- Das Borderline Mädchen -
Sie scheint ein ganz normales Mädchen zu sein.
Und vielleicht ist sie das auch.
Abgesehen von dem einen Wort, das man ihr gegeben hat. Borderline.
Seit ihrer Diagnose sehen viele nicht mehr sie.
Zu laut. Zu viel. Zu kompliziert. Zu emotional.
Als wäre sie eine Sammlung von Warnhinweisen und nicht ein Mensch mit Geschichte.
Kaum jemand sieht, was wirklich dahinter liegt.
Diese Emotionen, die nicht einfach Gefühle sind, sondern Wellen. Zu hoch, zu stark, zu schnell. Emotionen, die sie überrollen, bevor sie lernen konnte, wie man auf ihnen steht. Und trotzdem steht sie jeden Tag wieder auf. Kämpft. Hält aus. Gibt ihr Bestes – auch dann, wenn ihr Bestes kaum noch Kraft hat.
Sie lebt mit Reizüberflutung, mit Gedanken, die nie leise werden.
Mit einer inneren Zerrissenheit zwischen Nähe und Distanz, zwischen Bitte bleib und Bitte geh. Dazu kommen Phasen, in denen alles schwer wird: Depressionen, Ängste, dieses lähmende Gefühl, dass selbst das Atmen zu viel sein kann.
Und doch darf ihre Maske nicht fallen.
Nach außen ist sie freundlich.
Sie ist aufmerksam, warm, ein kleiner Sonnenschein.
Nicht, weil es ihr immer gut geht – sondern weil sie gelernt hat, dass es sicherer ist, zu strahlen, als zu erklären.
Denn wie erklärt man einem Menschen ohne Borderline,
dass in einem Moment alles in Ordnung sein kann
und im nächsten Moment die Erschöpfung so tief sitzt,
dass selbst das Ticken einer Uhr zu laut ist,
Wie erklärt man, dass das kein Schauspiel ist,
sondern ein Nervensystem, das ständig am Limit lebt?
Und hofft, dass jemand irgendwann nicht nur das Wort sieht,
sondern den Menschen dahinter.