Zeit darauf verwandte, BĂŒcher zu lesen, die nichts mit Juristerei zu tun hatten. Das waren BĂŒcher ĂŒber Philosophie, aber er las  auch welche, die er sich von Freunden aus Japan schicken lieĂ. Beim RĂŒckzug der Japaner aus Taiwan war Chien noch jung â er war im japanischen Schulsystem aufgewachsen. Er brachte sich selbst weiter Japanisch bei und kannte sich im japanischen Recht ganz gut aus.
Chiens Kinder und seine eigenen gingen in die selbe Schule, obwohl der  Richter schon weit ĂŒber fĂŒnfzig war. Er hatte acht Jahre damit verbracht, gegen die Japaner zu kĂ€mpfen und dann waren ein paar weitere Jahre auf der Flucht  vor den kommunistischen Chinesen vergangen. Als er sich in Taiwan niederlieĂ, war er Ende dreissig gewesen. Wenn Krieg ist, fĂ€ngt alles im Leben spĂ€t an, wenn ĂŒberhaupt.
Im BĂŒro war es ungewöhnlich ruhig, obwohl in seiner Kammer die debattierfreudigsten Richter saĂen. Normalerweise begannen die Arbeitstage mit Diskussionen ĂŒber die Nachrichten der Tageszeitungen in Rechtsfragen. Vielleicht kĂŒmmerte sie die Anklage gegen die Redakteure des Formosa Magazins nicht, weil sie vor einem Kriegsgericht verhandelt wurden. Aber es lag so etwas wie Unbehagen in der Luft.
Seine Kammer hatte an diesem Tag keine Verhandlung, und er nutzte die Zeit, um in die Bibliothek zu gehen und sich ĂŒber Verleumdung, Diffamierung, Beleidigung, Ehrabschneiderei und Redefreiheit zu informieren â und ob es dazu ĂŒberhaupt klare rechtliche Bestimmungen gab. Als er an der TĂŒr war, sah er sich nach Huang Mei-Hsueh um, der Richterin mit den wenigsten Dienstjahren in seiner Kammer, ob sie ihm helfen könne. Aber als er versuchte, sie anzusehen, wandte sie sich ab, anscheinend wollte sie nicht bei der Arbeit gestört werden. Er öffnete die TĂŒr und ging allein hinaus.
Auf der Terrasse vor der Bibliothek sah er einen Mann mit einem Stapel Akten unter dem Arm auf sich zu kommen, der ihm bekannt vorkam. Er hielt inne und wollte den Mann nĂ€her kommen lassen, um herauszufinden, ob er ihn kannte und begrĂŒĂen sollte. Aber als er stehenblieb, drehte sich der Mann abrupt ab und verschwand in einem der RĂ€ume auf der anderen Seite des Ganges.
Am Donnerstagabend hatte er einen unerwarteten Besucher: den Betreuer Chang. Seitdem er sich in Taiwan niedergelassen hatte, kamen regelmĂ€ssig 'Betreuer' vorbei. AnfĂ€nglich kĂŒmmerte ihn deren Fragerei nicht besonders, bis eines Tages ein Freund, dessen Arbeit mit dem Geheimdienst zu tun hatte, ihm  zu verstehen gab, dass die Sicherheitsbehörden argwöhnten, er sei in den zwei Jahren vor seiner Ankunft in Taiwan, in denen er in Hongkong gelebt hatte, von der Kommunistischen Partei angeworben worden â weshalb sie in Erfahrung bringen wollten, ob er der Partei noch anhing. Zuerst hatte er gedacht, das ganze wĂŒrde nur ein paar Monate dauern, höchstens einige Jahre, aber mittlerweile waren es schon drei Jahrzehnte.
Betreuer Chang ging unaufgefordert zum Wohnzimmer durch. Er setzte sich vor den Bildschirm des Fernsehers, in dem sich seine Frau eine Kochshow ĂŒber die KĂŒche von Hunan anschaute. Sie mussten den Fernseher ausschalten, und seine Frau zog sich in die KĂŒche zurĂŒck â nicht ohne dem Gast vorher einen guten Tag gewĂŒnscht zu haben. Der Richter hatte mit seiner Frau nie Â ĂŒber die Betreuer gesprochen, aus Angst, sie könne sich sonst Sorgen machen.
Betreuer Chang begann das GesprĂ€ch: 'Ich bin beauftragt, Euer Ehren zu fragen, ob wir an der Arbeit der Gerichte und der Arbeit Euer Ehren etwas verbessern können'. Chang liebte diese förmliche Anrede, die ja nur im Gericht ĂŒblich war â der Richter fand das absurd, aber er wollte ihn nicht korrigieren. Er hatte kein Interesse daran, sich die anderen blödsinnigen Titulierungen anzuhören, die seinem GegenĂŒber womöglich in den Sinn kamen. 'O, darum geht es! Ich glaube, die Bibliothek hat lange nicht mehr eine Liste der Neuerscheinungen bereitgestellt' antwortete er instinktiv, wohl wissend, dass das nicht das eigentliche Anliegen Changs war. Chang war ja nicht gekommen, um in Erfahrung zu bringen, wie man die Arbeitsbelastung der Richter verringern konnte. Nach einem kurzen Moment des Schweigens sagte Betreuer Chang 'Ich bin auch gekommen, um mich nach Ihrer Meinung ĂŒber den Anwalt Chien zu erkundigen.'
'Er scheint nicht besonders interessiert an einer Beförderung ... '
Anstatt einer Antwort wartete er ab, worauf Betreuer Chang hinauswollte.
'Wir fragen uns, also, wir fragen uns, ob ihn noch etwas anderes in Beschlag nimmt.'
'Davon weiĂ ich nichts.'
'Macht nichts, macht gar nichts.' Betreuer Chang lÀchelte. Dann fragte er nach Chiens Kindern, wie sie sich in der Schule machten. Das klang alles andere als aufrichtig, dann erhob er sich um zu gehen.
Die Frau des Richters kam ins Wohnzimmer zurĂŒck und schaltete den Fernseher wieder ein, aber die Hunan-Kochshow war zuende.
In der Nacht trĂ€umte er von seinem Bruder. Sie spielten im Fluss und wetteiferten, wer es im kalten Wasser lĂ€nger aushielt â bis ihre Lippen blau waren und sie am ganzen Körper schlotterten. Er war das jĂŒngste Kind seiner Eltern, der nĂ€chste Bruder war zwei Jahre Ă€lter, sie trieben sich immer zusammen draussen herum. Sie spielten im Fluss, bis die WinterkĂ€lte einsetzte. Aber wenn sich der FrĂŒhling auch nur ankĂŒndigte, setzten sie ihr Flussabenteuer wieder fort. Von ihren Eltern steckten sie dafĂŒr oft PrĂŒgel ein, weil sie ihr junges Leben aufs Spiel setzten, aber das hielt sie nicht ab.
Er trĂ€umte oft von seinem Bruder und seiner Kindheit, und manchmal ging sein Bruder im Wasser unter und wurde fortgespĂŒlt.
Das war einunddreissig Jahre her. Er wusste nicht, wie es seiner Familie in China ging und die Familie wusste nicht, wo er jetzt steckte. Lebten sie noch? Wussten sie, dass er noch am Leben war?
Vor einiger Zeit hatte ihm einer seiner Freunde erzĂ€hlt, dass er die Post fĂŒr seine Familie in China an Verwandte in den USA schickte, die sie dann weitersandten. Auf diese Weise, so sagte der Freund, sei er wieder mit seiner Familie in Kontakt gekommen. Der Richter hatte ĂŒberlegt, es genau so zu machen, aber er kannte in Amerika niemanden und wuĂte nicht, ob er den  Verwandten seines Freundes trauen konnte.
Er lag nachts wach und zerbrach sich den Kopf. Wie konnte die Regierung auf die Idee kommen, er sei von den Kommunisten angeworben worden? Hatte er nicht seine Eltern, seine BrĂŒder und Schwestern wegen der Kommunisten verloren?
In den nĂ€chsten Wochen konnte er nicht anders, als auf seinen Nachbarn Chien Hsin-Hwan genauer zu achten. Manchmal sah dieser schon ein wenig merkwĂŒrdig aus. Wenn sie sich trafen, schien Chien nicht so freundlich wie sonst zu sein. Er entstammte einer Bauernfamilie, seine Eltern bebauten noch ihr eigenes StĂŒck Land. Jedesmal, wenn sie ihn in Taipeh besuchten oder er zu ihnen in den SĂŒden fuhr, brachte er der Frau des Richters, die aus dem lĂ€ndlichen Norden Taiwans stammte, GemĂŒse oder andere Erzeugnisse aus eigenem Anbau mit. Sie sprachen untereinander  einen taiwanesischen Dialekt, den er nicht beherrschte.
Einmal besuchte der Richter einen Vortrag von Chien ĂŒber GegensĂ€tze der Darstellungen ĂŒber die Rolle Japans nach dem Weltkrieg in japanischen SchulbĂŒchern. Chien analysierte die eklatanten VerstöĂe gegen die historische Wahrheit, die  in den vergangenen dreissig Jahren, trotz des in der Verfassung verankerten Verbotes der Zensur, vorgekommen waren. Er erweiterte den Begriff der ObszönitĂ€t , um  auch Untaten des Regimes zu erfassen, trotzdem fielen eine Menge Veröffentlichungen der Zensur anheim. Der Richter fand es empörend, dass die japanische Regierung immer noch das Unrecht leugnete, das Japan im Krieg begangen hatte. Es war die japanische Invasion Chinas, die es dem Kommunismus in die Arme trieb, und es war diese Invasion gewesen, die ihn zur Flucht aus seiner Heimat veranlasst hatte, ohne zu wissen, ob er seine Familie je wiedersehen wĂŒrde.
Auf der anderen Seite bewunderte er die Japanisch-Kenntnisse Chiens,  immerhin war es die Sprache der Invasoren und  Kolonialherren gewesen. Der Richter selbst beherrschte keine Fremdsprache, in der er derartige  eigene Forschungen hÀtte treiben können. Ihm war klar, der einzige Weg, dem internen Wettbewerb standzuhalten, war, hÀrter zu arbeiten.
Als die wĂ€rmere Jahreszeit allmĂ€hlich heranrĂŒckte, brach Chien immer unregelmĂ€ssiger von zu Hause auf. Ein Staatsanwalt musste Ermittlungen natĂŒrlich persönlich anstellen, das wuĂte der Richter aus eigener Anschauung. Aber er bemerkte auch, dass Chien neuerdings mehr GĂ€ste hatte. Die Wohnanlage hatte einen rechteckigen Grundriss, vier Stockwerke, mit einem Hof in der Mitte, auf jedem Stockwerk wohnten acht Familien. Chiens Wohnung grenzte an der KĂŒche und am Hintereingang an die Wohnung des Richters. Als er eines Abends den MĂŒll nach draussen brachte, wurde in Chiens Wohnung der Fernseher leiser gestellt. Dem schenkte er aber keine weitere Beachtung, schliesslich gab es nur drei Sender, was sollten sie schon anderes anschauen?  Das Verfahren gegen das Formosa Magazin dauerte nur neun Tage, aber es war aufgrund amerikanischen Druckes presseöffentlich â so hatte man ihm gesagt.
FĂŒnfzehn Verteidiger hatten sich freiwillig gemeldet, und, ĂŒber den Vorwurf hinaus, die Angeklagten seien bei den Verhören gefoltert worden, was ein eindeutiger VerstoĂ gegen die Menschenrechte sei, stellte die Verteidigung in Frage, ob das Kriegsrecht anzuwenden und der Kriegsgerichtshof ĂŒberhaupt zustĂ€ndig sei. Sie verlangten die Ăbergabe des Verfahrens an das oberste Zivilgericht des Landes. Der Richter hĂ€tte den Fall sehr gern ĂŒbernommen, er wĂ€re gern tiefer in die Sache eingestiegen, um herauszubekommen,  wie man des Separatismus und des Kommunismus gleichzeitig hatte beschuldigt werden konnte. Man musste doch die schludrige Arbeit der Ermittler, die  die Angeklagten als 'VerrĂ€ter' oder 'Agitatoren' darstellten, ohne zu erklĂ€ren, wie sie ihr Land verraten oder die Ăffentlichkeit aufgewiegelt hatten, in Rechnung stellen. Wie konnte ein Mensch, der nur seine Meinung vertrat, so absurd sie auch sein mochte, kriminelle Handlungen begehen? Die Verteidigung hatte gute Arbeit geleistet, dachte er, es war ihm aber klar, dass das Verfahren nicht an seiner Kammer landen wĂŒrde. Er war allerdings entsetzt ĂŒber die Ansichten der Angeklagten, vor allem ihre indirekte Leugnung, dass Taiwan kulturell und historisch mit China verbunden sei. Sind wir nicht alle Erben Chinas? Haben wir nicht alle von der Entwicklung und dem wachsenden Reichtum der Republik China  (Taiwan) profitiert? Nichtsdestoweniger wurde ihm bewuĂt, je lĂ€nger er den Prozess verfolgte, dass die Gesellschaft sich nach vorne bewegen und der Vielfalt von Ideen öffnen musste.
Aber war es einfach, sich der Vielfalt zu öffnen? Am Beginn der Winterferien brachte seine Tochter den Roman 'Factory Men' eines Schriftstellers aus Tainan mit nach Hause. Sie hatte im vergangenen Schuljahr nicht so gute Noten erhalten. Ihr Vater schimpfte: 'Du solltest solchen Schund nicht lesen. Ich habe nicht, wie Anwalt Chien nebenan, Landbesitz zu vererben. Wenn Du die Schule nicht ernst nimmst, keinen Beruf erlernst, von dem Du leben kannst, bist Du erledigt.' 'Was ist denn Schund fĂŒr Dich?' begehrte das MĂ€dchen auf: 'Ist denn jedes Buch Deiner Meinung nach Schund, bloĂ weil es von jemandem geschrieben ist, der von hier ist?' Taiwanesische  Autoren hatten den Richter noch nie beeindruckt, er fand sie nicht gut genug, um sie zu den 'Klassikern' zu zĂ€hlen. Aber Werke zeitgenössischer Chinesen waren in Taiwan verpönt.  Japanische Literatur mochte er auch nicht, und die von ihm frĂŒher sehr geschĂ€tzten westlichen Autoren interessierten seine Kinder nicht, weil sie so wenig mit ihrer Lebenswelt zu tun hatten.
Betreuer Chang kam nach ein paar Wochen wieder vorbei, um den Richter herumzukriegen, irgendetwas zu finden, das gegen  Chien Hsin-Hwan verwendet werden konnte. 'Wir haben Hinweise, dass Chien Kontakte zu den Leuten unterhĂ€lt, die unser Land schlecht machen.' 'Was  fĂŒr Hinweise?' fragte der Richter; diese Frage schien Chang zu irritieren. Hatte Chang vergessen, dass er zu einem Richter sprach, der immer hieb â und stichfeste Beweise brauchte? Der Richter konnte kaum verbergen, wie sehr er sein GegenĂŒber geringschĂ€tzte. Sperren sie noch mehr Leute ein?
Betreuer Chang kramte in seiner Aktentasche. Sie war aus schwarzem Leder, mit einem Abzeichen der National-Partei. Das Design der Tasche war hÀsslich, wie alle Geschenke der Regierung war sie nicht fein gearbeitet. Seine eigene Brieftasche, die er aus Anlass des Taiwanesischen Nationalfeiertages bekommen hatte, war alles andere als eine Augenweide und im Gebrauch unhandlich. Eine Verschwendung guten Materials, dachte er und schaute abschÀtzig auf Changs Tasche.
Betreuer Chang breitete einige SchriftstĂŒcke  vor ihm aus, der Richter las sie durch. Es ging um die Japanische Verfassung, die nach dem Krieg unter der Oberhoheit von General Mac Arthur zustandegekommen war.
Mehr als dreissig Jahre danach forderten einige Leute eine GesetzesĂ€nderung hin zu mehr BĂŒrgerrechten, also mehr Schutz der PrivatsphĂ€re, Recht auf Zugang zu Informationen oder die Senkung des VolljĂ€hrigkeitsalters von zwanzig auf achtzehn. Die Rede- und Meinungsfreiheit war schon unter dem Meiji-Regime gewĂ€hrt worden und wurde nun in der MacArthur-Version der Verfassung noch einmal bekrĂ€ftigt: 'alle Beamten sind vor haltlosen Verleumdungen (VerdĂ€chtigungen, Anschuldigungen?) zu schĂŒtzen'. Das war plausibel recherchiert, und dem Richter wurde klar, dass das einzige, was Chien rechtsförmig vorgeworfen werden konnte, die Tatsache war, dass der Text in der verbotenen Ausgabe des Formosa-Magazins vom Herbst des vergangen Jahres erschienen war.
Also musste Chien ein Sympathisant der Formosa-Angeklagten sein, aber in keinem Fall konnte das Papier, das ein beachtliches wissenschaftliches Niveau hatte, als Beweis dafĂŒr dienen, dass er in illegale Handlungen involviert war.
'Ich kann darin keinen Zusammenhang erkennen, das ist ordentliche wissenschaftliche Arbeit' sagte der Richter und schob das Papier in Richtung des Betreuers Chang zurĂŒck. Und er fĂŒgte ironisch hinzu: 'Ihnen kann doch die Wissenschaftlichkeit nicht entgangen sein.'
Pikiert antwortete der Betreuer Chang mit einem drohenden Unterton in der  Stimme, 'Wenn ich Sie daran erinnern darf, Euer Ehren, ein Verbrechen stillschweigend zu billigen, ist auch strafbar'. Dann nahm er seine Aktentasche und ging.
Die Drohung des Betreuers Chang machte ihm nichts aus. Er hatte schlieĂlich nichts zu verbergen. Der Prozess gegen das Formosa-Magazin vor dem Kriegsgericht dauerte weniger als vier Wochen. Die Urteile lauteten auf LebenslĂ€nglich fĂŒr einen Angeklagten, der Rest bekam zwölf bis vierzehn Jahre GefĂ€ngnis. Dass ihnen die Todesstrafe erspart blieb, war offenbar auf den Druck der USA zurĂŒckzufĂŒhren. Der Richter war auch der Meinung, dass die Angeklagten zum Tode hĂ€tten verurteilt werden mĂŒssen, vor allem, weil das Verfahren so schlampig gefĂŒhrt worden war â es war sozusagen unter dem Strich. Der Autor von 'Factory Men', Yang Qinggchu, wurde, wie sechsunddreissig andere, vom Kriegsgericht der Komplizenschaft  mit den AufrĂŒhrern ĂŒberfĂŒhrt. Seine Darstellung der Arbeiter als 'Proletariern' reichte aus, um ihm Verbindungen zum Kommunismus vorzuwerfen. Der Richter war verwundert und wĂŒnschte sich, seine Tochter hĂ€tte das Buch nicht noch.
Chien Hsin-Hwan legte in den Augen des Richters immer noch ein befremdliches Betragen an den Tag. Obwohl er in ihrem Viertel hĂ€ufiger auftauchte, vermied er jeden Augenkontakt mit dem Richter. War er schuldig? Was fĂŒr ein Verbrechen sollte jemand wie er begangen haben?
Er war doch eher TrĂ€umer als Aktionist, eher ein Nerd als ein Verschwörer. Auf der anderen Seite wuĂte der Richter aus eigener Erfahrung, dass der Betreuer Chang, obwohl das Formosa-Verfahren abgeschlossen war, nicht aufhören wĂŒrde, sie zu behelligen. Es gingen einige Wochen ins Land, und der Richter und sein Nachbar stellten jeden Verkehr untereinander komplett ein. Auch ihre Ehefrauen wurden sich der allmĂ€hlichen Entfremdung der beiden Nachbarn bewuĂt; sie tauschten immer seltener Obst und GemĂŒse oder Kochrezepte aus.
An einem FrĂŒhsommer-Abend, der Richter war dabei, die Pflanzen vor der HoftĂŒr zu giessen, sah er, wie ein Mann, mit derselben Aktentasche wie Chang, das Haus der Familie Chien verlieĂ. Blitzartig wurde ihm klar, dass auf dieser Insel jeder in das Visier der Behörden und in Verdacht geraten konnte. So funktionierte die Gesellschaft. Der kalte Schweiss brach ihm aus.
In dieser Nacht trĂ€umte er wieder davon, dass sein Bruder und er wieder im Fluss badeten. Aber dieses Mal war es nicht sein Bruder, der unterging und fortgespĂŒlt wurde. Sondern er selbst.