Nach fast 3 Wochen Alltag hier in Addis Abeba habe ich schon einen großen Einblick in die Kultur und Mentalität der Äthiopier bekommen. Das “Land der Bibel” ist voll und ganz durch die Religion geprägt. Hier leben Protestanten, Orthodoxe, Muslime und weniger Katholiken meist sehr friedlich miteinander. Teilen wird hier groß geschrieben -sharing is caring- habe ich schon oft gehört. Meine Kollegen und Freunde bestehen immer darauf, mir die Taxifahrt oder den Nachmittagssnack beim Bäcker zu bezahlen. Auch die täglichen Mahlzeiten schätzen sie viel mehr, indem vor dem Essen gebetet wird. Jedes Mal wenn man an einer Kirche vorbeifährt muss man auch ein kurzes Gebet ableisten, das hat mich schon sehr verblüfft als bei meiner ersten Taxifahrt alle Insassen das Kreuzzeichen vor ihrem Körper zeichneten. Auch finde ich es besonders, dass viele Studentinnen überzeugt davon sind, keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe praktizieren zu wollen. Das Thema Sexualität wird jedoch generell fast tod geschwiegen. Es gilt eher als peinlich, wenn selbst über 20-jährige darüber kichern. Als großes Paradoxon erscheint mir, dass alle untereinander mehr Körperkontakt zeigen. Beim Überqueren der Straße ist es normal, dass Männer die Hand von Männern nehmen oder sich im Taxi aneinander festhalten. Wenn ich jedoch das Thema Homosexualität anspreche, ernte ich nur großes Lachen und vor allem Abscheu. Noch nie habe ich eine derartige Konfrontation bei diesem Thema erlebt und eine derartige Außeinandersetzung geführt. Homosexuelle gelten hier als psychisch krank, als ekelhaft, als etwas dass man beseitigen muss. Alle Argumente, dass Gefühle bedingungslos sind und sich das Geschlecht nicht aussuchen, dass Nächstenliebe doch eine große Rolle spielen sollte und dass jeder Mensch doch das Recht habe, zu seiner Liebe zu stehen schlugen mehr als fehl. Unter Gelächter meinte einer sogar, wenn er ein homosexuelles Paar auf der Straße sehe, würde er sie umbringen. Ich war so wütend und hilflos, dass ich nach Gründen suchte für einen derartigen Hass, der für mich mit keiner Religion zu entschuldigen ist. Nach Internetrecherchen wurde mir so einigen klar, denn 97 % der Äthiopier stimmten für ein striktes Verbot sämtlicher homosexueller Ausübungen. Das ist nach Mali das Land mit der höchsten Ablehnungsrate. Für sexuelle gleichgeschlechtliche Aktivitäten drohen sogar bis zu 15 Jahre Haft. Seit der Kindheit wird den Menschen hier durch Bildung und der Kirche die Ablehnung von Homosexualität propagandiert. Ich habe für mich beschlossen das Thema vorerst zu vermeiden und mir die guten Dinge in den Vordergrund zu rufen. Ich finde es immer wieder so erstaunlich, in was für unterschiedlichen Welten wir leben, wo wir doch alle Eins sind.