Keine echten Drabbles, dazu hatte ich heute keinen Kopf. Aber zu jedem Bild eine kleine Szene.
~ 1 ~
"Beleidigungen sind wichtig. Weil wir sonst in kaltem Respekt aneinander vorbei leben."
Die Aussage von Kollegin M. ist nicht ganz ernst gemeint. Das ist Sebastian klar. Trotzdem zeigt sie ihm mal wieder, was für ein Glück er hat, dass er sich mit Thorsten so gut versteht. Dass das, was sie beide haben, nicht selbstverständlich ist.
Sebastian beschließt, erst mal Tee zu machen. Für Thorsten.
Es ist immer schlimm, wenn ein junger Mensch stirbt. Und doch … Sebastian kann nicht leugnen, dass ihm die Arbeit Spaß macht. Auch bei diesem Fall zeigt sich wieder, dass Thorsten und er ein gutes Team sind.
Und dann steht Thorsten in diesem Spusi-Anzug vor ihm, berichtet davon, dass er die Wohnung nach Zeichen eines Mitbewohners oder Freunds abgesucht hat und Sebastian muss für einen Moment aufpassen, dass er sich zu nichts hinreißen lässt. Weg ist der professionelle Ermittler. Für einen Augenblick ist er nur Sebastian. Und Sebastian möchte Thorsten in die Arme schließen, fest an sich drücken und so schnell nicht mehr los lassen.
"Hast du ein Handy gefunden", fragt er stattdessen.
Sebastians Telefon klingelt. Er geht ran und …
Thorsten muss den anderen Teil des Gesprächs nicht hören, um zu wissen, was sich unter Sebastians Freundlichkeit versteckt.
Nette Worte. Ein positiv-überraschter Tonfall. Gute Mine zum bösen Spiel.
Was auch immer Sebastian da gerade erfahren hat, es wird auch Thorsten nicht gefallen.
"Ja … da freuen wir uns aber", sagt Sebastian enthusiastisch.
Das darunter liegende Das kann ja super werden…, hört Thorsten so deutlich, als hätte Sebastian es ausgesprochen.
"Danke schön!", säuselt Sebastian. Er lächelt.
Wie lange kennen sie sich jetzt schon?
Nicht ganz zwanzig Jahre.
Trotzdem gibt es nach all dieser Zeit so vieles, für das sie keine Worte finden, aber das hier, dieses fundamentale Verstehen des anderen, das funktioniert auch ohne Worte.
Sie stehen mal wieder vor einer Tür und warten, dass jemand auf ihr Klingeln reagiert.
Hier wohnt die beste Freundin der Verstorbenen. Gleich werden sie ihr den Tag verderben müssen. Es ist nie leicht, so eine Botschaft zu überbringen. Wenn man gleichzeitig aber noch etliche Fragen stellen muss, die dringend eine Antwort brauchen, benötigt man Fingerspitzengefühl.
Sebastian atmet tief durch und lässt seinen Blick schweifen.
Neben ihm sammelt sich Thorsten auf seine Art.
Wie so oft erledigen sie das Gespräch gemeinsam. Sebastian ist froh darüber. Natürlich könnte er das auch ohne Thorsten über die Bühne bringen. Aber gemeinsam … Gemeinsam fühlt er sich weniger allein. So doof das auch klingen mag.
Sebastian hat sich einen Tee zu seiner Curry Wurst bestellt. Unruhig taucht er den Teebeutel ins heiße Wasser, zieht ihn raus und lässt ihn wieder eintauchen. Rein. Raus. Hoch. Runter. Die ganze Zeit in rasche Abfolge.
Thorsten kennt dieses Verhalten. Es bedeutet, dass Sebastian etwas beschäftigt. Dann ist auch diese eine Falte auf seiner Stirn ausgeprägter. Thorsten kann richtig zusehen, wie sich die Gedanken formen, Theorien bilden, Verdachtsmomente erhärten und dann doch wieder als unwahrscheinlich abgetan werden. Aber bevor kleine Rauchwölkchen aus Sebastians Ohren kommen können, wendet er sich Thorsten zu. Und für einen kurzen Moment überlegt Thorsten, wie es wohl wäre, Sebastian jetzt einfach an sich zu ziehen und zu küssen.
Eigentlich wollen sie mit dem Vermieter sprechen. Allerdings treffen sie in der Wohnung der Verstorbenen auch gleich auf deren Eltern.
Sebastian kümmert sich um die beiden. Ihnen geht es sichtlich nahe, dass sie den dunklen Fleck am Parkett entdeckt haben, wo ihre Tochter monatelang langsam verwest ist.
Thorsten versucht inzwischen mit dem Vermieter zu sprechen. Den interessiert aber nur, wann die Wohnung wieder freigegeben werden kann und wer für den Schaden im Parkett aufkommt.
Irgendwann stößt Sebastian wieder zu ihnen.
Thorsten wirft ihm einen Blick zu. Wie geht's den Eltern?
Sebastian nickt. Den Umständen entsprechend.
Thorsten runzelt die Stirn. Ist es eine gute Idee, die beiden allein zu lassen?
Stumm erwidert Sebastian seinen Blick. Mach dir keine Sorgen.
Jetzt nickt Thorsten. Danke, dass du dich um sie gekümmert hast.
Der Vermieter bekommt von ihrer Unterhaltung nichts mit.
Sebastian lehnt lässig am Schreibtisch, während sie über über Singelbörsen und verzweifelte Menschen sprechen.
Während Thorsten und M. über Singelbörsen und verzweifelte Menschen sprechen.
Sebastian lehnt nur und lauscht.
Wobei das "lauschen" etwas übertrieben ist.
Er hofft, dass es so wirkt, als würde er aufmerksam zuhören. Seine Gedanken sind inzwischen ganz wo anders.
Thorsten hat ihm irgendwann erklärt, dass er keine Lust darauf hat, am Morgen überlegen zu müssen, was er anzieht. Also sind alle seine Sachen in irgendwelchen Grauschattierungen bis runter zu echtem Schwarz - auch wenn sich das meistens auf sein Sakko beschränkt.
Aber heute hat er wieder dieses eine Hemd an … das, dessen Farbe Sebastian einfach nicht einordnen kann.
So oder so, bringt es das Blau von Thorstens Augen richtig zum Leuchten.
Was auch immer Thorsten und M. gerade besprechen verschwindet so vollkommen im Hintergrund, dass Sebastian nicht mal sagen kann, wann M. ihre Sachen gepackt und das Büro wieder verlassen hat.
"Die kennt den 'Fischer'. Darauf verwette ich meinen Allerwertesten", sagt Thorsten gut gelaunt. Offenbar glaubt er, dass sie endlich eine vielversprechende Spur haben.
Sebastian ist skeptisch. "Wenn du sie nicht so unter Druck gesetzt hättest, dann hätten wir jetzt schon einen Namen …"
"Dir wird sie ihn geben. Wetten?"
Er kann sich eine Bemerkung nicht verkneifen. "Ach meinst du? Ja? Was setzt du denn diesmal ein? Das Beste ist ja schon weg …"
Eigentlich ist das nur als Geplänkel gemeint. Aber die Art, wie Thorsten leise vor sich hin grinst, während sie die Staffel runter zum Porsche laufen … Auch in Sebastian macht sich gute Laune breit.
Zumindest so lange, bis ihm klar wird, dass er Thorsten ins Gesicht gesagt hat, dass er einen knackigen Hinter hat.
Thorsten steht am Fenster. Wie immer, wenn ihm irgendwas zu viel wird. Und wie immer in diesem Fall, steht Sebastian auf und geht leise zu Thorsten. Er wird neben ihm stehen bleiben, den Blick ebenfalls raus richten und wie Thorsten weder das Haus gegenüber, noch die Bäume wirklich sehen. Oder aber er scheißt darauf, dass sie hier im Präsidium sind, stellt sich hinter Thorsten und legt seine Arme um ihn. Er weiß jetzt schon, wie sich das anfühlen würde. Thorsten ist warm. Er ist kompakt. Er hat genau die richtige Größe, um das Kinn auf seinen Scheitel zu legen, die Augen zu schließen und seinen Geruch einzuatmen. In Sebastians Fantasie würde sich Thorsten an ihn lehnen und leise seufzen. Sie würden beide nicht mehr aus dem Fenster blicken und für einen Moment diesen ganzen verdammten Fall vergessen können.
Stattdessen läuft es so wie immer. Sebastian bleibt neben Thorsten stehen — nah genug, um seine Wärme erahnen zu können. Aber zu weit entfernt für alles andere. Und jeder versucht allein mit seinem Frust fertig zu werden.