27/ de Beauvoir / Das andere Geschlecht
bin ich froh, dass wir uns an Simone herangewagt haben.
Und noch froher, dass sie nun gelesen ist.
Denn sie zog sich, auch wenn sie das nicht im Sinn hatte. Über Wochen, und ich gebe zu, ich habe fremdgelesen weil sie mir zu zäh war. Ich habe noch mehr als sonst auf meinem Handy gedaddelt auf zu langen Bahnfahrten, habe gar im ICE mit Interesse die "mobil" gelesen...
Das liegt nicht am Inhalt, es liegt am Detailreichtum ihrer Aufbereitung. An der Schilderung von allen Seiten. An der biologischen, historischen, psychologischen, literarischen Herangehensweise, an der Frage, wie das Weibliche immer als das andere, das Männliche als der Standard verstanden ist.
Das Buch ist 1949 geschrieben und dafür enorm hellsichtig. Und traurig in dem, wie viel sich nicht verändert hat - oder welche Dinge sich gar zurück entwicklen. Bodyshaming oder Empowerment hat sie damals nicht benutzt, oder gesellschaftlicher Rollback - mitgedacht war aber alles schon.
Soviele Details des immer gleichen Problems. Ein Problem, dem wir uns heute noch entgegen stellen . 2018 feiern wir 100 Jahre Frauenwahlrecht - und sind von echter Gleichstellung noch meilenweit entfernt.
"Größtenteils ist es die Angst, Frau zu sein, die den weiblichen Körper zerfrißt."
"Alles trägt dazu bei, ihren persönlichen Ehrgeiz zu bremsen und gleichzeitig legt ein ungeheurer sozialer Druck ihr nahe, in der Ehe eine gesellschaftliche Position, eine Rechtfertigung zu suchen."
"Mit der Freundschaft verhält es sich genau wie mit der körperlichen Liebe: damit sie authentisch ist, muß sie zuerst frei sein. Freiheit bedeutet nicht Laune: ein Gefühl ist ein Engagement, das den Augenblick überschreitet."
lang hat Simone mich begleitet, an Weihnachten war es endlich geschafft! Das andere Geschlecht ist ein umfassendes Werk zur Geschichte der Stellung der Frau, angefangen von der Entstehung der Arten, über verschiedene Völker bis hin zur "Neuzeit" der 1940ger Jahre und vom Kleinkind hin zur erwachsenen Frau. Unermüdlich und erschöpfend belegt de Beauvoir ihre getroffenen Analysen mit ausführlichen Beispielen. Vielleicht manchmal auch sehr erschöpfend für den Leser.
Für ihre Zeit hat sie damit ein revolutionäres Werk geschaffen, ein Statement, das die weitere Entwicklung zur Stellung der Frau maßgeblich beeinflusst hat. Sie diente und dient damit AktivistInnen und FrauenrechtlerInnen als Grundlage ihres Schaffens. Deshalb ist Das andere Geschlecht auch heute noch, auch wenn nicht mehr ganz aktuell, jedem zu empfehlen, der sich mit dem Thema tiefer auseinandersetzen will und einen Komplettüberblick wünscht.