LiteraTour d‘Horizon: «Tulukkat qaqortippata»
Rezension zu «Das Tal der Blumen»
«Der Rabe wachte über mich, bis das Tageslicht kam. Dann flog er davon und liess mich allein mit den Toten zurück. Er wusste nicht, dass er mich vor dem Licht beschützen sollte, nicht vor der Dunkelheit.»
In ihrem Roman «Das Tal der Blumen» entführt uns die grönländische Autorin Niviaq Korneliussen in eine Landschaft von karger Schönheit und existenzieller Wucht: nach Ostgrönland, wo der titelgebende Ort – ein Friedhof – als Symbol für Trauer, Erinnerung und gesellschaftliche Verdrängung steht.
Die namenlose Protagonistin bewegt sich in einer seltsamen Mischung aus Gleichgültigkeit und tiefem Erleben durch die, durch ihre Geschichte. Sie taumelt, scheinbar unberührt und doch von jedem Augenblick tief durchdrungen, bis zum Ende. Dieses Schweben zwischen Nähe und Distanz macht die Lektüre gleichermassen intensiv wie verstörend. Der Ton ist direkt, frisch, ungeschönt. Korneliussen ist dabei niemals sentimental, sondern behält stets eine starke, unmittelbare Klarheit bei. Stossend ist, dass in der deutschen Übersetzung von Franziska Hüther stets von «Selbstmord» gesprochen wird, ist dieser Begriff doch stark negativ belastet. Immerhin rückt er den Suizid in die Nähe eines der schlimmsten Verbrechen, das verübt werden kann: Mord. Dabei ist der Suizid an sich wertfrei, er ist lediglich eine mögliche Handlungsoption des Menschen. Ansonsten scheint die Übersetzung aus dem Dänischen den unmittelbaren Ausdruck Korneliussens zu bewahren und dessen schonungslose Offenheit zu transportieren.
Dass die Autorin für «Das Tal der Blumen» als erste grönländische Autorin überhaupt mit dem Nordischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ist ein Zeichen dafür, dass eine Stimme zu hören ist, die nicht nur literarisch überzeugt, sondern auch gesellschaftlich dringend notwendig ist.
Denn das Buch ist mehr als eine individuelle Erzählung. In, aber vor allem zwischen den Zeilen klingt eine deutliche Kritik an: Grönland leidet seit Jahrzehnten unter einer erschütternd hohen Suizidrate – so sehr, dass es dafür gar einen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt. Die Autorin benennt dies nicht mit Anklage, sondern mit literarischer Konsequenz. Indem sie nämlich das Schweigen der Gesellschaft in ihre Prosa übersetzt, legt sie zugleich den Finger in die Wunde, die das Nichtstun hinterlässt. Der Roman wirkt wie ein Schreiben gegen das kollektive Verstummen, gegen Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. «Tulukkat qaqortippata» – erst, wenn die Raben weiss werden – sagen die Grönländer*innen und meinen damit das Unmögliche. Und genau darin liegt die Hoffnung des Romans: Dass es auch für das Unverständliche Worte gibt, dass das Schweigen gebrochen werden kann, dass Heilung möglich ist.
So wird «Das Tal der Blumen» zu einem fast schon radikalen Erlebnis. Der Roman hält uns dazu an, auszusprechen, was sonst lieber verschwiegen wird. Und er erinnert daran, dass Literatur nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Räume öffnet, in denen verdrängte Wirklichkeiten und verschüttete Lebenswelten sichtbar werden.
Niviaq Korneliussen: Das Tal der Blumen; Übersetzung aus dem Dänischen von Franziska Hüther; btb, 2023; ISBN 978-3-442-76239-2 281 Seiten
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«LiteraTour d‘Horizon»: Was ist das? Tour d‘Horizon bedeutet so viel wie «Überblick, Blickfeld», und die Literatour ist eine Wortschöpfung aus der Literatur und – eben – der Tour.
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