LiteraTour d’Horizon: «Deshalb ist Demokratie niemals Zeitverschwendung»
Rezension zu «Zwischen Welten»
«… es ist toll, wie offen du bist. Und ja, ich verstehe dich. Ich glaube, wir sind uns (nicht nur du und ich, sondern die Gesellschaft im Ganzen) ziemlich einig, was die Ziele betrifft. Die Frage ist nur, wie man dahin kommt. Und, ob es um jeden Preis sein darf. Aus meiner Sicht, ist um jeden Preis immer falsch. Man muss immer nach den Kosten fragen, immer eine Abwägung vornehmen. Deshalb ist Demokratie niemals Zeitverschwendung.»
Zwanzig Jahre liegen zwischen dem letzten Treffen von Kuhschwester79 und Mercurius, die eigentlich Theresa und Stefan heissen. Sie haben sich jetzt an der Aussenalster wiedergetroffen (zufällig), sind dabei aneinander geraten (weniger zufällig) und versuchen nun, ihre Lebenswelten wieder in Einklang zu bringen und vielleicht sogar die alte Freundschaft wieder zu beleben. Theresa hat damals ihr Studium in Münster abgebrochen, ist einigermassen überstürzt zurück in die ostdeutsche Provinz, hat dort den viel zu grossen und viel zu defizitären Hof ihres verstorbenen Vaters übernommen. Wobei «Hof» nicht ganz treffend ist, denn es ist ein grosser Betrieb mit vielen Kühen und einigen Angestellten, die alle auch ihr eigenes Leben und ihre eigenen Probleme haben. Stefan hingegen hat noch zu Studienzeiten das Magazin Heftig gegründet, ein linkes Aktivistending, das ihm den Weg in die Chefetage des traditionell-liberalen Flaggschiffs Bote geebnet hat. Dort ist er zum Zeitpunkt des Wiedersehens stellvertretender Chefredaktor, nutzt den Genderstern, denkt über veganen Lifestyle nach, arbeitet und trinkt zu viel.
Nach ihrem verheerenden Wiedersehen an der Hamburger Aussenalster trennen sich die Wege der beiden ehemaligen Wohngemeinschaftsgenossen wieder, aber sie beginnen, sich zu schreiben. Das Autorenduo Juli Zeh und Simon Urban wählt für die Form des Erzählens einen modernen Briefwechsel: Erst schreiben sich Theresa und Stefan ausführliche E-Mails, wechseln dann zu Messengerdiensten wie WhatsApp und später Telegram und – aus Gründen – verschlüsselten Diensten.
Buch und Geschichte funktionieren gut. Die Handlung ist klar, stimmig und trägt zuverlässig durch die Seiten. Überzeugend ist auch die Charakterentwicklung. Man kann beide irgendwie ganz gut verstehen. Der Plot selbst überrascht nicht ständig, und das ist gut so. Gerade darin liegt die Qualität des Romans: «Zwischen Welten» interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für das oft anstrengende Aushalten von Differenz. Theresa und Stefan stehen nicht für Gut und Böse, sondern für zwei legitime, allerdings nur schwer vereinbare Perspektiven auf Gegenwart und Verantwortung. Der Roman zeigt, wie schnell Verständigung in moralische Überhöhung kippt und wie viel Anstrengung und Willen es braucht, wieder zur Sache zurückzukehren. Demokratie wird wie nebenbei mitgeschrieben, nämlich als Haltung.
Bisweilen wirkt die gewählte Form zu gesucht, etwa wenn Theresa in einer Mail an Stefan ausführlich erzählt, wie sie ihr Wiedersehen erlebt hat, auch wenn nicht alles in aller Deutlichkeit ausgesprochen – ausgeschrieben – wird, wirkt die Unterhaltung gerade in den ersten Korrespondenzen stellenweise unnatürlich, wenn auch für die Leserschaft wichtig: «…und da stehst du plötzlich in der U-Bahn vor mir und breitest deine Arme aus. Wenn das kein Schicksal war. Danach ist das Ganze allerdings ziemlich aus dem Ruder gelaufen.» Gleichzeitig passt gerade diese Umständlichkeit zur Sache. Demokratie vollzieht sich nun mal selten in pointierten Dialogen, sondern in langen, mitunter umständlichen Erklärungen, in Missverständnissen, in Rücknahmen, in Anpassungen und feinen Justierungen. Dass nicht jede Mail literarisch elegant wirkt, ist vielleicht weniger Schwäche als Konsequenz der gewählten Perspektive: Wer sich wirklich verständigen will, muss sich wiederholen, rechtfertigen und muss – eben – aushalten.
«Zwischen Welten» ist weniger ein Roman über zwei Menschen als über die Zumutung der Gegenwart. Er zeigt, wie brüchig Verständigung geworden ist und wie notwendig sie bleibt. Wer wissen will, warum Demokratie anstrengend ist und gerade deshalb keine Zeitverschwendung, findet hier einen literarischen Versuch, der klüger ist als so manche politische Debatte.
Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten; Luchterhand Literaturverlag, München 2023; ISBN 9783630877419; 448 Seiten
LiteraTour d’Horizon | Was ist das?
«LiteraTour d’Horizon»: Was ist das? Tour d’Horizon bedeutet so viel wie «Überblick, Blickfeld», und die Literatour ist eine Wortschöpfung aus der Literatur und – eben – der Tour.
In loser Folge erscheinen in der LiteraTour d’Horizon Buchbesprechungen, meist von Wiederentdeckungen, hin und wieder auch von Neuerscheinungen und -entdeckungen. Dabei geht es mir nicht darum, brillante Verrisse zu schreiben, sondern das, woran ich Gefallen finde, zu erzählen. Für die Besprechung der Werke werde ich nicht bezahlt und auch sonst in keiner Weise unterstützt. Die LiteraTour d’Horizon ist vielmehr ein Liebhaberprojekt und der Versuch, schöne Werke aus den Bücherkisten zu holen und zugänglich zu machen.
Lese- und Besprechungstipps nehme ich allerdings gerne entgegen. Wer mag, darf mir auch Leseexemplare schicken, wobei ich mir ausdrücklich vorbehalte, von einer Besprechung abzusehen.
Weiter, immer weiter nur!
Folge besonnen der Spur
Folge ihr über Stock und Stein
Folge ihr durch Wald und über Wiese
Folge ihr durch Schluchten der Stadt
Folge ihr auf Gipfel und Grat
Folge ihr durch finstre Täler, hinaus aus dem Abgrund;
sie verliert dich nicht.
Folge nur,
folge deiner Spur
«Der Rabe wachte über mich, bis das Tageslicht kam. Dann flog er davon und liess mich allein mit den Toten zurück. Er wusste nicht, dass er mich vor dem Licht beschützen sollte, nicht vor der Dunkelheit.»
In ihrem Roman «Das Tal der Blumen» entführt uns die grönländische Autorin Niviaq Korneliussen in eine Landschaft von karger Schönheit und existenzieller Wucht: nach Ostgrönland, wo der titelgebende Ort – ein Friedhof – als Symbol für Trauer, Erinnerung und gesellschaftliche Verdrängung steht.
Die namenlose Protagonistin bewegt sich in einer seltsamen Mischung aus Gleichgültigkeit und tiefem Erleben durch die, durch ihre Geschichte. Sie taumelt, scheinbar unberührt und doch von jedem Augenblick tief durchdrungen, bis zum Ende. Dieses Schweben zwischen Nähe und Distanz macht die Lektüre gleichermassen intensiv wie verstörend. Der Ton ist direkt, frisch, ungeschönt. Korneliussen ist dabei niemals sentimental, sondern behält stets eine starke, unmittelbare Klarheit bei. Stossend ist, dass in der deutschen Übersetzung von Franziska Hüther stets von «Selbstmord» gesprochen wird, ist dieser Begriff doch stark negativ belastet. Immerhin rückt er den Suizid in die Nähe eines der schlimmsten Verbrechen, das verübt werden kann: Mord. Dabei ist der Suizid an sich wertfrei, er ist lediglich eine mögliche Handlungsoption des Menschen. Ansonsten scheint die Übersetzung aus dem Dänischen den unmittelbaren Ausdruck Korneliussens zu bewahren und dessen schonungslose Offenheit zu transportieren.
Dass die Autorin für «Das Tal der Blumen» als erste grönländische Autorin überhaupt mit dem Nordischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ist ein Zeichen dafür, dass eine Stimme zu hören ist, die nicht nur literarisch überzeugt, sondern auch gesellschaftlich dringend notwendig ist.
Denn das Buch ist mehr als eine individuelle Erzählung. In, aber vor allem zwischen den Zeilen klingt eine deutliche Kritik an: Grönland leidet seit Jahrzehnten unter einer erschütternd hohen Suizidrate – so sehr, dass es dafür gar einen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt. Die Autorin benennt dies nicht mit Anklage, sondern mit literarischer Konsequenz. Indem sie nämlich das Schweigen der Gesellschaft in ihre Prosa übersetzt, legt sie zugleich den Finger in die Wunde, die das Nichtstun hinterlässt. Der Roman wirkt wie ein Schreiben gegen das kollektive Verstummen, gegen Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. «Tulukkat qaqortippata» – erst, wenn die Raben weiss werden – sagen die Grönländer*innen und meinen damit das Unmögliche. Und genau darin liegt die Hoffnung des Romans: Dass es auch für das Unverständliche Worte gibt, dass das Schweigen gebrochen werden kann, dass Heilung möglich ist.
So wird «Das Tal der Blumen» zu einem fast schon radikalen Erlebnis. Der Roman hält uns dazu an, auszusprechen, was sonst lieber verschwiegen wird. Und er erinnert daran, dass Literatur nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Räume öffnet, in denen verdrängte Wirklichkeiten und verschüttete Lebenswelten sichtbar werden.
Niviaq Korneliussen: Das Tal der Blumen; Übersetzung aus dem Dänischen von Franziska Hüther; btb, 2023; ISBN 978-3-442-76239-2 281 Seiten
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I became rather good at self-medication, which, of course, never really helped.
Dieser Satz ... Er schwirrte in ihrem Kopf umher und liess sie nicht los. Warum? Weil er so schön war (sie hatte es ja, dieses Faible für schöne Sätze)? So prägnant? So zutreffend? Sie wusste es nicht, aber der Satz schwirrte. Und schwirrte. In Englisch. Krempelte den Kopf um, alles war englisch. Und vor dem Fenster zog der graue Morgen vorbei. Ein bleierner Himmel wurde langsam hell, einzelne zerrissene Nebelschwaden waberten über die Felder.
Grosi selig hat zu dem Himmel immer gesagt: «Christkindchen bäckt.» Das hab ich immer gern gehört, weil gibt Guetsli. Was sollte man auch sonst backen zu Weihnachten?!