Schöne Seel‘, wann kehrst du wieder?
Vor Jahr und Tag ließ ich dich zieh’n.
Mich die starke Seele schlug man in Eisen,
Du, der zarte Seelenvogel konntest fliegen, solltest fliehen,
Mir erzählen, ob die große Welt noch grünt.
Suchen sollst du nach dem Wasser,
In dem dein Spiegelbild dem meinen gleicht.
Einen einz’gen Becher davon bring mir.
Ein Becher voll, das reicht,
Dass meine Kräfte gänzlich wieder kehren
Und ich entfliehe diesem Totenreich!
Du selber trink von diesem Wasser nicht,
Es wird dir deinen Anmut rauben. Asch und fahl wird dein Gesicht.”
Also sprach die alte große Seele, und die zarte ließ er frei.
Doch sie ließ sich von der Sonne blenden, und vergaß die alte Seel’ dabei.
Ein Jüngling namens Amor stieg ihr nach, versprach sein Herz, sein halbes Land.
Und alles, was sie jeh erträumte, fiel ihr plötzlich in die Hand.
Auf dem Gipfel ihrer Macht und Schönheit, ergriff sie eine Wasserschal’.
Mit einem Schrei ließ sie sie fallen, ihre Wangen wurden fahl.
„Die alte Seel’ hab ich vergessen, drunt’ im dunkeln Grab.
Ich bin all des Golds nicht würdig, holt ihn herauf, stoßt mich hinab.
Halt, noch besser: holt von diesem Wasser mir, ich will es trinken,
Und für alle Zeit in Schmach und Hässlichkeit versinken.
Der, die den Freund vergaß, sei Schimpf Und Schand.
So zeigt ihr mich im ganzen Land!“
Doch dann fiel auf ihr Spiegelbild ihr Blick.
Und wieder hin. Probierte dies probierte das, und sagte dann: „Ach wisst ihr was? Das war nur Spaß!
Hin ist die Reinheit meiner Seel‘, krieg’s nicht zurück wenn ich mich quäl‘!“
Trank fortan nur noch Wein, und stellt das Grübeln ein.
So bleibt der Mensch doch Mensch, und seine Heiligkeit, die hat ihre Halbwertzeit!