Wie zelebrieren die Charaktere aus No Kiss for the Dauphin weihnachten....? Come in and find out~!
„Nocturn. Du nervst.“
Mit den unschuldigsten, größten Augen hob Nocturn den Blick, als wüsste er nicht genau, dass seine Fußschellen den oh so hart arbeitenden Kronprinzen tierisch auf die Nerven ging. Der Kronprinz der Dunkelheit und eigentliche Erbe des dämonischen Throns saß in weiß gekleidet an seinem Schreibtisch, mit einer schicken Feder mit goldener Spitze, weit weg von seinem eigentlichen Thronsaal im Tempel und tippte mit seiner Schreibfeder auf das feine Papier. Seine schwarzen Augen durchbohrten den Schuldigen, aber dieser freute sich einfach über die Aufmerksamkeit und klapperte, wie zum Dank für diesen herrlichen Blick noch einmal mit den Fußschellen – welche ganz neu waren. Die schwarzen Ketten funkelten fast; immerhin hatte noch nie jemand sie vor Nocturn angehabt. Ein Geschenk von Hizashi! Hoch magisch, schwer, hässlich und unmöglich zu brechen; wie gemacht für einen Dämon von Nocturns Kaliber. Nocturn hatte natürlich verstanden sie als Kompliment zu nehmen.
„Ich nerve? Aber mit was denn?“ Nocturn konnte das spitzbübische Grinsen gar nicht zurückhalten als er die Kette zwischen seinen Füßen zum Klirren brachte; ein lautes, unangenehmes Geräusch, dass schon bestens dafür geeignet war, um sich in jedermanns Ohren zu schneiden. Praktisch waren sie aber natürlich dennoch: die schwarze Kette zwischen seinen Füßen verlängerte sich nach Bedarf, um ihn nicht allzu sehr einzuschränken… außer die werden Elementarwächter fanden, dass er eine Gefahr war natürlich. Dann zogen sich auch diese neuen Fußschellen zusammen und hinderten ihn am Gehen.
„Ich bewege doch nur meine Füße!“
„Könntest du das ein wenig leiser machen?“
„Jegliche Beschwerden richtet der Herr Yami bitte an Hizashi-samaaa.“ Nur beim Erwähnen von Hizashis Namen verzog Youma das Gesicht. Der Herr Doktor war wirklich wie eine bittere Medizin, für jeden, der ihn traf. Man musste nur von ihm reden und schon hatte jeder schlechte Laune, fühlte sich bedroh und angeklagt. Youma ließ sich davon aber natürlich nicht beirren; Nocturn wusste, dass er schon mehr als einen Kampf mit Hizashi aufgenommen hatte, im Rat und außerhalb, meistens für und wegen Nocturn. Aber gegen die Fußschellen war jedes Argument abgeprallt… es war ja so oder so einer der Auflagen dafür, dass Nocturn überhaupt im Tempel leben durfte; jetzt waren sie nur einfach sichtbar und für jeden offensichtlich; ja, jeder der Nocturn sah, wusste, dass er es hier mit einem überaus gefährlichen Dämon zu tun hatte… der dennoch mit einem Lächeln durch den Tempel spazieren ging und jeden mit der Kette zwischen seinen Füßen nervte. Der Spaziergang heute Morgen war wunderbar gewesen, oh ja.
„Aber jetzt wo ich die Aufmerksamkeit meines Prinzen schon mal habe…“ Nocturn tänzelte durch Youmas Arbeitszimmer, dessen skeptische Augen seine Tanzschritte verfolgten bis Nocturn vor dem Schreibtisch angekommen war.
„Du hast hier doch sicherlich irgendwo ein Datum hingeschrieben, oh fleißiger Prinz, huh?“
„Natürlich habe ich da-“
„Ohja da.“ Nocturn zeigte mit seinem langen spitzen Finger auf das Datum in der obersten Ecke eines vollgeschriebenen Dokuments.
„Es ist der 24.12.“
„…“
„Weiß mein Prinz denn was das für ein Datum ist?“ Wenn er es nicht wusste, dann wäre Nocturn zutiefst beleidigt – und unzufrieden mit sich selbst. Dann hatte er nämlich darin versagt Youma diese schönste aller menschlichen Traditionen auf die liebenswerteste Art nahe zu legen… mit dem Schenken eines Schlittens zum Beispiel.
Aber nein, Youma wurde rot. Und er sah auch zur Seite. Sehr gut.
„Ich bin mir bewusst, dass die Menschen heute Weihnachten feiern“, antwortete Youma, strich sich beiläufig einer seiner langen Haarsträhnen hinters Ohr – sie wurden endlich wieder lang! – und sah dabei so ernst aus, als spräche er vor den Hikari im Rat. Aber seine Wangen waren immer noch etwas rot.
„Ich habe auch versucht einen kleinen Tannenbaum zu organisieren…“ Mit mäßigem Erfolg offensichtlich, denn hier war nirgends ein Baum zu sehen. Doch alleine die Tatsache, dass er es versucht hatte… brachte Nocturn innerlich ein wenig zum Lachen. Dabei hatte Youma genau diese Tradition doch immer am schlimmsten gefunden! Die arme Umwelt! Die armen Bäume! Und dann hing man auch noch etwas daran! Was für ein Unding! Menschen!
„Was für Mühe sich mein Prinz gemacht hat… und das nur für mich. Ich bin geehrt.“ Nocturn wusste nicht genau, warum Youma da noch einmal etwas röter geworden war. War es sein Tonfall gewesen?
„Aber nein, ich brauch keinen Baum. Wenn ich heute Abend vor Mitternacht zwei Stunden mit dir alleine bekomme, als Geschenk, dann ist das für mich gut genug.“ Nocturn war sich bewusst, dass er dabei eigentlich schon ein wenig zu viel forderte, denn da war heute irgend so ein wichtiges Meeting im Jenseits, für dessen Inhalt er sich überhaupt nicht interessiert hatte. Das einzige, woran er sich festgebissen hatte, als Youma ihm davon berichtete war das Datum. Der 24igste Dezember. Wer legte denn bitte wichtige Termine auf den Abend des heiligsten Abend überhaupt… das konnten nur die ach so heiligen Hikari, die sich überhaupt nicht für die Traditionen anderer interessierten.
Deswegen zögerte Youma wohl auch. Er wollte ja der beste Wächter der Dunkelheit sein, den es jemals gegeben hatte und dazu gehörten auch alle Termine einhalten.
„Ich weiß, dass du beschäftigt bist. Aber wer weiß…~“ Taktisch und absolut treffsicher nestete Nocturn ein wenig an seiner roten Schleife, zog ein wenig am Band…
„… vielleicht habe ich ja auch etwas, was du auspacken darfst…~“ Youma wurde auf der Stelle rot. Kerzengerade saß er plötzlich im Stuhl und vergaß sogar kurzzeitig das Atmen. Nocturn zupfte noch ein wenig an seiner Schleife, aber innerlich verdrehte er die Augen: Wesen, die sich sexuell erregen ließen waren so leicht zu manipulieren. Es war schon fast bemitleidenswert.
„Ich… werde sehen was sich machen lässt.“ Ahja, ganz plötzlich. Nocturn hatte plötzlich keine Lust mehr und die gute Laune war auch verschwunden. Na, vielleicht hatte er Youma jetzt auch schon etwas zu lange nichts mehr… auspacken lassen. Bäh.
„Tu das“, antwortete Nocturn dennoch und ließ seine Schleife gehen, um sich kurzerhand auf den Schreibtisch zu setzen – wobei er allerdings nett und höflich genug war nichts umzuwerfen oder etwas zu zerknittern. Er schwang das eine Bein über das andere und löste damit wieder einen ekeligen Ton aus, den er dieses Mal sogar ein wenig nervig fand. Aber er ließ sich davon nicht abbringen:
„Fille ist ja heute auch nicht da.“
„Ist sie nicht?“
„Non. Sie ist mit ihrem gesamten Gefolge – womit ich natürlich Blue, Silver und Firey meine – nach Hok… Hok… aid…“ Nocturn hatte das Gefühl, dass seine Zunge sich verknotete, als er versuchte Hokkaido auszusprechen.
„Bah, das kann ich nicht über meine französische Lippen bringen. Irgendwo in den Norden Japans. Fille und Silver haben da vor Wochen schon eine Hütte gemietet. Im Schnee. Weihnachten im Schnee. Wie romantisch! Ich werde fast eifersüchtig. Natürlich ist der Schnee nichts für unsere Hikari, aber sie wird sicherlich ordentlich gewärmt von ihren lieben Freunden und natürlich von Blue. Er war dagegen, natürlich, unvernünftig und was sendet denn das für ein Signal… aber Fille hat ihren Willen bekommen. Sie sind schon aufgebrochen und sind zwei Tage weg.“
„Woher weißt du das?“ Die Frage war doch eher warum wusste Youma das nicht?
„Du hast viel zu tun und ich habe nicht mehr viele Hobbies, vergessen?“ Nein, das hatte er natürlich nicht vergessen und Nocturn war sich klar, dass er das eigentlich nicht hätte sagen sollen – aber es war nun einmal die Wahrheit.
„Ganz großes Drama, denn natürlich kommt Saiyon nicht mit, obwohl er ja der Getreue von unserer Hikari ist, weshalb Blue auch dagegen war. Wieder, falsches Signal. Aber Grey und White haben Fille den Rücken gestärkt und gemeint, es sei gut für ihre mentale Gesundheit und für das Strahlen ihres Lichts… Wenn sie sich heute Mal keine Gedanken darüber machen muss, so schnell wie möglich schwanger zu werden.“ Schon wieder etwas, was Nocturn eigentlich nicht hatte sagen wollen, aber er redete wie immer zu schnell und schon war dieses Thema auch zwischen ihnen im Raum. Der nicht vorhandene Erbe des Elements der Dunkelheit… und der Tatsache, dass Nocturn Youma mit dieser Angelegenheit nicht helfen konnte. Er hatte es eigentlich nicht ansprechen wollen, obwohl er wusste, dass Silence ihn erst vor wenigen Tagen an seine Pflicht als letzter Lebender Yami erinnert hatte – und Youma war pflichtbewusster als Green.
Egal, darüber wollte Nocturn jetzt verdammt nochmal nicht nachdenken. Es war Weihnachten; das einzige Kind, an das er heute denken wolle, war ein nicht existierendes, heiliges Gotteskind, das einfach nur als Ausrede genommen wurde für gute Musik und Festessen. Oh gute Musik! Ein Gottesdienst in der Notre Dame, oh das wäre so wunderbar… Nein, nein, nicht daran denken, daran erst recht nicht. Wenn er an Paris dachte, fing er gleich an zu weinen.
Und das wäre nicht gut, denn genau da klopfte es an der Tür. Youma horchte auf und wollte den Besucher schon herein bitten, aber da öffnete dieser schon von sich aus die Tür, als wäre dies sein Arbeitszimmer – und herein kam wahrlich ein Gotteskind… nämlich Hizashi, mit Reitzel im Schlepptau, der einen entschuldigenden Eindruck machte.
„Ah, Reitzel hatte recht! Hier ist ja unser Dämon.“ Nocturn hatte viele Dämonen getroffen, dumme, gefährliche, mächtige. Fürsten von hohen Kaliber; Ri-Il unter anderem, dessen Lächeln einem auch nicht gerade Freude verspüren ließ. Aber Hizashis Lächeln… Es gab keines, mit dem man es vergleichen konnte. Sein Lächeln war wie das einer alten Engelsstatue, in dessen Körper der Teufel gefahren war; genauso gefährlich und genauso ewiglich. Hizashi war einer der wenigen Wesen, mit denen auch Nocturn am liebsten so wenig wie möglich zu tun hatte – leider musste er ihn aber jeden zweiten Tag sehen.
„Das Hündchen ist bei seinem Besitzer, wie niedlich“, sagte Hizashi und legte lächelnd die Hände zusammen. Er verbeugte sich natürlich nicht – verbeugte er sich vor überhaupt jemanden? Vor seinen Göttern vielleicht? – aber Reitzel grüßte höflich. Youma richtete sich sofort auf, alarmiert und verärgert.
„Nocturn ist nicht beim Besitz“, antwortete Youma mit ernster, resoluter Miene. Nocturn spürte wie eine komische Wärme sich auf seinen Wangen ausbreitete. Also eigentlich mochte er es ja, wenn Youma sagte, dass er „sein war“, aber das war wohl nicht der richtige Moment um das anzumerken.
„Wie Sie meinen, Yami-san.“ Hizashi drehte sich zu Reitzel herum und sein Lächeln war sofort weg.
„Du kannst jetzt gehen, Reitzel“, sprach er mit der Strenge eines Lehrers, der seinen Schüler wegschickte, nachdem dieser seinen Zweck erfüllt hatte. Doch Reitzel blieb stehen, wofür Nocturn ihm Respekt zollte.
„Geh“, sagte er nun mit etwas mehr Nachdruck und tatsächlich auch mit einer abweisenden Handbewegung.
„Du hast deinen Zweck erfüllt.“
„Aber Hizashi. Ich sagte dir doch, dass ich etwas mit Youma-san zu besprechen hätte.“ Nocturn lachte beinahe in sich hinein; da hatte das kleine Lamm von einem Hikari aber gut gekontert! Hizashi hatte Tonfall eines Lehrers benutzt, aber Reitzel den eines Psychiaters, der mit seinem Patienten sprach. Etwas was dem kalten Hikari nicht unbemerkt geblieben war, denn er verzog kurz angewidert das Gesicht.
„Gut“, zischte Hizashi und legte plötzlich seinen Zeigefinger auf Reitzels Brust, der ein wenig Abstand nahm, aber Hizashi bohrte seinen Finger noch tiefer hinein. Doch irgendwie fand Nocturn nicht, dass Reitzel danach aussah als würde es ihm missfallen…?
„Aber der kleine Reitzel sollte auf sein Taten und Schritte ein wenig besser achten…“ Er pikste ihn nun förmlich:
„… und auf seinen Tonfall.“ … jeder andere hätte wohl das Gesicht verzogen, aber Reitzel… Nocturn legte den Kopf schief. Sah er hier etwa die einzige Person für die Hizashi keine bittere Medizin war?
Dann wandte sich eben bittere Medizin allerdings Nocturn zu:
„Komm, Dämon, ich will nicht mehr als nötig meine Zeit mit dir verschwenden. Es ist ohnehin ein Unding, dass ich dich finden muss.“ Youma warf Nocturn einen besorgten Blick zu, den Nocturn nicht ganz verstand. Es war doch nicht das erste Mal, dass er alleine war mit Hizashi. Oder glaubte er, dass er seine schlechte Laune an ihm auslassen würde? Hm, gut, das würde er sicherlich. Aber nach dem ganzen Drama mit Fille würde Hizashi ihn wohl kaum töten.
„Verzeiht meine Unhöflichkeit, Hikari-Hizashi-sama“, antwortete Nocturn und verneigte sich elegant, nachdem er vom Schreibtisch herunter gerutscht war.
„Dann lasst uns zur Tat schreiten, damit ich Euch nicht länger behellige.“ Er warf Youma sein Zwinkern zu, dass er selber sehr kokett fand und von dem er hoffte, dass Youma das „bis nachher“ verstanden hatte.
Und dann war Nocturn alleine mit Hizashi – und Youma mit Reitzel, der die Tür schloss, während Youma ein Seufzen über die Lippen rollte.
„Entschuldigt bitte die Umstände, Reitzel-san“, sagte der Yami und massierte sich die Schläfen.
„Ich habe nicht auf die Uhrzeit geachtet, ansonsten hätte ich Nocturn zu Hizashi gebracht. Ich hoffe sie hatten keine allzu große Unannehmlichkeiten deswegen.“
„Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Youma-san. Ich habe keinerlei Unannehmlichkeiten erlebt.“ Youma runzelte die Stirn, denn genau wie Nocturn hatte er natürlich auch eben gesehen, wie Hizashi Reitzel nicht nur mit den Finger durchbohrt hatte, sondern auch mit seinem Blick – als wären sie bei einem Kreuzverhör gewesen. Warum wirkte Reitzel dann so, als hätte er… gute Laune? Seine Wangen waren rot und seine Locken schienen zu tanzen, als er sich ihm mit einem Lächeln zuwandte.
„Ich habe das bekommen, worum Sie mich gebeten haben.“ Umgehend holte er ein kleines, in rotem Papier eingepacktes Geschenk aus seiner braunen Tasche, die zu seiner menschlichen Kleidung passte, in die er seinen Eciencé-Körper gehüllt hatte: einen warmen, gestrickten Pullover in hellen Farben, mit passendem Schal und hellbraunen Mantel, der von feiner Qualität war. Die Tatsache, dass Reitzel sich ab und zu in menschliche Kleidung begab, sorgte bei den anderen Hikari für Unmut und auch Youma hatte schon einige Lästereien über ihn gehört, aber er fand, dass Reitzel sich immer sehr vornehm kleidete. Ohnehin… seitdem Reitzel Youma bei der Rettung Nocturns geholfen hatte, war Reitzel… beinahe so etwas wie Youmas Freund geworden, wenn Hikari und Yami denn befreundet sein konnten. Aber er mochte ihn, das konnte er sich wohl eingestehen – und das nicht nur, weil er hübsch anzusehen war, mit seinem sanften Lächeln und den weichen Locken, von denen Green mal gesagt hatte, dass sie sie zu gerne anfassen wollte. Er war freundlich und unvoreingenommen… und einer der wenigen, der von Youmas und Nocturns geheimer Beziehung wusste und ihm dafür niemals auch nur einen schiefen Blick zugeworfen hatte.
„Ich habe mir die Freiheit herausgenommen es einpacken zu lassen. Hier oben auf unseren Inseln wäre es schwer geworden passendes Einpackpapier zu finden.“ Er reichte Youma die kleine Schachtel.
„Ich danke Ihnen, Reitzel-san. Das war überaus freundlich von Ihnen.“ Trotz allem blieben sie aber beim Sie.
„Ich weiß, dass meine Bitte, sie auf den Eiffelturm zu schicken, etwas frech war. Ich hoffe, dass ich mich in Zukunft erkenntlich zeigen kann.“ Reitzel winkte mit der Hand ab.
„Ah, ich habe den Ausflug genossen. Das letzte Mal, dass ich auf dem Eiffelturm war, war 1900, kurz nach seiner Eröffnung. Es hat mir Spaß gemacht in Erinnerungen zu schwelgen und nun zur Weihnachtszeit…“
„Ein Graus nicht wahr? Paris ist furchtbar schrill im Dezember und viel voller als sonst. So viele Menschen!“ Die Worte Youmas brachten Reitzel zum Lachen:
„Oh, ich wollte eigentlich sagen, dass ich es sehr schön fand.“ Schön? Hatte Youma sich da gerade verhört? Schön?! Es gab doch kaum eine Jahreszeit zu der Paris schlimmer war als im Dezember! Nun gut, Hochsommer war auch grauenhaft gewesen, mit den vielen Extra Menschen… manchmal verstand Youma wirklich nicht, warum Nocturn sich so sehr nach der Stadt sehnte, aber gut, es war sein Zuhause, dachte Youma und betrachtete das rote Geschenk gedankenverloren, bis Reitzel ihn aus diesen herausholte:
„Doch darf ich mir eine Anmerkung erlauben, Youma-san?“
„Oh ja, natürlich.“ Youma sah auf, etwas verwirrt – doch auf das, was Reitzel da sagte, wäre er nicht gekommen:
My absolute favourite piece from the 2018 inktober. I never dared to touch it again as I think the strange colors suit the motive somehow, but maybe I will re-visit it some day?
Last set of Inktober drawings from 2018 - this time with demons. I loooove to draw Ri-Il with his open hair from back in time, when he was still hanging around in a tree...
Another set of Inktober drawings from 2018 - all taking place in the Dauphin universe <3 in a future where Nocturn is allowed to fight and use his magic that is...
Youma war sich gänzlich im Klaren darüber, was er tat. Doch das hinderte ihn nicht daran es zu hinterfragen, denn er verstand nicht, wieso es geschah. Er verstand nicht, wieso sein Herz raste, wieso die Hitz ihm befiel, warum seine Hände zitterten, warum er den Blick nicht abwenden konnte, obwohl er doch—- auf so etwas Hässliches blickte.
Er hatte ihn schon nackt gesehen. Als er ihn vor fünf Monaten zurück ins Leben geholt hatte, hatte er genug Zeit gehabt um seinen Körper mit Abscheu zu betrachten. Die abgemagerten Beine; die Finger, die aussahen, als wären sie die Finger eines Skeletts. Jeder Zentimeter der Haut vernarbt, verkrüppelte Füße, spitz zulaufende Schulterblätter und sich deutlich abzeichnende Beckenknochen. Der angewiderte Halbgott hatte seine Rippen mit dem bloßen Auge zählen können, so deutlich zeichneten sie sich ab unter der vernarbten Haut dieses Dämons, den er sich als Partner ausgesucht hatte.
Angesichts dieser widerlichen Hässlichkeit war Youma angewidert zurückgewichen. Kälte hatte ihn befallen; Übelkeit. Er, der nie etwas unschönes hatte betrachten müssen, der immer nur sich selbst und den Körper seiner Schwester gesehen hatte, war entsetzt gewesen, dass so etwas Hässliches überhaupt existieren konnte.
Seine glühenden Augen, als er versucht hatte Youma zu töten – und natürlich gescheitert war – machten ihn nicht gerade hübscher.
Warum waren es gerade diese Augen von denen Youma sich jetzt, beinahe ein halbes Jahr später, nicht abwenden konnte? Warum spürte er jetzt gierige Hitze statt angewiderter Kälte?
Es war Silence‘ Schuld, sagte er sich – Silence war schuld an diesem— Unfall.
Es war in Aeterniya kein Geheimnis gewesen, dass Silence und er eine sehr leidenschaftliche Beziehung geführt hatten. Sie waren Experten darin gewesen, versteckte Ecken zu finden um die kleinsten Schlupflöcher im Tagesablauf auszunutzen um den Körper des anderen zu erforschen, zu huldigen und den jeweils anderen zu verwöhnen. Silence‘ Befriedigung war seine gewesen, wie umgekehrt. Ihre Körper waren sich so ähnlich, Spiegelbilder des anderen und genauso ähnlich waren auch ihre intimsten Wünsche. Der Drang nach dem Körper des anderen mussten sie nie in Worte fassen, nie darum bitten, nie lange warten – ein Blick hatte genügt und schon waren sie eins geworden mit dem Schatten und miteinander.
Das war nun schon fünf Monate her – nein, genauer betrachtet war das Äonen her.
Äonen in denen Youma nicht…
Der geplagte Teufelssohn hatte das Gefühl, dass er wahnsinnig wurde. Schwerer und schwerer war es geworden sich auf seine politischen Bestrebungen zu konzentrieren, fokussiert zu bleiben, mit den Augen aufs Ziel gerichtet. Seit seinem 12ten Lebensjahr hatten er und Silence miteinander gespielt – wie sie es am Anfang nannten, unerfahrene Kinder wie sie waren – und jetzt war er unfreiwillig in eine steinerne Abstinenz geworfen worden.
Silence wusste es. Sie hatte es ihm angesehen, als sie sich vor ein paar Tagen auf dem Schlachtfeld gesehen hatten. Breit hatte sie gegrinst; boshaft, kalt und schadenfroh.
„Ou, sehnt sich mein armer, großer Bruder etwa nach meinem Körper?“ Sie war näher herangeflogen und wenn möglich wurde ihr Grinsen noch breiter, angestachelt von der finsteren Miene ihres Zwillings.
„Ou ich könnte ja. Es gäbe ja eine Möglichkeit. Ich könnte mir ja Greens Körper ausleihen. Nicht gaaaaanz das gleiche, aber das würde dir wohl im Moment genügen, huh, Youma?“ Er hatte nicht geantwortet. Er wusste, dass sie ihn nur triezte – das Problem war nur: die hatte Erfolg. Silence hatte immer Erfolg: sie war die Meisterin des Trietzens.
„Aber ich glaube das bist du mir nicht wert.“
Eine kleine Stimme sagte ihm, dass er diese Worte verdient hatte zu hören, nach allem was passiert war – lauter war aber das Surren seines Sensenblattes, als er mit fletschenden Zähnen und glühenden roten Augen fünf Wächter köpfte. Aber selbst das und das Menschenblut, das an diesem Abend vom Wasser der Dusche von ihm gewaschen wurde, gab ihm wieder Erlösung noch Ablenkung. Silence‘ Spott echote durch seinen Kopf, ihr Grinsen zeichnete sich noch vor seinem inneren Auge ab.
„Du hast dir doch soooo einen tollen Partner zurück ins Leben geholt. Vielleicht kann er dir ja bei deinem kleinen Problemchen helfen?“ Sie hatte ihn ausgelacht und ihr Lachen wurde noch lauter in seinem Kopf, als Youma an diesem Abend aus dem Badezimmer kam und Nocturn mit einem Kaffee und einer Zeitung an der Theke sitzen sah.
„Der werte göttliche Prinz riecht ja schon wieder nach Blut. Weißt du… Die Pariser können nichts dafür, dass deine Pläne scheitern.“ Er setzte seinen Kaffee ab und sah auf, kreuzte Youmas Blick mit hochgezogenen Augenbrauen:
„Wenn du schon jemanden töten willst, dann such dir gefälligst deine Menschenopfer in einem anderen Land – oder töte Touristen, davon haben wir ohnehin genug. Das sind die Lauten. Die die immer mitten auf der Straße stehen bleiben.“ Er redete und redete. Aus diesem immer grinsenden Mund kamen immer nur belanglose Worte die niemand hören wollte, denen niemand zuhörte. Ein Wort nach dem anderen. Keines davon war von Bedeutung; keines davon hörte Youma, denn das Lachen Silence‘ war viel zu laut in seinem Kopf.
„Vielleicht schreckt das die Touris ja mal ab…“
Hatte sie sich Nocturn mal angesehen? Wie hässlich er war? Seine langen schwarzen Locken bestanden nur aus einem großen Haar-Wirrwarr, kannten keine Pflege wie es Youma vorkam… seine Magerheit fiel nicht so sehr auf, wenn er bekleidet war, aber sein Gesicht alleine war doch schon… und mit dem meinte Silence sollte Youma…?! Lieber erledigte Youma das Problem selbst— nein, nein, das tat er nicht. Nein, so tief war er nicht gefallen.
Aber – er biss sich auf die Lippen und starrte Nocturn grimmig an – Youma war doch viel zu schön für so etwas?!
Der Schmerz seiner Lippen weckte ihn und brachte ihn zurück in die Realität. Er schüttelte sich angewidert und ignorierte Nocturns fragenden Blick, der eigentlich auf einen verbalen Schlagabtausch hoffte. Er sah enttäuscht aus, als Youma sich einfach nur einen Kaffee einfüllte und in sein Zimmer ging; wütend, genervt – und überaus frustriert.
Er hätte einfach in seinem Zimmer bleiben sollen.
Aber eine Minute nach Mitternacht geschah der Unfall.
Youma hätte nicht aus dem Zimmer kommen sollen, aber er hatte es getan.
Nocturn war noch wach; war vertieft in seine Musik. Er trug Kopfhörer, saß an der großen Fensterfront des Wohnzimmers, mit dem Rücken zu ihm. Im Spiegelbild sah Youma, dass er genießend die Augen geschlossen hatte und von weit weg hörte Youma ein leidenschaftliches Pianospiel. Man könnte meinen er war eingeschlafen. Aber seine Finger bewegten sich auf der Lehne des Sessels, als spiele er selbst dieses Lied, dass aus seinen Kopfhörern drang. Er war entspannt, gab sich seiner Musik hin, glaubte wohl Youma schliefe – aber es dauerte nicht lange, bis er ihn bemerkte, sich erschreckte und die Kopfhörer herunterriss, plötzlich alarmiert aufstehend.
„Kronprinz, was…“ Überrascht und verärgert darüber, dass er überhaupt hatte überrascht werden könnten, ging er sofort in eine abwehrende Haltung; war plötzlich angespannt, statt entspannt, obwohl die Musik weiterspielte. Aber seine Haltung bröckelte, wurde zerschlagen wie Glas von einem einzigen Wort:
„Nocturn.“
Was auch immer Nocturn in seiner Betonung hörte, was auch immer er zu hören glaubte – es löste Erstaunen in ihm aus. Seine Augen weiteten sich, seine Wangen erröteten sich und für einen kurzen Moment sah er gar nicht so hässlich aus, schoss es Youma plötzlich durch den Kopf, als er sich in Bewegung setzte. Die Kopfhörer rutschten Nocturn aus der Hand, doch bevor sie auf den Teppich fielen, drückte Youma Nocturn schon mit seinen Lippen auf seinen an die kalte Fensterfront.
Youma hatte erwartet, dass Nocturn ihn angriff. Er hatte das Ausfahren seiner Fingernägel erwartet. Schmerzen. Irgendetwas.
Aber was er gewiss nicht erwartet hatte, was geschehen würde war, dass Nocturn nichts tat. Er blinzelte ihn an, ganz erstaunt, ja, unschuldig schon, als Youma kurz die Lippen von ihm löste, als wollte er Nocturn die Chance geben sich zu wehren; als würde er darauf hoffen, dass er ihn wegstoßen würde, es aufhalten würde.
Aber stattdessen war da nur ein kleines, geflüstertes Wort, begleitet von dem seichten Spiel eines fernen Pianos.
„Youma…?“
Ich weiß nicht, warum ich mir das hier antue.
Aber er tat es noch einmal. Er küsste Nocturn abermals, drückte seine Hände mit seinen an die Scheibe, verflochtete seine Finger mit seinen, als deren Münder sich öffneten, beide beinahe gleichzeitig. Sein Körper jauchzte auf vor Freude und schrien zu schreien – na endlich. Wie ein Ertrinkender drückte Youma sich an ihn, klammerte sich an seine dürren Finger, die ihn festhielten und die trotz aller Magerheit warm und immer wärmer wurden, umso länger der Kuss dauerte. Nocturns Finger waren beinahe heiß, zitterten, als sie mit einem leichten, gemeinsamen Aufstöhnen voneinander abließen und nach Luft schnappten.
Nocturn keuchte leicht und unterdrückt. Nicht sonderlich laut, nicht irritierend so wie seine Stimme sonst immer klang – nein, viel eher süß.
Gott, was dachte Youma da?!
Aber egal wie laut er sich selbst versuchte anzuschreien, er konnte die Hitze nicht wegreden, konnte nicht wegreden, dass er sich von dem Gesicht des hässlichen Dämons nicht abwenden konnte. Nocturns Gesicht war rot, seine roten Augen glasig, wässrig statt feurig und immer noch leicht geweitet, als verstünde er nicht, was sie gerade getan hatten, dabei musste er Youmas Geschmack genauso auf der Zunge tragen, wie er seinen.
Eine leichte Verunsicherung lag in Nocturns Blick, in seiner Erscheinung. Er sah gar nicht so aus, wie immer, obwohl er seinen schwarzen Rollkragenpullover trug, den er eigentlich immer trug, wenn er Zuhause war. Eigentlich war an seiner Erscheinung nichts anders – und doch konnte Youma sich nicht abwenden. Er sah das leichte Zittern, spürte noch seine heißen Finger zwischen seinen, doch viel intensiver war der Geschmack… der Geschmack Nocturns auf seiner Zunge, der so süß war, als hätte Nocturn ihn vergiftet. Sah er ihn deshalb plötzlich so… anders? Konnte er sich deshalb plötzlich nicht mehr abwenden, als wäre alle Hässlichkeit verschwunden? Nein, hässlich war er immer noch. Aber so sehr Youma sich versuchte seine Narben und seine hervorstehenden Knochen ins Gedächtnis zu rufen, die sich unter seinem schwarzen Stoff verbargen, es funktionierte nicht. Er starrte in seine Augen und dachte nur eins:
Er sieht wegen mir so aus.
Der Dämon, der mich immer nur nervt, der mich immer zur Weißglut treibt, der sich nie an meine Pläne hält, der mich immer nur verspottet, mir immer nur auf der Nase herumtanzt… dieser Dämon sieht wegen mir so…
Youma musste schlucken. So süß aus.
Endlich war da kein Lachen mehr. Kein Hohn, kein Spott. Nocturns tausende Worte waren versiegt. Kein nerviger Widerwille mehr. Youma hatte das wahnsinnige Monster mit einem Kuss… gezähmt.
„Youma, was…“
Wenn es in einem Unfall mehrere Etappen gab, dann begann mit diesen zwei Worten die zweite Etappe.
“Silver und Green. Das waren die einzigen Wesen, die eine solchen Schwung an Gefühlen in Blue auslösen konnten: Ri-Il hatte es mehr als einmal in seinen Gedanken und in seiner Gefühlswelt beobachten können. Wenn von ihnen die Rede war, dann wurde so vieles für Blue unwichtig und plötzlich zog er auch die Schultern hoch und das obwohl da keine Drohung in der Luft gehangen hatte.
Wie auch immer dieses Mädchen es geschafft hatte, den Kopf seines so vernünftigen und klugen Schülers zu verdrehen, sie hatte es geschafft – und das glich einer Glanzleistung, die Ri-Il absonderlich fand; absonderlich, eigenartig, interessant auch, aber auch sehr bedauerlich. Einige Personen sollten sich nicht von ihrem Herzen leiten lassen.”
„Ist das dein Ernst? Du machst Nocturn ein Geschenk? Du?“
Es stand Blue sehr deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er dieses Gespräch am Morgen des 21igsten Dezembers nicht führen wollte. Er sah so gar so beschämt und unzufrieden aus, dass man meinen könnte, dass er das Gespräch am liebsten abbrechen würde um sich in seine Kammer zurückzuziehen, aber auch wenn Blue und Youma jedem Gespräch aus dem Weg gingen – besonders wenn sie nur zu zweit waren – seine Würde und seine Höflichkeit geboten ihm standhaft zu bleiben und den Blickkontakt mit Youma nicht abzubrechen, obwohl dieser sehr unbehaglich für ihn war. Noch nie hatte Youma Blue mit erröteten Gesicht gesehen. In der Regel kannte er ihn eher als bleich und etwas kränklich wirkend – ihn jetzt mit roten Wangen zu sehen ließ ihn weniger ungesund wirken, auch wenn er sich deutlich unwohl fühlte in seiner Haut.
„Du beteiligst dich an dieser unsinnigen Menschentradition?“ Der Dampf des Kaffees schlängelte sich von Youmas Tasse empor, doch er hatte noch keinen Schluck von diesem genommen, obwohl der Geruch sich bereits wohltuend in der kleinen Küche verteilte.
„Meine Mutter wuchs in Europa auf. Das Weihnachtsfest und die damit verbundenen Traditionen sind daher kein Fremdwort für mich“, stellte Blue in seinem sachlichen Tonfall fest:
„Das Weihnachtsfest wurde in meiner Kindheit gefeiert.“ Youma war zu sehr damit beschäftigt das Wort „Europa“ zu platzieren – von dem er sich sicher war, dass er es schonmal gehört hatte – als dass er darauf geachtet hätte, dass Blue sämtliche Röte plötzlich verlor.
„Trotz…“ Blue sah weg und sein Gesicht war nun bleich wie ein Leichentuch:
„Das hier ist es.“ Mit ausgestreckten Fingern schob Green ein auffällig rotes Buch über den Couchtisch, bis es in der Mitte des Tisches lag. Dunkelrotes Leder, goldene Lettern, in einer Schrift verfasst, die die beiden Brüder nicht lesen konnten. Ein einzelner Strich markierte, dass es sich hier um den ersten Teil einer Serie handelte – der wohl bedeutsamsten Buchreihe des Wächtertums, wenn man von dem heiligen Regelwerk absah.
„Das ist…“, begann Siberu sich etwas verwirrt vorantastend:
„… die Dämonen-Enzyklopädie, oder?“ Gary warf seinem Bruder einen kurzen Blick zu, ohne etwas zu sagen. Sein Gesichtsausdruck verblieb ernst, während Green nickte – im Gegensatz zu Gary war sie überrascht, dass Siberu das Buch erkannt hatte.
„Der erste Band um genau zu sein. Geschrieben von meinem werten Onkel Hizashi“, fügte sie etwas säuerlich hinzu, ehe sie das Buch auf der Seite aufschlug, die sie mit einem Lesezeichen markiert hatte. Gary hob die Augenbraue – nicht wegen dem, was er in dem Buch sah, sondern etwas erstaunt und begeistert von Greens Vorbereitungen. Dieses Gespräch, das gesamte Thema, war ihr wirklich außerordentlich ernst – verblüffend, immerhin interessierten sie die meisten Konflikte der Wächter wenig und deren Geschichte bezog sie nicht auf sich selbst, empfand sie nicht als ihre eigene. Doch die Geschichte Aeterniems war ganz offensichtlich etwas Anderes für Green, dachte Gary erstaunt, und eher sie ansehend als das Buch. Anders als Siberu, denn er sah stirnrunzelnd auf das Buch, so als gäbe er sich größte Mühe, die Schriftzeichen der Wächter zu verstehen, denn Bilder waren keine zu sehen.
„Dieses Buch, welches erst viel später geschrieben wurde, ist der Grund, weshalb es in Aeterniem eskalierte… also, weshalb Youma Light angriff und ihn töten wollte.“ Siberu entfloh ein ehrliches „Hä“, während Garys Gesicht wieder ernster wurde anstatt, dass er zeigte, dass er ebenfalls verwirrt war.
„Er hat es ja auch schlussendlich getan…“, fuhr Green fort, als hätte sie Siberus Verwirrung nicht bemerkt und auch jetzt sah sie nicht die erschrockenen Gesichter der zwei Halbdämonen, denn sie sah zu Silence, welche ihren Blick verbissen erwiderte. Wenn es Schmerz war, der ihr Gesicht verdunkelte, dann schluckte sie diesen gut herunter, denn ihr Gesicht zeigte nichts anderes außer einer sehr festen Entschlossenheit – Entschlossenheit, Youma abermals gegenüberzutreten und die gesamte Wahrheit aus ihm herauszubekommen.
„Nachdem Youma in Aeterniya Amok gelaufen ist und viele der direkten Nachkommen der Götter tötete…“, fuhr Green fort, mit den Fingern immer noch auf den alten Seiten des Buches:
„… wurde er in ein Verließ geworfen, wo man versucht hat, ihn zu „läutern“ – was auch immer das heißen mag, einen Effekt hatte es jedenfalls nicht, denn es verhinderte nicht die schrecklichen… darauffolgenden Gräueltaten, die noch schlimmer waren, als die getöteten Götterkinder und Enkelkinder.“ Green zögerte, obwohl sie es bereits gesagt hatte. Sie spürte die Blicke der beiden Halbdämonen auf sich und auch den von Silence – und die Beengung ihrer Kehle.
„Er befreite sich aus dem Verließ – wir wissen nicht wie oder ob er Hilfe hatte, womöglich vom Dämonenherrscher? – und…“ Sie zögerte, nein, sie geriet ins Stocken. Sie konnte die Worte nicht einfach so sagen: Sie erschraken sie zu sehr, sie waren zu schrecklich und Silence hörte zu…
„Ich bin nicht so sensibel, dass ich weine, wenn über meinen Tod gesprochen wird.“ Das waren die ersten Worte, die Green seit einer Weile von Silence hörte – nur sie, nur sie konnte diese in ihren Gedanken hören. Es war immer noch ein wenig ungewohnt und es war sicherlich auch kein schöner Gedanke, dass Silence in ihrem Kopf nistete, aber… Green begann sich daran zu gewöhnen. Sie zu hören lösten die Beklemmung und ihr fielen die Worte ein wenig leichter, als hätte Silence ihr ihre Hand auf die Schulter gelegt:
„Er tötete Silence und dann Light.“
In Greens Herzen hallten diese Worte nach wie ein Donnergrollen. Auch Siberu und Gary sahen verwirrt aus. Sie hatten gerade eine Geschichte gehört, die von zwei Zwillingen handelte, die sich mehr liebten, als alles andere auf der Welt und die beide ihren Ziehvater ehrten und mehr liebten, als sie ihre leiblichen Eltern jemals geliebt hatten – und diese Geschichte endete mit Mord, mit einem Mord von Silence und Light? Gary starrte mit leicht zusammengekniffenen Augen auf die Buchseiten, als könnten die Zeichen unter Greens Finger ihm eine Antwort auf dieses Rätsel geben. Doch er sah sofort auf, als sein Bruder die Stille brach:
„War es das Dämonenblut Youmas, welches nicht zu kontrollieren war?“ Garys Augen verengten sich eine kleine Spur, doch Green bemerkte es nicht, ebenso wenig wie sie bemerkte, dass Gary seinem Bruder auf den Fuß trat. Siberu sah ihn nicht an, aber er schwieg, womit die Worte, die er eigentlich noch hinzufügen wollte, ungesagt blieben – stattdessen übernahm Gary das Reden, ehe Green antworten konnte:
„Man sagt, dass Halbdämonen ihr dämonisches Blut und die damit verbundenen Fähigkeiten und Neigungen…“
„“Neigungen“?“, wiederholte Siberu skeptisch, aber Gary überhörte ihn:
„… erst dann nutzen können, wenn sie zum ersten Mal einen starken Tötungsdrang verspürt haben.“ Green blinzelte verwirrt, ihre Finger vom Buch lösend. Sie lehnte sich zurück, während sie vom einen zum anderen sah und ihre Gedanken sofort in eine andere Richtung gingen als Aeterniem. Sie hatte Siberus rote Dämonenaugen schon gesehen, aber Garys noch nie… hatte er noch nie töten wollen? Und wen hatte Siberu…?
„Beim ersten Mal kann es leicht zu einer gewissen Überreizung kommen“, fuhr Gary sachlich klingend fort, als befänden sie sich in einer Nachhilfestunde. Ein Tonfall, den Green kannte, aber der Silence verärgerte. Als ob sie irgendwelche dahergelaufenen Halbdämonen waren, die „Amok liefen“ wie Hunde, die Tollwut hatten. Das mochte vielleicht bei Halbdämonen der Fall sein, die billiges Menschenblut in ihren Adern hatten, aber gewiss nicht bei ihr und Youma.
„Das könnte vielleicht so gewesen sein bei dem Massaker der Götterkinder, aber nicht bei Silence und Light. Das war keine Kurzschlussreaktion. Er hat sie getötet, weil er eine Absicht verfolgte, nicht weil sein Dämonenblut übergekocht war.“ Green sah zu Silence, als hätte sie ihre Verärgerung gespürt.
„Aber wie kann es mit diesem Wälzer zusammenhängen, wenn dieses alte Teil erst viele Jahre später geschrieben wurde?“ Siberu gestikulierte mit der Hand in Richtung des Buches.
„Ich meine, woher willst du das wissen, Green-chan?“
„Weil ich ihn gesprochen habe und ihn gefragt habe, Sibi – und das war seine Antwort.“ Siberu fiel die Kinnlade förmlich herunter.
„Wie bitte, du hast was?! Du redest mit einem wahnsinnigen Massenmörder – Moment, wie…“
„Nach dem ganzen Drama in Aeterniem wurde Youma in einen Zeitbann gesperrt und der Bann hat sich nun gelöst. Er lebt, ist hier und hat irgendetwas vor, was wir nicht wissen.“ Siberu, immer noch mit offenem Mund, sah zu Gary, doch dieser teilte seine Verwirrung nicht, immerhin wusste er das bereits und sofort als Siberu das bewusst wurde, schloss sich sein Mund.
„Das hätte man mir ja wohl mal erzählen können.“
„Das war vorgestern“, entschuldigte Green sich, obwohl Siberu Gary angesehen hatte:
„Und ich erzähle es dir ja jetzt.“
„Vorgestern! Dann hättet ihr beide genug Zeit gehabt, um es mir… Moment. Vorgestern?“ Jetzt fixierte er Green genauer:
„Das war an dem Abend, als ich dich unten im Treppenhaus getroffen habe! Als du so komisch warst!“ Green versuchte zu lächeln:
„Naja, das war auch nicht ich, das war Silence, mit der du gesprochen hast.“ Siberu blinzelte auffällig – er hatte was?!
„Bei den sieben Teufeln, das wird mir hier alles zu kompliziert. Wie soll ich denn da durchsteigen!?“
„So schwer ist das nun auch nicht“, warf Gary ein, als er sich lauwarmen Tee nachschenkte, doch ehe Siberu auf seine Neckerei antworten konnte, wandte er sich doch lieber Green zu:
„Du vertraust dich lieber ihm an?!“ Green fühlte sich ertappt, das war deutlich an ihrem Lächeln zu sehen und sie sah ein wenig hilfesuchend zu Gary, der seinen Tee plötzlich ganz besonders spannend fand.
„Das heißt aber ja nicht, dass ich dir nicht auch vertraue!“, beeilte Green sich zu sagen und ihre Worte überschlugen sich beinahe, als sie sich beeilte mit ihrer Erklärung fortzufahren, damit sie Siberu jede Möglichkeit nahm, noch weiter darüber nachzudenken, wem sie nun mehr vertraute – hoffte sie jedenfalls.
„Ihr sitzt immerhin beide hier und euch beiden erzähle ich nun, was ich, beziehungsweise Silence, von Youma erfahren habe.“ Gary linste über seine Teetasse. Sie sprach sicherlich nicht nur so schnell, um seinen Bruder abzulenken – sondern auch sich selbst. Immerhin war noch weitaus mehr vor drei Tagen geschehen als ein „Gespräch mit Youma“. Kari war gestorben. Aber den Tod ihrer Kindheitsfreundin schob sie nun von sich weg.
„Und was es mit der dummen Enzy…“ Aber zu Greens und Garys Überraschung fiel Siberu nicht auf Greens Ablenkungsversuch rein.
„Du hast vorgestern nach Blut gerochen. Nach viel Blut und in der Schule warst du auch nicht.“ Ein betretenes Schweigen breitete sich in dem Zimmer aus und sowohl Gary als auch Silence waren sehr gespannt darauf, was Green antworten würde. Würde sie jetzt doch von Kari sprechen, die von Youmas Sense entzwei geteilt und am gestrigen Tag von den Wächtern bestattet worden war? Die Hikari biss sich auf die Zunge, aber sie zwang sich zu einem Lächeln.
„Es verlief nicht gerade friedlich.“
Sie lächelte, doch in ihrem Inneren bebte es. Wortwörtlich. Das letzte Erdbeben ihrer kleinen Freundin, ihres Schutzengels aus Kindertagen – ihr erster, richtiger Einsatz ihrer Magie und es war ihr letzter. Green hatte sie… Kari… ihre… ihre Hälften nur so kurz gesehen, ehe Silence Greens Körper gepackt und übernommen hatte, aber das Bild, das zweigeteilte, rote Bild hatte sich dennoch auf ihrer Netzhaut eingebrannt, um dort niemals mehr zu verschwinden.
Silence hatte nichts zur Verteidigung ihres Bruders gesagt. Sie hatte nicht gesagt, dass es ihr komisch vorkam, dass er die Erdwächterin entzwei geteilt hatte. Sie hatte Green auch nicht berichtet, dass Youma sehr verwirrt gewirkt hatte; bestürzt von dem, was er ganz offensichtlich getan hatte; die blutige Sense hatte noch in seiner Hand gelegen, als er und Silence sich nach Jahrtausenden gegenübergestanden hatten. Es war nicht wichtig gewesen. Für Green galt, dass Youma Kari getötet hatte – und für Silence war der Tod des Mädchens vollkommen egal. Sie hatte Youma offensichtlich angegriffen – ansonsten hätte es kein Erdbeben gegeben – und das hätte das dumme Ding nicht tun sollen. Ende der Geschichte.
Für Green war es auch „Ende der Geschichte“. Sie wollte den Abend nicht mit Trauer für Kari abrunden. Greens Schuldgefühle waren nicht das Thema und sie war dankbar dafür, dass Gary Siberu mit einem Blick bedeutete, dass er ihm später die Details erzählen würde.
„Aber wir, Silence und ich…“, begann Green wieder:
„...haben wenigstens etwas über Youmas Beweggründe herausgefunden. Etwas, was nämlich nicht in den Geschichtsbüchern steht und weshalb dieses Buch hier wichtig ist. Die Basis für diese Bücher waren Forschungsergebnisse, die aus Silence und Youma gewonnen worden sind.“ Green sah wieder auf das Buch; das fiel ihr leichter als Silence anzusehen.
„Die Wächter haben die Zwillinge für Forschungszwecke missbraucht. Sie waren Versuchskaninchen, denn Hikaru und wahrscheinlich auch andere der Elementgötter, wir wissen es nicht genau, wollten herausfinden, wie sie Dämonen am besten töten konnten. Nur deswegen haben sie Silence und Youma zu sich geholt und bei sich wohnen gelassen, obwohl sie die Kinder zweier Geächteter waren. Sie haben immer wieder ihre Erinnerungen gelöscht und haben sie „glücklich“ herumlaufen lassen. Kriegsvorbereitung… man musste den Feind ja kennen.“
„Und das hat Youma herausgefunden“, schlussfolgerte Gary ernst und ohne Betonung. Siberu dagegen war nicht so ruhig wie sein Bruder:
„Das hat Light zugelassen…?!“ Green deutete ein leichtes Nicken an.
„Er hat es auf jeden Fall nicht verhindert… oder nicht verhindern können. Wir wissen es nicht. Wir kennen allgemein keine Details. Nicht wo Youma das Wissen her hat, noch das wahre Ausmaß, aber Silence und ich sind uns sicher, dass Youma nicht gelogen hat.“ Green klappte das Buch zu, als widerten die Seiten sie plötzlich an.
„Wir haben das Buch gestern ganz genau studiert, welches Hizashi auf der Basis dieser Notizen geschrieben hat und haben versucht, alle Löcher in Silence Gedächtnis zu finden… wir sind uns ziemlich sicher, dass es leider wahr ist.“ Green biss sich auf die Lippen und schwieg, nach wie vor auf den roten Buchdeckel starrend, ohne zu bemerken, dass Silence sie ansah. Diese „Geschichte aus alten Tagen“, die sie im Grunde nichts anging, nahm sie überraschend mit. Green war nun hineingeworfen worden, aber… die Gefühle, die sie damit verband, waren sehr intensiv, als wäre es ihr selbst widerfahren. Silence spürte es durch die Verbindung ihrer Seelen – und sie sah es in Greens Augen. Unfreiwillig war die Hikari in diese Geschichte hineingeworfen worden, aber anstatt sich zu wehren, warf sie sich kopfüber hinein. Warum? Etwa… für Silence?
„Gut, okay.“ Siberu brach die Stille:
„Light. In Ordnung. Rache, Enttäuschung, Verrat. Alles klar. Ich verstehe auch, warum die Götterbastarde dran glauben mussten…“
„Sie sind alles andere als Bastarde“, warf Gary ein, aber Siberu wollte davon nichts hören:
„Stimmt, sie sind viel schlimmer als das! Jedenfalls kapier ich das. Youma erfährt, was ihm und seiner Schwester angetan wurde und das bringt sein Dämonenblut zum Explodieren und es muss sterben, was ihm in den Weg kommt. Das versteh ich vollkommen.“ Das war eigentlich der Moment, wo Green Siberu ins Gewissen reden sollte, aber sie hatte sich daran gewöhnt.
„Aber seine Schwester check ich nicht.“ Green holte tief Luft und schluckte die Luft herunter. Mit flauem Gefühl im Magen sah sie zu Silence, die ihren Blick zwar erwiderte, aber sie hätte genauso gut aus dem Fenster sehen können, denn ihre starren, schwarzen Augen zeigten nichts, nicht das allerkleinste Gefühl.
„Das check ich auch nicht“, gab Green zu:
“Er sagte irgendetwas davon... dass er ansonsten nicht stark genug gewesen wäre um es...” Die Hikari überlegte, damit sie den genauen Wortlaut wiedergeben konnte:
“... mit dem Licht aufzunehmen. Er wollte sie wiederbeleben. Also, jetzt. Vorgestern.“
„Wiederbeleben?!“ Gary schlug die Augen geschockt auf. Hatte er sich verhört?
„Wieso belebt man jemanden wieder, den man selbst umgebracht hat?“ Gary wandte sich zu Siberu:
„Man kann niemanden wiederbeleben, Silver.“
„Also Youma kann das scheinbar schon“, warf Green dazwischen:
„Light war das Licht des Lebens und so…?“ Sie sah vom einen zum anderen, aber scheinbar konnte keiner der beiden ihr folgen – nicht einmal Gary.
„Naja, Light war jedenfalls das Licht des Lebens.“
„Ja und das bedeuuuutet?“ Green fühlte sich nun selbst wie eine Lehrerin, aber sie gab ihrem ungeduldigen Schüler – Siberu – eine Antwort:
„Light war der einzige Hikari, der Tote wieder zurückholen konnte. Ich weiß nicht genau wie. Aber ich weiß, dass er es konnte… und das hat er Youma vor seinem Tod beigebracht. Silence hat aber abgelehnt.“ Während Gary und Siberu sich vielsagende Blicke zuwarfen, sah Green zur Uhr – es war bereits kurz vor Mitternacht. Es hatte lange gedauert, die Geschichte Aeterniems zu erzählen und sie spürte, dass sie ausgelaugt war. Sie sah zu Silence, die ihr ein leichtes Nicken zuwarf und fragte sich, ob auch sie irgendwann mal müde sein konnte…
„Du sagtest Youma sei jetzt in der Dämonenwelt?“, fragte Gary sie, als Green begann die Tassen auf ein Tablett zu stellen, wobei ihr Siberu sofort half.
„Jedenfalls soweit Silence und ich das wissen.“ Green unterdrückte ein herzhaftes Gähnen und nahm die Tasse Garys entgegen.
„Wenn jemand erfährt, dass er vielleicht Tote wieder zurückholen kann, dann ist er sofort der meistgesuchteste Dämon in unserer Welt.“ Siberu grinste und warf auch noch ein Lachen hinterher, als er das sagte, ohne zu bemerken, dass Green die Worte „unserer Welt“ wie einen Stich in ihrem Herzen gespürt hatte.
„Was sagen denn die Wächter dazu?“ Green schüttelte den Kopf, als würde sie Garys Frage von sich schütteln wollen. Sie hatte wirklich keine Lust, nun über ihre Familie zu sprechen.
„Lass mich bloß mit den Wächtern in Ruhe.“ Garys Blick sagte ihr deutlich, dass er es eigentlich gerne wissen wollte und dass er auch fand, dass Green sich dafür interessieren sollte, weshalb sie irritiert nachgab:
„Sie sind alarmiert: Sie haben ihn auf die Gesucht-Liste gepackt und gut ist.“ Die ganze Wahrheit war, dass Green es eigentlich nicht genau wusste und da Gary leicht die Augenbraue hob, war ihr klar, dass er sie durchschaut hatte.
„Aber damit ist es nicht getan.“ Green stellte das Tablett mit dem Geschirr auf die Küchentheke und drehte sich zu Gary und Siberu um. Sie sah zwar nur die beiden entschlossen an, aber hinter ihnen, immer noch am Fenster schwebend, hatte sie auch Silence‘ komplette Aufmerksamkeit.
„Es klingt alles wie eine Geschichte aus Urzeiten, die gar nicht mehr relevant ist. Die nichts mit uns zu tun hat, aber das ist nicht so. Ich stecke nun mittendrin, weil ich Silence nicht im Stich lassen kann und will und…“ Green zögerte. Sie sah kurz weg, verlor für einen Moment ihren Mut und ihre Entschlossenheit, aber sie fand sie wieder, als sie Gary ansah und seine dunklen, grünen Augen ihr wieder seine Worte in Erinnerung riefen, dass sie es nicht alleine zu schultern hatte – dass sie für Green da waren.
„… Ich möchte das gerne mit euch zusammen durchstehen, was auch immer kommt. Ich möchte mit euch zusammen da drinstecken.“ Siberu grinste sofort erfreut und irgendwie stolz darüber, so feierlich gefragt zu werden, doch auch auf Garys Gesicht schlich sich ein Lächeln.
„Natürlich, Green-chan! Aber dann will ich auch mal mit Silence sprechen, ne!“ Silence schüttelte den Kopf hinter ihnen, aber darauf achtete Green nicht:
„Jetzt lass mich erstmal meinen Geburtstag überstehen! Bis dahin hoffe ich, dass Aeterniem in den Geschichtsbüchern ruhen wird.“
Gary lächelte. Er war sogar so gewagt, dass er Greens Hand für einen Augenblick nahm, als sein Bruder nicht hinsah. Er lächelte sie direkt an, sah ihr in die Augen und genoss es, das schöne dunkle Blau strahlen zu sehen, nachdem es in den letzten Wochen so verwittert gewesen war.
In der Nacht zum nächsten Tag, nur zwei Stunden später, war jedes Lächeln dahin und er schämte sich dafür, dass er überhaupt gelächelt hatte und noch schlimmer – dass er ihre Hand genommen hatte. Der Stift in seiner Hand brannte. Das leere Papier auf dem Tisch verspottete ihn und die Finger seiner rechten Hand krallten sich so tief in seine Haare, dass seine Fingernägel seine Kopfhaut kratzten.
Er musste Bericht erstatten.
Die Berichte waren Teil des Auftrags.
Ri-Il musste unterrichtet werden.
Jeden.
Tag.
Gary wusste das. Er wusste, dass dies Teil des Auftrags war und er hatte sich auch wie in jeder anderen Nacht in die Tokyo Metropolitan Bibliothek teleportiert, sich an den gleichen Tisch wie immer niedergelassen, dem einzigen, den die Kameras nicht erfassten, um sich in kompletter Dunkelheit an seinen täglichen, nächtlichen Bericht zu widmen.
Und schrieb nicht.
Stattdessen sah er Green vor sich, die sich bemüht hatte, ihnen alles zu erzählen, was sie wusste; die sich vorbereitet hatte, die dieses einzigartige, wertvolle Wissen in vollstem Vertrauen ihnen überreicht hatte. Sie hatte sie angelächelt, Kraft aus ihnen geschöpft…
„… Ich möchte das gerne mit euch zusammen durchstehen, was auch immer kommt. Ich möchte mit euch zusammen da drinstecken.“
Das leere Papier forderte ihn auf es zu füllen, doch der Stift bewegte sich nicht.
Gary konnte es nicht. Dieses Wissen war nicht für Ri-Il oder die anderen Mitglieder der Hohen bestimmt. Es war nicht für den Auftrag bestimmt. Es war… nur für sie.
Zusammen.
Schneller, als Gary jemals zuvor den Bericht geschrieben hatte, teilte er Ri-Il mit, dass Green sie zum Abendessen eingeladen hatte, dass die Situation sich normalisiert hätte und dass Green sich ihnen, was ihre Sorge um ihre familiäre Situation anging, geöffnet hätte. Sie hatten mehrere Stunden in der Wohnung der Hikari verbracht; die letzten Wochen, in denen Green sich distanziert hatte, hatten keinen negativen Effekt auf das Band hinterlassen, was Blue und Silver schmieden sollten. Green würde am nächsten Tag wieder die Schule besuchen. Punkt. Wie immer keine Abschiedsworte, keine Gruß-Floskeln. Nur Fakten.
Das Papier gab dem Halbdämon keine Möglichkeit, es sich anders zu überlegen, denn kaum, dass er den Stift gehoben hatte, leuchtete das Papier kurz orange auf, ehe es sich Partikel für Partikel auflöste und kurz das Gesicht Garys erhellte, der seltsam… zufrieden mit sich war.
Nachts, nach Mitternacht. Paris – 2008
Vieles hatte Blue nicht beschützen können. Vieles hatte Ri-Il noch nach dem Beenden des Auftrags erfahren; Dinge, die Blue ausgelassen hatte oder vielleicht nicht so detailliert beschrieben hatte, wie er es hätte tun sollen.
Aber Ri-Il hatte nichts von Aeterniem erfahren. Über Youmas wahre Herkunft wusste er genauso wenig wie die anderen Mitglieder der Hohen – oder Nocturn, der mit einem Halbgott und Massenmörder die Wohnung teilte und absolut keine Ahnung hatte, woher dieser kam und das obwohl das Geschichtsbuch Tao Asukas in seinem Bücherregal stand. Manchmal, wenn Youma Blue einen seiner hochnäsigen Blicke zuwarf, dann hatte Blue Lust sich gerade dieses Buch von Nocturn zu leihen und es unauffällig auf dem Stubentisch liegen zu lassen; aufgeschlagen auf genau der richtigen Seite.
Aber Blue war nicht lustgesteuert und er würde sein Wissen sicherlich nicht einsetzen, nur um Youma – der nicht ahnen konnte, dass Blue als einziger wusste, woher er stammte – eins auszuwischen. Im Augenblick hatte er auch nicht vor es einzusetzen. Er würde es erweitern.
Das war keine sonderlich große Herausforderung, wenn man wusste, wonach man Ausschau halten musste, denn Youma war unglaublich unvorsichtig. Vielleicht war Blue schlecht darin, alte Angewohnheiten, die ihn schon ein Leben begleitet hatten, abzulegen und vielleicht war das der Grund, weshalb er jedes Wort, welches in diesem Pariser Appartement gesprochen wurde, auf die Waagschale legte, analysierte, auseinanderbaute und wieder zusammensetzte und weshalb er oft die Luft anhielt, um Gespräche mitzuhören, die nicht für ihn bestimmt waren. Ja, vielleicht war es nur Angewohnheit, die ihn dazu brachte nachts die Tür zu öffnen, wenn er wusste, dass Youma aus seinen Albträumen erwachen würde, um in die Küche zu gehen, wo er jeden Abend ein Glas Wasser trank, um sich zu beruhigen. So wie in dieser Nacht, wo Youmas Finger sich in die Küchentheke krallten und seine Haare vor sein Gesicht fielen, während er Worte stammelte, die Blue nicht verstehen konnte, deren Tonlage aber wie dieselbe Reue klang, die seine Albträume begleitete.
Vielleicht war es aber nicht nur eine Angewohnheit.
Vielleicht erinnerte er sich als einziger an das Wort „zusammen“.
In order to celebrate my first day in Norway, I decided to share this story with you! Its a short story about the harmful hobbies of one certain demon king, how Ri-Il still manages to have fun and about some certain item that will be somehow very important for future happenings in DeA! It gives some forbidden insights of certain demons...
And, btw I decided two group my demon centric sidestories under the name “Demon Stories” /o/~ there are just three so---
----- enjoy~!
Der Tod war wunderschön. Das Töten die höchste aller Künste. Der Schrei war der größte Genuss, das Foltern herrlichstes Vergnügen.
Der Tod hatte so viele Facetten. Auf so viele Arten konnte er herbeigeführt werden; eine schöner als die andere. Ein Schmerzensschrei angenehmer als der andere; einige waren schrill, andere eher ein leises Aufstöhnen, als wäre das Sterben eine schwierige, anstrengende Tat. Das Blut, das letzte Blut, dass aus dem sich nicht mehr bewegenden Körper heraustrat – eine Leiche nannte man das – besaß ebenso eine Schönheit, eine ruhige Schönheit, wie das emporsprudelnde Blut, dass sich über den Toten und ihm noch ein schönes, rotes Bad gönnte ehe er starb. Was für ein letzter Anblick das sein musste! Wie ein Rahmen, der das Gesicht des Mörders, des Richters und des Henkers zu gleich verzierte… ehe das Licht jäh ausgeschaltet wurde und der Körper zu Boden stürzte. Mal dumpf, mal mit einem Knall, je nach dem wie schwer die Leiche war. Manchmal war es auch nur ein Kopf. Oder nur der Torso… seine Schlangen waren doch so gierig und rissen so gerne die Körper der Wächter auseinander; mochten sich den Spaß nicht nehmen lassen, wenn er ihnen gereicht wurde. Viel zu gerne setzten sie ihre Zähne in das Fleisch von Wächtern, welches doch so zart war, im Vergleich zu dem der Dämonen. Man musste nicht ziehen. Sie rissen, glitten beinahe auseinander und dann lag das Fleisch schon zerfetzt auf dem Boden.
Der Tod veränderte alles.
Bevor der Tod eintrat waren sie noch edle Kämpfer gewesen, geschmückt mit Waffen und Edelsteinen, mit ihren feinfühligen Gesichtern und einer Haut, die weder widerstandsfähig noch robust war. Sie vernarbten schnell; sie zerrissen schnell, rissen entzwei – und wenn der Tod kam dann waren sie auch nicht länger hübsch. Der Tod riss ihre Schönheit an sich und schuf hässliche Fratzen, die Entsetzen und Grauen zeigten, den Moment des Todes einfangend und ihm Tribut zollend – viel schöner, viel schmeichelnder, als jede Verbeugung es sein könnte.
Dämonen lösten sich auf, wenn sie starben. Wächter aber blieben bestehen: dieser erhabene Moment blieb bestehen. Der Augenblick des Todes wurde eingefroren in ihren Gesichtern, die Leinwand des Künstlers. Der Künstler des Todes! Ah, die Leichen entzückten ihn immer mehr. Sie verwesten zwar und waren schon nach mehreren Tagen nicht mehr ansehnlich, aber wenn sie gerade gestorben waren, dann waren sie entzückend anzusehen. Manchmal verleitete dieser Anblick ihn sogar dazu ihnen noch einmal über die Wange zu streichen; ihre Frisur zu richten indem er ihre Haare hinter ihr Ohr strich und manchmal schloss er auch ihre Augen, als müsse er sich für den Genuss bedanken.
Ah, dachte Kasra, der König der Dämonen, was war der Tod für eine Herrlichkeit!
Er blickte mit Zufriedenheit über das Feld, das vor gut drei Stunden noch strahlend grün in der Sonne geglänzt hatte, da es noch früh am Morgen gewesen war und der Tau wie tausende Perlen das Gras und die Blumen veredelt hatte. Jetzt war das Gras niedergestrampelt und verbrannt. Nicht länger grün, sondern braun und schwarz; hier und dort hatten sich rote Seen ausgebreitet. Genau neben ihm lag ein Wächter im Gras, der sich in seinem Todeskrampf an dem Gras festgekrallt hatte. Nicht von ihm getötet. Er hätte dafür gesorgt, dass der Wächter nach oben sah und nicht nach unten… was für eine Verschwendung. Aber einige seiner Untertanen verstanden sich nicht in der Kunst des Tötens. Sie sahen es nur als Spaß… und Kasra wusste, dass einem diese Kunst nur schwer beigebracht werden konnte. Entweder man hatte ein Auge dafür, ein Gefühl dafür… oder man hatte es nicht. Es war eine Gabe: nichts, was einem angelernt werden konnte.
Wieder ließ Kasra seine rotglühenden Feueraugen über das Kunstwerk schweifen, welches er und seine Dämonen geschaffen hatten. Der Himmel war blau, aber man sah die Farbe des Himmels kaum, so sehr brannten die Gebäude, die Sträucher, die Blumentöpfe, die Bäume mit ihren bunten Girlanden. Es hatte etwas gefeiert werden sollen offensichtlich… das Fest der Elemente konnte es nicht sein, das wüsste Kasra, immerhin war das auch für ihn ein ganz gewisses Freudenfest… ein Geburtstag womöglich, hah, sicherlich von einem Kind. Jetzt war es sein Todestag.
Aber nicht alle Wächter waren tot, immerhin brauchte Kasra auch noch ein wenig Material um einer weiteren von ihm so sehr geliebten Kunst nachgehen zu können: dem Foltern. Es waren auch nicht alle Gebäude der hier lebenden Wächter abgebrannt, denn sie waren nicht nur zum Töten hier – nun, gut, die meisten seiner Untertanen waren es. Aber Kasra war es nicht. Er war hier, weil er etwas abholen musste; etwas, was ihm gehörte, etwas, was ihm zustand.
„Meine Hoheit…“ Gerade hatte der König sich in Bewegung setzen wollen, um zu dem Gebäude zu gelangen, welches die anderen überragte – wohl die Behausung des Höchstrangigsten Wächter hier, dem die Verwaltung dieser kleinen Wächterkolonie oblag. Kasra und seine Dämonen hatten das Haus aus weißen Backstein und mit blauen Dach unangetastet gelassen – bis auf die Wächter die herausgezerrt worden waren, eine Tempelwächterin und ein kleines Mädchen, die immer noch weinte, da man die Tempelwächterin gerade ausbluten ließ. Kasra wandte sich von diesem genüsslichen Anblick ab und sah zu einem seiner neuesten und jüngsten Hordenmitgliedern, dessen schwarzer Kopf sich in Demut tief nach unten beugte. Er war nicht so stämmig wie andere Mitglieder der königlichen Horde: hoch und schmal; alles an ihm war spitz. Seine Nase und ganz besonders seine viel zu großen Ohren, die, wenn man sie abreißen würde, sicherlich genauso lang waren wie sein Kopf.
„Meine Hoheit…“, wiederholte er noch einmal als glaube er, dass Kasra es schon beim ersten Mal nicht gehört hatte:
„… wenn Ihr es erlaubt, dann möchte ich Euch meine Komplimente aussprechen. Es war eine Ehre Eurer hohen Kunst heute beiwohnen zu dürfen und Euch töten zu sehen.“
Kasras Lippen kräuselten sich ein belustigt. Da wollte sich wohl jemand einschleimen… er hoffte wohl darauf, dass Kasra ihn einladen würde zum Foltern der Gefangenen. Schon öfter hatte der Junge den Wunsch geäußert dies tun zu dürfen. Aber dieser Noivern… er hatte seinem König heute eine große Gunst erwiesen, weshalb er es sich womöglich überlegen sollte, ihn am Festschmaus teilhaben zu lassen, obwohl er eigentlich vorzog dies alleine zu tun. Es war doch eine intime Sache zwischen ihm… und seinem Opfer.
Nun heute sollte er vielleicht eine Ausnahme machen. Noivern verneigte sein schwarzes Haupt so tief vor ihm und es war nicht von der Hand zu weisen, dass sie nur hier waren wegen ihm – wegen ihm und seinem ausgezeichneten Gehör und Gespür. Dank ihm hatten sie von dieser versteckten Wächterbasis in Finnland erfahren – und von dem Relikt, das sie bis zu diesem Tage hier behütet hatten. 50 Wächter hatten hier gelebt. 50 Wächter, die nun entweder tot oder Spielzeug waren. Die armen Hikari in ihrem Jenseits! Manchmal wünschte Kasra sich, er könnte einen Spion ins Jenseits schicken: er wüsste zu gerne was die bleichen Hikari-Gesichter so über ihn sprachen… fürchteten sie ihn? Fürchteten sie ihn, wie sie noch keinen anderen Dämon je gefürchtet hatten?
Dieser Gedanke gefiel Kasra und beschäftigte ihn mehr, als Noiverns pinke Augen, die ihn anstrahlten, als sein König ihm eine Floskel als Antwort gab – aber das erfreute, etwas verspielte Grinsen versiegte, als er den Blick eines anderen mächtigen Dämons traf, welcher sicherlich auch schon so manches Mal Thema im Jenseits gewesen war: Ri-Il.
Kasra lächelte ihn an, Ri-Il lächelte zurück.
Es lag keine Freude in diesem Blickaustausch, nur das Gewissen, dass sie sich gesehen hatten. Ri-Il verneigte sich ein wenig, doch sein Lächeln schien sichergehen zu wollen, dass Kasra genau wusste, dass diese Verbeugung kein Zeichen des Respekts war. Nie neigte er seinen Kopf zu tief als das seine spottende Höflichkeit mit Respekt und Ergebenheit verwechselt werden könnte. Wenn Ri-Il sich verneigte, dann sah es aus, als würde er ihn verspotten. Aber egal wie sehr er ihn auch verspotten mochte: dienen musste er seinem König dennoch und darin lag eine gewisse, sehr erheiternde Ironie. Manchmal malte Kasra sich aus, wie er des Fürsten dünne Taille einfach zerbrach… wie seine Schlangen ihre Fangzähne hineinjagten und die Knochen auseinander rissen… Ob Ri-Il schön schreien konnte? Hach, Kasra wollte ihn leiden sehen…
Nun, das war eine Vorstellung mit der Kasra sich ein anderes Mal beschäftigen würde – obwohl sie ihm in diesem Moment große Freude bereitete – denn er war nun gespannt darauf sein Geschenk ihn Augenschein zu nehmen. Seine Untertanen – ganz gleich ob sie Mitglieder seiner Horde waren oder von Ri-Ils – verneigten sich vor ihm, als er an ihnen vorbei ging. Sein Gesicht, wo wieder ein zufriedenes Lächeln ruhte, war rot gefärbt; das Blut ihn wieder zu sehr geliebt, aber seine Hörner, seine goldenen Hörner, die sich an seinem Hinterkopf zu einer Krone wandten, waren makellos und glänzten auf wie Edelsteine als die Sonne es durch Wolken und Rauch schaffte und auf das Schlachtfeld hernieder strahlte, als hätte das Licht das Gold seiner Hörner gesucht.
Sie glänzten auch noch, als der König der Dämonen den kleinen, eher bescheidenen Eingangsraum des Gebäudes betrat, so selbstverständlich, als wäre er eingeladen worden – und während jene Dämonen, die sich schon fleißig der Plünderung widmeten, sich eilends vor ihren König verneigten, oder sich sogar auf die Knie begaben, richtete sich Draußen vor dem Gebäude ein braunhaariger Dämon auf und beeilte sich zu seinem Fürsten, welcher schon längst seine Wirbelsäule wieder in eine aufrechte Position gebracht hatte.
„Ri-Il-sama…“ Seine Stimme klang etwas inständig, aber sein Fürst antwortete ihm ganz gelassen:
„Ja, Darius-kun?“
„Kann es wirklich sein… Sind wir, Eure Horde, wirklich nur hier… Stimmen die Gerüchte, dass wir nur hier sind wegen…“ Ri-Il unterbrach ihn mit einem leisen Kichern:
„Oh, Darius-kun, was der König will, das soll der König auch bekommen.“
„Aber wir sind die stärkste Horde und doch kein Lieferdienst – und Ihr! Dass Ihr Euch extra hierherbemühen müsst, nur weil der König…“ Auch wenn Ri-Il von der Empörung seines Kommandeurs erheitert war, so hob er die Hand in einer eleganten, aber auch gebieterischen Manier und sofort schwieg sein Kommandeur.
„Wir machen den König heute sehr glücklich, Darius-kun…“ Ri-Il legte seine Hand wieder auf seinen Rücken, nachdem er sich sicher war, dass Darius nicht weitersprechen würde, denn pinke Augen ruhten auf ihnen. Pinke, junge Augen, die Ri-Il noch nicht so oft gesehen hatte, aber er war sich ziemlich sicher, dass er sich diese Augen, dieses Gesicht und den Namen Noiverns merken sollte. Er warf dem neuen Hordenmitglied eines seiner spitzen Lächeln zu, ehe dieser sich, ertappt in seinem Starren, abwandte und seinem König hinterher eilte. Er hatte zu große Ohren.
„… und das sollte doch das wichtigste sein.“
War es aber nicht. Das war es weder für Darius – noch für Ri-Il, auch wenn er lächelte, so wie er es immer tat. Genau wie Kasra, der sich etwas belustigt in einer Stube umsah, in welchen nur ein Stuhl und ein paar Vasen umgeworfen worden waren – aber ansonsten waren Stube und Esszimmer unberührt geblieben und es war Kasra, als beträte er ein Miniaturmuseum. Die Stühle und der Tisch waren ihm viel zu klein und er musste auch darauf achten, dass er beim Wechsel eines Raumes den Kopf einzog. Irritieren tat ihn das nicht; er war durchaus interessiert an der Art, wie die Wächter hier gelebt hatten. Ein friedliches, idyllisches, langweiliges Leben musste es gewesen sein… eintönig… von einem Tag zum anderen lebend, in Frieden und Harmonie, versteckt vom Krieg… der sie nun eingeholt hatte um ihnen zu zeigen, dass niemand vor dem Krieg fliehen konnte. Vielleicht waren die Hikari doch nicht so traurig über den Verlust der Zeit und Klima-Wächter und der paar Illusionswächter. Es waren immerhin Deserteure gewesen, die zwar etwas wertvolles beschützten, aber dennoch vor dem Krieg geflohen waren um ein „besseres“ Leben zu führen – und Deserteure wurden jawohl auch bei den Wächtern Feiglinge genannt? Bestraft? Schnell und klanglos wahrscheinlich… kunstlos, völlig kunstlos… Einfallslos…
Nun Kasra hatte ihnen ein passendes Ende verliehen, als er ihnen den Krieg vor die Haustür gebracht hatte – ihre entsetzten Gesichter, als ihr Bannkreis, der sie vorher noch geschützt hatte, gebrochen war! Herrlich! Aber nun kam die größte Herrlichkeit; der Grund, weshalb sie hier waren…
Und Kasra fand den Weg auch ganz ohne, dass Noivern ihn sagen musste, wo im Haus er nach dem Relikt suchen musste. Es war, als würde es ihn anziehen, rufen. Doch er ließ sich den Genuss nicht nehmen, sich die vielen kleinen Gegenstände, die Wandmalereien und die Teppiche anzusehen, die die Wächter hier gesammelt hatten. Ab und zu zeigte er auf dieses oder jenes und es wurde für ihn mitgenommen, ohne, dass er es sagen musste; es war ja nicht deren erster Raubzug und seine Hordenmitglieder waren zu bedingungslosem, schweigsamen Gehorsam erzogen – und sie kannten die Gewohnheiten des Königs sich Souvenirs mitzunehmen. Hier und dort hielt er inne und nahm sich einen Krug oder ein Buch in die Hand, blätterte es durch, besah sich den Schreibtisch im Arbeitszimmer und betrachtete die Federkiele über dessen goldene Gravuren er mit den Fingern strich… Ah, die Wächter waren nicht talentiert im Töten, verstanden dessen Kunst nicht, verstanden nicht den Reiz zu genießen… aber sie waren Meister in Detailarbeit, das musste man ihnen lassen. Meister geworden, das musste dazu betont werden, denn einst waren es die Dämonen gewesen, die sich darin hatten brüsten können.
Einst… damals in Aeterniem.
Entzückt blieb Kasra plötzlich stehen und betrachtete ein halb fertiggestelltes Kunstwerk, das in dem letzten Raum hing, einem ovalen, von Licht durchfluteten Raum, mit einem hübschen Deckendekor und die für Wächter so typischen Säulen, die an kyrillische Säulen erinnerten. Die Augen des Dämonenkönigs leuchteten, als er das längliche Kunstwerk an der Wand sah.
Aeterniya.
Die ehemalige Hauptstadt der Wächter in all ihrer Pracht tat sich vor ihm auf, mit Fantasie und Ideenreichtum und Können wieder zum Leben erweckt auf einer rechteckigen Leinwand, die gut drei Meter breit war. Unvollendet; der Himmel war nur begonnen, der Horizont bestand nur aus groben Bleistiftlinien… oh sollte das Lerenien-Sei werden, dort im Hintergrund? Im entzückten Schweigen betrachtete Kasra die Leinwand genauer; niemand der anderen anwesenden Dämonen wagte es ihn bei seiner Betrachtung zu stören.
Die pastelligen Töne, in die das Bild gehalten war, missfielen ihn. Die vielen Vögel, die über die nur schwach angedeuteten Wolken schwebten, irritierten ihn. Aber die Gebäude und die Straßen, die Wasserfälle, die angedeuteten Gebirge…
„Noivern.“ Kasra musste selbst etwas über seinen aufgeregten Tonfall schmunzeln – es fiel ihm schwer, seine Freude zu verbergen auf die das junge Hordenmitglied sich zurecht etwas einbilden konnte. Aber anstatt ihn, der nun vortrat, bereits jetzt schon zu loben, gab er ihm einen Befehl.
„Finde heraus ob einer unserer Gäste dort draußen der Künstler ist.“
„Sehr wohl, mein König.“
„Bete dafür, dass er es ist.“ Noivern hob den Kopf wieder, den er eben noch verbeugt hatte und sah mit entzückten Augen in die stolzen, erfreuten Flammenaugen seines Königs.
„Denn dann darfst du heute Nacht mit mir feiern.“ Das neueste Hordenmitglied war so überrumpelt, dass er zu keiner Antwort fähig war und sich stattdessen noch einmal verneigte, ehe er eilends zwei Schritte rückwärts ging und sich dann beeilte zurück zu gehen, begleitet von einigen eifersüchtigen Blicken seiner Hordenmitglieder – es kam nicht oft vor, dass irgendjemand von ihnen Kasra erfreuen konnte und noch seltener kam es vor, dass sie zum Foltern eingeladen wurden.
Meistens genoss Kasra den Neid unter seinen Hordenmitgliedern, aber nun interessierte er sich nicht für sie, denn sein alleiniges Interesse galt dem Kunstwerk Aeterniyas, welchem er gänzlich verfallen war. Seine Augen sogen jedes Detail in sich auf und er war so vertieft, dass er nicht bemerkte, dass ein anderer Dämon statt Noivern vorgetreten war, der sich neben Kasra stellte und wie immer ein dümmliches Gesicht machte.
„Sind wir deswegen hier, Majestät?“
„Nein, Suren.“ Kasra betrachtete nach wie vor das Gemälde, ehe er sich etwas widerstrebend an seinen obersten Kommandeur widmete, der ihm trotz aller Oberflächlichkeit und Dummheit immer die besten Dienste geleistet hatte. Mit ihm konnte Kasra töten und kämpfen, ohne sich zu langweilen; mit ihm trank und lachte er.
„Das ist nur ein sehr glücklicher Fund.“ Natürlich verstand Suren nicht warum das Kunstwerk ein glücklicher Fund genannt werden sollte, aber sein Verständnis für Kunst war auch überaus begrenzt: selbst seine Art zu töten war eher plump… aber manchmal recht unterhaltsam.
„Wir sind deswegen hier.“ Kasra machte einen Wink zu einer gläsernen Vitrine, welche unter dem Bild stand. Ein länglicher Gegenstand ward darin gebettet; ein Gegenstand, der leicht in der Sonne glänzte – besonders der dunkelblaue Kristall oberhalb des Stabs leuchtete und funkelte in der Sonne, die durch das Deckenfenster hineinschien.
„Ist das eine Waffe? Eine Wächterwaffe?“ Als nächstes würde Suren wohl die dumme Frage stellen, ob sie damit kämpfen sollten, dachte Kasra und grinste ein wenig – aber für einen Nicht-Kenner musste der Gegenstand wohl wie eine eigenartige, veraltete Waffe der Hikari aussehen, die doch so gerne Stäbe einsetzten. Aber dieser in sich geschwungene Stab war keine Waffe… doch das wusste wohl nur Kasra.
„Das ist ein sogenannter Regenstab“, erklärte Kasra obwohl es eigentlich absolut vergeudete Liebesmüh war Suren irgendetwas zu erklären was nicht mit dem Benutzen der Fäuste oder dem Rumspielen im Bett zu tun hatte. Er war sogar zu dumm um Dinge zu verstehen die in seiner Epoche geschahen. Von Aeterniem hatte Suren noch nie etwas gehört, ehe Kasra nicht den vergeblichen Versuch unternommen hatte ihn zu unterrichten – nun konnte er sich wenigstens den Namen der vergangem Zeit merken, auch wenn er sich manchmal damit begnügte „irgendetwas mit A“, „das Alte mit A“ zu sagen.
„Er wurde einst in Aeterniem von den Klimawächtern benutzt um in einen Tanz den Regen herbei zu beschwören.“ Bei dem Wort „Regen“ wurde Suren sofort hellhörig.
„Regen? Warum tanzt man denn für Regen?“
„Damit man keinen Durst leidet und die Ernte gelingt“, erwiderte Kasra erheitert über Surens dumme Frage und fuhr mit seinen langen Fingern über das Glas und den goldenen Rand der Vitrine.
„Wenn wir damit tanzen… regnet es denn auch bei uns?“ Der König lachte auf, antwortete aber nicht, während Suren ernsthaft die Stirn runzelte.
„Nehmen wir den Stab deswegen mit?“
„Nein, Suren, es ist nichts als alter Aberglaube und Tradition. Wir nehmen ihn mit, damit er an einen besseren Ort kommt.“
Wahrlich, der Stab schien nur auf Kasra gewartet zu haben; auf jemanden, der ihn zu schätzen wusste. Zwar hatten die Nachfahren ihn in eine Glasvitrine gelegt und offensichtlich auch gut gepflegt, aber die Vitrine war nicht verschlossen und Kasra musste nur den Deckel heben und schon konnte er das teure Relikt aus der Vitrine befreien. Ah, genau wie er es sich gedacht hatte… dieses Holz, aus dem der Stab geschnitzt war, stammte von einem Baum, der heute ausgestorben war – hart und robust und doch glatt und geschmeidig. Ein Genuss für Kasras Fingerkuppel, die über die Inschriften fuhren, die in das Holz geritzt worden waren – ehe er den Stab senkte… doch nicht ohne sein eigenes Spiegelbild triumphierend in dem blauen Kristall zu betrachten. Was für ein schönes Blau! Wie passend!
„Wie ich sehe ist unser König fündig geworden.“ Ri-Il lächelte und auch Kasra lächelte wieder – aber dieses Mal konnte ihn das Lächeln seines Fürstens nicht irritieren. Dafür war seine eigene Freude zu groß.
„Das bin ich.“
„Ein neues Objekt für Eure Sammlung! Wie überaus erfreulich.“
„Wahrhaftig!“ Kasra legte den Stab nicht aus der Hand, sondern wog diesen etwas hoch und runter, als wäre es ein Zepter, während er auf Ri-Il zuschritt und die Leiche eines Wächters ebenso leicht zertrat, wie die einst weißen Blumen. Blut und körperliche Überreste klebten an seinen Stiefeln, aber dies interessierte den König nicht, als wäre dies erstrebenswerte Dekoration.
Aber den düsteren Blick Darius‘ bemerkte er… dieses kleinen, sehr gut dressierten Kommandeurs, der Ri-Il so über alle Maßen anhimmelte. Wie rührend so eine Treue! Darius gab sich Mühe es zu verbergen, aber es schien ihm so absolut nicht zu gefallen, dass ausgerechnet Ri-Il und seine ach so starke Horde hatten antreten müssen für so eine ach so einfache… Besorgung. Er schien wohl nicht zu finden, dass Kasra Ri-Il mit Respekt behandelte. Haha – aber das Wort des Königs war Gesetz!
„Nun, ich würde dich ja gerne als kleine Erkenntlichkeit zu einem festlichen Bankett im Schloss einladen, Ri-Il, ich weiß ja, dass du ein erlesener Feinschmecker bist und einige deiner Hordenmitglieder würde ich selbstredend ebenfalls nach Lerenien-Sei einladen… “ Kasra genoss den immer noch feindseligen Blick Darius‘ der sich einfach nicht zusammen nehmen konnte und den König unglaublich erheiterte. Er liebte solche Blicke. Er gab nichts Schöneres als hassende, wütende Blicke von niederen Wesen, die nichts, absolut nichts gegen ihn tun konnten und ihn trotz ihres Hasses mit knirschenden Zähnen dienen mussten. Kasra liebte solche Blicke mehr als die neidischen und ehrfürchtigen Blicke seiner ergebenen Untertanen.
„… aber ich verzichte heute auf ein Dinner.“ Kasra deutete mit den Augen auf einen Haufen von Büchern – rund 20 Stück – die eine Dämonin gerade aus dem Haus trug.
„Ich verschlinge stattdessen diese Bücher.“
Suren hatte das Sinnbild ganz offensichtlich nicht verstanden, obwohl es so einfach gewesen war – aber Ri-Il natürlich, der auch absolut nicht traurig war nicht mit Kasra zu dinieren. Er lächelte einfach immer noch, was Kasra nun langsam doch ein wenig nervte.
„Dabei wünsche ich Euch jeden nur erdenklichen Spaß, Majestät. Es ist schön zu sehen, wie wichtig dem König der Dämonen die Weiterbildung ist!“ Ri-Il verneigte sich elegant und schwungvoll schalkhaft und auch Darius tat es, allerdings weniger elegant, mehr mit Wut und Widerwille geladen. Kasra wollte Ri-Il gerade antworten, als er Noiverns Blick erhaschte, der ihm, anstatt ihn in seiner Konversation zu stören nur zunickte und Kasra verstand sofort: er hatte den Künstler des Bildes ausgemacht und er lebte. Gut. Sehr gut! Was für ein Glück! Was für ein Freudentag! Scheinbar musste Kasra seine Abendplanung ein wenig ändern, aber für Noivern würde er schon Platz finden, wie er ihm auch mit einem Blick bedeutete – der König vergaß seine Versprechen nicht. Sie würden zusammen feiern. Mal sehen, wie kreativ der Bursche beim Foltern war…
Kasra wandte sich wieder Ri-Il zu:
„Vergiss nicht die Feier zu meinem 107ten Krönungstag, Ri-Il – ich erwarte gute und brauchbare Wahre von dir für meine private Feierlichkeit. Sollte ich diesen Abend nicht genießen können…“ Ri-Il beendete seinen Satz gekonnt, wie der Geschäftsmann der er war:
„Das werdet Ihr, Majestät. Ihr wisst – dafür stehe ich mit meinem Namen. Wir alle – und ganz besonders Ihr – werden die Feierlichkeiten niemals vergessen, davon bin ich überzeugt. Sie wird besonders werden…“ Ri-Ils Augen öffneten sich einen kurzen Augenblick, aber Kasra ängstigte dieser Anblick nicht – er erwiderte diese Herausforderung, diese Abneigung, mit einem ebenso selbstsicheren Grinsen und genauso großer Abneigung.
„… Majestät. Auf das wir noch viele weitere Feste zu Euren Ehren werden feiern können!“
„Nur noch 24 Stunden. 24 Stunden. Das überlebst du, Light… Gaaaanz ruhig…“ Light wollte nicht in Erememiya sein. Er wollte in Aeterniya sein. Verzweifelt versuchte er, dem die politische Verantwortung ohnehin eine Last war, sich auf das Thema zu konzentrieren, welches immerhin von so großer Bedeutung war. Aber den namenlosen Dämonenherrscher zu sehen, seine gute Laune, die wohl niemand nachvollziehen konnte… dies genügte, um Light wieder an die Gefahr zu erinnern, die dunkle Wolke, die über den Köpfen seiner Familienmitglieder und ihm hing. Aber eigentlich musste Light sich keine Sorgen machen: der namenlose Dämonenherrscher war hier, vor ihm, weit entfernt von Aeterniya. Gut gelaunt über die hitzigen Diskussionsthemen und die verzweifelten Gemüter, als wären diese sein Lebenselixier – und wenn die Diskussionen in eine gute Richtung gingen, dann flaute seine gute Laune ab und er sah wieder gelangweilt aus.
Jedenfalls war das Lights Auffassung… vielleicht war er zu negativ. Vielleicht verurteilte er ihn zu Unrecht. Er war der Herrscher über die Dämonen, die in eine grauenhafte Ecke gedrängt worden waren – das konnte doch auch er nicht als wünschenswert empfinden. Light musste sich irren… und er musste aufhören, sich konstant zu Silence und Youma zu wünschen. Die Dämonen hatten nicht viele Befürworter auf der Seite der Wächter. Sie brauchten ihn. Das war er ihnen schuldig und das war er auch Youma schuldig, dachte Light, als er sich aufrichtete, um sein Wort vorzutragen.
Für ihre gemeinsame Zukunft.
Niemand war so froh, das runde Gebäude zu verlassen, wo das halbjährige Gremium abgehalten wurde, wie Light. Einige sprachen noch miteinander und Light wusste, dass er es eigentlich auch tun müsste, aber er wollte so schnell es ging wieder nach Aeterniya zurück: er wollte zu Youma und Silence. Um zu sehen, dass es ihnen gut ging, dass er sich umsonst Sorgen machte, dass er sich nur Gespenster einredete und alles gut war; um ihnen zu sagen, dass sie eine Einigung erzielt hatten, die deutlich zu Gunsten der Dämonen ausgefallen war. Ein paar Kleinigkeiten – vielleicht auch noch große – mussten natürlich noch ausgearbeitet werden, aber Light war optimistisch, dass es ihnen gelingen würde und die Lebensumstände der Dämonen sich verbessern würde. Ja, wenn er sah wie Kaze mit Cerille, dem Jüngsten der Teufel – jedenfalls sah er am jüngsten aus, Light glaubte eigentlich, dass sie alle zur gleichen Zeit geschaffen worden waren – freundlich miteinander sprachen, obwohl das Gremium bereits vorbei war, dann füllte sein Herz sich mit Hoffnung auf eine gute Zukunft.
Und gerade deswegen wollte er schnellstmöglich zurück. Er wollte auch nicht warten, bis sie alle zusammen teleportieren würden, er würde es alleine tun. Er musste nur an Hikaru denken – wo war sie?
Light wollte sich nicht ohne Hikaru teleportieren, aber er konnte sie nicht erblicken, obwohl er ihre Aura in der Nähe spürte… gerade als Light noch einmal die Treppen emporsteigen wollte, die von der Eingangshalle ins Innere des Gebäudes führten, erschreckte er, als hätte er ein Beben in seiner Seele gespürt. Er kannte es. Er kannte dieses Gefühl zu gut, viel zu gut; es hatte sich in ihn eingebrannt und sofort ging Light eiligen Schrittes hinaus aus der Eingangshalle, möglichst ohne jemanden zu alarmieren – aber kaum, als er die Säulen passiert hatte und er glaubte, dass ihn niemand mehr beachtete, begann er über den gepflasterten Weg unter den roten Bäumen zu rennen, deren Blätter lautlos auf den Weg hinabrieselten. Weit musste er nicht rennen: am Ende des Weges waren Hikaru und der namenlose Dämonenherrscher.
Hikaru hatte Light den Rücken zugekehrt, aber der namenlose Dämonenherrscher sah nach vorn, sah zu Light und entdeckte ihn auch, lächelte über Lights bestürztes Gesicht, grüßte ihn aber nur mit den Augen, ohne Geste, ohne Wort.
„Was ist hier geschehen?“, fragte Light bestürzt, als er bei ihnen ankam, obwohl beide einfach nur voreinander standen und sich – so schien es jedenfalls – nur ansahen. Hikaru sendete ihm keine Antwort, aber der namenlose Dämonenherrscher antwortete ihm:
„Nichts, Light-kun.“ Er setzte sich in Bewegung, ging an Hikaru vorbei und zu Light, dem er seine Hand auf die Schulter legte.
„Hikaru und ich haben nur gespielt.“ Er löste jeden Finger einzeln von der Schulter des verwirrten Lichtgottes, ehe der namenlose Dämonenherrscher mit flatterndem Umhang die beiden Lichtgötter verließ.
„Du hast unsere Magie eingesetzt, Hikaru.“ Hikaru drehte sich nicht herum.
„Ich kann das spüren, das weißt du. Welchen Grund hattest du um…“
„Light-kun!“ Der Angesprochene drehte sich herum, weg von Hikaru, deren Gesicht er immer noch nicht gesehen hatte und erblickte den namenlosen Dämonenherrscher, der sich noch einmal zu Light herumgedreht hatte. Gute 70 Meter stand er von ihm entfernt, aber Light konnte seinen Blick dennoch ausmachen – sein typisches Lächeln… nein, es war nicht sein typisches Lächeln; es war anders… ganz anders als sonst. Aber er sagte nichts – er sah den verwirrten Lichtgott nur an und drehte sich dann weg und ging seines Weges.
Light wusste nicht wieso, aber er hatte das Gefühl, als hätte der namenlose Dämonenherrscher sich bei ihm entschuldigen wollen.
Die gesamte Hoffnung war aus Light hinausgezogen worden – der Blick des Dämonenherrschers, die Tatsache, dass Hikaru definitiv ihr Licht angewandt hatte und Light gespürt hatte, dass dieses Licht mit Hass heraufbeschworen worden war, hatte ihm sämtliche Hoffnung genommen.
Aber in ein Loch, ein schwarzes, tiefes Loch, fiel er erst, als er Silence sah. Silence. Alleine. Ohne Youma. Seine Aura war nirgends zu spüren und Silence starre Gesichtszüge, ihre tiefen, schwarzen Augen, denen sämtlicher Glanz mangelte, sagten Light alles.
Youma war weg.
„Gestern Nacht. Er war nicht mehr im Bett, als ich aufwachte.“ Light ging zu ihr, seine Beine waren zu schwer um zu rennen; er war zu entgeistert, um etwas zu sagen.
„Ich wollte dich kontaktieren, aber es ging nicht. Ich konnte nicht… ich konnte nicht…“ Natürlich nicht, niemand konnte mit ihnen Kontakt aufnehmen, solange sie die Sitzung abhielten…
„Youma ist weg“, sagte Silence erst jetzt und senkte den Kopf, als Light vor ihr stand.
„… und ich weiß absolut nicht, warum oder wo er ist.“ Light wollte nicht, dass Silence weinen musste und er wusste, dass sie eigentlich auch nicht umarmt werden wollte, aber er tat es dennoch, spürte ihre Verzweiflung, die seine nährte, ihre Traurigkeit, ihre große Sorge um ihren Zwilling.
„Ich hätte es… ich hätte es spüren müssen…“
„Nein, Silence. Du darfst dir keine Vorwürfe machen…“ Behutsam, selbst am Rande der Tränen, strich Light ihr über die glatten Haare:
„… und ihm ebenfalls nicht. Es ist nicht eure Schuld…“ Light hob den Kopf und vergrub für einen Moment sein Gesicht in Silence Schulter.
Es war seine Schuld.
Es war ganz allein seine Schuld.
Das wusste er. Ja, er war sich seiner Schuld bewusst.
„Lass uns ihn suchen.“ Light nahm Silence an der Hand:
„Ich weiß, wo er ist.“
Hikaru sah ihnen hinterher, die Hände über ihrem Rock gefaltet und streckte die Hand dieses Mal nicht nach ihm aus, als ihr Bruder sich entfernte.
Nein, sie war zu beschäftigt damit, zu lächeln.
Schnellen Schrittes waren Light und Silence auf dem Weg zu dem Ort, wo Light und die anderen Götter erst vor kurzem nach Erememiya aufgebrochen waren: sie rannten nicht, als hätten sie in ihrem angespannten Schweigen einstimmig beschlossen, dass sie nicht zu viel Aufsehen erregen wollten. Aber sie gingen dennoch so schnell wie möglich und hätte jemand ihre Gesichter gesehen, sie wüssten, dass etwas vorgefallen war, etwas Einschneidendes, etwas, was sie beide erschütterte.
Doch noch ehe sie hinaus in den Garten kamen – der einzige Punkt, von wo aus das Teleportieren erlaubt war – brach Silence das Schweigen.
„Light, du weißt wo Youma ist?“ Light antwortete nicht und da er einen halben Meter vor ihr ging, sah sie nicht wie sein Gesicht sich schmerzhaft verzog.
„Light!“ Silence packte seinen Ärmel und zwang ihn dazu, stehenzubleiben.
„Woher weißt du, wo Youma ist?“
„Ich weiß es nicht mit Gewissheit“, antwortete Light zerknirscht.
„Ich habe nur eine starke Vermutung.“
„Es handelt sich um den namenlosen Dämonenherrscher, nicht wahr?“ Das Gesicht des Angesprochenen lockerte auf, da er Silence verwirrt musterte und die Frage, wie sie, die den Herrscher der Dämonen nur einmal gesehen hatte und damals immerhin noch klein war, auf ihn kam, stand ihm sehr deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Ist Youma bei ihm?“, fragte Silence, anstatt Light eine Antwort auf seine offensichtliche Frage zu geben.
„Ich befürchte es.“
„Du befürchtest es? Ist der Mann eine Gefahr für Youma?“ Light nahm die Hand seiner Tochter und sie begannen wieder eilends zu gehen, während er seine ehrliche Antwort gab – er wisse es nicht und diese Antwort machte Silence noch nervöser, denn sie beide wussten, wo auch immer Youma war, was auch immer er dort tat, es war kein Besuch zum Nachmittagstee. Er war nicht freiwillig dort, das wusste Silence – denn dann hätte er Silence mitgenommen oder sich von ihr verabschiedet; er hätte ihr Bescheid gegeben. Dass er einfach weg war… alleine dies war ausreichend, um ihre Verzweiflung zu nähren.
Dennoch, als Light sie beide nach Lerenien-Sei – und zwar direkt in das Herrschaftsschloss der Dämonenhauptstadt – teleportierte, wurde der Name ihres Zwillings für einen Moment in den Hintergrund gedrängt. Noch nie war Silence im Gebiet der Dämonen gewesen; nicht, weil es ihr verboten gewesen war; sie hatte einfach keinen Grund für einen Besuch gehabt und nun war sie gänzlich überrumpelt von dem Glanz und der Pracht des Gebäudes, durch das Light sie mit der Gewissheit einer Person führte, die dieses Schloss schon oft betreten hatte und wusste, welcher Weg der richtige war.
Der Boden war aus dunklem, glattem Stein, so glatt als wäre es Eis, so sauber und makellos, dass sie ihr geplagtes Spiegelbild darin sehen konnte. Hier und dort glitzerte es rötlich auf, als wären Rubine in den Boden eingefasst. An den schlanken Säulen waren Laternen angebracht, die ein rötliches Licht warfen und weit über Light und Silence weite, gewölbte Decken mit auffälligem Deckendekor aus Glas und glitzernden Steinen, Juwelen und Diamanten, Schätze, die Silence gar nicht kannte, nicht benennen konnte, über deren Strahlkraft sie nur staunen konnte. Sie gingen an schweren Türen vorbei, die ebenfalls verziert waren und an Fenstern, durch die kein Wind hindurchging, aber… wieso? Wieso war vor den Fenstern Glas? Und warum war es bunt?
Silence war so verblüfft über diesen für sie abnormen Einsatz des Glases, dass sie ihre Finger im Vorbeigehen über die Scheiben gleiten lassen wollte, als Light sie jedoch davon abhielt.
„Silence, nicht“, ermahnte er sie, als wäre Silence zehn und nicht zwanzig.
„Wir sollten die Pracht und die Sauberkeit dieses Ortes wahren.“
„Warum ist da Glas vor den Fenstern?“ Light war im Moment zu nervös, um Erklärungen zu geben und er wollte jetzt gewiss nicht über die Elemente sprechen, weshalb er Silence gerade vertrösten wollte, als Silence die Erklärung von jemand anderem bekam.
„Weil der Wind in den Wintermonaten sehr rau und kühl ist und wir die Kälte scheuen.“ Silence drehte sich alarmiert zu dem Träger dieser ruhigen, eleganten Stimme herum, welchen sie nicht kannte, aber Light: es handelte sich bei dem Dämon, der gerade zu ihnen getreten war, um Astaroth, welcher sich in Begleitung seiner ältesten Tochter und seines ältesten Sohnes befand, die sich vor den Besuchern verneigten im Gegensatz zu Astaroth, der nur ein wenig den Kopf neigte – er war ja auch ein Teufel. Er musste sich nicht vor ihnen verneigen, besonders nicht vor Light, der als Freund zu ihm sprach. Silence war weniger erstaunt über seine eng am Kopf liegenden, steil nach oben gehenden, dünnen Hörner – sie hatte schon viele Dämonen mit Hörnern gesehen – sondern mehr über deren Kleidung, gegen welche sie sich richtig schmucklos empfand. Lange Roben, aufwendig mit Stickereien versehen, in dunklem Grün gehalten und mit Silber dekoriert. An den Händen Ringe mit Rubinen und Smaragden, aber trotzdem nicht überladen wirkend. Lange Ärmel, aber der Stoff rund um deren Oberkörper war enganliegend, mit einer schmalen Silberkette dekoriert und silbernem Kragen.
„Light, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich so schnell wiedersehen würde und ich muss gestehen, dass ich über den Besuch verwundert bin. Du bist natürlich stets in unserem Schloss willkommen…“ Er hob die Hand in einer unnatürlichen Geste, als würde er die Luft streicheln wollen:
„… aber ich würde es dennoch vorziehen, wenn du dich ankündigen würdest, damit wir dich gebührend begrüßen können.“
„Das ist sehr freundlich von dir, Astaroth.“ Light lächelte höflich, obwohl man ihm ansah, dass er angespannt war; Astaroth hatte kein Lächeln für ihn. Er – und auch seine Nachkommen – sahen allgemein nicht danach aus, als würden sie viel lächeln. Sie hatten ein sehr ernstes, spitz zulaufendes Gesicht und ihre dichten, tiefhängenden Wimpern verliehen ihnen den Eindruck, als würden sie im Schlaf wandeln. Aber ihre roten Augen stachen deutlich hervor in dem düsteren Zwielicht, das sie umgab.
„Aber ich bleibe heute ohnehin nicht lange.“
„Das ist bedauerlich, wo dein letzter Besuch in unserem Schloss doch schon so lange zurückliegt.“
„Wo ist Youma?“, fragte nun Silence, die sich nicht länger von Höflichkeit aufhalten lassen wollte; dennoch versuchte sie, ihre Frage nicht allzu… politisch unkorrekt zu stellen. Sie wollte nicht anklagend klingen, aber sie tat es, doch schien es Astaroth nicht zu stören, der sich Silence zuwandte und sie musterte.
„Der Sohn Luzifers?“ Die Frage störte Silence – Luzifer hatte immerhin nicht nur ein Kind gehabt.
„Ja. Ich bin die Tochter Luzifers.“
„Ich bin mir im Klaren darüber, dass du ein Morgensternkind bist.“ Morgen… sternkind? Silence wusste zunächst nicht, wieso sie dieses Wort erweichte, aber das tat es. Morgensternkind? Hatte… ihr Vater sie so genannt? Dieser Dämon war ein Teufel; er hatte Luzifer gekannt, nein – er war sein Bruder, ihr… Onkel, wenn man das so sagen konnte.
„Wo ist dein Gebieter, Astaroth?“ Astaroth wandte sich wieder Light zu, genau wie seine Kinder es taten und auch Silence sah Light an, der diese Frage sehr bestimmt gestellt hatte – aber er erhielt keine Antwort. Die drei Dämonen sahen ihn einfach an, ohne zu blinzeln.
„Du kannst mir keine Antwort darauf geben?“ Erst da schlug Astaroth die Augenlider nieder.
„Verzeih mir die Unhöflichkeit, dir eine Antwort verweigern zu müssen.“
„War Youma denn hier? War er in Lerenien-Sei?“
„Auch diese Frage muss ich mit Schweigen beantworten.“ Light zog den Kopf zurück, als widere ihn etwas an und er wandte sich auch herum und forderte Silence dazu auf, ihm zu folgen, welche über diese brüske Reaktion Lights sehr überrascht war – und darüber, dass er ging.
„Was, Light – wir gehen einfach?!“
„Nein, wir suchen selbst nach ihm. Astaroth kann uns keine Auskunft geben und keiner seiner Brüder wird es tun können. Sie sind alle ein Teil von ihm und haben keinen eigenen Willen, keine eigene…“
„Identität, möchtest du sagen, Light?“ Silence drehte sich zu Astaroth herum, Light allerdings nicht, aber er war stehen geblieben. Keiner der drei Dämonen war ihnen gefolgt und Silence und Light waren schon gute 40 Meter gegangen – doch ihre rotleuchtenden Augen sah man dennoch deutlich, deutlicher als jeden Rubin.
„Du bist wütend und beunruhigt, deswegen werde ich dir diese Beleidigung verzeihen, denn ich weiß, dass du eigentlich nicht so geringschätzig von uns denkst.“ Silence sah, dass Light sehr missgestimmt, ja, in der Tat wütend aussah, aber er atmete tief durch und drehte sich zu Astaroth herum:
„Mein Sohn ist verschwunden, Astaroth. Eines der Kinder, die ich liebe, ist weg und ich weiß, dass dein Gebieter an diesem Verschwinden beteiligt ist, daher bitte ich dich darum, meine Aufgebrachtheit zu entschuldigen.“
„Sie sei dir verziehen“, antwortete der Teufel sofort und Light drehte sich schon herum, um weiterzugehen, aber Astaroth hielt ihn auf:
„Ich missbillige die Entscheidungen meines Gebieters. Doch er ist mein Gebieter und ich vertraue und diene ihm, liebe ihn, wie der Sohn seinen Vater liebt.“ Die Abendsonne brach hinter den schwarzen Wolken hervor und malte den Korridor rot auf seinem Weg durch die bemalten Fenster.
„Dies gilt für uns alle.“ Langsam, noch während Astaroth diese ruhigen Worte formte, sah Light über die Schulter, wo Astaroth sich langsam von seinen Kindern löste und mit sachte hinter ihm her flatternden Haaren den Abstand zwischen ihnen verringerte. Light sah Astaroth verbissen in die Augen, Silence aber tat dies nicht. Ihr Herz… es beschleunigte sich, mit jedem Schritt, den der Teufel sich ihnen näherte.
„Unser Gebieter aber… hat einen von uns bevorzugt. Der einzige von uns, der unseren Gebieter nie seinen Vater nannte. Die Trauer, ihn verloren zu haben, macht unseren Erschaffer untröstlich… wütend… und gefährlich.“ Light hörte diese Worte genau, aber in Silence‘ Ohren begann es zu rauschen. Doch es war nicht Astaroth. Es war etwas anderes, das ihr Herz so quälte. Ein Schmerz, ein großer Schmerz, der aus ihrem Inneren stammte und der ihre Sinne in Beschlag nahm. Die Antwort Lights, seine sanfte Stimme, hörte sie dennoch:
„Ich weiß, von wem du sprichst.“
„Ja… natürlich weißt du es“, antwortete Astaroth leise, während Silence sich an einem Fenstervorsprung festhalten musste, um nicht zu fallen und er schloss die Augen wie zum Gebet.
„Er ist nicht ohne Grund… der Morgenstern gewesen.“ Diese Worte hatte Light wiederum nicht gehört, denn nun bemerkte er Silence‘ Zustand und er war sofort da, um sie zu stützen. Er fragte sie, was sie hatte, was für Schmerzen sie quälten, aber seine Stimme war nur ein verschwommenes Echo. Zu groß waren die Schmerzen – ihr Herz, sie hatte das Gefühl, als würde es zerreißen und sofort griff sie zu ihrem Glöckchen, welches sie fest mit beiden Händen umschloss und dabei beinahe zu Fall gekommen wäre, hätte Light nicht den Arm um sie gelegt.
„Silence! Silence, was spürst du?“ Erst als Light seine freie Hand um die Hände und damit um das Glöckchen Silence‘ legte, hörte sie seine Stimme, als könnte sie ihn nicht mehr mit den Ohren hören, sondern nur durch die Verbindung mittels des Glöckchens, nur durch die Verbindung ihrer Seelen.
„Schmerzen.“ Silence‘ Stimme war heiser und… irrte sie sich nur oder spürte sie ihr Glöckchen vibrieren?
„Große---- Schmerzen. Und Trauer, Enttäuschung und…“ Obwohl ihre Stimme von der Pein, die sie verspürte, verzerrt war, hallte sie dennoch in dem Gewölbe wider und bohrte sich in Lights Herz.
„… Verrat.“ Astaroth beobachtete das Ganze mit respektvollem Abstand, aber als er sah, wie Lights Gesicht deutlich erbleichte und er kurz aussah wie eine Leiche, da begann er sich Sorgen zu machen und seine Stirn wölbte sich, aber er sagte nichts – es war Light selbst, der etwas sagte.
„Silence… diese Gefühle…“ Er drückte Silence‘ Finger fester.
„Weil ihr biologische Wesen seid, sollte es eigentlich nicht so stark sein wie bei Hikaru und bei mir, aber ich denke, da ihr Zwillinge seid und ihr ein starkes Band zueinander habt…“ Silence sah mit starrem Blick auf.
„Willst du mir sagen… dass ich Youma gerade spüre? Dass das… was ich gerade spüre… ein Echo von dem ist, was Youma spürt?“ Light deutete ein Nicken an.
„Ich habe gerade das Gefühl, dass mein Glöckchen zerrissen wird!“ Umgehend ließ Silence‘ ihr eigenes Glöckchen los und packte Lights Schultern:
„Wir müssen zu ihm! Wir müssen ihn finden! Sein Glöckchen! Ich habe das Gefühl, dass es zerstört wird!“ Doch Silence war selbst zu mitgenommen von dem Echo der Schmerzen, so dass sie beim Versuch sich aufzurichten und zu rennen einknickte und ihr Kopf gegen Lights Brust sackte, der sie wieder stützen musste.
„Light.“ Weder Light noch Silence hatten noch Gehör für Astaroth, aber Light sah dennoch zu ihm, der nun näher an sie herantrat.
„Es ward schon lange beschlossen, dass es der Morgenstern sein soll, der zu unserem König werden soll, wenn es unseren Gebieter nicht mehr geben wird.“ Geben… wird? Lights Verwunderung über diese Worte stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Wovon sprichst du?“ Wieder sah Light Astaroth deutlich an, dass er keine Antwort erhalten würde.
„Aber Luzifer ist tot.“ Astaroth stand nun vor ihnen und sah mit seinen leuchtenden Augen auf Light und Silence herunter, die einer Ohnmacht nahe war.
„Und unser Gebieter hat denjenigen zum König gewählt, der das Gesicht Luzifers trägt.“ Lights Augen weiteten sich.
„Seinen Sohn.“ Diese Worte rissen Silence empor und sie sah Astaroth genauso entsetzt an wie Light es tat.
„Youma soll… Dämonenkönig werden?“, flüsterte Silence fassungslos, aber ihre Stimme wurde schnell zu einem Zischen:
„Das ist doch Unfug!“ Astaroth reagierte nicht auf Silence‘ entrüstete Reaktion oder auf ihren bissigen Tonfall. Er sah sie nur mit seinen ruhigen roten Augen an.
„Youma und ich sind Wächter!“
„Das seid ihr beide nicht.“ Light musste Silence gut festhalten, damit diese nicht aufsprang, um Astaroth womöglich noch anzugreifen – aber da, als es nun Light war, der ein starkes Echo vernahm, entglitt ihm Silence. Silence stand auf, aber Light spürte es nicht, denn er fiel, drohte zu stürzen, als er die bodenlosen Gefühle von Hikaru spürte.
„Lig---“ Sein Sichtfeld wurde schwarz, er hatte selbst das Gefühl in Schwärze eingetaucht zu werden, der Hass, er verschlang ihn, er fraß ihn auf, der Wille zu töten, die Freude, es endlich tun zu können! Schadenfreude! Triumph! Endlich! ENDLICH!
„Light!“
Nichts wird jemals wieder so sein, wie es---
„LIGHT!“
Mit einem Schlag öffnete Light wieder die Augen und sah Silence über sich. Er sah das besorgte Gesicht seiner Tochter, hörte ihre starke Stimme. Astaroth stand hinter Silence, ebenfalls besorgt, aber es war Silence, die Light genau vor sich sah, in ihrer gesamten Pracht und Stärke.
„Sil…ence…“
„Oh Gott, Light! Ich dachte, du würdest verschwinden, ich dachte, du würdest dich auflösen! Du kannst mir doch jetzt nicht so einen Schrecken einjagen?!“ Nein… nein, das konnte er nicht. Das war unerhört von ihm. Es war unerhört von ihm, sich so von einem Echo mitreißen zu lassen. Auf dem Boden zu liegen, von Silence gestützt. Nein, sie mussten zu Youma.
„Was… spürst du, Silence?“ Silence hielt ihre Hand immer noch – oder wieder, Light wusste es nicht – um ihr Glöckchen, genau wie Light es nun tat.
„Ich weiß es nicht. Schmerzen… viele verschiedene.“ Astaroth half Light auf die wackeligen Beine und obwohl Light nicht danach aussah, als sollte er sich viel bewegen – genauer genommen sahen weder Silence noch Light danach aus – beschwor Astaroth sie, dass sie sich beeilen sollten.
Und das taten sie auch. Silence wusste nicht, woher Lights Kraft stammte, aber er nahm sie bei der Hand und begann zu rennen, als würde er---
Ein großes, gleißendes Strahlen erleuchtete die sich weitenden Augen Astaroths und seiner Kinder, die mit offenen Mündern zurücktaumelten, als Light Silence auf den Arm nahm als wäre sie schwerelos, zwei gleißende Flügel ausbreitete und wie ein strahlender Pfeil vom Balkon in den Abendhimmel emporschoss.
Perplex und von dem Anblick der schönen Flügel, die Astaroth einen Augenblick gesehen hatte, hingerissen, ging er zum Balkon, um den leuchteten Punkt am roten Himmel zu beobachten, wie er sich entfernte. Bald fanden seine Augen wieder Ruhe, doch das Strahlen der Flügel schien immer noch in seinen Augen nachzubeben.
„Light… wisse, dass jedes Unglück, das nun folgen wird, nicht das ist, was von uns gewünscht war.“
Als der leuchtende Punkt in einer Wolke verschwand, senkte Astaroth den Kopf, drehte sich herum und schloss die Glastür hinter sich. Seine Hände blieben jedoch einen kurzen Moment an dem verschnörkelten Griff aus Kupfer, ehe er sich herumdrehte und zum Himmel emporblickte.
„Wir wollten niemals töten.“ Er senkte die Augenlider und entfernte sich von der Tür mit den rötlichen Glasscheiben, deren rotes Glas aussah wie herunterlaufendes Blut.
„Den Krieg begonnen habt ihr.“
Silence, von Light getragen und fest an seine Brust gedrückt, konnte nicht begreifen, was gerade geschah: es verschlug ihr gänzlich die Sprache. Noch nie zuvor hatte sie so etwas gesehen, von so etwas gehört… von so einem Wunder, so etwas… einzigartigem, so etwas einzigartig Schönem.
„Wie…?“ Mit zitternden Fingern berührte sie… es. Golden leuchtende Flügel, die sich warm unter ihren zitternden Fingern anfühlten und helle Reflektionen auf ihr Gesicht malten. Doch die Schwingen, die die doppelte Größe von Lights Körper besaßen und sie ohne Probleme durch die Wolken trugen, waren nicht nur weiß, wie Silence beim näheren Hinsehen bemerkte. Sie waren blau, so blau wie der schönste Sommerhimmel, strahlend weiß wie das hellste Licht und golden wie die Sonne.
„Silence, bitte, halt dich fest.“ Silence starrte ihren Ziehvater, dem plötzlich diese Schwingen aus dem Rücken gewachsen waren, sprachlos, mit offenem Mund an – nachdem sie aber bemerkte, dass ihr Mund offenstand, schloss sie ihn.
„Ich…“ Silence musste schlucken, was ihr nicht oft geschah.
„… kann selber fliegen.“ Light sah sie kurz an, dann sah er wieder mit einem kleinen Lächeln nach vorne.
„Daran zweifle ich nicht. Aber ich bin schneller.“ Sein Lächeln verschwand.
„Wir werden gleich in Aeterniya sein.“
„Warum teleportieren wir uns nicht?“, fragte Silence halb schreiend gegen den Fahrtwind, der ihr die Haare ins Gesicht wehte.
„Hikaru hat um die gesamte Stadt einen Antiteleportationsbannkreis gelegt.“
„Einen was?! Das geht? Das gibt es?!“
„Ja, den gibt es, aber selten angewandt, besonders in der Größenordnung. Niemand kann sich rein oder raus teleportieren.“ Sie flogen durch mehrere dunkle Wolken hindurch, die Silence dazu zwangen die Augen zu schließen, aber Light sah verbissen geradeaus, seine Tochter gut festhaltend, die die Arme um seinen Hals geschlungen hatte.
„Aber wieso hat Hikaru so etwas getan?“
„Um Zeit zu gewinnen. Um uns solange wie möglich von Aeterniya fernzuhalten.“ Silence und Light sahen sich kurz ernst an.
„Du spürst Youma noch?“
„Ja. Aber sein Schmerz ist… dumpfer geworden.“ Light wusste nicht, ob das ein gutes Zeichen war oder nicht, aber er sah wieder nach vorne und beschleunigte, nachdem er Silence gewarnt hatte. Lerenien-Sei und Aeterniya lagen nicht weit voneinander entfernt; lange würde es nicht dauern zurückzufliegen… aber jede Minute könnte zu lange sein… jede Minute könnte bedeuten, dass Youma etwas zustoßen… Nein, Light kniff die Augen zusammen: ihm war bereits etwas zugestoßen. Ihm war das Schlimmstmögliche zugestoßen.
Lights Flügel begannen zu schmerzen, aber die Sorge um Youma und die Schuld, die sein Herz zerfraß, waren viel schwerer zu tragen als seine Flügel.
Sie hatten beide den Moment, wo sie zum letzten Mal durch die Wolken brachen, zugleich herbeigesehnt und gefürchtet und Silence spürte auch, dass Light zögerte zu landen. Oder war er genau wie sie erstarrt, als sie die Katastrophe von oben sah?
Aeterniya war in Dunkelheit gehüllt; nicht in die Dunkelheit der Nacht, die natürliche, angenehme Dunkelheit, sondern eine schattenhafte Dunkelheit, die auch Silence den Rücken emporkroch und ihr Gesicht genau wie das von Light erbleichen ließ.
„You…ma…“ Sie spürte, dass dies sein Werk war, sie spürte, dass es seine, deren Magie war, die Aeterniya die Nacht gebracht hatte; die Dunkelste aller Nächte, wovon sie nicht wusste, dass sie dazu im Stande waren… und dort, unter ihnen, auf dem Platz, der vor dem Palast der Elemente lag, brannte es. Sie hörten Schreie, Schmerzensschreie, Schreie, deren Quell die Angst war, sahen Wächter und Dämonen, die heillos flohen. Blitze von eingesetzter Magie schossen in die Dunkelheit empor, erleuchteten diese in der Farbe des Elementes und als Light herabsank und sie beide wieder festen Boden unter den Füßen hatten, spürten sie auch, dass dieser bebte. Tsuchi, oder einer seiner Nachfahren, war im Begriff seine Magie einzusetzen. Hier in Aeterniya, hier in ihrem Zuhause, außerhalb eines Turniers, in einem Kampf… in einem Kampf, in dem es darum ging, zu töten.
Kaum hatte Light den Boden mit den Fußspitzen berührt, sprang Silence herunter und lief los. Light wollte ihr hinterherlaufen, wollte sie stoppen – er hatte schon seinen Mund geöffnet, um ihren Namen zu schreien, als er einknickte. Er ging in die Knie, dort auf einem kleinen runden Platz, wo eigentlich ein Springbrunnen stets fröhlich plätscherte und die Schmetterlinge tollten. Die Flügel… sie waren zu schwer gewesen… noch nie hatte er so einen weiten Weg fliegen müssen, dazu noch mit einer Person… nein. Light schloss die Augen und schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf. Es waren nicht die Flügel, die ihn schwächten.
Es war seine Angst.
Es war ihr Hass.
Wenn er aufstand und ebenfalls rannte, dann würde er in ein Horrorszenario hereinrennen. Blut, Leichen, Kampf… Krieg. Schwefelgeruch stieg dem Hikari in die Nase und der Geruch von Blut… von viel Blut. All das, wogegen er immer gekämpft hatte, was er niemals hatte wahr werden lassen wollen. Er wollte Harmonie, Frieden… Glück für seine Kinder, für sich selbst.
„… Heuchler…“ Light lachte bitter über sich selbst, aber es gelang ihm mit seiner zusammengeballten Faust sich aufzurichten. Denn Youma… sein Junge, sein Sternenkind war mittendrin in diesem Horrorszenario.
„Light!“ Er sah auf und sah, dass Silence gar nicht vorgerannt war: Sie war am Ende des Weges stehen geblieben und drehte sich nun nach ihm herum, streckte auch die Hand nach ihm aus.
„Komm!“ Light nickte und zusammen mit Silence musste er einige Treppenstufen emporrennen, um zum Ort des Geschehens zu gelangen. Hier und dort waren die Stufen rot. Silence rannte weiter, als wäre der Tod hinter ihr selbst her – er war jedoch eher vor ihr. Sie hatte nicht wie Light die Bilder gesehen, die er durch Hikarus Augen gesehen hatte. Sie spürte nur Youmas Schmerz, seine Pein, die ihre Angst schürte; Angst um ihren Bruder, dass ihm etwas passiert war… dass er irgendwo lag und blutete. Genau wie die drei toten Wächter auf den Steinstufen, an denen sie gerade vorbeirannten und die sie nicht ansahen. Light aber wusste… Youma war nicht tot. Er lag nirgendwo. Er war in der Mitte des Schreckens. Dem Mittelpunkt. Im Auge des Sturms. Der Einzige, der nicht unter Todesangst litt, aber dafür die größten Schmerzen von ihnen allen verspürte.
Silence kam am Ende der Stufen an, musste sich jedoch sofort auf den Boden werfen, um einer Windattacke auszuweichen, die ihre Haare aufwirbeln ließ. Ehe Light ebenfalls oben ankam, erblickte er Hikaru, die am Ende der Treppe stand und nicht sichtlich darauf reagierte, dass Silence neben ihr aufgetaucht war. Der weiße Überwurf des Rockes der kleinen Hikari war zerrissen, angebrannt, befleckt und ihre blauen Schleifen waren verschwunden: wild wehten ihre Haare um sie herum im aufgescheuchten Wind. Als sie Light spürte, drehte sie ihr kleines Kindergesicht zu ihm, welches voller Blutflecken war und Light die Sprache nahm.
„Halte ihn auf!“ Sie drehte sich nun vollends zu ihm herum und ihre Worte hallten laut durch Lights Kopf:
„Beschütze unsere Wächter und töte ihn!“ Die Worte hörte Light. Aber er sah Hikaru nicht. Er sah dasselbe, was Silence sah und beide schlug es wie ein Peitschenhieb: Youma, in der Mitte des Horrors.
Er stand in der Mitte des Hauptplatzes, von allen Attacken unversehrt und ohne den kleinsten Kratzer… über und über mit Blut besudelt, als hätte er in diesem gebadet, genau wie das lange, gebogene Blatt der Waffe, die er in der Hand hielt und dessen Schärfe nicht zu übersehen war. Eine Sense.
Doch weder die Waffe noch das Blut waren das, was Silence und Light versteinern ließen. Es waren Youmas Augen. Seine sonst so tiefen schwarzen Augen, die jedes Sternenstrahlen einfingen, ja, der Nachthimmel selbst zu sein schienen, waren in dunkles Rot getaucht, so dunkel, so verzehrend, dass die Pupille nicht mehr zu sehen war, als wäre sie in dem roten Meer seiner tränenumrandeten Augen untergegangen.
„Töte ihn“, beschwor Hikaru Light noch einmal, während dieser vor Schreck erstarrt war.
„Er ist ein Dämon. Ein Dämon, der uns alle töten will. Tu es, bevor er es zuerst tun kann!“
„YOUMA!“, schrie Silence plötzlich in Hikarus Worte hinein und sie wollte auch gerade auf ihren Zwilling zustürmen, als Light sie von hinten packte und sie zurückzog, damit sie nicht von einer Feuerwalze getroffen wurde, die für Youma vorgesehen war, der er allerdings ebenfalls auswich. Silence wehrte sich und sie hätte sich auch befreien können, aber ihre ruppigen Bewegungen gingen unter, als Youma sich zu seiner Familie herumdrehte und selbst die Flammen für einen Moment zu schweigen schienen.
„Silenci!“, laut und deutlich war dieser Name über die Schreie und das Weinen der Verletzten zu hören, geformt von Youmas Stimme, die… melodisch wie immer klang, doch seine Gesichtszüge waren hart geworden und als er mit dem Blut in seinem Gesicht lächelte, fürchtete Light, dass er sich übergeben musste. Was hatte der Dämonenherrscher mit ihm gemacht?! Er würde es büßen, seinen Sohn so zugerichtet zu haben!
Youma blieb wo er war und niemand hinderte ihn daran, nach Silence die Hand auszustrecken, als würde er sie auffordern, zu ihm zu kommen. Aber selbst wenn sie es gewollt hätte; Light hielt sie zu gut fest. So ohne Weiteres konnte sie sich nicht…
„Lass sie gehen.“ Youma sah Light nicht an, als er diese Worte aussprach mit einer Kälte, die sich direkt in Lights Herz hineinbohrte.
„Lass Silence zu mir.“ Nur einen kurzen Augenblick war Light zu sehr von seinem eigenen Schmerz abgelenkt; einen Augenblick, den Silence ausnutzte, um sich von seinem Griff zu befreien, um zu Youma zu gelangen, der seine blutgetränkte Hand weiterhin nach ihr ausgestreckt hielt und langsam zu lächeln anfing.
„Ich brauche dich. Ich werde dich nie alleine lassen, das habe ich dir versprochen, Silence… Ich werde dich immer…“ Die Worte schienen ihm schwerzufallen, als wäre das Sprechen selbst eine Herausforderung.
„… beschützen.“ Gerade als die Fingerspitzen der beiden Zwillinge sich beinahe berührt hätten, sprang Light vor und wollte Silence zurückziehen, sie aus der Gefahr befreien, die Youma im Moment darstellte, doch da, gerade als Light die Hand nach Silence ausstreckte, war das Lächeln Youmas dahin und Wut entstellte sein Gesicht, denn er hatte Lights Absicht erkannt.
Es ging alles schnell; zu schnell für manche Augen: die Sense Youmas durchschnitt die Luft und ein horizontaler Hieb raste an Silence‘ Gesicht vorbei, zerschnitt einige ihrer Haare und traf Lights Oberkörper. Jemand schrie Lights Namen, doch der Hieb teilte den Körper des Lichterben nicht in zwei Hälften, so wie es eigentlich hätte geschehen sollen. Nur ein horizontaler Riss in seiner Kleidung war zu erkennen – es floss kein einziger Bluttropfen, aber der Schock von Youma angegriffen worden zu sein, lähmte Light vollends, der nur dastand, als hätte etwas sein Innerstes getötet.
„Youma?!“, schrie Silence, die auf den Boden gesackt war:
„Bist du denn völlig von Sinnen?! Das ist Light! Unser Vater! Siehst du das denn nicht?!“
„Doch.“ Youma starrte Light an, welcher verletzt zurück starrte und für einen Moment waren sie eins in ihrer Qual.
„Ich sehe es.“ Der Schmerz in Youmas Stimme brannte sich in Silence‘ Ohren und wieder spürte sie ihn so deutlich auch in ihrem eigenen Herzen widerhallen, obwohl sie nicht verstand, was der Grund für diesen Schmerz war.
„Ich sehe es!“, rief Youma nun und holte abermals mit der Sense aus, aber das war nicht das, was Silence und Light sahen – sie sahen die Tränen in seinen roten Augen.
„Denn ich bin es nicht, der vergessen hat, was Familie bedeutet!“ Doch der Angriff Youmas wurde vereitelt: ein plötzlich heransausender Feuerpfeil schoss aus dem Qualm hervor und riss Youma die Sense aus der Hand, die quer über den Platz geschleudert wurde. Schnell drehte Youma sich nach seiner Waffe herum, sprang auch schon nach dieser – ein Fehler.
Unter Youmas Füßen erstrahlte der Boden, so gleißend, so brennend, als erstrahlte die Sonne selbst.
Light hatte schnell genug gehandelt, um sich zu Silence auf den Boden fallen zu lassen und sie schützend in die Arme zu nehmen, um seinen eigenen Körper als Schutzschild zu benutzen. Dennoch, obwohl sie von Lights Körper geschützt wurde, spürte sie die freigesetzte Lichtmagie brennend an jedem freien Zentimeter ihrer Haut. Dies war jedoch bei Weitem nicht das, was ihr die größten Schmerzen bereitete.
Es war Youmas schmerzverzerrender Schrei, der von der Sonne verbrannt wurde.
Er ging ihr durch Mark und Bein, als wäre sie es, die unter den Schmerzen litt und nicht er. Doch sie konnte nichts tun! Die Angst, sie war überwältigend! Die Angst vor dem Licht! Die Angst verbrannt zu werden! Was war das für ein Licht! Warum war es so stark, warum schmerzte es so sehr! Die Luft selbst schien zu brennen!
Nicht nur Youma schrie, sondern auch Light: es waren allerdings Worte und kein Schmerzensschrei. Doch, von Schmerz erfüllt war auch sein Schrei – aber genau wie Silence waren es nicht seine eigenen körperlichen Schmerzen, sondern das Band, welches sie beide mit Youma verband.
„HIKARU! HÖR AUF! DU BRINGST IHN UM! DU BRINGST IHN UM!“
„DAS IST AUCH MEINE ABSICHT!“
Youma wäre in diesem Moment umgekommen. Hikaru hätte ihn umgebracht, wäre Light nicht da gewesen. Er zögerte nicht, obwohl er sich den Konsequenzen seines Handelns bewusst war. Er streckte die Hand aus – entschlossen und doch im federleichten Kontrast zur Gewalt der Szene – sah Hikaru, seine Schwester, sein Mitlicht an, die ihren Blick von dem schreienden Youma abwandte und Lights erwiderte. Sie sagte nichts. Sie übertrug ihm keine Gedanken. Sie schüttelte nur langsam und kaum merklich den Kopf.
Aber Light hatte gewählt.
Und das Licht verschwand. Es verschwand so schnell wie Hikaru es beschworen hatte; verschwand und ließ nur Dunkelheit zurück und die Stille war für einen Moment alldominierend.
Die beiden Kinder Hikaris sahen sich an; sahen nur sich an. Light mit festen Augen, Hikaru mit Enttäuschung im Blick, aber überrascht war sie nicht.
“Unser Licht darf niemanden töten, Hikaru.” Eine Ahnung hob sie mit abschätzigem Blick den Kopf, ohne etwas zu erwidern. Er wusste, dass er ihr Vertrauen – und womöglich auch das der anderen Götter – für alle Zeit verloren hatte.
Aber es war ihm egal.
Silence hatte sich bereits von ihm gelöst und war zu Youma gerannt. Er lag am Boden, die Augen halb geschlossen, aber das Rot seiner Augen schimmerte immer noch unter seinen flatternden Augenlidern hervor… und Light und Silence schoss dasselbe durch den Kopf – er sah tot aus.
Aber er war es nicht. Er hatte Hikarus Licht dank Lights schnellem Eingreifen überlebt und die Erleichterung ließ Silence lächeln. Doch dieses Lächeln hielt nicht lange, ehe sie ihren Kopf über der Brust ihres Bruders senkte und sie ihrer Trauer freien Lauf ließ… wie Light ebenfalls.
DIE AETERNIEM CHRONIKEN: Der Fluch von Brocken-Nell
„Und dann hat Silence JA gesagt!“
Green fiepste vor Freude, als sie endlich bei einem ihrer Lieblingsthemen angelangt war - der Liebe. Endlich konnte sie von der geplanten Hochzeit Silence‘ und Youmas reden und sie ließ dabei absolut kein Detail aus; wahrscheinlich hätte sie ihre Erzählung am liebsten noch mehr ausgeschmückt, aber so ganz vergaß sie dann doch nicht, dass Silence ebenfalls im Raum war und sich diese schmachtende Beschreibung genauso anhören musste wie Siberu und Gary. Gary nahm jede Information auf, die er bekommen konnte; Siberu dagegen würde am liebsten das Thema wechseln, aber Green ignorierte seinen Blick und erzählte mit großer Freude davon, wie die unschuldige Geschwisterliebe der beiden Zwillinge zu einer wahren Leidenschaft geworden war, die sich – so ihre Worte – von keinen Zwängen des Blutes zurückhalten ließ! Oder von den Blicken anderer, die voller Neid und auch Abscheu waren – Silence grinste bei diesen Worten – da einige der Meinung waren, dass diese beiden Zwillinge ganz gewiss kein Liebespaar sein sollten… und erst recht keine Kinder in die Welt setzen dürften. Nicht, wie Menschen denken könnten, weil sie blutsverwandt waren, sondern weil sie sich schlichtweg zu ähnlich sahen. Auch noch im Alter von 20 könnte man fast annehmen, dass die beiden das Spiegelbild des anderen seien.
„Zu ihrem 20. Geburtstag hat Youma Silence endlich einen Antrag gemacht und sie hat angenommen! Hach!“ Green legte sich die Hand an die Wange:
„Es war sicherlich ein wundervoller, romantischer Moment! Ob er vor ihr auf die Knie gegangen ist?“ Green warf Silence einen Blick zu, um ihr unmissverständlich zu verdeutlichen, dass diese Frage an sie gerichtet war, aber Silence ignorierte die strahlenden Augen ihres Mediums mit einem zerknirschten Lächeln – diesen Gefallen tat sie ihr nicht.
„Green-chan, also…“ Siberu versuchte Begeisterung vorzugaukeln, aber Gary sah ihm deutlich an, dass dies nur gespielt war, ebenso wie Green.
„… ich weiß ja, dass das Heiraten der Traum fast jeden Mädchens ist…“ Green sah mit funkelnden Augen kurz Gary an, der von diesem Funkeln aber deutlich überfordert war.
„… aber Inzest. Also… Inzest.“ War für eine Artikulierung, dachte Gary und füllte sich lieber schnell Tee nach: eigentlich liebte sein Bruder es doch, Grey eine inzestuöse Liebe vorzuwerfen und tat das auch mit großer Wortgewalt – aber vor Green versiegte diese scheinbar.
„Das ist doch… nichts für dich, oder Green-chan?“ Die Angesprochene blinzelte verwirrt. Angespannt hielt Siberu die Luft an – und Gary ebenfalls… ein wenig.
„Also…“ Green hob den Kopf und sah zuerst nach links, dann nach rechts…
„… wenn beide sich lieben, dann finde ich Inzest unter Geschwister vollkommen in Ordnung.“ Gary sah verstohlen zu seinem Bruder: Das war nicht die Antwort, die er sich erhofft hatte - er war sogar ein wenig bleich geworden.
„Und Silence und Youma waren so ein schönes Paar: da ist es doppelt in Ordn…“
„Green.“ Die übereifrige Kupplerin schwieg, als sie Silence‘ Stimme in ihrem Ohr hörte. Ein einziges, ernstes, ruhiges Wort – aber es genügte.
„Ich finde, du kannst das Thema wechseln.“ Green nickte kaum merklich und tat es, dem Wort ihrer Freundin folgend… welche wieder aus dem Fenster sah, wo der Mond aufgegangen war und strahlend hell vom Himmel herableuchtete.
Ja, welch schönes Paar sie gewesen waren…
Ein tiefes Seufzen entglitt Silence und sie erhob die Hand, um sich vor der grellen Sonne zu schützen, die ihr mit ihrer gesamten Kraft ins Gesicht strahlte an diesem sommerhaften Mittag im Spätsommer. Eigentlich war es kein passender Augenblick, um zu trainieren, ja, Training unter solchen Umständen gehörte eigentlich verboten, aber… sie hatte es sich selbst zuzuschreiben. Sie wollte unbedingt trainieren, wollte unbedingt ihre Kampffertigkeiten verbessern – ganz egal, was das Wetter dazu sagte.
Hinter sich konnte Silence ebenfalls ein verärgertes Seufzen hören, welches ihrem Seufzen nicht unähnlich gewesen war und wenn sie einen Blick über die Schulter geworfen hätte, dann hätte sie gesehen, dass ihr Zwilling genau wie sie die Hand erhoben hatte, um sein Gesicht vor den Strahlen der Sonne zu schützen.
„Wirklich, Silence? Muss das sein?“ Silence drehte sich zu Youma herum, welcher sich gerade im Schatten eines Baumes niederließ und darauf achtete, dass kein noch so kleiner Sonnenstrahl zu ihm gelangte.
„Und wie das sein muss. Ich lasse mich doch nicht vom Wetter aufhalten.“ Youma scheinbar schon, der ein wenig genervt mit den Augen rollte und sich ein Buch aus seiner Umhängetasche holte.
„Du weißt, dass wir zwanzig Jahre alt sind, Youma?“ Silence stemmte die Hand in ihre Hüfte und Youma sah mit einem leicht zweifelnden Blick zu ihr, ohne aufzuhören in seinem Buch zu blättern.
„Jaaaa, das habe ich mitbekommen.“
„Und wenn man zwanzig ist…“ Youma fiel ihr ins Wort:
„… kann man an den Turnieren teilnehmen, ich weiß.“
„Wir sind jetzt schon sehr lange zwanzig.“
„Neun Monate, Silence, ich weiß.“
„Wir hätten schon an unserem Jahrestag die Aufnahmeprüfung machen können, genau wie Tiral und Werel.
„Ich weiß.“
„Und du zögerst es hinaus!“
„Nein, tue ich nicht.“ Ein Wind kam auf und schlug Youma die Seiten aus der Hand, womit er keine Entschuldigung mehr hatte, Silence nicht anzusehen:
„Ich will nicht und ich werde mich auch nicht für die Teilnahme an diesem barbarischen Spektakel bewerben.“ Silence stemmte nun auch die andere Hand in die Hüfte und sah Youma mit einem bedrohlichen Funkeln an, doch auch wenn der Blick Youma wie gewöhnlich ein wenig einschüchterte, er änderte seine Meinung nicht.
„Du kannst dich ja bewerben, Silence, und behaupten, dass du alleine deine Fertigkeiten erlangt hast. Aber egal wie gut du bist, du wirst abgelehnt werden.“ Youma schlug sein Buch wieder auf:
„Und das weißt du genauso gut wie ich. Es ist Zeitverschwendung, was du machst.“ Youma fand wieder die Seite, wo er aufgehört hatte zu lesen:
„Du hast dich ja nicht ohne Grund noch nicht selbst beworben.“
„Weil ich möchte, dass wir zusammen antreten. Als Zwillingspaar.“ Sofort breitete sich ein triumphierendes Grinsen aus, weil sie sich den Sieg über all ihre Kontrahenten bereits vorstellte, aber Youma sah wieder in sein Buch. Er mochte dieses Grinsen nicht sehen.
„Wir könnten es den beiden so richtig…“
„Ich möchte nicht, Silence.“ Silence‘ Grinsen verschwand und sie sah enttäuscht, etwas wütend aus, aber sie sagte nichts.
„Bitte akzeptiere das und verzeih deinem Bruder…“ Youma lächelte sie entschuldigend an, aber von Silence folgte keine Reaktion. Sie sah immer noch missvergnügt aus.
„… und deinem zukünftigen Gatten.“ Nun war da ein leicht roter Schimmer auf ihren Wangen, genau wie auf Youmas.
„Ich nehme dich nicht zum Mann, wenn du nicht mit mir an den Turnieren teilnimmst.“ Empört sah Youma sie wieder an, die flache Hand auf die Buchseiten gelegt, damit sie nicht noch einmal flattern konnten.
„Was!?“
„Du hast mich schon verstanden.“
„Du hast aber schon „Ja“ gesagt.“
„Noch steht der Termin nicht fest, ich kann meine Meinung immer noch ändern, Bruderherz.“
„Das würdest du doch nicht…“ Silence warf ihm ein Grinsen zu – ein leicht böses Grinsen, eines… welches auch sehr verführerisch war und Youmas Röte verstärkte.
„Wer weiß?“ Sie drehte sich herum und warf noch einen letzten Blick über die goldenen Felder ihres geheimen Ortes, um sicherzugehen, dass sich niemand näherte, schloss die Augen, um ihr Gespür auf Auren auszurichten… doch sie vernahm nichts. Sie spürte nur Youmas bekannte Aura, die ihrer so ähnlich war, sie spürte auch seinen Blick, wusste, dass er errötet war… und dass er sicherlich nicht anfangen würde zu lesen.
Silence hatte Recht: als sie anfing sich zu bewegen und die ersten Kampfbewegungen durchführte, war jeder Gedanke an sein Buch vergessen. Es lag zwar immer noch auf seinem Schoß, dort unter der Trauerweide, deren dünne Äste sich im Takt ihrer Bewegungen wiegten. Ruppig; kraftvoll. Doch stets geschmeidig und mit Eleganz und als wäre es ein Tanz, zu welchem sie ihn aufforderte, legte Youma das Buch in das hohe Gras und fing einen der Schläge Silence‘ ab, die ihn wissend anlächelte, als Youma ihre Faust in seiner hielt. Sie hatte ihn verführen wollen – und es war ihr gelungen, genau wie sie es sich gedacht hatte.
Ehrerbietend küsste Youma die zusammengeballte Faust seiner Schwester, die keck auflachte und ihm gegen die Stirn schnipste – und seinem Griff dann schon mit einem Salto rückwärts geschwind entfloh. Doch sie kam schnell wieder zum Stillstand, denn Youma tauchte mitten in der Luft hinter ihr auf und schlang seine Arme um ihre schmale Taille.
„Du machst immer einen Salto rückwärts.“ Wenn das eine Kritik sein sollte, dann sprach Youma sie sehr sanft aus. Der Atem, den Silence an ihrem Hals spüren konnte, schien ihr beinahe süß zu sein.
„Eigentlich wollte ich ja trainieren, Youma…“ Ihren eigenen Worten zum trotz schmiegte sie ihren Körper an seinen.
„Aber wozu nur?“ Youma wollte nicht darüber sprechen; er wollte viel lieber Silence‘ Geruch genießen: heute roch sie so angenehm nach Lavendel und ihr Haar war so weich und glatt, als wäre es aus Seide, Lavendelseide.
„Ich will kämpfen und bestehen.“
„Nur um gegen Tiral und Werel zu gewinnen? Silence, wir sind doch…“
„Ich will gegen Hikaru kämpfen.“ Youma, der eben noch Silence‘ Nacken hatte liebkosen wollen, hielt inne, ehe seine Lippen die zarte Haut seiner Schwester hatten berühren können und er schien sie auch gerade loslassen zu wollen, als Silence jedoch seine Hände zurückzog und sich in dieser Umarmung fallenließ.
„Was redest du da?“ Silence zuckte mit den Schultern.
„Wieso? Das wäre sicherlich spannend.“
„Hikaru und Light nehmen beide nie teil. Du wirst nie gegen Hikaru kämpfen können, selbst wenn du die Aufnahmeprüfung bestehen solltest.“ Silence sah zu Youma und die schwarzen Augen der beiden trafen sich:
„Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Hikaru kämpfen kann. Ich glaube, das können sie alle und deswegen wäre es gut, wenn wir es auch können.“ Streng sah sie ihn an wie einen Schüler, mit dem sie nicht zufrieden war, während Youma sie am Rand des Sees ins Gras hinabließ, so, dass sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten.
„Wir können es doch bereits.“
„Wir müssen besser sein, Youma. Wir müssen auf alles vorbereitet sein.“
„Silenci…“ Dieses Mal beschwerte Silence sich nicht, als Youma sie bei diesem Spitznamen nannte und sie sah auch weg, als Youma seine Hand an ihre Wange legte.
„… welche Bedrohung ist es, die du mit deinen hübschen Augen siehst?“ Diese Worte brachten doch ein kleines Lächeln hervor, obwohl sie ernst blieb.
„Light ist im Moment so nervös, das überträgt sich.“ Sie lachte ein wenig, aber dann verschwand das Lächeln und die beiden Zwillinge sahen gleichzeitig in die Richtung von Lerenien-Sei, dessen spitze Türme sie von ihrem geliebten Ort aus sehen konnten wie Schatten am Horizont.
„Die Unruhen am westlichen Zirkel werden sich schon klären. Light und die anderen Götter arbeiten so hart daran, eine Einigung mit den Teufeln zu erlangen.“
„Ich glaube nicht, dass sie das wollen, Youma.“ Youma sah wieder Silence an, doch diese sah wieder in die Richtung von Lerenien-Sei.
„Nur Light ist nervös… die anderen nicht. Sie wirken sehr abgeklärt, als würden die Unruhen sie gar nicht berühren oder als…“ Silence unterbrach ihre Worte, als Youma seine Hände an ihre Oberarme legte und diese langsam heruntergleiten ließ, bis er ihre Hände fest mit seinen filigranen Fingern umschloss.
„Ja, Light ist im Moment ein wenig angespannt, ist es aber nicht nur, weil er sich so oft mit dem Herrscher der Dämonen treffen muss, für welchen er so eine große Abneigung hegt? Jeder möchte Frieden und keine Unruhen…“ Youma lächelte Silence aufmunternd an, die sich ein wenig von ihm anstecken ließ.
„Doch egal welche Bedrohung auch kommen mag, Silence – ich werde dich beschützen.“ Sanft strich er Silence über die Handrücken.
„Dich und Light.“ Gerade wollte Silence ihm sagen, dass sie sich schon sehr gut selbst beschützen konnte, als Youma sie schon sanft ins Gras hinabdrückte. Einige seiner schwarzen Haarsträhnen, nicht weniger seidig als die ihren, fielen sachte auf Silence‘ Oberkörper hinab, der sich im regelmäßigen Takt hob und senkte… aber sie spürte schon, wie ihr Herz anfing sich zu beschleunigen, genau wie Youmas, als die beiden Zwillinge sich tief in die Augen sahen, die im Schein der Sonne golden schimmerten.
„… außerdem…“ Silence hatte Youma unbemerkt ihren Arm gehoben, weil sie ihn zu sich herunterziehen wollte, nun verharrte sie aber und fluchte innerlich über ihn. Idiot! Warum musste er jetzt anfangen zu reden? Jetzt waren Worte doch wirklich überflüssig…
„…außerdem…was?“
„…mag ich es viel lieber, wenn du so wie jetzt unter mir liegst, anstatt dass du trainierst!“ Silence grinste ihren Zwilling verführerisch an und ehe er sich versah, änderte sie ihren Plan, packte ihn an der Schulter, warf ihn um und stützte sich nun, so wie er zuvor, im Gras ab und sah grinsend auf ihn herunter, während sie sich ihre Haare hinter ihre Ohren strich, wo die Prismaohrringe leuchteten.
„So? Mir gefällt es aber besser, wenn du unter mir liegst!“ Youma seufzte mit geschlossenen Augen und einem leichten Lächeln, ehe er dasselbe tat, was sie eine halbe Minute vorher noch hatte tun wollen – er legte seine Arme um ihren Nacken und zog sie zu sich herunter.
„Ich weiß schon, warum ich dich liebe… Silence.“ Selbst wenn sie es gewollt hätte, hätte Silence nichts mehr sagen können, denn seine Lippen nahmen ihr die Worte und den Atem. Sie fuhren mit den Händen zuerst über das Gesicht des anderen, badeten sie dann in den Haaren ihres Zwillings, atmeten kurz auf, grinsten sich an und setzten den Kuss fort, der sie alles vergessen ließ, worüber sie eben noch gesprochen hatten.
„Lass uns… ins Wasser gehen.“ Silence lächelte und zog Youma empor, der eigentlich gerade Silence‘ Nacken küssen wollte.
„Komm!“ In geübter Manier – obwohl Youma etwas überrumpelt war – wurden ihre violetten Roben schnell von ihnen geworfen und unbekleidet umarmten sie sich im Wasser, das nur im ersten Moment kühl war, aber sie fühlten die Kälte nicht – dafür wurde ihnen zu warm, als ihre Lippen abermals zueinander fanden. Doch dann unterbrach Youma den Kuss.
Silence, die von Youma emporgehalten wurde, als wollte er nicht, dass sie zu nass wurde, sah verwirrt auf ihn herunter.
„Was ist, Youma?“ Ihr Zwilling lächelte sie an… vertraut und… verliebt.
„Nichts… ich dachte nur gerade, wie sehr ich dich liebe.“
Ehe Silence ihre Robe wieder anziehen konnte, bedeckte Youma noch ihre Schulter mit Küssen – als hätte er sie im Wasser nicht schon mit genug Küssen verwöhnt. Ein leichtes Kichern entfloh ihr, ehe sie ihren Bruder wegschob und sich die Haare auswrangt, genau wie er es tat, wobei sie sich unablässig in die Augen sahen.
Aber kaum trugen sie ihre Kleidung wieder und der letzte goldene Knopf war geschlossen, waren ihre Gedanken wieder in Aeterniya.
„Lass uns schnell zurückkehren.“ Silence nahm die Hand Youmas:
„Die Götter hatten immerhin heute wieder eine Sitzung und die müsste bald vorbei sein.“ Und das bedeutete, dass sie da sein wollten, um Light aufzuheitern und seine Gedanken zu zerstreuen. Youma half Light zwar dabei, seine Dokumente in Ordnung zu behalten, aber Light wollte am liebsten nicht zu viele Details preisgeben – Politik lag ihm nicht. Er wollte nicht länger darüber sprechen als es Not tat und lieber abgelenkt werden.
„Moment!“ Sie hatten schon die Hälfte des Weges hinter sich gelassen, als Youma stehen blieb und Silence‘ Hand gehen ließ, sich herumdrehend, weg von den Toren Aeterniyas, die sich schon fern abzeichneten.
„Ich habe…“ Er öffnete seine Umhängetasche, die ihm plötzlich so leicht vorgekommen war.
„… scheinbar mein Buch vergessen.“
„Scheinbar?“, wiederholte Silence und sah genau wie Youma in die leere Tasche, ehe sie ihren Zukünftigen mit zusammengekniffenen Augen und einem angedeuteten Lächeln ansah:
„Offensichtlich würde ich eher sagen!“
„Ich meinte eigentlich, dass ich es in meine Tasche hineingelegt habe.“ Silences angedeutetes Lächeln wurde zu einem Grinsen und sofort wurde Youma rot, als wisse er schon, was sie sagen wollte:
„Vielleicht warst du etwas zu sehr abgelenkt…?“ Ihre Röte steigerte seine Röte.
„Vielleicht!“ Beschämt drehte er sich von der ihn necken wollenden Silence ab mit den Worten, dass er es schnell holen würde.
„Beeil dich, du Dummchen! Ich gehe schonmal vor. Wirklich!“ Sie zeigte anklagend auf ihn:
„Guck dir nicht Lights Gedankenlosigkeit ab!“
„Ich werde mir Mühe geben.“ Neckend streckte er die Zunge aus und flog dann auch schon eilends zurück, um das Buch von den Wurzeln des Baumes aufzuklauben, wo es einfach geruht und… alles mitangesehen hatte. Youma grinste ein wenig und wurde rot – zum Glück konnten Bücher nicht sprechen… aber er würde es wirklich gerne fragen, ob er wirklich so gedankenlos gewesen war und es vergessen hatte. Nun, offensichtlich hatte er das.
Youmas Grinsen löste sich schlagartig auf, als er eine Aura hinter sich spürte – eine Aura, die er nicht platzieren konnte. Schon einmal hatte er sie gespürt, aber… das war lange her und hier… nein, hier sollte er sie gewiss nicht spüren.
„Guten Tag, Youma-kun.“ Das Buch an seine Brust gedrückt, drehte Youma sich herum und sah, genau wie es sein feines Auragespür vorausgesagt hatte, in das Gesicht des namenlosen Dämonenherrschers.
Er hatte sich Youma nähern können, ohne dass dieser es bemerkt hatte – der Dämonenherrscher stand nur gute zwei Meter von ihm entfernt, genau wie Youma im Schatten der Trauerweide, durch die ein starkes Rauschen ging, als die beiden sich erblickten und Youma genau wie damals als Kind ein leichtes Zittern spürte, als er die Augen des Dämonenherrschers sah. Als Kind hatte er sie als unheimlich empfunden… jetzt jagten sie ihm keinen Schrecken ein, aber er war auf der Hut.
„Guten Abend.“ Youma musste schlucken, denn er mochte es nicht wie steif seine eigene Stimme klang – er mochte es auch nicht, wie der Dämonenherrscher ihn ansah… oder dass er offensichtlich wegen ihm hier war. Die Möglichkeit, dass er einfach zufällig vorbeigekommen war und Youma nur aus reiner Höflichkeit grüßen wollte, war gänzlich ausgeschlossen. Er war hier… wegen ihm.
„Was wünschen Sie von mir?“ Youma klang skeptisch, denn das war er auch. Light mochte ihn nicht. Deswegen mochte Youma ihn ebenfalls nicht… aber der Namenlose tat nichts. Er sah Youma an ohne zu lächeln, mit schmalen Lippen, nur ein dünner Strich. Seine Augen waren matt, halb geschlossen, beinahe träumerisch, als wäre er… gar nicht hier mit Youma an diesem Ort.
„Light-kun hatte recht… Du bist sehr schön geworden.“ Er lächelte nun leicht.
„… du bist wirklich zu einem sehr schönen, jungen Mann herangewachsen.“
„Ich danke Ihnen für das Kompliment…“ Youma versuchte zu lächeln, aber es war nicht sonderlich überzeugend. Worüber sprach Light denn mit diesem Mann…?! Warum hatten sie über ihn gesprochen und warum über sein Äußeres?!
„… aber ich denke, ich muss jetzt gehen. Ich werde erwartet.“ Youma schob die herunterhängenden Äste der Trauerweide zur Seite, als wären sie ein Vorhang und trat hinaus in die grelle Sonne… und wollte gerade losfliegen, als eine kalte Hand sein Handgelenk packte.
„Ich kannte deinen Vater, Youma-kun. Ich kannte ihn sehr gut.“ Youma drehte sich herum. Auf seinem Gesicht war keine Höflichkeit und keinerlei gezwungenes Lächeln mehr zu sehen, sondern nur Kälte. Kälte und tiefste Abscheu.
„Ich weiß.“ Das überraschte den namenlosen Dämonenherrscher offensichtlich und diesen Moment der Überraschung nutzte Youma und riss sich aus seinem Griff los. Keine Sekunde vergeudete er und stieg sofort in die Lüfte auf, aber er wurde abermals aufgehalten:
„Ich weiß auch, warum er tot ist.“ Youma drehte sich in der Luft herum und war eigentlich doch ein wenig überrascht, dass er ihm nicht folgte – er stand immer noch unten im goldenen Gras, wo er nicht hingehörte. Das war Silence‘ und Youmas Ort.
„Schön. Das interessiert mich nicht“, erwiderte Youma bissig und wollte bereits weiterfliegen.
„Interessiert es dich auch nicht, warum deine Mutter sterben musste?“ Youma blieb stehen. Sein Herz setzte einen Schlag aus.
„Ah…“ Der namenlose Dämonenherrscher lächelte schelmisch.
„… ich wusste es.“
In einer abgelegenen Rotunde saß Light im Sonnenschein auf dem Boden, mit dem Kopf auf einer steinernen, weißen Bank liegend, regungslos – nur seine Haare bewegten sich mit einer sachten Brise, die den weit entfernten Gesang der Vögel zu ihm brachte. Ein bläulicher Vogel nahm neben ihm Platz, doch Light öffnete nur kurz müde die Augen, ehe er sie wieder schloss, weiterhin im Sonnenlicht badend, während der Vogel neben ihm seine Federn putzte.
Silence hatte recht: Light war angespannt… und müde. Natürlich belastete ihn auch die politische Situation, aber er war aus einem anderen Grund nervös: es war das Alter seiner beiden Schützlinge, welches ihn so beschäftigte und ihm manchmal schlaflose Nächte bescherte – denn ja, sie waren zwanzig… und bald einundzwanzig… Was würde an diesem Tag geschehen? Er hatte die Worte des namenlosen Dämonenherrschers nicht vergessen. Er vergaß auch gewiss nicht sein Lächeln…
Aber Youma… er war kein Dämon. Er war nicht das, was der Dämonenherrscher in ihm sah oder sehen wollte. Seit dem damaligen Geschehnis mit Tiral und Werel hatte sich nichts dergleichen mehr ereignet: genau wie er es versprochen hatte, hatte er seine Fertigkeiten und seine Magie nicht wieder dazu angewendet, um jemanden zu verletzen. Sie hatten viel trainiert, damit Youma sich selbst einschätzen konnte und dann… hatte Youma aufgehört zu trainieren. Es war genug. Er war zufrieden. Er wollte ja gar nicht kämpfen… im Gegensatz zu Silence, von deren Intention an den Turnieren teilzunehmen Light natürlich wusste. Aber Youma? Youma wollte das nicht.
Aber dennoch ging das widerliche Lächeln des namenlosen Dämonenherrschers Light nicht aus dem Kopf.
„Light!“ Sofort als Light die Auren seiner nun recht großen Kinder – sie waren gut einen Kopf größer als er – vernahm, richtete er sich sofort auf und das Lächeln fiel ihm leichter. Doch als er sich herumdrehte und er Youma sah, kehrte die Anspannung zurück. Er war… bleich. Er war so bleich, dass man meinen konnte, dass er krank war. Als Silence Lights besorgten Blick bemerkte, sah auch sie zu Youma, doch er ignorierte ihre Blicke.
„Ich habe ihn schon gefragt, was los ist.“ Youma reagierte immer noch nicht.
„Und du möchtest unserer Sorge nicht antworten?“ Doch die weiche, einfühlsame Stimme Lights erreichte ihn wie immer. Er sah ein wenig beschämt aus.
„Es ist nichts.“
„Youma, mein Junge, ich sehe dir doch an…“ Youma schüttelte den Kopf.
„Ich möchte jetzt nicht darüber reden, denn ich sehe, dass dich auch etwas belastet und dies ist wichtiger, akuter.“ Silence sah nun auch Light an.
„Ja, Light, Youma hat recht. Ist etwas passiert?“ Light schwieg und die beiden Zwillinge fragten sich dasselbe: dachte er darüber nach, ob er es ihnen erzählen sollte? Er schien aber zum Schluss zu kommen, dass er es tun wollte, denn die beiden Zwillinge konnten ihm förmlich ansehen, dass er sich konzentrierte, um zu vernehmen, ob sich Auren in ihrer Nähe befanden – aber in der runden, von Säulen umrahmten Rotunde waren nur sie, ein paar Vögelchen und just in diesem Moment landete ein blauer Schmetterling neben Light auf einer weißen Blüte in einem prächtigen, dunkelgrünen Busch.
„Es gab einen Todesfall.“ Light setzte sich auf die Bank; Silence setzte sich sofort dazu, Youma blieb stehen, die Arme über der Brust verschränkt.
„Es war… ja… es war Mord. In Brocken-Nell ist soeben ein Wächter von einem Dämon umgebracht worden.“ Silence und Youma sahen zuerst sich gegenseitig alarmiert an, dann Light. In Brocken-Nell wurden immer die Turniere ausgeführt; eben jene Turniere, über die sie beide vor gut zwei Stunden noch so intensiv diskutiert hatten – und jetzt war dort jemand… ermordet worden?
„Aber doch nicht im Zuge eines Turniers, oder?“, fragte Silence und fügte hinzu:
„Heute war doch gar keines.“ Light hob die Augenbraue – es gefiel ihm genauso wenig wie Youma, dass Silence sich so für die Turniere interessierte, aber er ließ es unkommentiert.
„Nein. Es gab keinen Kampf, sondern nur… einen Mord.“
„Was war der Hintergrund? Das Motiv? Wer war es – Opfer sowie Mörder? Wie könnt ihr euch so sicher sein, dass es ein Dämon war?“ Light sah Youma, der diese Fragen gestellt hatte, ernst, fast schon ein wenig entschuldigend an. Aber wofür entschuldigte er sich?
„Er wurde gesehen, Youma. Es war der Stadtverwalter, dritter Sohn von Soneillon. Sein Name ist mir gerade entfallen… ich habe nie mit ihm gesprochen.“ Ein Zucken ging durch Light und er vergrub seine Hand in seinem Pony.
„Schon wieder Brocken-Nell… diese Stadt, sie ist verflucht… sie ist ein Fluch…“ Wieder sahen Silence und Youma sich verwirrt an, während Silence ihre Hand auf Lights Schulter legte. Sie hatten Brocken-Nell immer nur in Verbindung mit den Turnieren gehört, aber ansonsten war es doch… gar keine bedeutende Stadt? Es war eine von vielen kleinen Grenzstädten, in denen ein sehr gemischtes Volk lebte, mehr Dämonen als Wächter, aber ansonsten…? Youma wühlte verbissen in seinem Gedächtnis – es gab nichts in dieser Stadt! Nur einen Markt, der sehr bekannt war, aber das war es!
„Er wurde bereits festgesetzt auf eine Art, die man nicht zimperlich nennen kann.“ Light löste seine Hand wieder von seinem Pony und bedankte sich bei Silence – aber er erklärte nicht, weshalb er Brocken-Nell einen Fluch nannte.
„Es war eine vorschnelle und rücksichtslose Art der Handhabung.“ Light legte seine Hände in den Schoß, aber dort lagen sie nicht entspannt, sondern verkrampften sich sofort. Er hasste Unruhen… Unfrieden… besonders zwischen den Dämonen und den Wächtern. Silence und Youma wussten, wie empfindlich er diesbezüglich war – als hätte man ihn selbst verletzt – und Silence wollte ihn auch sofort aufheitern, denn natürlich galt ihre Sorge mehr Light als dem unbekannten Wächter… aber Light fuhr fort, ehe sie etwas sagen konnte.
„Diese Aktion hat die Dämonen in Lerenien-Sei erzürnt. Die Teufel fordern, dass unsere halbjährige Ratsversammlung vorverlegt wird.“ Youma rührte sich unruhig und sein Gesicht wurde ernster als zuvor, doch er ließ Light aussprechen, ehe er sich äußerte:
„Sie fordern, dass wir uns heute in Elemeriya zusammenfinden, eben der Stadt, wo ihr Mitdämon festgehalten wird.“
„Ist das nicht nur eine Ausrede, um schneller die Probleme in Amaran-Tene zu klären?“ Light sah zu Youma, der ihn ernst ansah.
„So schlecht möchte ich nicht von ihnen denken, Youma.“ Silence sah zu Youma: warum interessierte ihn das?
„Sie brauchen Wasser und das jetzt und nicht erst in zwei Monaten, wo das Treffen eigentlich stattfinden wollte. Die Teufel haben schon mehrere Male um eine Vorverlegung gebeten, aber ihr habt dem Drängen nicht nachgegeben.“
„Jetzt haben wir es.“
„Da wird man sich ja in Lerenien-Sei freuen.“
„Ich glaube nicht, dass der Mord geplant war, nur um ein Treffen zu forcieren.“
„Dann bist du naiv.“ Silence glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und sofort wies sie ihren Zwilling in die Schranken, von denen sie fand, dass er sie überschritten hatte:
„Youma!“ Ihre harte Stimme ließ Youmas plötzlichen Zorn sofort abflauen und er sah reumütig zur Seite.
„… aber es ist doch recht auffällig. Und… eigentlich nicht verwerflich. Die Sterberate rund um Amaran-Tene ist in den letzten Jahren gestiegen.“ Youma sah aus der Öffnung zwischen den Säulen, den Arm über die Brust gelegt:
„Es ist kein Geheimnis, dass Mizu und Kikou den Dämonen nicht gerne beistehen.“ So gerne Light das auch leugnen wollte… er konnte es nicht. Das wäre nämlich eine Lüge. Es war leider ein Faktum… unumstößlich und schrecklich.
„Mit anderen Worten…“, konkludierte Silence, die nun Light ansah:
„… Kikou und Mizu wollen die Dämonen verdursten lassen?!“ Youma sagte nichts, als Silence seinen Gedanken aussprach und auch Light wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
„Und ihr guckt zu?! Oder…“
„Nein, nein das tun wir natürlich nicht. Wir versuchen eine Einigung…“
„Light!“ Alle drei schwiegen sofort, als Light vom Windgott gerufen wurde und dieser sich näherte.
„Wir müssen aufbrechen, beeile dich bitte!“ Youma und Silence mieden den Blick des herbeieilenden Windgottes, doch sie bemerkten beide, dass auch er recht aufgebracht schien, was Silence ein wenig überraschte. War es vielleicht ein Windwächter, der gestorben war? Eigentlich war Kaze für sein ruhiges Gemüt bekannt und bis jetzt waren die Götter alle so schrecklich ruhig gewesen.
„Ja, ich komme gleich!“, antwortete Light gereizt und dieser Tonfall überraschte sowohl seine Kinder als auch seinen Mitgott, der von dieser ruppigen Antwort ein wenig vor die Stirn geschlagen ward, der sich aber lieber mit dieser zufrieden gab.
„Passt bitte auf euch auf, Silence…“ Light richtete sich auf und sah Youma mit einem schwachen Lächeln an:
„… Youma.“ Youma sah ihm ernst, aber auch etwas beschämt in die Augen.
„Ich, Light, es...“
„Nein, Youma, du brauchst dich nicht entschuldigen. Ich finde es gut, dass du so eine starke Meinung hast, die du dich nicht scheust zu äußern. Das erfüllt mich mit Stolz…“ Nun lächelte Light weniger gezwungen:
„Und wir benötigen mehr Stimmen, die die Dämonen unterstützen.“
„Ich unterstütze die Dämonen nicht per se… Ich möchte mich nur mit Stolz einen Wächter nennen können.“ Diese Worte erfreuten Light, sie erleichterten ihn auch immens und machten die Bürde, die er zu tragen hatte, ein wenig leichter.
„Das freut mich, mein Sohn.“ Er schloss ihn liebevoll in die Arme und strich ihm, sowie Silence, die er danach umarmte, sanft über die Haare.
„Ich hoffe, dass der Gipfel keine drei Tage dauern wird und dass ich schnell zu euch zurückkehren kann, meine Kinder.“
Von einem Turmfenster aus beobachteten die beiden Zwillinge, wie Light mit Hikaru an der Hand zu seinen Mitgöttern trat und kurz den Kopf senkte, wohl um sich für die Verspätung zu entschuldigen. Dann wandten sie die so selten gesehene Teleportation an, um nach Elemeriya zu gelangen. Youma sah immer noch auf den Punkt, wo die Götter eben verschwunden waren und Silence… Silence sah zu ihrem Bruder.
„Glaubst du wirklich, dass die Wächter die Dämonen ausrotten wollen?“ Youma sah immer noch aus dem Fenster.
„Das habe ich nicht per se gesagt.“ Nun löste sich aber seine Hand vom Fensterrahmen und er sah zu Silence:
„Es ist aber Fakt, dass es in den Gebieten der Dämonen, besonders im Westen, viel weniger regnet als in den Gebieten der Wächter. Light weiß das auch… er hat so viele Dokumente über die Klimaentwicklung in den Gebieten der Dämonen… und Kikou und Mizu mögen beide keine Dämonen.“ Youma hatte Recht: keiner der beiden Götter hatte jemals mit ihnen gesprochen. Ihre Nachfahren hatten sie zwar nicht gemobbt, so wie die Erdwächter und die anderen, aber sie hatten sie gemieden. Silence konnte sich nicht erinnern, dass sie überhaupt jemals viel mit einem Wasser- oder Klimawächter gesprochen hatte.
„Wenn man kein Element hat, so wie die Dämonen nun einmal keines haben…“ Youma schloss die Augen und Silence fand plötzlich, dass ihr Zwilling nicht länger nach sich selbst aussah.
„… dann ist man der Willkür der Elementgötter ausgesetzt.“ Die Sonne verschwand und der Himmel wurde dunkelrot.