LiteraTour dâHorizon: «Deshalb ist Demokratie niemals Zeitverschwendung»
Rezension zu «Zwischen Welten»
«⊠es ist toll, wie offen du bist. Und ja, ich verstehe dich. Ich glaube, wir sind uns (nicht nur du und ich, sondern die Gesellschaft im Ganzen) ziemlich einig, was die Ziele betrifft. Die Frage ist nur, wie man dahin kommt. Und, ob es um jeden Preis sein darf. Aus meiner Sicht, ist um jeden Preis immer falsch. Man muss immer nach den Kosten fragen, immer eine AbwÀgung vornehmen. Deshalb ist Demokratie niemals Zeitverschwendung.»
Zwanzig Jahre liegen zwischen dem letzten Treffen von Kuhschwester79 und Mercurius, die eigentlich Theresa und Stefan heissen. Sie haben sich jetzt an der Aussenalster wiedergetroffen (zufĂ€llig), sind dabei aneinander geraten (weniger zufĂ€llig) und versuchen nun, ihre Lebenswelten wieder in Einklang zu bringen und vielleicht sogar die alte Freundschaft wieder zu beleben. Theresa hat damals ihr Studium in MĂŒnster abgebrochen, ist einigermassen ĂŒberstĂŒrzt zurĂŒck in die ostdeutsche Provinz, hat dort den viel zu grossen und viel zu defizitĂ€ren Hof ihres verstorbenen Vaters ĂŒbernommen. Wobei «Hof» nicht ganz treffend ist, denn es ist ein grosser Betrieb mit vielen KĂŒhen und einigen Angestellten, die alle auch ihr eigenes Leben und ihre eigenen Probleme haben. Stefan hingegen hat noch zu Studienzeiten das Magazin Heftig gegrĂŒndet, ein linkes Aktivistending, das ihm den Weg in die Chefetage des traditionell-liberalen Flaggschiffs Bote geebnet hat. Dort ist er zum Zeitpunkt des Wiedersehens stellvertretender Chefredaktor, nutzt den Genderstern, denkt ĂŒber veganen Lifestyle nach, arbeitet und trinkt zu viel.Â
Nach ihrem verheerenden Wiedersehen an der Hamburger Aussenalster trennen sich die Wege der beiden ehemaligen Wohngemeinschaftsgenossen wieder, aber sie beginnen, sich zu schreiben. Das Autorenduo Juli Zeh und Simon Urban wĂ€hlt fĂŒr die Form des ErzĂ€hlens einen modernen Briefwechsel: Erst schreiben sich Theresa und Stefan ausfĂŒhrliche E-Mails, wechseln dann zu Messengerdiensten wie WhatsApp und spĂ€ter Telegram und â aus GrĂŒnden â verschlĂŒsselten Diensten.Â
Buch und Geschichte funktionieren gut. Die Handlung ist klar, stimmig und trĂ€gt zuverlĂ€ssig durch die Seiten. Ăberzeugend ist auch die Charakterentwicklung. Man kann beide irgendwie ganz gut verstehen. Der Plot selbst ĂŒberrascht nicht stĂ€ndig, und das ist gut so. Gerade darin liegt die QualitĂ€t des Romans: «Zwischen Welten» interessiert sich weniger fĂŒr spektakulĂ€re Wendungen als fĂŒr das oft anstrengende Aushalten von Differenz. Theresa und Stefan stehen nicht fĂŒr Gut und Böse, sondern fĂŒr zwei legitime, allerdings nur schwer vereinbare Perspektiven auf Gegenwart und Verantwortung. Der Roman zeigt, wie schnell VerstĂ€ndigung in moralische Ăberhöhung kippt und wie viel Anstrengung und Willen es braucht, wieder zur Sache zurĂŒckzukehren. Demokratie wird wie nebenbei mitgeschrieben, nĂ€mlich als Haltung.
Bisweilen wirkt die gewĂ€hlte Form zu gesucht, etwa wenn Theresa in einer Mail an Stefan ausfĂŒhrlich erzĂ€hlt, wie sie ihr Wiedersehen erlebt hat, auch wenn nicht alles in aller Deutlichkeit ausgesprochen â ausgeschrieben â wird, wirkt die Unterhaltung gerade in den ersten Korrespondenzen stellenweise unnatĂŒrlich, wenn auch fĂŒr die Leserschaft wichtig: «âŠund da stehst du plötzlich in der U-Bahn vor mir und breitest deine Arme aus. Wenn das kein Schicksal war. Danach ist das Ganze allerdings ziemlich aus dem Ruder gelaufen.» Gleichzeitig passt gerade diese UmstĂ€ndlichkeit zur Sache. Demokratie vollzieht sich nun mal selten in pointierten Dialogen, sondern in langen, mitunter umstĂ€ndlichen ErklĂ€rungen, in MissverstĂ€ndnissen, in RĂŒcknahmen, in Anpassungen und feinen Justierungen. Dass nicht jede Mail literarisch elegant wirkt, ist vielleicht weniger SchwĂ€che als Konsequenz der gewĂ€hlten Perspektive: Wer sich wirklich verstĂ€ndigen will, muss sich wiederholen, rechtfertigen und muss â eben â aushalten.
«Zwischen Welten» ist weniger ein Roman ĂŒber zwei Menschen als ĂŒber die Zumutung der Gegenwart. Er zeigt, wie brĂŒchig VerstĂ€ndigung geworden ist und wie notwendig sie bleibt. Wer wissen will, warum Demokratie anstrengend ist und gerade deshalb keine Zeitverschwendung, findet hier einen literarischen Versuch, der klĂŒger ist als so manche politische Debatte.
Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten; Luchterhand Literaturverlag, MĂŒnchen 2023; ISBN 9783630877419; 448 Seiten
LiteraTour dâHorizon | Was ist das?
«LiteraTour dâHorizon»: Was ist das? Tour dâHorizon bedeutet so viel wie «Ăberblick, Blickfeld», und die Literatour ist eine Wortschöpfung aus der Literatur und â eben â der Tour.
In loser Folge erscheinen in der LiteraTour dâHorizon Buchbesprechungen, meist von Wiederentdeckungen, hin und wieder auch von Neuerscheinungen und -entdeckungen. Dabei geht es mir nicht darum, brillante Verrisse zu schreiben, sondern das, woran ich Gefallen finde, zu erzĂ€hlen. FĂŒr die Besprechung der Werke werde ich nicht bezahlt und auch sonst in keiner Weise unterstĂŒtzt. Die LiteraTour dâHorizon ist vielmehr ein Liebhaberprojekt und der Versuch, schöne Werke aus den BĂŒcherkisten zu holen und zugĂ€nglich zu machen.
Lese- und Besprechungstipps nehme ich allerdings gerne entgegen. Wer mag, darf mir auch Leseexemplare schicken, wobei ich mir ausdrĂŒcklich vorbehalte, von einer Besprechung abzusehen.
Weiter, immer weiter nur!
Folge besonnen der Spur
Folge ihr ĂŒber Stock und Stein
Folge ihr durch Wald und ĂŒber Wiese
Folge ihr durch Schluchten der Stadt
Folge ihr auf Gipfel und Grat
Folge ihr durch finstre TĂ€ler, hinaus aus dem Abgrund;
sie verliert dich nicht.
Folge nur,
folge deiner Spur
«Der Rabe wachte ĂŒber mich, bis das Tageslicht kam. Dann flog er davon und liess mich allein mit den Toten zurĂŒck. Er wusste nicht, dass er mich vor dem Licht beschĂŒtzen sollte, nicht vor der Dunkelheit.»
In ihrem Roman «Das Tal der Blumen» entfĂŒhrt uns die grönlĂ€ndische Autorin Niviaq Korneliussen in eine Landschaft von karger Schönheit und existenzieller Wucht: nach Ostgrönland, wo der titelgebende Ort â ein Friedhof â als Symbol fĂŒr Trauer, Erinnerung und gesellschaftliche VerdrĂ€ngung steht.Â
Die namenlose Protagonistin bewegt sich in einer seltsamen Mischung aus GleichgĂŒltigkeit und tiefem Erleben durch die, durch ihre Geschichte. Sie taumelt, scheinbar unberĂŒhrt und doch von jedem Augenblick tief durchdrungen, bis zum Ende. Dieses Schweben zwischen NĂ€he und Distanz macht die LektĂŒre gleichermassen intensiv wie verstörend. Der Ton ist direkt, frisch, ungeschönt. Korneliussen ist dabei niemals sentimental, sondern behĂ€lt stets eine starke, unmittelbare Klarheit bei. Stossend ist, dass in der deutschen Ăbersetzung von Franziska HĂŒther stets von «Selbstmord» gesprochen wird, ist dieser Begriff doch stark negativ belastet. Immerhin rĂŒckt er den Suizid in die NĂ€he eines der schlimmsten Verbrechen, das verĂŒbt werden kann: Mord. Dabei ist der Suizid an sich wertfrei, er ist lediglich eine mögliche Handlungsoption des Menschen. Ansonsten scheint die Ăbersetzung aus dem DĂ€nischen den unmittelbaren Ausdruck Korneliussens zu bewahren und dessen schonungslose Offenheit zu transportieren.
Dass die Autorin fĂŒr «Das Tal der Blumen» als erste grönlĂ€ndische Autorin ĂŒberhaupt mit dem Nordischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ist ein Zeichen dafĂŒr, dass eine Stimme zu hören ist, die nicht nur literarisch ĂŒberzeugt, sondern auch gesellschaftlich dringend notwendig ist.
Denn das Buch ist mehr als eine individuelle ErzĂ€hlung. In, aber vor allem zwischen den Zeilen klingt eine deutliche Kritik an: Grönland leidet seit Jahrzehnten unter einer erschĂŒtternd hohen Suizidrate â so sehr, dass es dafĂŒr gar einen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt. Die Autorin benennt dies nicht mit Anklage, sondern mit literarischer Konsequenz. Indem sie nĂ€mlich das Schweigen der Gesellschaft in ihre Prosa ĂŒbersetzt, legt sie zugleich den Finger in die Wunde, die das Nichtstun hinterlĂ€sst. Der Roman wirkt wie ein Schreiben gegen das kollektive Verstummen, gegen Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. «Tulukkat qaqortippata» â erst, wenn die Raben weiss werden â sagen die GrönlĂ€nder*innen und meinen damit das Unmögliche. Und genau darin liegt die Hoffnung des Romans: Dass es auch fĂŒr das UnverstĂ€ndliche Worte gibt, dass das Schweigen gebrochen werden kann, dass Heilung möglich ist.
So wird «Das Tal der Blumen» zu einem fast schon radikalen Erlebnis. Der Roman hĂ€lt uns dazu an, auszusprechen, was sonst lieber verschwiegen wird. Und er erinnert daran, dass Literatur nicht nur Geschichten erzĂ€hlt, sondern auch RĂ€ume öffnet, in denen verdrĂ€ngte Wirklichkeiten und verschĂŒttete Lebenswelten sichtbar werden.
Niviaq Korneliussen: Das Tal der Blumen; Ăbersetzung aus dem DĂ€nischen von Franziska HĂŒther; btb, 2023; ISBN 978-3-442-76239-2 281 Seiten
LiteraTour dâHorizon | Was ist das?
«LiteraTour dâHorizon»: Was ist das? Tour dâHorizon bedeutet so viel wie «Ăberblick, Blickfeld», und die Literatour ist eine Wortschöpfung aus der Literatur und â eben â der Tour.
In loser Folge erscheinen in der LiteraTour dâHorizon Buchbesprechungen, meist von Wiederentdeckungen, hin und
wieder auch von Neuerscheinungen und -entdeckungen. Dabei geht es mir nicht darum, brillante Verrisse zu schreiben, sondern das, woran ich Gefallen finde, zu erzĂ€hlen. FĂŒr die Besprechung der Werke werde ich nicht bezahlt und auch sonst in keiner Weise unterstĂŒtzt. Die LiteraTour dâHorizon ist vielmehr ein Liebhaberprojekt und der Versuch, schöne Werke aus den BĂŒcherkisten zu holen und zugĂ€nglich zu machen.
Lese- und Besprechungstipps nehme ich allerdings gerne entgegen. Wer mag, darf mir auch Leseexemplare schicken, wobei ich mir ausdrĂŒcklich vorbehalte, von einer Besprechung abzusehen.
Die alte Frau: «Halbtax. Gilt da no?»
Herr P.: «Jojo, wenn Sie nö sĂ€ged, Sie wöns nĂŒme, werds afach verlĂ€ngered. Wie bine Zitig.»
Die alte Frau: «Aha, denn muni mer ke Sorge mache es sig abgloffe?»
Herr P.: «Nanei. Irgendwann chunt denn amel d'rechnig, abo do mĂŒend Sie au nö pressiere, sind amel au nö die Schnellste.»
Die alte Frau: «Ah guet.»
Herr P.: «FĂŒr die eine ischs guet, fĂŒr die andere nöd eso. Sch wie bim Handy au: Do chame au nö sĂ€ge, me sind im Usland gsi...»
Die Aufzeichnende: «Chame scho, da intessierts afach nö.»
Herr P.: «Hehe, jo! Schöne Sunntig!»
FrĂŒhmorgens im Pendlerzug. Er, frisch aus dem Ei gepellt, etwa Mitte 40, Steuerspezialist bei einer Grossbank mit versagender GeschĂ€ftsleitung. Sie ist womöglich pĂ€dagogisch wertvoll, solariumgebrĂ€unt und peroxidblond.
Er: «Nee, fĂŒr ein Mal nicht in der Schweiz. Hab' schliesslich auch schon andere Partyorte besucht.»
Sie: «Wie?»
«Ich hab' schon andere Partyorte besucht!»
«Ach? Wo denn?»
«Na, SĂŒdtirol. Warnwa jetzt ja das erste Mal.»
«Ach! Du fÀhrst Ski?»
«Joa.»
«Also, ihr fahrt richtig runter? Kein Langlauf, ne?»
«Nee, wir fahren richtig runter.»
«Ach.»
«Ja. Du?»
«Nee, ich hab dieses Jahr wieder ausgesetzt.»
«Na ja, ich habs auch erst spÀt gelernt. Mit 25.»
«Mit 56 wÀr' das ja auch kein Thema, nich'?»
«Nö.»
«Ich hab' ja alles.»
«Ach?»
«Ja, Skier im Keller, Stöcke, Schuhe ... Hose? Ja, 'ne Hose hab' ich auch.»
ZurĂŒcklehnen. Durchatmen.
Sie: «Wo arbeitest du?»
Er: «Ich bin Steuerspezialist. Bei einer Grossbank.»
«Ach?» FlĂŒsternd, vornĂŒbergebeugt: «Und wie heisst die Grossbank?»
«UBS.»
«Wie?»
«UBS.»
«Ach! Das ist die, die ...»
«Joa.»
«... die, die fusioniert hat?»
«Joa. Die GeschÀftsleitung hat versagt ...»
«Ach ... Das kann schon mal passieren ...»
ZurĂŒcklehnen. Durchatmen.
Sie: «Du bis' aber nich' alleine da?»
Er: «Nee, nee, wir sind etwa 30.»
«Ach. Das is' ja auch ganz schön viel ...»
«Na ja ...»
«So lange die anderen wissen, was sie zu tun haben, gehts ja.»
«Ach ...»
Wenn Nebelschwaden wabern, Blattwerk zum Farbfeuerwerk werden und ergraut-gestandene MÀnner so tun als gehörten sie zur Dorfjugend, dann ist Herbst. Und Olma.
I became rather good at self-medication, which, of course, never really helped.
Dieser Satz ... Er schwirrte in ihrem Kopf umher und liess sie nicht los. Warum? Weil er so schön war (sie hatte es ja, dieses Faible fĂŒr schöne SĂ€tze)? So prĂ€gnant? So zutreffend? Sie wusste es nicht, aber der Satz schwirrte. Und schwirrte. In Englisch. Krempelte den Kopf um, alles war englisch. Und vor dem Fenster zog der graue Morgen vorbei. Ein bleierner Himmel wurde langsam hell, einzelne zerrissene Nebelschwaden waberten ĂŒber die Felder.
Keine gewöhnliche Entdeckung: Orakel zum Welttag des Buches
Ein Orakel offenbart Antworten auf Fragen, die in aller Regel die Zukunft betreffen. Das braucht auch nicht gleich das Orakel von Delphi oder der altĂ€gyptische König der Götter Amun zu sein, BĂŒcher können das nĂ€mlich auch! Zum heutigen Welttag des Buches eine Anregung:
Man nehme ein beliebiges Buch, schlage Seite 5 auf und lese den 5. Satz. Ganz Ă€hnlich wie berĂŒhmte OrakelsprĂŒche werden Fragen beantwortet und der Raum fĂŒr Interpretationen (und weitere Fragen) geöffnet. Zum Beispiel:
1. Wie wird sich die Liebe entwickeln?
«Dies war keine gewöhnliche Entdeckung.» 1
2. Wie wird sich meine Gesundheit entwickeln?
«Genaugenommen wohnte Konrad Lang nicht in der Villa, sondern in einem PförtnerhÀuschen, einem kalten, feuchten Maueranbau im Schatten des PinienwÀldchens, das die Einfahrt sÀumte.» 2
3. Welche Aussichten habe ich im Beruf?
«Der hoffnungsvolle Dichter schrieb unter der Bank gerade sein achtes Gedicht, Lehrer OndrĂĄĆĄ erwischte ihn dabei, nahm das Heft an sich, schlug es Hugo um den Kopf, ĂŒberlas flĂŒchtig die Verse seines SchĂŒlers und sagte: [...]» 3
4. Wie werden sich meine Finanzen entwickeln?
«Sie mĂŒssen mir aufmerksam zuhören.» 4
5. Wie wird meine Zukunft ganz generell aussehen?
«Diese Nacht, diese Worte, dann die gestellten Fragen und die Antwort auf diese Fragen â nun wird sich alles fĂŒr alle Menschen so sehr Ă€ndern, dass sie sich selber nicht wiedererkennen werden, aber vorerst Ă€ndert sich nichts; alles bleibt so ruhig, so aussergewöhnlich ruhig ĂŒber dem Wasser mit der nahenden DĂ€mmerung, und vor ihrer schönen weissen Farbe raucht der Kamin eines grossen Schiffes, das man nicht sieht.» 5
Die BĂŒcher
1 «Das Tagebuch von Edward dem Hamster, 1990 â 1990», von Miriam Elia & Ezra Elia, Fischer Taschenbibliothek 2017
2 «Small World» von Martin Suter; Diogenes Taschenbuch, 1999
3 «Maiandacht» von Ota Filip, Fischer Taschenbuchverlag, 1980
4 «Die Zeitmaschine» von H. G. Wells, Diogenes, 1974
5 «Sturz in die Sonne» von C. F. Ramuz, Limmat Verlag, 2023
«Das ist so cringe! Ich meine, das ist doch voll peinlich! Die L., das ist ihre Freundin aus ZĂŒrich, war auch dort. Sollen sie doch nach ZĂŒrich, die mĂŒssen doch nicht bei uns in den Ausgang!»
«Voll! Da fragt man sich: Wo ist die Ehre?»
«Voll! So cringe ⊠Dass der noch mit denen rumhÀngt. In seinem Dorf ⊠Peinlich.»
«Und S. erst. Die hat ja gar keine Chance, einen Neuen kennenzulernen, wenn der immer dabei ist.»
«Ehrenlos!»
Eines Nebelmorgens am Stadelhofen: Badeentchen, die als Werbetragende herhalten mĂŒssen. Es ist frĂŒh, ich warte auf Tante Frieda, super busy Businessmenschen warten drauf, am Rad zu drehen.
Dadaisten hÀtten vielleicht auch Einwegpasswörter abgelehnt, hÀtte es die 1916 schon gegeben. Die OTPs, nicht die Dadaisten. Die gabs schon, 1916 haben sich Emmy, Hugo, Hans und Co. nÀmlich im Cabaret Voltaire zusammengesetzt und an allem gezweifelt.
Im April vor einem Jahr, da war einer noch da, der es heute nicht mehr ist. Und eine noch nicht, die es heute ist. Und einer noch nicht Planung, der in wenigen Tagen sein wird.
Die Frauenkirche werden sie beide sehen. Nicht mehr als TrĂŒmmerhaufen zwar, so wie er sie gesehen hat als er kam, aber als mĂ€chtiges Mahnmal, wie er sie gesehen hat, bevor er ging.
LiteraTour dâHorizon | Zehn SĂ€tze aus zehn BĂŒchern
Neulich bei Twitter: «Lesesafari â Schlage in zehn beliebigen BĂŒchern aus deinem Regal S. 126 auf und lies den ersten kompletten Satz. Was hast du Spannendes entdeckt?»
Entdeckt habe ich dabei mehr als Spannendes, viele schöne SĂ€tze zum Beispiel, pure Poesie im Nachschlagewerk, MerkwĂŒrdigkeiten in der «Erziehungskunst» und eine ĂŒber einhundert Jahre alte Widmung.
So wanderten und ritten sie etwa eine Meile.
Geoffrey Trease â Die Reise nach Varna (1996)
Die Wolken wichen schneller, als wir zu hoffen wagten.
Walter Heuer, Max FlĂŒckiger, Peter Gallmann â Richtiges Deutsch; VollstĂ€ndige Grammatik und Rechtschreiblehre unter BerĂŒcksichtigung der aktuellen Rechtschreibreform; Kapitel «Die Konkjunktion» (2004, 26. Auflage)
ErfahrungsgemĂ€ss wirkt auf junge SĂŒnder dieser Art oft heilend, somit heilsam, wenn sie in Sorge, Kreuz, schwere BemĂŒhungen kommen, welche ihr ganzes Sinnen und Denken gewaltsam in Anspruch nehmen.
Alban Stolz â Erziehungskunst (1921)
Ist dir, JĂŒngling! denn bei dem Beschauen der Landschaften alter Meister nicht ganz wunderbarlich zu Mute geworden?
E.T.A. Hoffmann â NachstĂŒcke. Erster Teil; Die Jesuitenkirche in G. (1817; in der Reclam-Ausgabe von 1999)
Die Archivmappe ergab, dass es in Kymenlaakso noch mindestens zwei Personen mit Selbstmordabsichten lebten.
Arto Paasilinna â Der wunderbare Massenselbstmord (2002)
«Und wie war das mit diesem eigenartigen Menschen, dem GÀrtner?» erkundigte sich Mr. Hitchcock.
Alfred Hitchcock â Die ??? und der weinende Sarg (1988)
(Die Seite 126 ist ĂŒbrigens die letzte Seite dieses Buches.)
Der Anruf meiner Frau erreichte mich im Nachbarort.
Roland Gallusser â Die Einsamkeit des Landarztes; ErzĂ€hlungen (1978)
Er liess sich eine tĂŒchtige Mauleselin anschirren, versah sich mit Geld, Kleinodien und einigen Lebensmitteln, und nachdem er seinen Leuten gesagt hatte, er wolle ganz allein auf ein paar Tage verreisen, ritt er fort.
Dalziels illustrierte «Tausend und eine Nacht» (nicht nach 1893; Widmung von Hand: «FĂŒr Hermann Haagen zu Weihnachten 1893 von Gotthard Keller»)
Derweil lag Gian die Brughi auf seiner RuhestĂ€tte, die struppigen roten Haare voller trockener BlĂ€tter hingen ihm ĂŒber die Stirn, die grĂŒnen Augen röteten sich durch die Anstrengung, und so las er und las, wĂ€hrend er die Kinnbacken beim eifrigen Buchstabieren bewegte und einen mit Spucke benetzten Finger in die Höhe hielt, um gleich die nĂ€chste Seite umwenden zu können.
Italo Calvino â Der Baron auf den BĂ€umen (1984)
LiteraTour dâHorizon | Was ist das?
«LiteraTour dâHorizon»: Was ist das? Tour dâHorizon bedeutet so viel wie «Ăberblick, Blickfeld», und die Literatour ist eine Wortschöpfung aus der Literatur und â eben â der Tour.
In loser Folge erscheinen in der LiteraTour dâHorizon Buchbesprechungen, meist von Wiederentdeckungen, hin und wieder auch von Neuerscheinungen und -entdeckungen. Dabei geht es mir nicht darum, brillante Verrisse zu schreiben, sondern das, woran ich Gefallen finde, zu erzĂ€hlen. FĂŒr die Besprechung der Werke werde ich nicht bezahlt und auch sonst in keiner Weise unterstĂŒtzt. Die LiteraTour dâHorizon ist vielmehr ein Liebhaberprojekt und der Versuch, schöne Werke aus den BĂŒcherkisten zu holen und zugĂ€nglich zu machen.
Lese- und Besprechungstipps nehme ich allerdings gerne entgegen. Wer mag, darf mir auch Leseexemplare schicken, wobei ich mir ausdrĂŒcklich vorbehalte, von einer Besprechung abzusehen.
Sinder scho mol im Appezellerland gsi? Döt, wo sich HĂŒgel a HĂŒgel reihet, herzigi HolzhĂŒsli verstreut uf saftig-grĂŒene Wiese umestönd und id Sunne blinzled und de SĂ€ntis â «de Berg» â ĂŒber allem wachet? Wenn nöd, denn mĂŒender mol döt ane. Isch nĂ€mli schö döt. Und vor allem hens choge guets Esse. Und was es au hend: En liebenswĂŒrdige und mengmol au chli glatte Dialekt und eis vo mine Schwiizer LieblingsmĂ€rli. Und da verzelli eu ez do. NatĂŒrli so, wie ichs in Erinnerig ha und uf SanggallerdĂŒtsch, nöd â wies eigentlich richt wĂ€r â uf AppezellerdĂŒtsch. Nume eis chani sĂ€ge, zâInnerrhode sĂ€gets a mengs Ort «Sönd wöllkomm» und nöd wie mer do «sind willkomme». Wie au immer, ez wömmer mol lose, wa de Ries SĂ€ntis so agstellt het.
Es isch scho choge lang her, döt het de Ries SĂ€ntis im Appezellerland gwohnt. Mengs LĂŒĂŒt sĂ€ged em au SĂ€mtis, aber mir wönd bim Name bliibe, wo de Berg au het. De Ries isch e so choge gross gsi, dass sâganz Schwendibachtal sis Bett gsi isch und dass er dâMeglisalp het chöne als ChopfchĂŒssi neh. Da isch natĂŒrli super gsi, will die gad im Summer uh schö weich und volle BlĂŒemli gsi isch. Im Winter hetter aber mfall au nöd gfrore, so en Ries kennt sich schliesslich us mit Wind und Wetter und weiss ganz gnau, wieme sich im Schnee so bettet, dass au de schö warm git ⊠Wenner denn am Morge amel ufgstande isch, denn heter sich zersch amel mit em Ellboge abgstĂŒtzt, de Chopf id Hand gno und volle Freud und Zfriedeheit ĂŒber sis Appezellerland glueged. Und denn heter sich amel gad no meh gfreut, wells eifach e so choge schö gsi sich. A eim Morge heter sich aber denkt, dass es doch schö wĂ€r, wenn er e paar Menschli um sich ume hetti. Die hetter nĂ€mli scho vo sine Reise kennt, die chline, luschtige Gschöpfli, wo am Morge amel umgewuslet sind wie varruckt und mit dem Tagwerch agfange hend. Am Obed sins denn meischtens mĂŒed gsi und is Bett gkeit, so viel hens gschaffed. E paar uf all FĂ€ll, sind nĂ€mli nöd all Menschli gliich gsi. Da hetter uf sine Reise au scho gseh gha und au de Ries SĂ€ntis selber isch ez nöd gad de gschaffigscht gsi. Er isch gern eifach chli umeglege, het Sunne, Mond und Stern beobachtet und
au gern fein gesse. Uf all fĂ€ll sind die einte Menschli nĂ€mli mengmol ersch um de Mittag ume ufgschtande, hend sich ersch mol gschtreckt und in Tag blinzled, bevors denn wiitergmacht hend mit dem, wos zâmizd i de Nacht ufghört hend. Do hets zum Bischpiel Döktere drunder gha, wo i de Nacht no bi de Chranke gsi sind oder Menschli, wo Kunscht gmacht hend. Aber die chömmer sĂŒs e anders Mol go bsueche.
De Ries SĂ€ntis het aso chli schtudiert und ĂŒberleit, wiener da ez eso chönt mache mit dene Menschli. Waner nĂ€mli scho gha het, sind ganz viel Tier. Uf de Weide hets en Huufe ChĂŒe gha, viel grossi bruuni, aber au gschecketi und dĂ€rig, wo en wiisse Streife um de Buuch gha hend. Dene heter denn «Gortchueh» gseit, «Gort», wie en Gurt, aso, en GĂŒrtel, wo mir ĂŒs au um de Buuch schnalled. Und de Ries SĂ€ntis het au ganz viel Geisse gha und e paar Schöf. Und waner au no gha het: En Huufe BlĂ€ss. Da sind die herzige HĂŒnd, meischtens sins schwarz-wiiss und hend no bizeli gel-bruuni Stelle im Fell. Mengmol hens richtigi Augebraue und chönd eim aluege und blinzle, als wĂ€reds ganz eso wie mir. Mengs LĂŒĂŒt sĂ€ged ene au «WĂ€dlibiisser» â und, i muess es zuegeh, da macheds mengmol au. Aso, id WĂ€dli biisse. Aber eigentli nöd richtig. Da macheds au nume, wells HirtehĂŒnd sind. Die passed vor allem ufd Schöf und ufd Geisse uf, wenn die ellei dusse sind. Und wennses mönd zĂ€metriibe, zum Bischpiel well ez denn glii e Gwitter chunt, denn klĂ€ffeds wie wild und renneds um die Herde ume wie varruckt. Und schnapped mengmol au noch de Tier. Nöd bös, nume zum sĂ€ge: «Ez mach emol vorwĂ€rts, es chunt ez denn gad go gwittere! Me mönd ez go underschto!» Und wemme son BlĂ€ss dihei heit, denn verwechslet de sin Mensch halt mengmol mit eme Schof âŠ
Wo de Ries SĂ€ntis so a sine Tier umeschtudiert und ĂŒberleit, wiener da echt chönt aschtelle, dass er au e paar Menschli um sich ume chönt ha, chunt em plötzlich sâMontafon in Sinn. Da isch e Tal zâĂschtriich, gar nöd so wiit weg vonem. Döt isch er au scho paar Mol gsi und weiss, dass es döt ganz herzigi Dörfli mit ganz herzige HĂŒsli git. Und döt wohned en Huufe Menschli, wo no chli luschtiger reded als er selber. Und do chunts em plötzlich in Sinn: «I chönt jo bi de Montafoner Zwerg e paar HĂŒsli bschtelle!» Er weiss nĂ€mli, dass die erschte herzige HĂŒsli döt im Montafon vo de gschickte Zwerge gmacht worde sind, dâMensche hend denn vo ene glernt, wie da goht und wieme sone HĂŒsli richtig baut. «Und wenni denn e paar HĂŒsli do anestell, zum Bischpiel neb dâMegglisalp, denn giz do au sone schös Dörfli und denn chömed sicher aud Menschli do ane go wohne!» So ĂŒberleits de Ries SĂ€ntis luut und verschreckt mit sinere luute Schtimm gad e paar Schöf, wo bi em um de Ellboge gschliche sind. Aber sie kenned en jo und sind nume ganz churz vaschrocke, wells nöd demit grechnet hend, dass de Ries SĂ€ntis am Morge frĂŒeh scho so luut isch. Da isch er nĂ€mli eigentli nie. Er ghört zwor zu dene, wo immer frĂŒeh wach sind â so isch da mit de Riese: die sind gross und bruuched viel zâEsse und zâTrinke, aber nume ganz wenig Schlof, nöd wie mir Mensche. Bi ĂŒs ischs jo so: Je chlinner dass mer sind, desto meh mĂŒemmer schlofe. Aso, wenni ez sĂ€g «chlinner», denn meini eigentli «jĂŒnger». Babys schlofed jo uh viel, Chind denn e chli weniger, aber immer no viel und die Erwachsene denn chli weniger. Und die ganz alte LĂŒtlis, die schlofed mengmol nume no ganz wenig.
Uf all fĂ€ll freut sich de Ries SĂ€ntis gad so fesch ĂŒber sini Idee, dass er fasch nos zâMorge vergesse het, weller am liebschte gad sofort losmarschiert wĂ€r. Aber nume fasch, isch jo schliesslich fasch die wichtigischt Mohlzyt am Tag. Er holt aso sâBrot und de ChĂ€s, nimmt no en Ăpfel dezue und e grosses, grosses Glas Milch. Und wills gad e chli en chliine Feschttag isch fĂŒren, nimmt er sich au no e TĂ€feli Schoggi, woner ganz langsam uf de Zunge schmelze loht, vorers abeschluckt. Isch ebe scho öppis guets, sone Schoggi. Aber zâviel söttme denn au nöd devo esse, da weiss er jo und drum gnĂŒsst ers so choge fesch. Woner da alles schnabuliert het, packt er sin grosse Rucksack, nĂ€mli nimmt er sich gnueg Wasser fĂŒr dâWanderig mit und nomel zâEsse. Brot und ChĂ€s und gad nomel en Ăpfel und will ers so gern het, packt er au no paar RĂŒebli ii. Die chame nĂ€mli au ganz guet roh esse. Sind fein und gsund. DrĂŒ riesegrossi Tafle Schoggi packt er au no ii, aber nöd fĂŒr sich, da sölls Gschenk sii fĂŒrd Montafoner Zwerg, wonem die HĂŒsli sölled baue. Und denn marschiert er los. Willer e so choge lange Bei und vor allem wellers so pressant het, isch er au ger nöd lang underwegs wie sĂŒs amel und hets Montafon scho um de Mittag ume erreicht. Da mol hetter ez au ger nöd so fesch uf dâMenschli i de herzige Dörfer glueged, aber em einte oder de andere hetter denn gliich zuegwunke, woner dra vorbicho isch. Und denn isch er denn ebe scho um de Mittag ume gad am richtige Berg, de heisst nĂ€mli «Mittagsspitze» und döt isch de Iigang zum Zwergeriich.
Er pöpperled sĂŒĂŒferli an Bergspitz und obwohl er ganz, ganz vorsichtig pöpperled het, verschrecked e paar GĂ€mse und gumped hurtig devo und rugeled e paar grossi Stei de Berg durab. Aber da macht zum GlĂŒck nĂŒd, isch nĂ€mli uf sĂ€bere Siite, wo niemer wohnt. Churz druf abe goht ganz une am Fuess vo de Mittagsspitz sâZwergetor uf und de Chef höchschtpersönlich chunt em Ries SĂ€ntis go Hoi sĂ€ge. Sie plaudered bizeli, verzelled sich, wies ihne so goht und wa sit em letschte Bsuech vom Ries SĂ€ntis im Montafon alles eso passiert isch, bevor denn den Ries SĂ€ntis endli cha loslege. «Du, Chef», seit er denn, «i hett ez no choge gern so paar HĂŒsli, wie die, woner fĂŒr eui Menschli gmacht hend. Die sind eso herzig, die wĂŒred au no guet zu mer is Appezellerland passe. Und wenni denn paar vo dene HĂŒsli hetti, denn wĂŒred denn sicher au zu mer paar Menschli cho und ufd ChĂŒeh und dâGeisse und dâSchöf ufpasse. Und de eint oder ander BlĂ€ss wĂŒreds sicher au no ufneh. Und i het eifach en Riesespass a dem Gewusel und Getue und Gemache!» De Chef vo de Zwerge lached und seit, da sig alles kei Problem. ZuefĂ€llig hegeds soger no paar vo dene HĂŒĂŒsli uf Vorrot, wos im Moment do nieneds chöned anestelle. Aso, wenn de Ries SĂ€ntis die gad wöll ilade, denn chönger no hĂŒt Obed bi sich dihei zrugg sii und die HĂŒsli ufstelle. Do freut sich de Ries SĂ€ntis so fesch, dass er vor luuter Freud fasch ufgumpet wĂ€r. Aber denn chunt em gad no in Sinn, dass er jo en Ries isch und dass da vilich nöd e so guet wĂ€r, wenner do eifach wĂŒr umegumpe. Woner da vor vielne, vielne Johre zum letzte Mol gmacht het â und döt isch er im Vergliich zu ez no en chline Bueb gsi â döt het nĂ€mli gad dâErde chli bebt. Aso freut er sich eifach so und grĂŒbled die grosse Schoggitafle us sim Rucksack, woner em Chefzwerg git. Er seit fasch tuusig Mol «danke» und ladt dâHĂŒsli ii, wo wĂŒrklich gad wie fĂŒr ihn parat gstande sind. Und denn isch er au scho wieder ufem Heiweg. Es isch nonig spot, woner underwegs e chlini Pause macht.
Er isch scho zwor scho fasch bi sich dihei, aber er merkt, dass er scho zimli mĂŒed isch. «Kei Wunder», denkter sich, «i ha jo usserd em zâMorge au ger nĂŒd meh gesse!» Und drum höcklet er sich ane, packt Brot, ChĂ€s, Ăpfel und RĂŒebli us und mampft, waner so debii het. Lang bliibt er aber nöd sitze, weller nĂ€mli gliich hei will, dass er endli sini HĂŒsli cha ufstelle. Und scho isch er wieder ufgstande, het de Rucksack mit de HĂŒsli ĂŒber dâSchultere gworfe und lauft wieder los. Ez hetters aber ase pressant gha, dass er ger nĂŒme gnau glueged het, woner sich de Rucksack agschnallt het. Und so ischs passiert, dass er de Rucksack a de eine Bergkante ufgrisse het und ez wĂ€hrend er lauft, dâHĂŒsli einzeln us eme lange Riss purzled. Ersch, woner wieder im Schwendibachtal achunt, merkt er, dass de Rucksack scho fasch leer sch. Do verschrickt er natĂŒrli zâersch gad emol e Rundi, aber woner hindere lueged, gseht er no im letzte Sunneliecht, dass die HĂŒsli alli einzeln und verstreut ĂŒber sâAppezllerland lieged. Do isch er gad beruhigt und ĂŒberleit, dass er die denn morn chöng go zĂ€mesammle. Ez wirds nĂ€mli denn scho wieder Nacht und dunkel und im Dunkle sött me nöd go HĂŒsli zĂ€melese. «Die chlaut scho niemer», seit er sich, bevor er sich wie jedi Nacht uf sis blĂŒemlete ChopfchĂŒssi leit und trotz allem ganz zfriede ischloft. I de Nacht trĂ€umt er vo sim Dorf, wo mit vielne fröhliche Menschli gfĂŒllt isch, wo tag i, tag us umewusled und luschtigi Sache mached. Woners nögscht mol verwached isch es scho zimli spot, isch ebe gliich en strenge Tag gsi mit dere Wanderig is Montafon und dem Heischleppe vo all dene HĂŒsli, und cha sine Auge chum glaube, woner um sich lueged. Die verschtreute HĂŒsli im Appezellerland sind alli scho bsetzt, ĂŒberall wohned Menschli drin. Er weiss ger nöd, wie da so schnell het chöne go! Eini vo sine LieblingschĂŒeh verzellt em denn e Wiili spöter, dass er ebe nöd nume ei Nacht gschlofe hegi, nanei, e ganzi Wuche heger tĂŒĂŒf und fesch pfuused â und gschnarchled. Do hegs denn au gad mol agfange gwittere, aber da sig nöd schlimm gsi, well denn scho die erschte Menschli ume gsi seged, wo dâChĂŒe in Schtall brocht heged. Und denn siged immer meh Menschli cho, bis jedes vo dene verschtreute HĂŒsli besetzt gsi seg. Es heged sogar scho paar agfange, selber HĂŒsli baue, wellsne do so guet gfalle heg. Do isch de Ries SĂ€ntis so choge zfriede und froh, dass er gar nĂŒme viel cha sĂ€ge usserd e luuts, frĂŒndlichs: «Sönd wöllkomm!»
Ăbrigens, döt, wo de Ries SĂ€ntis amel sind Ellboge abgstĂŒtzt het, döt hets e sone Tolle im Bode geh und döt isch hĂŒt de Seealpsee.
đĄ MĂ€rli oder Sag?
Ob dâGschicht vom Ries SĂ€ntis es MĂ€rli oder e Sag isch, da dörfeder selber entscheide. Die beide Gschichtsforme sind nĂ€mli zimli gliich. Wemmer so id SchuelbĂŒecher inelueged, denn heissts amel, e MĂ€rli seg frei erfunde, meischtens vo MĂ€rliverzeller oder sogar vo Glehrte, und e Sag sig e Gschicht, wo meischtens vom Volch selber verzellt wore isch und mindestens öppis Wohrs drin heg. Ez isch es natĂŒrli so, dass me de Ries SĂ€ntis nĂŒme chönd froge, obs en ĂŒberhaupt mol geh heg, well, wenns en denn mol geh hetti, denn wĂ€r er scho lang nĂŒme do. Oder irgendwo versteckt am pfuuse. Aber wamer sicher wĂŒssed: De Seealpsee, de gits. Und sâSchwendibachtal und dâMegglisalp gad au. Und dâHĂŒsli im Appezellerland sind wĂŒrkli verstreut, da mönder eu mol go aluege, wenners nonig gmacht hend.