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@con-alegria
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Geil. La buena vida!
Ein Gefühl für Entfernung...
Da ich dank Con-Alegria alle meine Reisen genau notiert habe, hat mich meine Mama auf die Idee gebracht mal all die Kilometer, die ich innerhalb dem ein Jahr Reise zurück gelegt habe, vielleicht mal zusammen rechnen und aufschreiben sollte. Bitte schön.
Die ungefähre Kilometeranzahl, die ich in diesem Jahr in Lateinamerika zurückgelegt habe, beträgt ca. 64.987,97 km. Diese Angabe ist sehr ungenau, da ich nicht alle Busfahrten mehr auswendig weiß, jedoch habe ich bei der Berechnung keine geschätzten Werte benutzt, sondern mit Hilfe von Google Maps, Luftlinienberechnung und Ruta0 (Reiseseite Argentinien) alle zurückgelegten Strecken möglichst genau zu erfassen. Die Kilometeranzahl setzt sich aus Strecken mit dem Flugzeug (16 Flugzeuge; inklusive eines Sportflugzeuges), Bus, Auto, Fähre und Zug (ausschließlich Tren a las Nubes) zusammen. Hier ein paar interessante Fakten:
Kilometer mit dem Flugzeug: ca. 37.988,45 km
Kilometer mit dem Bus: ca. 19.761,7 km
Kilometer mit dem Auto: ca. 5.867,5 km
Kilometer mit der Fähre: ca. 1.040,32 km
Kilometer mit dem Zug: ca. 330 km
_______________________________________________________________________
Reisekilometer mit Mama und Gabi: 5.582,74 km
Reisekilometer mit Kathi und Matthias: 6.393 km
Man verstehe, warum die Entfernung Córdoba - Buenos Aires von ca. 700 km einem Ausflug gleicht. Interessant zu wissen, ist vielleicht auch, dass Kathi, Matthias und ich im Vergleich zu meiner Reise mit Mama und Gabi keine Strecke mit dem Flugzeug zurückgelegt haben. Der Wunsch möglichst viel zu sehen in begrenzter Zeit ließ uns bei einem gebuchten Tagesausflug bereits ca. 486 km in einem halben Tag zurücklegen. Unsere längste Busfahrt von Puerto Iguazú (Provinz Misiones) bis Salta Cápital (Provinz Salta) ließ uns innerhalb mehr als 24 Stunden am Stück 1.443 km zurücklegen. Dicht gefolgt von der Strecke Buenos Aires (Capital Federal) - Puerto Iguazú (Misiones) von 1.337 km zurückgelegt in etwas weniger Zeit dank gut ausgebauter Infrastruktur.
Um ein Gefühl für Entfernung bekommen. Vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Deutschlands sind es ca. 886 km Luftlinie. In Argentinien sind es ca. 3.700 km Luftlinie. 7.500 km sind es, wenn man den lateinamerikanischen Kontinent betrachtet. Die gesamte Reisestrecke in Relation zu setzen, gestaltet sich also schwierig... Ein Versuch: Die Äquatorlinie beträgt 40.075,01 km Luftlinie. Als hätte ich also ca. eineinhalb mal die Erde umquert. Schönes Gefühl!
Das Lied möchte ich NIE wieder hören. DAS Lied in den Boliches (Clubs) im Sommer 2013 / 2014 überhaupt... Grrr
Fuera - Karina
'Achtung, Achtung! Bauarbeiten an den Rohren in der Nachbarschaft'
Meine Fun Facts Argentinien:
Natürlich habe ich während meines Auslandaufenthalts in Argentinien so einige kulturelle Irritationen und merkwürdige Angewohnheiten aufgeschnappt, die ich hier mit euch teilen möchte.
> Wer in Argentinien ein gebrauchtes Auto kaufen will, sucht vergeblich nach Schildern oder Notizen, wo 'Auto zu verkaufen' an eines der hinteren Fenster geklebt wurde. Man halte bitte Ausschau nach leeren Plastikbehältern auf dem Auto. Also niemals beim Getränke ausladen auf die Idee kommen, Flaschen auf dem Dach des Autos kurzzeitig zu laden. Man könnte falsche Signale versenden.
> Wenn plötzlich auf dem Weg nach Hause plötzlich ein Baum mitten auf der Straße gepflanzt wurde - keine Panik. Die Rohrleitungen sind wieder geflickt. Damit nach Rohrarbeiten keiner direkt über die betroffene Stelle fährt, wird für ein paar Wochen ein Baum gepflanzt und danach auch wieder entfernt. Zusammenfassung: Natur wird in der argentinischen Gesellschaft mehr als Straßenverkehrsschilder respektiert.
> Wer in Deutschland Angst vorm Freitag den 13. hat, sollte sich in Argentinien Dienstags den 13. bangen.
> In Argentinien bzw. ich bin mir sicher, dass dies in ganz Lateinamerika der Fall ist, hat das Hupen beim Autofahren gleich vier verschiedene allgemeine Bedeutungen (chronologische Reihenfolge für am meist benutze Verwendung):
1. Ankündigung 'Ich fahre zuerst'. Gerne genutzt beim Heranfahren auf eine Kreuzung ohne Stoppen zu müssen. Gesetz: Wer als erstes gehupt hat, darf fahren.
2. Klassische Anmache 'Du gefällst mir kleines!' (mir ausschließlich nur bei männlichen 'Hupen' aufgefallen).
3. Grüße an den besten Freund ausrichten, der am Auto vorbei läuft.
4. 'Achtung!' Wird am wenigsten verwendet, da für Achtung vorzugsweise die Warnblicklichtanlange genutzt wird.
> Beim argentinischen Asado (Grillfest) wird für jeden nicht vegetarischen Gast 500g Fleisch (inklusive Knochen) berechnet.
> Da bei dem Versuch die Sommerzeit in Argentinien einzustellen nicht alle Einwohner mitgemacht haben, wurde sie nach nur einem Jahr wieder abgeschafft.
> Die spanische Vokabel 'coger' (deutsch: nehmen) bedeutet in Argentinien umgangssprachlich 'Sex haben'. So sollte man für das Verb 'nehmen' besser 'tomar' oder 'agarrar' verwenden.
> Ein Großteil der Argentinier in Córdoba glaubt an 'OVNI' (objeto volante no identificado = deutsch: fliegendes (nicht identizierbares) Objekt). Der argentinische Sternenhimmel ist kein Vergleich zum europäischen Himmel bei Nacht. Auch wenn ich selbst kein OVNI gesehen habe, ich würde eher annehmen es in Argentinien als in Europa zu sehen. Viele berichten von unerklärlichen Lichtern am Himmel. Hier sind keine grüne Männchen gemeint, sondern viel mehr der Glaube, dass in der uns bekannten Welt noch nicht alles ergründet worden ist.
> Beim Abseitstor in der ersten Halbzeit vom Finale der Weltmeisterschaft von 2014 im Maracaná ging die argentinische Mannschaft an den Fernseherbildschirmen in Argentinien kurze Zeit mit viel Jubel in Führung, bis nach kurzer Zeit der Spielstand in der Leiste wieder zu 0:0 korrigiert wurde.
Die Argentinier...
Hier ein paar Erinnerungsfotos passend zum Partida Bericht.
Salida.
Ich muss meinen Bericht mit einer Entschuldigung einleiten. 172 Tage ist es heute genau her, seit dem ich nach fast genau einem Jahr wieder deutschen Boden unter den Füßen hatte. Reiselustige die meinen Blog regelmäßig verfolgt haben und mich auf meinem Abenteuer Lateinamerika verfolgt haben, ohne die Person hinter dem Blog persönlich zu kennen, müssen sich das schlimmste ausgemahlt haben. Ist Con – Alegria im Tal der Sierras Chicas verloren gegangen? Vielleicht im Tumult der 9 de Julio in Buenos Aires untergetaucht? Ab jetzt Wohnhaft in Antofagasta de la Sierra = keine Internetverbindung? Es tut mir wirklich leid. Con – Alegria, wie der Name schon für sich verrät, viel Freude bereitet Euch an meiner Reise teilhaben zu lassen. So viel Spaß hat mir die Rückreise nicht gemacht. Natürlich war ich traurig meine zweite Heimat auf ungewisse Zeit verlassen zu müssen, glücklich auf geliebte Menschen in Deutschland wieder zu treffen und hätte das Gefühlschaos nicht schon ausgereicht, hatte das Schicksal noch mal großes mit mir vor. Meine nervenaufreibende Erfahrungen mit argentinischen Behördengängen stellte mich ein weiteres Mal auf die Probe und dabei sollte es auch nicht bleiben. Für die Rückreise habe ich nur wenige Worte übrig. Von ’Albtraum’ und ’abenteuerlich’, bis hin zu ’flimreif’, ’unwirklich’ und ’Happy-End’.Sollte jemand das hier lesen, begeistert davon sein und einen Film drehen wollen... Ich besitze die Filmrechte. Meine Erlebnisse, also auch mein Film. Vom Rückkehrtrauma eingenommen (falls es dieses Wort nicht gibt; ich behebe ebenfalls Ansprüche darauf), konnte ich nicht gleich davon berichten. Das ganze zu verdrängen gelang mir aber nicht. Den ersten Monat zurück in Deutschland hatte sich mein Unterbewusstsein wohl dazu entschieden, das unerwünschte Erlebnis in allen meinen Träumen zu thematisieren.
Meine letzten zwei Wochen in Argentinien passten Hilde und ich gemeinsam auf Hund, Hof und Hotel meiner Gasteltern auf. Nach und nach begann der Abschied von Freunden und meiner zweiten Heimat, die ich hier in Argentinien gefunden hatte. Die Vorstellung in wenigen Tagen wieder in Gevelsberg zu sein, schien mir unwirklich. Unwirklich fremd. Ohne Michu war das Haus meiner Gasteltern ein anderes. Ich hatte für die Rückreise ein zweites Gepäckstück gebucht. Es hatte sich viel zu viel Kram in diesem einem Jahr angesammelt, so dass ich mich fast von der Hälfte meiner Kleidung trennte (was mich nachher noch in Erklärungsnot bringen wird...) und sich die Koffer in der Nacht vor der Abreise trotzdem nicht schließen ließen. Die Tage vor der Rückreise schlief ich kaum. Ich bin normalerweise fasziniert von Menschen die stundenlang im Bett liegen können ohne direkten Schlaf zu finden.. Diese Tage war ich selbst damit, dem mir sonst so schrecklich unbekanntem Phänomen, beschäftigt. Kaum geschlafen wachte ich am 13. August ganz früh auf. Mein sonstiges große Talent den Wecker in den frühsten Morgenstunden nicht zu beachten, völlig vergessen. Zum Glück hatte sich Jorge dazu bereit erklärt mich nach seiner Nachtschicht im Hotel zum Flughafen zu bringen. Dies bedeutete für mich zwar noch weniger Schlaf und einen früheren Abschied noch dazu, aber ich war froh nicht auf die Lep und Taxi zurück greifen zu müssen. Mich bewegte nun erst mal wieder der Gedanke an meine widerstrebigen Gepäckstücke von gestern Nacht, wo ich aber am Morgen nach nur kurzer Zeit als Sieger raus ging. Jorge kam für argentinische Verhältnisse viel früher als erwartet, so fand er Hilde und mich noch bei der Darbietung meine Koffer in Frischhaltefolie einzuwickeln vor. Es muss einfach nach was ausgesehen haben, wie wir um die fast platzende Gepäckstücke tänzelten. Ich verabschiedete mich traurig von Hilde und Flo und fuhr zum vorerst letzten Mal den nur zu bekannten Weg nach Córdoba. Nach gut eineinhalb Stunden kamen wir am Flughafen von Córdoba an und ich verabschiedete mich nun auch von Jorge. Die genauen Uhrzeiten habe ich nicht mehr im Kopf, aber es muss noch vor 11 Uhr gewesen sein und so hatte jetzt erstmal viel Zeit. Mein erster Flug zum internationalen Flughafen Ezeiza in Buenos Aires sollte um halb fünf losfliegen. So wie es der Zufall wollte, meldete sich den Tag zuvor nach langer Zeit Santiago bei mir. Wir hatten uns einen Morgen beim Frühstück in Rio de Janeiro kennen gelernt, als wir feststellten, dass wir beide zu der Zeit Córdoba unsere Heimat nennen konnten. Unser Kontakt brach leider ziemlich zeitgleich zum Finale der Weltmeisterschaft ab. Ich erzählte ihm, dass ich am nächsten Tag nach Hause reisen würde und lud ihn spontan ein, nicht den morgigen Tag ein bisschen mit mir am Flughafen zu warten. Ich hatte bereits meine Koffer abgegeben und nach dem Ende des ersten Film, den ich mir auf meinem Computer anschaute, stand er auf einmal vor mir. Da ich schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, ihn in nächster Zeit zu sehen, freute ich mich umso mehr heute auf einen guten Freund meiner Brasilienreise zu treffen. Ich hatte meine Mateequipment im Handgepäck und so setzten wir uns vor den Eingang des Flughafens auf die große Wiese und schlürften Mate. In diesem Moment wusste ich, wie sehr ich Argentinien jetzt schon vermisste. Mate. Zurück in Deutschland würde ich niemals so schnell jemanden finden, der sich spontan zum Mate trinken verabreden würde. Ich hatte genug Mate im Gepäck, jedoch ist alleine Mate trinken irgendwie witzlos. Fast so wie alleine Rotwein zu trinken. Ich weiß nicht. Santiago gab zu, dass es mehr oder weniger wirklich mit dem Finale zu tun hatte, wieso ich danach so wenig von ihm gehört hatte. Nicht nachtragend, verkniff ich mir ein paar Sprüche, die sich spontan in meinem Kopf ansammelten. Ich wusste genau, was ich mir alles hätte anhören müssen, hätte Argentinien diese Weltmeisterschaft gewonnen und nicht Deutschland. Von mir war kein Spruch gekommen. Ich erinnerte mich Santiago bzw. Argentinien für dieses schöne Spiel bedankt zu haben und danach kam erst mal nichts mehr. Es war wirklich nett geschrieben gewesen! Das Thema ließen wir also danach auch aus.
Meine letzten Stunden in Córdoba. So langsam wurde ich nervös. Mein Handy hatte mir jetzt schon zum zweiten Mal angezeigt, dass sich die Flugzeit um ein paar Minuten nach hinten verschieben würde. Es war immer noch kein Grund zur Aufruhe. Sollte die Flugzeit sich jetzt nicht mehr verändern, so würde ich noch genug Zeit in Buenos Aires haben. Santiago musste los und so langsam wurde es für mich auch Zeit den Sicherheitsbereich aufzusuchen. Gerade hatte ich den Sicherheitscheck hinter mir, als ich meinen Namen auf einmal in den Lautsprechern des Flughafens hörte. Ich wurde ganz nervös. Gedankenlos hatte ich nicht genau hingehört und schreckte bei meinem Namen zusammen. Die weibliche Stimme sprach meinen Namen ungewohnt mit ihrem spanischen Akzent aus, jedoch dürfte es sich weniger um eine Verwechslung handeln, immerhin sprach sie meinen kompletten Namen aus. Alle drei Vornamen. Ich hastete mit meinem Handgepäck zum Infoschalter und fragte die einzige Frau, die irgendwie so aussah, als würde sie hier arbeiten - weit und breit nur Reisende um mich herum - was los sei. Ich hätte meinen Namen gehört. Panisch ich hätte vielleicht meinen ersten Flug verpasst, immerhin hatte ich die letzte Stunde draußen verbracht und keine Durchsagen bemerkt. Hatte sich die Flugzeit noch mal verändert? Auf die Idee, dass es etwas mit meinem Gepäck zu tun haben könnte... darauf kam ich erst gar nicht. Die junge Frau, erleichtert mich gefunden zu haben, klärte mich auf und führte mich zu einer ihrer Kolleginnen, die ich gerade beim Sicherheitscheck bereits kennengelernt hatte. Sie führte mich wieder aus dem Sicherheitsbereich raus und gleich die nächste Tür neben dem Eingang wieder rein. 'Aduana' las ich. Zoll. Immer noch von der Situation überrascht, folgte ich stumm meiner Begleitperson. Wir fuhren mit einem Lastenaufzug eine Etage tiefer und verließen den Ausgang auf der Seite nach draußen, wo wir uns zwischen Gepäckbändern wiederfanden. Ich sah bereits meine zwei Gepäckstücke herausgefischt und auf einem Metalltisch bereit liegen. Sie hatten natürlich vor sie zu öffen und ich sah die Sicherheitsmänner entsetzt an. "Muss das wirklich sein?", frag ich sie flehend. "Ich habe sie heute morgen nur mit Mühe und Not schließen können" Mir graute es das Prozedere gleich noch mal erleben zu müssen. Die Sicherheitsmänner lächelten mir munter zu und versprachen freundlich, mich nach der Kontrolle nicht allein mit dem Problem zu lassen. Man kam ins Plaudern, ich erzählte ihnen, dass ich ein Jahr in Argentinien gelebt hatte und mich nun auf dem Rückweg befand. So klärte sich das ein oder andere direkt auf. Mein Kofferinhalt, der zum Großteil aus Stadtplänen, kleineren Büchern, aufbewahrten Eintrittskarten und überhaupt massig Papierkram bestand, war ihnen bei der normalen Kontrolle komisch aufgefallen. Es muss wie eine schwarze Wand ausgesehen haben (Papier wird dunkel angezeigt), wodurch man wohl überhaupt nichts sehen konnte und ihnen die Koffer irgendwie verdächtig vorkamen. Beim Vorschein von dem angekündigten Papierkram, der sich nun mal innerhalb eines Jahres so ansammelt, dazu mehrere Packungen Dulce de Leche, Fernet Branca, einem Fläschchen voll rotem Sand, dass ich mir in der Wüste von La Rioja abgefüllt hatte, Mate und Co. hatten die Sicherheitsleute genug gesehen. Fragten mich, ob ich eine schöne Zeit hier verbracht hätte und halfen mir meine Sachen zurück in die Reisetausche zu räumen. Ein Sicherheitsmann, etwas unbeholfen mein Gepäck wieder vollständig zurück zu räumen, trat kurzer Hand wieder bei Seite und lies mich packen. "Den zweiten Koffer brauchen wir nicht öffnen" sagten sie mir. Nach einer weiteren Durchleuchtung waren sie mit den Bildern und meiner meiner Beschreibung vom Inhalt wohl ganz zufrieden. So wurde ich wieder zurück zum Sicherheitsbereich gebracht und unterzog mich ein zweites mal der Kontrolle. Mein Tee aus Peru! Was ein Glück, dass sie nicht in den anderen Koffer geschaut hatten... Die Frage, ob wir die Koffer nach der Kontrolle wohl wieder schließen könnten, hatte mich so beschäftigt, dass ich gar nicht mehr an den Tee gedacht hatte. Coca-Tee nach Deutschland einzuführen, ist eigentlich nicht erlaubt. Da ich beim letzten mal aber auch keine Schwierigkeiten hatte, war ich nicht auf die Idee gekommen dieses Mal auf Protest des Sicherheitspersonals am Zoll zu rechnen. Na ja. Das war ja noch mal gut gegangen. Mittlerweile hatte sich die Flugzeit des Inlandfluges weiter nach hinten verschoben. Ich rechnete mir die verkürzte Wartezeit neu aus und versuchte cool zu bleiben. Hätte ich doch einfach einen der Flüge zum nationalen Flughafen gebucht. Zwar wäre der Flughafenwechsel in Buenos Aires vom nationalen zum internationalen Flughafen nicht gerade entspannt verlaufen, jedoch hätte ich dies viel lieber in Kauf genommen, statt diesen mir vielleicht nichts nützenden Luxus nicht umsteigen zu müssen, gleich zu spät für meinen Anschlussflug am internationalen Flughafen zu sein. Hm. Ich war nicht die einzige Person die sich dadrüber den Kopf zu zerbrechen schien. Die Frau neben mir wollte heute Abend weiter nach Madrid fliegen. So langsam wurde sie auch nervös. Wirklich froh, nicht noch mal in Madrid umsteigen zu müssen, versuchte ich mir einzureden, dass schon alles gut gehen würde. Wenn ich nur wüsste... Als ich nach langer Zeit mal wieder eine Angestellte der Aerolíneas Argentinas erblickte, teilte ich ihr meine Sorgen mit und wurde mit der beruhigten Nachricht, dass die vorgesehene Maschine aus Patagonien in Kürze eintreffen würde, wieder etwas gelassener. Es würde keine Probleme geben die Anschlussflüge von Aerolíneas zu bekommen. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Einfach gesagt. Natürlich klappte dies nur bedingt. Ich empfand viel Neid den Passagieren, deren Flugzeug pünktlich abhob und die man durch die mit Glas abgetrennten Gänge den Weg zum Flugzeug antraten sah. Die Zeit verging nicht. Kaum.
Die genaue Ankunftszeit kann ich Euch nicht mehr nennen. Es war spät. Zu spät für mich. Ich hatte Glück fast als erste aus dem Flugzeug in Buenos Aires auszusteigen. Hätte das nicht geklappt, wäre diese Geschichte vielleicht noch anders ausgegangen. Obwohl... Nein. Weiter im Text. Wir kamen am Terminal C an. Einen Transitbereich gibt es nicht, so wurden die Weiterreisenden direkt in die großen Ankunfts- und Abflughalle vom Terminal C geleitet. Ich kannte mich hier schon aus. Auf meinem Hinflug war es von hier weiter nach Córdoba gegangen, damals hatte ich auch komplett auschecken müssen und in diesem Terminal meinen Koffer wieder abgegeben. Später war ich den Morgen, als Kathi und Matthias ankamen, wieder hier gewesen. Ich lief mit meinen vielen Taschen auf den Mann am Eingang des Sicherheitsbereiches zu und hielt ihm mein Ticket unter die Nase. Er nickte und ich rannte den Gang weiter zur Handgepäckkontrolle. Dort stellte ich mich in die Schlange. Man scannte mein Flugticket und ich reihte mich in die nächtste Schlange ein. Natürlich piepste der Sicherheitsdurchgang bei mir, als ich unter ihm her ging. Diese unnötige Zeitverplemperung passte mir nicht, aber nun gut. ’Safety first’. Ich hatte mich ein bisschen entspannen können, im Hinterkopf jetzt den fast beflügelten Gedanken das nächste Gate nicht mehr weit zu wissen. Nur noch die Passkontrolle. Wie sehr ich die argentinische Zollbehörde NICHT vermissen werde. So viel Zeit für nichts hatte ich während meines Aufenthalts dort verbracht.
Eine kurze Unterbrechung: Als ich während meines Aufenhalts auf die fixe Idee kam, ein Praktikum im Hotel meiner Gasteltern zu machen und diese auch damit einverstanden waren, rieten sie mir davon ab das Praktikum offiziell mit Visabeantragung zu machen. Ich könnte ein bisschen über die Schulter von allen schauen, jedoch müssten wir vorsichtig sein. In Argentinien werden die Betriebe regelmäßig kontrolliert. Damals verstand ich nicht, wieso sie mir den Gang zum Migrationsamt nicht empfehlen, mir sogar davon abrieten. Und sie hatten die Erfahrungen gemacht. Angie hatte auch viel Zeit auf den Behörden verbringen müssen, um endlich in Argentinien offiziell bleiben zu können. Heute würde ich allen davon abraten kurzzeitige Beschäftigungen in Argentinien zu machen. Es ist die Zeit einfach nicht wert. Für das Geld was man in die Beantragung des Visums steckt, sollte man einfach reisen und sich das Land angucken. Ein Grund weswegen es Schwarzarbeit gibt, kannte ich jetzt und ich verstehe ihn besser als jeder andere.
Die wollte ich so schnell nicht wieder sehen. Gefühlt ging diese Warteschlange zum Glück schnell voran. Kaum zum Anfang der Schlage gelangt, leuchtete an dem Bildschirm in der Halle mir auch schon die Nummer des nächsten freien Schalters. Ich begab mich dorthin, reichte der Frau meinen Pass und die drei Zettel von der Aduana. Papiere, die sozusagen mein Arbeitsvisum und argentinischer Ausweis zugleich waren, da es das Amt versäumt hatte mir meinen Ausweis zukommen zu lassen. Noch mit Kathi und Matthias war ich zum Ende unserer Reise am Zollamt in Cordoba gewesen und hatte mich beraten lassen. Natürlich konnten die sich nicht erklären, wo der Ausweis geblieben war, jedoch gaben sie mir diese drei wichtigen Zettel für die Ausreise. Ich wurde unruhig als mir die Bearbeitung meiner Dokumente irgendwie länger vor kam, als bei allen anderen. Igendwie fühlte man die Blicke der wartende Reisende im Rücken, die aus der Schlange das Geschehen prüften. Nun regte sich die Frau in ihrer kleinen Kabine und wandte sich mir die Papiere kritisch durchforstend zu. “Das ist abgelaufen“, sagte sie knapp. “Das kann nicht sein“, entgegnete ich. „Mein Arbeitsvisum geht bis Januar 2015, nur ist mein argentinischer Ausweis unerklärlicher Weise nicht zugestellt worden“ Sie schaute nun etwas verdutzt, entschuldigte sich und verlies ihre kleine Kabine. Mit den Papieren in der Hand ging sie in ein Büro weiter hinter in der Halle. Nach einigen Sekunden kam sie gleich wieder zuück. “Ja, abgelaufen. Dieses Dokument ist nicht gültig“
Ich konnte kaum atmen. “Ihre Arbeitskollegen in Córdoba hatten mir es gegeben. Ich hatte zwei vorläufige Dokumente und da mein Ausweis mich nicht vor meiner Heimreise erreicht hat, haben mir die Beamten vom Migrationsamt in Cordoba diese Papiere zur Ausreise geben“ Verunsichert von meinen Aussagen und den ihr gerade aufgetragenen neuen Anweisungen, kehrte sie noch mal in das Büro zurück. Ich folgte ihr. Ich konnte nicht anders. Angespannt gleich zwei Flüge wegen der Unkenntnis des Angestellten in Córdoba zu verpassen, musste ich sofort wissen was los war. Der vermeintliche Vorgesetzte meiner Zollbeauftragten interessierte sich kaum für meinen Fall. Schien ’beschäftigt’. Wir gingen zurück und sie gab mir meine Dokumente zurück. “Es geht nicht. Sie müssen eine Gebür bezahlen, um das Land verlassen zu können“ Ich erinnterte mich an Carla. Sie hatte rausgefunden, dass Touristen egal wie viel länger sie sich als die 90 Tage Touristenvisum in Argentinien aufhielten, ob einen Tag oder mehrere Jahre, letztendlich mussten alle eine Gebühr von 200 argentinischer Pesos zahlen (umgerechnet bei ca. 17 Euro). “Okay, ich bezahle es“, ganz starr von der neuen Erkenntnis und dem wohlmöglichem neuen Lichtblick der Situation. Ich hielt ihr meine Kreditkarte in die Durchreiche. In diesem Moment hätte ich ihr mein ganzes Geld und noch viel mehr gegeben, nur um endlich die Rolltreppe hoch zum Gate gelangen zu können. Sie wehrte ab. Panik kam hoch. Wut. “Nicht hier. Sie müssen zum Migrationsamt in Terminal A und dort das Ausreisedokument verlangen. Den Antrag auf der Bank bezahlen und dann können sie ausreisen“ Ich versuchte die Fassung zu wahren, Tränen konnte ich schon nicht mehr verhindern. Und diese Wut.
Terminal A? Es war nach halb 10 Uhr! Mein Flug? „Ich verpasse meinen Flug... Ich... Das kann ich niemals rechzeitig schaffen..... Ich muss nach Deutschland..... Ich verpasse sofort mehrere Flüge.... Ich.. Terminal A?“
„An Ihrer Stelle würde ich mich beeilen“
Vorbei. Das ist unmöglich zu schaffen. Einfach nicht möglich.Ich warf mir meine Matetasche über die rechte Schulter, die Papiere in der Hand und rannte den ganzen Weg zurück. Lief an den Wartenden der Passkontrolle vorbei. Weiter an den Sicherheitsmännern der Handgepäckskontrolle. Ticket ent-scannen. Den Gang zum Eingang des Sicherheitsbereichs von Terminal C zurück. Rannte raus. Rannte aus dem Terminal und versuchte mich an den Weg zum Terminal A zu erinnern. Links entlang rannte ich. Schilder zeigten mir die Richtung an, den auch meine Erinnerung gefolgt wäre. Langsam merkte ich, dass ich den ganzen Tag über nicht viel zu mir genommen hatte. Einen halben Monat zuvor hatte ich eine Woche lang Antibiotikum nehmen müssen. Meine Kondition war jetzt schon an der Grenze. Eine Pause gönnte ich mir trotzdem nicht und versuchte mich auf meinen wackligen Beinen zu halten. Terminal A kam jetzt in Sicht. Ich rannte vorbei an Menschen, die ich zuvor im Flugzeug gesessen hatte. Vielleicht erkannten sie mich auch wieder. Ihr Blick auf mich gerichtet sagte es mir nicht. Vielleicht zog ich die Aufmerksamkeit auf mich, weil ich die einzige Person war, die es eilig hatte. Und das so richtig. Angekommen in der riesigen Eingangshalle, steuerte ich auf einen Sicherheitsmann zu. “Migrationsamt?“ keuchte ich. Er zeigte mit den Fingern in eine Richtung der großen Halle und ich hastete weiter. “Entschuldigung“ rief ich allen Menschen entgegen, die ich in Kürze umrennen würde, oder bereits mit meinem Gepäck getroffen hatte. Aufpassen... Extrem rutschiger Boden! Den Pass immer noch in der Hand reichte ich ihn bestimmerisch der Frau am Schalter des Migrationsamts entgegen. “Ich muss so eine Gebühr für die Ausreise zahlen“ Immer noch aus der Puste, bemerkte ich, dass ich nicht alleine am Schalter stand. Rechts neben mir stand eine Frau, die bitterlich weinte. Ein Mann hielt sie behutsam an den Schultern fest. “Ich verpasse meinen Flug“, rief ich der Frau am Schalter zu, für deren entspannten Art ich im Moment wirklich nichts übrig hatte. Den Wisch endlich in der Hand. “Welche Bank?“ Schon während der Beschriebung rannte ich los. “Gracias!“ Vorbei an den vielen Wartenden, wo ich selbst noch vor gut einem Monat auf Kathi und Matthias getroffen hatte. Weiter zur Bank. Banco de Nacion. “Kann man hier mit Karte bezahlen?“ Der Sicherheitsmann im Eingangsbereich schüttelte den Kopf. Ich hastete zurück zum Geldschalter. Kosten von 200 Pesos nicht eingeplant, hatte ich kaum Bargeld mit mir. Nur Euros. Ich lief zu der Schlange von Wartenden vor den Bankschaltern. “Kann ich vorbei? Ich verpasse meinen Flug nach Deutschland, wenn ich nicht sofort diesen Zettel bezahle. Mein Flug geht gleich“ Hatte ich mich höflich ausgedrückt? Ich weiß es nicht mehr, jedoch liesen mich alle Menschen sofort vor. Vier ewig lange Minuten passierte nichts. Es ging nicht weiter. Was zum Teufel machten die beiden Menschen, die man hinter der Sicherheitswand, welche die Schlange der Wartenden mit den Bankschaltern teilte und etwas mehr Privatsphäre zulies, erblicken konnte. Nur einen Fuß vom Schalter weggesetzt, stürmte ich zu dem einzig offenem Bankschalter und schob das Papier und das Geld dem Mann zu. Endlich hatte ich jetzt mal das Gefühl es würde schneller vorwärts gehen. Dem Bankmenschen sehr dankbar, lief ich hastig an der Schlange der Wartenden vorbei und rief ihnen mehrere erleichterte “Mil gracias“ zu. Tausend Dank. Zu schnell wäre ich auf dem Rückweg zum Migrationsschalter fast vor die Füße mehrer gerade gelandeten Menschen gefallen, welche gerade aus der Sicherheitstür versuchten ihre Liebsten zu erhaschen. Ich streckte den Arm aus, um der Frau am Migrationsschalter so schnell wie nur überhaupt möglich die Quittung des Antrages übergeben zu können und suchte in meiner Reisemappe, die ich die ganze Zeit mit mir trug, meinen Pass zu finden. Wo war mein Pass? Die Beamtin tippte etwas in ihren Computer und ging dann zum weiter hinten im Büro stehenden Drucker. WO WAR MEIN PASS? Zu viel Panik. Uhrzeit. Mir wurde fast schlecht, die Uhr zeigte die letztmögliche Zeit zum Gate zu kommen an. Neben mir ein Mann sah auch nervös aus. “Barcelona?“, fragte er. Ich nickte. Jetzt kam die Frau auf mich zu, drückte mir den Antrag und meinen Pass, MEINEN PASS, in die Hand und zwinkerte mir zu. “Du hast deinen Pass vorhin hier vergessen. Vorsicht!“ Ich dankte ihr fielmals. “Viel Glück“, wünschte ich dem Mann aufrichtig und konzentrierte mich nun das ganze Papier in den Händen beim Laufen nicht zu verlieren. Ebenfalls eine gewisse minimale Rücksicht dem rutschigen Boden der Eingangshalle entgegen zu bringen. Raus ins Freie. Ich rannte den Weg, den ich gerade noch gekommen war, so schnell ich nur konnte zurück. Auch wenn ich versuchte die schnellstmögliche Geschwindigkeit anzunehmen, kam ich mir langsam vor und versuchte aber keinen Gedanken dran zu verschwenden. Kraftlos. Blut im Mund. Keine Pause. Würde ich den Flug deshalb verpassen... Diese sportliche Schwäche würde ich mir nicht verzeihen. Auch wenn es hart an Krafttraining grenzte sich mit meinem 20 Kilorucksack schnell fort zu bewegen. Konnte ich es vielleicht doch schaffen? Die späteste Zeit, wann man im Sicherheitsbereich sein sollte, war bereits abgelaufen. KEINE GEDANKEN. DA. TERMINAL C. Ich rannte an den Menschen vorbei, wieder auf den Sicherheitsmann zu. Irgendwo fand ich in dem Papierwirrwarr mein Ticket. Er zeigte keine Miene und lies mich passieren. Ticket einscannen. Die Frau, die irgendwie Ahnung zu haben schien, versicherte mir mit ruhiger Miene – ICH HÄTTE SIE UMARMEN KÖNNEN – dass ich meinen Flug noch bekommen würde. Hoffnungsschimmer. ♥
Es tat so gut, hier in der Schlange das erste Mal wieder verschnaufen zu können. Dieses Mal hatte ich auch bei der Gepäck- und Sicherheitskontrolle mehr Glück. Das Gerät piepste erst bei der Person nach mir und ich ging hoffnungsvoll weiter zur Schlange vor den Zollschaltern. Oh, je! So viele Menschen? Ganz links stand ein Sicherheitsbeauftragter, der am Anfang der Schlange stand und den Gang für das Flugpersonal frei hielt. Ich zeigte ihm mein Ticket und fragte, ob ich nicht an den Menschen vorbei gehen könnte. Mein Flug würde gleich gehen. Er beobachtete das Ticket. Auch wie besonders mein Fall mir in diesem Moment vorkam, für ihn war ich nur eine hochrote X-beliebige Reisende, die ihn wie alle anderen im Minutentakt fragte, ob nicht gerade sie / er an den anderen Wartenden aus Zeitdruck her gehen könnte. “Falls Ihr Flug aufgerufen wird, dürfen Sie eher passieren. Sonst nicht“ Na schön. Würde ich nach all dem Gerenne jetzt hier meine weiteren Flüge verpassen, dann würde ich aber Theater machen. Das versprach ich mir. Ich ging die sich jetzt nur langsam vorbewegende Schlange wenige Schritte vorwärts und sah mich im Spiegel. In diesem Moment war ich das erste Mal wirklich froh in so einer aussichtslos / beschissenen (!) Situation allein war. Ich. Sah. Aus. OH. Mal ganz abgesehen davon, dass meine Kleidung total verschwitzt war. Mein Kopf hatte eine Farbe angenommen, die ich wirklich noch nie an mir gesehen hatte. Wirklich erschrocken blickte ich wieder weg und ging um die erste Kurve der Warteschlange. Irgendwie kam ich mit einem jungem Brasilianer ins Gespräch, der ebenfalls spät dran war. Sein Flug sollte sogar noch ein paar Minuten vor meinem abheben und trozdem stand er da gelassener in der Reihe hinter mir als ich es war. Die Brasilianer... Irgendwann weiter vorne entdeckte mich die nun ja Nachbarin meiner Beauftragten von vorhin, wandte sich direkt ihr zu und kurz darauf durfte ich an allen anderen vor mir Wartenden vorbei zu ihrem Schalter. Den Spruch von eben ’An Ihrer Stelle würde ich mich beeilen’ hatte ich ihr nicht übel genommen. Geschrieben hört es sich härter an, als sie es zu mir gesagt hatte. Natürlich hätte sie sich vorhin anders formulieren können, jedoch war es der Ausdruck in ihrer Stimme gewesen, der mir zeigte, dass sie mitfühlend war. Dass sie mich jetzt an allen anderen vorbei ließ, rechnete ich ihr hoch an. Sie tippte etwas in ihr System, schoss wie gewöhnlich ein Foto und nahm den Abdruck des rechten Fingerabdrucks von mir. Keines der Fotos, die innerhalb meiner Reise an Zollschaltern gemacht wurden, wollte ich je wiedersehen. Ich durfte passieren.
Der junge Brasilianier, der gerade noch in der Reihe hinter mir stand, wurde vor ein paar Minuten mit mir an den Wartenden vorbei gelassen. Da seine Bearbeitung noch schneller verlief, wartete er netterweise auf mich und bedankte sich bei mir. Gemeinsam fuhren wir die Rolltreppe zu den Gates hoch und wünschten uns eine gute Heimreise. Mein Flug wurde aufgerufen. Das Betreten des Flugzeuges wurde angekündigt und es hatte sich bereits eine riesige Schlange vor der Tür gebildet. Zu wissen, dass ich eh nicht die erste im Flugzeug sein würde, beschloss ich noch mal zur Toilette zu gehen. Ignorierte meinen immer noch feuerroten Kopf im Spiegel der Toilette und begab mich zum Gate. Die Angestellten von Aerolíneas Argentinas waren immer noch bei der Koordinierung und Öffnung der Tür beschäftigt. Ich machte ein Foto vom Gate, als würde ich einen Beweis sicher stellen wollen, dass ich auch wirklich das Unmögliche möglich gemacht hatte. Ich war am Gate. Es war geschafft. Gleich würde es endlich von hier weg gehen. Das was gerade passiert war, hatte meine nervenaufreibende zeitaufwändige Versuche und Bemühungen bei der Beschaffung dieses blöden Arbeitsvisums, dass sich auf ein halbes Jahr bezieht, noch mal gekrönt. Einfach zu einem Höhepunkt gebracht, wo ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Ein paar Pesos noch im Handgepäck kaufte ich mir einen Mamorkuchen, der mich mit seiner dunkelbraunen, fast schwarzen Schokolade, einfach nur anzog. Es blieb noch beachtlich viel Rückgeld übrig, jedoch wollte ich es nicht haben. Als sei das Geld an dem Chaos Schuld gewesen. Gleich war ich weg. Ich drückte es der Frau an der Kasse in die Hand “Ich brauche es nicht“ Drehte mich weg und reihte mich in die Schlage ein. Es ging in das Flugzeug, einen Airbus A340 Jet mit der Nummer AR 1160 nach Barcelona, Spanien. Fantastisch! Ich versuchte meine Wut über die argentinischen Schwachköpfen des Migrationsamts zu zügeln. So eine Unfähigkeit! Es half nichts. Ich zeigte Ticket und Pass vor und ging die letzten Schritte zum Flugzeug. Es waren vielleicht 100 Meter, die mich jetzt noch vom Flugzeug trennten und ich konnte meine Wut einfach nicht kontrollieren. Der leichteste Weg mit den ganzen Emotionen in diesem Moment umzugehen war es für mich, die Emotion in Wut zu packen. Wie? Ich habe geflucht. Gewöhnlich tu ich das nicht. Niemals. Es war eine der schwierigsten Angewohnheiten der Argentinier, mit der ich mich zwar befasst hatte, ja befassen musste, sie aber zum Großteil immer zu vermeiden versuchte.
Ein Beispiel: Die Übersetzung des spanische Wortes ’boludo’ (m.) wird im Pons als ’Idiot’ und ’Schwachkopf’ übersetzt. Dieses Wort kann sehr beleidigend verstanden werden, jedoch nutzt man es auch häufig auch als ’Kosenamen’ für Freunde oder befreundete Kollegen, Bekannte. Die Betonung und Mimik ist hier entscheident. Das Wort wird sogar noch für andere Wörter übersetzt, die wir hier nicht anführen wollen.
Von zuhause kenne ich das nicht. Natürlich ist nicht immer alles toll und wunderschön, aber das was da gerade aus meinem Mund kam. Ich war fast selbst überrascht, wie viele Wörter ich doch kannte und auch aussprach. Viele die ich auf meiner Reise kennen gelernt hatte, die ein gewisses Interesse an meiner Muttersprache zeigten, hätte das Szenario sicher gefallen. Wo ihnen doch Gespräche mit anderen Deutschen fast wie ein Streit vorkam. Ich versuchte jedoch nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Dafür sorgte ja eh schon mein wahrscheinlich immer noch hochroter Kopf. Nun gut. Ich schlenderte durch die Reihen und suchte nach meiner Sitzreihe. Im vorderen Abteil traf ich den Mann, den ich eben noch am Migrationsschalter getroffen hatte. Ich nickte ihm zu. Meinen Fensterplatz fand ich relativ weit hinten neben einer jungen Argentinierin, Adriana, wie sich feststellte. Sofort erzählte ich ihr meine ganze Geschichte und sie freute sich mit mir endlich nach Spanien aufzubrechen.
In Barcelona würde ich 24 Stunden Aufenthalt haben. Freiwillig. Da es meine Flugverbindung vom Anfang wegen Flugkürzungen nicht mehr gab, musste ich mich von Spanien aus, um einen neuen Rückflug nach Deutschland kümmern. So hatte ich mich gleich dazu entschieden, dies irgendwie auszunutzen. Einfach das beste daraus zu machen. Nie in Barcelona gewesen, war ich gespannt, was ich morgen alles sehen würde. Alles bestens vorbereitet. Ein Bett im Hostel war reserviert, ich wusste exakt wie ich vom Flughafen in die Stadt kommen würde (selbst eine Stadtkarte mit dem für mich bestimmten Weg befand sich in meiner Reisemappe). Da ich über den Aufenthalt bereits im November entschieden hatte, hatte ich genug Zeit gehabt, diese Reise bis ins letzte Detail zu planen. Die Koffer würde ich am Flughafen für eine Nacht einschließen lassen, falls man sie nicht doch schon abgeben könnte... Das war das einzige, was ich im voraus noch nicht wusste. Bestens informiert, wo sich sogar die Kofferaufbewahrung im Flughafengebäude befand, hätte ich eine zweite Person blind leiten können, ohne je selbst in Barcelona gewesen zu sein. Nach der Ankunft würde ich gern das Meer sehen, vielleicht in die Stadt gehen. Man könnte sich anderen Reisenden anschließen. Tag 2 war für den bekannten Garten von Gaudí reserviert. Das müsste man bei jedem Barcelona-Trip auf jeden Fall gesehen haben. So.
Bei der Belehrung über die Sicherheitsvorschriften an Bord flackerten die großen Bildschirme über den Köpfen der ersten Reihe von unserem hinteren Abteil. Fand ich das gut? Wieso weiß sie das noch so genau? Wartet ab. Wir verließen langsam das Gate und rollten in Richtung Startbahn. Gerade erst in Bewegung gesetzt, blieben wir auch wieder stehen. Gut, wir sind ich Buenos Aires. Auch wenn wir schon nach 23 Uhr jetzt hatten, gerade jetzt starteten die ganzen Maschinen in Richtung Europa los. Rom. Madrid. Barcelona. Frankfurt. Wir waren spät dran und mussten jetzt eben warten.Die Maschine bewegte sich nun nach ein paar Minuten wieder vorwärts. Bog links ab und dann nach nur kurzer Zeit wieder. “Meine sehr geehrten Fluggäste, aufgrund eines technischen Problems können wir nicht plangemäß starten. Wir werden wieder zurück zum Gate fahren und versuchen den Fehler schnell zu beseitigen. Wir bitten Sie an Bord zu bleiben“
Alle schauten sich verwirrt um. Die flackernden Bildschirme? Es wurde nichts weiteres durchgesagt und so entschied ich Musik zu hören. Sicherheitshalber nur mit einem Ohr, sie müssten uns ja zwischendurch neue Informationen zukommen lassen. Mist! Ich hatte mich schon fast auf das Flugzeugabendessen gefreut und jetzt? Mamorkuchen vielleicht? Nachdem mehrere Gäste nach etwas zu trinken gefragt hatten, gingen das Flugpersonal die Reihen mit Plastikbechern durch und verteilten Wasser. Keine Durchsagen. Viele versuchten die Stewardessen auf Neuigkeiten auszufragen, jedoch wussten sie nicht mehr als wir oder teilten sich uns auch nicht mit. Ich schlief ein. Nicht zu wissen wie lange ich überhaupt geschlafen hatte, wurde ich von Lärm ein paar Reihen hinter mir geweckt. Die Passagierin ganz hinten hatte eine laute Disskusion mit der Hauptstewardess angefangen und diskutierte über ihr Recht sofort das Flugzeug verlassen zu wollen. Durfte sie das? Ich wusste nur, dass wenn es ihr erlaubt werden würde, wäre das Flugzeug in 15 Minuten nicht mehr von Passagieren besetzt. Sie stritten jetzt leiser und ich schlief wieder ein. Als nächstes weckte mich die sehnlich erwartete Durchsage. Es knackte. “Sehr geehrte Fluggäste, ich bin froh Ihnen allen mitteilen zu können, dass das Problem behoben werden konnte und wir nun den Flug nach Spanien antreten werden“ Was war denn das Problem jetzt gewesen? Die Lautsprecheransage? Wieso hatte man uns – ich musste auf die Uhr schauen, jegliches Gefühl für Uhr und Zeit verloren – mehr als drei Stunden unwissend im Flugzeug gelassen? Hinzu kam, dass die Durchsagen nur noch auf Spanisch durgesagt wurden. Auf der Hinreise hätte ich dieses Durcheinander wohl nicht verkraftet. Nicht zu wissen was los war, ist eine Sache, jedoch andererseits auch nichts zu verstehen, was da um sich herum passierte... Ohne mich umzuschauen, wusste ich das nicht nur mir mulmig im Bauch war. Wie hatten sie die Dame hinter mir so ruhig gestellt? Wir rollten in Richtung Startbahn und warteten, wenn ich mich richtig erinnerte, ungefähr an der gleichen Stelle von gerade. Wieso standen wir schon wieder? Die anderen Maschinen hätte mittlerweile alle weg sein müssen. War alles in Ordnung? Die Maschine ging in Bewegung und noch bevor wir merken konnten, dass das Flugzeug den gleichen Weg wie vor ein paar Stunden einschlug, meldete sich einer der Piloten mit einer Durchsage. “Sehr geehrte Fahrgäste, hiermit werden wir den Flugversuch abbrechen. Wenn wir zurück am Gate sind, können Sie das Flugzeug verlassen. In dem Flughafenrestaurant wird ein Abendessen für Sie bereitgestellt. Diese Maschine wird aus Sicherheitsgründen den Boden nicht verlassen und da auf die schnelle kein weiteres Modell dieser Größe vorhanden ist, werden wir in Ezeiza bleiben. Safety first (das einzige englische Wort). Die Sicherheit unserer Gäste ist höchste Priorität!“
Allgemeine Aufruhe in der Maschine und größte Verärgerung meinerseits. Natürlich wollte ich die Sicherheit dieses Flugzeuges nicht herausfordern, aber ich hatte mich so sehr gefreut Buenos Aires und somit vorallem die Herrschaften der Migrationsbehörde hinter mir zu lassen. Wieso habe ich mich vor einer Stunde noch so bemüht dieses blöde Flugzeug zu bekommen, wenn es jetzt doch hier blieb. Ich hätte mich einfach eine Stunde lang entspannt in die Halle des Terminal C setzen können. Hier war ich nun zu müde mich weiter aufzuregen. Ich zog meine Schuhe an, sammelte meine Sachen zusammen und verließ mit meiner Sitznachbarin das Flugzeug. Das vor dem Abflug gewünschte Abendessen war um 2 Uhr nachts jetzt irgendwie unangebracht. Am Schalter unserer Tür ging es nicht weiter. Alle bereits ausgestiegenen Passagiere diskutierten wild durcheinander und ließen keinen mehr vorbei. Das Bodenpersonal von Aerolíneas bemühte sich uns irgendwas mitzuteilen, jedoch erfolglos. Trotz Mikrofon hörte man die Passagiere bei weitem lauter rufen. Gar nicht so wirklich auf das jetzt bedacht, war mir die Frage, wann man eine andere Maschine auftreiben würde, wichtiger. Was wurde jetzt aus meinem Barcelona-Trip? Was würde aus meinem letzten Flug nach Düsseldorf? Es waren zwei verschiedene Buchungen. Somit würde sich Aerolíneas einen Teufel scheren, die mir darauf folgenden Kosten zu ersetzen. Die Hostelreservierung? Meine erste Frage hatten jetzt scheinbar auch andere. “Es wird versucht den Flug auf den Nachmittag zu verschieben“ Jetzt ging das Gerufe und die Diskussion erst richtig los. Irgendwie hätte es mir gar nichts ausgemacht die Stunden bis zum Nachmittag am Flughafen zu verbringen, jedoch kamen jetzt weitere Auskünfte. “Nach dem Abendessen im Flughafenrestaurant können Sie sich von unseren Mitarbeitern Voucher (Gutscheine) für Taxifahrten und Hotelzimmer abholen. Reisende aus Buenos Aires wird es überlassen zurück nach Hause zu fahren oder im Hotelzimmer zu schlafen. Sie werden auf dem Weg zum Ausgang zur Halle des Terminal A stehen, wo sie sich überlegen können Ihr Gepäck mitzunehmen oder die vorübergehende Zeit hier zu lassen“ Also gut. Wir gingen in Richtung Restaurant und setzten uns neben einen blonde Frau, die bis jetzt noch alleine am Tisch saß. Vanessa. Sie saß ja schließlich im gleichem Boot, äh Flugzeug. So kamen wir schnell ins Gespräch. Über Skype versuchte ich jemanden von zuhause zu erreichen. Durch die Zeitverschiebung müsste in Deutschland schon wieder morgen sein. Ich erreichte Kathi und klärte sie über meine Situation auf. Da ich selbst nicht wusste was jetzt passieren würde, versprach ich mich später noch mal zu melden. Gut, ich war in Buenos Aires. Auch wenn es jetzt schon sehr spät war, versuchte ich einen Freund San Telmo zu erreichen. ’Mein Flugzeug ist nicht gestartet. Ich bin in Buenos Aires’ schrieb ich, als keiner abnahm. Die Hoffnung vielleicht beim mehrfachen Klingeln ihn aus dem Bett zu holen, gab ich beim zweiten Versuch gleich wieder auf.
Auch wenn ich eines der Menüs bestellte, erinnere ich mich jetzt nicht mehr an das Gericht. Es ist auch unwichtig. Wir machten uns zu dritt auf den Weg zum Ausgang des Transitbereiches. Auf dem Weg trafen wir kaum jemanden. Irgendwann fing uns ein Angestellter der Aerolíneas ein und leitete uns weiter zur Gepäckausgabe. Von Vouchern wusste er nichts. Nun gut. Adriana und Vanessa wollten ihr Gepäck mitnehmen. Ich hatte mir zuerst überlegt das Gepäck am Flughafen zu lassen, aber als ich nun sah, dass am Flughafen zu lagern, übersetzt frei und ohne jegliche Beaufsichtigung neben den Gepäckbändern bedeutete, entschied ich mich doch um. Kurzzeitig war mir der Gedanke gekommen, die Möglichkeit zu nutzen und das Puerto Limon Hostel aufzusuchen. So könnte ich auf noch mehr bekannte Gesichter treffen. Das würde mir jedoch keiner bezahlen und falls etwas mit dem Flug sein würde, wäre es wohl klug in der Gruppe meiner Mitreisenden zu bleiben. Wenn ich mich nicht auf eigene Faust auf ins Zentrum nach Buenos Aires aufmachen würde, könnten mich die Koffer jetzt ja auch begleiten. Ich entdeckte sie sofort und verstaute sie auf einem Gepäckwagen. In der Eingangshalle trafen wir auf weitere Passagiere unseres Fluges AR 1160. Ein älterer Herr erzählte mir, dass er schon seit gestern Probleme hätte aus Argentinien weg zu kommen. Sein eigentlicher Flug wäre am Dienstag Abend aus Buenos Aires gestartet, jedoch durch den Streik der Aerolíneas an diesem Tag ausgefallen und jetzt, heute, zwar aus anderen Gründen wieder nicht gestartet. Geteiltes Leid. Die Gruppe hatten auch auf ihrem Weg zum Ausgang keine Voucher bekommen. Man kann sich vorstellen wie gut wir uns von der Fluggesellschaft betreut fühlten. Irgendwann trafen wir dann auf eine Angestellte der Aerolíneas, die uns angespannt mitteilte, dass wir uns an die Anweisungen hätten halten sollen. Sie selbst hatte auch keine Voucher. “Woher sollen wir die denn nehmen, wenn keiner von Euch welche hatte?“ Die vornehme Anrede hatte sich die Frau eindeutig verspielt. Sie kündigte an, sich dadrum zu kümmern und verschwand wieder. Hier hatte keiner eine Ahnung was los war. Manche waren sehr nervös, weil sie wie ich Anschlüsse verpassen würden. Dazu hatten die meisten auch nur wenige Stunden Zwischenaufenthalt in Barcelona und hatten jetzt schon keine realistische Chance mehr ihre Anschlüsse zu bekommen. Dies lag bei mir ungewiss noch in den Sternen.
Es kamen immer mehr Menschen aus unserem Flugzeug zusammen und so warteten wir gemeinsam auf Neuigkeiten. Zwischendurch kamen noch mal Angestellte der Aerolíneas zu uns und teilten uns mit, dass keine Plätze in den kooperierenden Hotels der Fluggesellschaft mehr frei wären. Auf die Reaktion meiner Mitreisende gehe ich hier besser nicht so genau ein. Es muss irgendwann nach fünf Uhr früh gewesen sein, als zwei Damen der Fluggesellschaft mit Vouchern um die Ecke kamen. “Immer nur zwei Personen auf ein Taxi“, riefen sie. “Ebenfalls würden wir uns freuen, wenn Sie sich zu mehreren auf Zimmer verteilen würden“ Daraufhin kam vermehrt Protest mancher Reisende zu hören. Ich selbst hatte zwar keinen großen Einwände mir ein Zimmer teilen zu sollen, jedoch wollte nach den ganzen Strapazen einfach mal meine Ruhe. Vielleicht, wo immer ich in Buenos Aires untergebracht sein würde, könnte ich mich mit Freunden zum Frühstücken treffen und wollte selbst einfach den anderen keine Unruhe zumuten. Ich bekam ohne Aufwand einen Voucher für ein Doppelzimmer allein für mich ausgestellt. ’Cañuelas’ hieß das Hotel. Zwar bemühte ich mich den Ort des Hotels im Internet ausfindig zu machen, aber ich wurde aus dem was ich fand nicht schlau. Mit den uns zugeteilten Vouchern konnte man sich nun bei der zentralen Taxistelle anstellen und ein Taxi anfordern. Jedoch waren viele der Taxifahrer, für deren Arbeit Aerolíneas uns Gutscheine erstellt hatte, überall. Nur nicht am Flughafen. Viele hatten vor mir schon ihre Voucher bekommen und so hieß es weiter warten. Irgendwann kam ein junges Ehepaar aus Katalonien auf uns zu und teilte mit, dass bei Ihnen im Taxi noch ein freier Platz wäre. So kam ich schließlich ein bisschen eher ins Hotel als mit meinem Gutschein. Ich reichte ihn an andere weiter. Wir fuhren leider nicht ins Zentrum. Ein Treffen mit Freunden würde sich also schwierig gestalten. Es wäre ja auch zu schön gewesen! Die Fahrt über unterhielten wir uns über Katalonien und überhaupt Barcelona. Sie erzählten mir von der unfassbaren Unabhängigkeitsbewegung ihrer Provinz und nach unserem langen Gespräch hatten sie einen neuen Befürworter ihrer Sache in mir gewonnen. Das Thema erinnerte mich an mein Spanischunterricht in der Schule. Dort hatten wir das Thema genau besprochen, doch erst jetzt konnte ich selbst mit dem Thema mehr anfangen. Wenn sie zwischendurch auf Catalán sprachen, konnte ich nichts verstehen. So hörte sich das also an... Es ist eine schöne Sprache, aber wie Portugiesisch für mich. “Wenn Du mal in Barcelona bist, kommst Du uns besuchen“, freuten sie sich. Als wir im Hotel Cañuelas ankamen, saßen bereits mehrere bekannte Gesichter aus der Terminalhalle im Frühstückssaal / Eingangsbereich. Sieben Uhr früh. Ich meldete mich an der Rezeption an, nahm den Schlüssel an mich und beförderte mein Gepäck aufs Zimmer.
Cañuelas, ein vier Sternehotel im Niergendwo der Provinz Buenos Aires, erinnerte mich an eines der Hotelhochburgen von Palma de Mallorca. Von innen sah alles irgendwie gleich aus. Brachte mich später noch groß durcheinander. Mein Zimmer war im dritten Stock. Da der Aufzug gut funktionierte, war mir alles Recht gewesen. Das Gepäck im Zimmer verstaut, ging ich wieder runter in den Frühstückssaal. Ich wollte gucken, ob die anderen beiden Mädels gut ankommen würden, war zwar nicht hungrig, aber durstig und setzte mich so mit einem Kaffe noch ein bisschen zu den anderen. Ich bin Genusskaffeetrinkerin. Vor dem Schlafen Kaffee trinken machte mir nichts aus. Wir bekamen die Information, dass das Hotel von der Aerolíneas Informationen über die neuen Flugdaten bekommen würde und man teilte uns die Uhrzeit des Mittagessens mit. Das Essen war nicht mit dem aus dem Hotel meiner Gasteltern vergleichbar (ein Stern weniger), jedoch war es ok. Ich hatte all meine restlichen Pesos verschenkt und war froh, dass uns alles gestellt wurde. Als die beiden anderen kamen, half ich ihnen das Gepäck hoch in den dritten Stock zu tragen. Wir vereinbarten keine Uhrzeit, aber waren uns einig, dass wir uns austauschen würden, wenn wir was neues erfahren würden und ich machte mich auf dem Weg zu meinem Zimmer. Ausversehen ging ich in ein Nachbarzimmer. Wieso war nicht abgeschlossen? MEINE KOFFER? Bis ich bemerkte, dass ich im Nachbarzimmer von Marcela und Liliana stand, vergingen einige Sekunden. Sie waren noch wach und lachten. Nachher würde es eine heitere Geschichte sein, an die wir uns immer noch gern erinnerten, wenn wir über das Abenteuer AR 1160 sprachen. Total verwirrt betrat ich kurz darauf mein Zimmer. Alles noch da. Ohne ins Bad zu gehen kuschelte ich mich in eines der Doppelbetten und legte mein Telefon für Neuigkeiten direkt neben das Ohr. Mein Handy zeigte mir eine neue Nachricht von Aerolíneas an. Die SMS zeigte mir die neue Flugzeit an. ’16:00 Uhr’. Ich schlief sofort ein.
Eine Stunde später wurde ich von einem Anruf wieder geweckt. “Du bist in Buenos Aires?“ Anruf und Nachrichten hatten ihn erreicht. Zwar befanden wir uns in der gleichen Provinz, jedoch genau auf den entgegnliegenden Seiten. Eine Busfahrt lohnte sich nicht. Wenn man mit den einfachen Bussen nur zum Flughafen aus dem Zentrum fuhr, war man zu lange unterwegs und ich befand mich doppelt so weit noch mal hinter dem Flughafen. Das Schicksal meinte es wirklich nicht gut mit mir. Nun wieder wach, bemerkte ich, dass ich eine neue SMS mit Flugzeiten angekommen war. ’15. August, 21:00 Uhr’ Nein... Das konnte doch nicht sein. Am 15. August sollte ich fast genau inklusive Barcelona-Trip wieder zurück in Düsseldorf sein. Nein. Ich konnte nicht mehr. Ich begann zu weinen. Mein Überraschungsplan am 16. August pünktlich zum Dicken G Festival wieder in Gevelsberg sein, fiel ins Wasser. Dazu war mein Flug nach Deutschland jetzt auch weg. Das ganze Geld... Damit jetzt noch allein gelassen zu werden, war zu viel für mich...
Was nun? Mama könnte ich so nicht anrufen. Mich so hilflos zu wissen. Mich, die sich in Lateinamerika so vielen Aufgaben und Herausforderung gestellt hatte. Allein nach Brasilien gereist war... Ich würde sie nur fürchterlich erschrecken und sah keinen Grund uns beide so fertig zu sehen. Kathi wäre vielleicht eine bessere Idee und zum Glück ging sie auch sofort dran. Wahrscheinlich wartete sie bereits auch auf Neuigkeiten von mir. Ich weinte und versuchte mir etwas Fassung zurückzugewinnen und ihr die erschreckenden Neuigkeiten mitzuteilen. Das Gefühl sich nicht mehr alleine der Situation zu stellen, half mir dabei einen klaren Kopf zurück zu gewinnen. Was waren meine Optionen? Ich könnte die veränderte Flugzeit annehmen und müsste mich in Barcelona um ein weiteres Ticket kümmern. Das Musikfestival würde ich ein weiteres Jahr verpassen. Unzufriedenstellend. Vielleicht wäre es möglich doch den Flug zu ändern und mit einer anderen kooperierenden Airline direkt nach Deutschland zu kommen. Ich wusste, dass die Lufthansa mit Aerolíneas zusammen arbeitet. Zwar gibt es nur Direktverbindungen nach Frankfurt, jedoch war mir das auf einmal sehr Recht. Ich wollte einfach nur noch nach Hause. Ja, diese Option zu versuchen klang gut. “Vielleicht kann mir mein Reisebüro in Bochum helfen“, fiel mir ein, da ich die Reise damals übers Reisebüro gebucht hatte. Wir einigten uns, dass sie unsere Eltern über die Situation aufklären und ich das Reisebüro verständigen würde. Gesagt getan. Leider konnte mir aus Bochum nur bedingt geholfen werden. Mein Plan traf auf Verständnis, jedoch waren den Angestellten im Reisebüro die Hände gebunden. Das System konnte mich nicht umbuchen. Ich könnte es nur versuchen vor Ort bzw. telefonisch zu regeln und bekam Zuspruch, dass für mich eine Umbuchung direkt nach Deutschland am sinnvollsten wäre. Dazu den Tipp, das Argument, dass die Lufthansa selbst nicht ganz unschuldig in meiner unglücklichen Situation war. Mein Hin- und Rückflugticket, bestehend aus drei verschiedenen Flugzeugen pro Reise, konnte 2014 aufgrund von Flugausfällen der Lufthansa nicht mehr angeboten werden und ich hatte mich um ein neues Ticket für die letzte Strecke kümmern müssen. Das würde ich anführen, wenn sie mir mitteilen wollten, dass mein Plan nicht möglich sei. Gar nicht mehr müde und voller Tatendrang entschied ich mich zu duschen, frisch anzuziehen und klärte Kathi kurz über die Reaktion des Reisebüros auf.
Nach der Dusche fühlte ich mich schon besser. Ein Blick auf meinen Handy zeigte mir schon wieder eine Veränderung der Flugzeit an. ’14. August, 16:00 Uhr’. Haha. Schlechter Witz. Jetzt also doch? Darauf wollte ich mich jetzt nicht mehr verlassen. Ich suchte alle meine wichtigen Reiseunterlagen zusammen und ging runter zur Rezeption. Hier war nicht viel los. Anscheinend war das ganze Hotel nur mit dem vom Pech verfolgten Reisenden der Aerolíneas belegt. “Haben Sie etwas über die Flugzeit gehört?“, fragte ich ihn und zeigte ihm meine ganzen Nachrichten von der nun AR 1162 (zuvor AR 1160). Er wusste von nichts. Ich teilte ihm meine ganze Situation mit. Die Schwierigkeiten mit der Migrationsbehörde ließ ich zwar weg, aber irgendwann nickte er mir verständnisvoll zu. Ebenfalls sagte er mir zu, Aerolíneas Argentinas für mich anzurufen, um ihnen meine Situation genau zu erklären. Immer noch führe ich ungern Telefonate auf Spanisch, auch wenn ich mich gut ausdrücken kann, verstehen mich nicht alle und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, dass die Leute von der Hotline der argentinischen Fluggesellschaft dazu gehörten. Es dauerte ein bisschen, dass überhaupt jemand abhieb, jedoch hatte der Rezeptionist meine Situation schnell erklärt und reichte mir nach kurzer Zeit doch den Höhrer hin. Ich nahm ihn entgegen. “Hallo?“ Ein junger Mann am Telefon teilte mir mit, dass er auch wenig von seinem Ort aus anrichten könnte. Er sah nicht, dass ich meine Augen sehr verdrehte, fuhr aber unbeirrt weiter fort, dass die Ersatzmaschine heute abend um 20:30 Uhr Ortszeit geplant wäre. Heute und nicht morgen. “20:30 Uhr?“, fragte ich. Mein Telefon hatte mir gerade noch Nachmittag angezeigt. “20:30 Uhr“, bestätigte er. “Sie könnten versuchen den Flug zu wechseln, aber das müssten Sie am Flughafenschalter regeln. Es sind ein paar Plätze in dem Flugzeug der Lufthansa nach Frankfurt noch nicht belegt, aber ich kann ihnen von hier auch nicht sagen, ob dieser Wechsel möglich ist und wie lange die Tickets noch verfügbar sind“ “Vielen Dank“, verabschiede ich mich und bedankte mich auch beim hilfsbereitem Rezeptionisten. Was nun? Sollte ich es riskieren und zum Flughafen fahren? Mein Telefon zeigte mir jetzt die vom Mann genannten Uhrzeiten in einer neuen SMS an ’14. August, 20:30 Uhr’. Ich musste nochmal meine Schwester anrufen und um Rat fragen. “Könntest du denn den Anschlussflug aus Barcelona mit den veränderten Flugzeiten erreichen?“ Ich guckte in meine Reiseunterlagen. Sollte der Flug wirklich dann los gehen, würde ich ca. vier, vielleicht fünf Stunden Zeit in Barcelona haben. Das wäre machbar. Hm.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen keinesfalls in das Flugzeug einer Aerolíneasmaschine mehr einzusteigen. Nicht weil ich mich nicht sicher fühlte, nein, weil ich der Organisation des Personals höchst skeptisch gegenüber sah. Würde sie dann los fliegen oder nicht. Eigentlich war mir das viel zu riskant. In zwei Minuten würde ich sicherlich wieder eine neue SMS bekommen. Ich berreute es fast, den Benachrichtigungen am Flughafen in Córdoba beim Onlineeinchecken zugestimmt zu haben. Hätte ich denn damit rechnen können, dass die mich mit Änderungen über Flugzeiten eindecken würden? Von Córdoba an? Würde ich mir ein Taxi rufen, um versuchen mit der Lufthansa von hier weg zu kommen, ständ ich direkt vor dem Problem kein Bargeld bei mir zu tragen. Das Hotel befand sich an einer Ruta (Schnellstraße) im niergendwo. Hier eine Bank zu suchen, schien mir keine gute Idee. Und dann war da diese Unsicherheit nicht zu wissen, ob ich den Flug tauschen könnte. Würde vermutlich von A nach B gescheucht werden, weil keiner sich auskannte und mir weiterhelfen wollte. Gedanken an mein ganzes Gepäck... Nein.
Nein. Nein. Nein. “Wollen wir hoffen, dass die Flugzeit bei 21:00 Uhr bleibt. Falls sie sich noch einmal ändert, breche ich sofort auf zum Flughafen. Wenn nicht, versuche ich es“ Das schien mir tatsächlich die einfachste Möglichkeit. Kathi auch. Dem Reisebüro ebenfalls. Fantastisch. Auf einmal hatte ich viel Zeit. Es war noch keine Zeit zum Mittagessen und müde war ich schon gar nicht. Ich wartete auf meinem Zimmer auf keine neuen Benachrichtigungen von Aerolíneas. Erfolgreich sogar.
Nach einer Weile ging ich runter zu den anderen. Mittagessen. Die Schnitzel waren alle etwas angebrannt, aber ok. Ich hatte auch keinen großen Hunger. Adriana hatte von den ganzen Flugzeiten nichts mitbekommen und war jetzt auch etwas beunruhigt. Wir plauderten noch ein bisschen weiter über unsere Fluggesellschaft des Vertrauens. Freunde von ihr hatten vermutet, dass keine technischen Probleme am Flugzeug gewesen waren. Eine Fortführung des Streiks, um noch mehr Druck auszuüben, war ihre Meinung. Hm. Da war ich mir nicht sicher. Aus meiner Erfahrung habe ich mitbekommen, dass Argentinier wohl bewusst und gern ihr Recht zum Streik nutzen (Thema Post...). Wieso sollten sie es anders abwickeln? Die Angestellten von Aerolíneas hatten so bei weitem weniger Spaß an der Sache, die Fluggesellschaft Unmengen an Kosten die warteten Passagiere unterzubringen, von A nach B zu transportieren... Wieso auf diese Weise, wenn es auch entspannt möglich war? Von der Kundenzufriedenheit über die Abwicklung des Problems ganz zu schweigen. Die Rezeption lies uns jetzt mitteilen, dass in Kürze ein Bus eintreffen würde, der uns alle zum Flughafen bringen würde. Wir holten unsere Sachen von den Zimmern, gaben die Zimmerschlüssel ab und gesellten uns wieder zu den anderen. Endlich bekam ich mehr Klarheit über die wohl technische Ursache unseres Problems von gestern Nacht. Die Piloten hatten bei ihrer letzten Kontrolle festgestellt, dass sich der Wärmeausgleich der Turbinen nicht richtig regulieren lies. Ich kenne mich nicht gut mit Flugzeugtechnik aus, aber das hörte sich für meine unwissenden Ohren auch gar nicht gut an und ich war froh, dass man sich zumindest auf die Kompetenz der Piloten von Aerolíneas verlassen konnte. Organisationstalent mal dahin gestellt, in dem wichtigstem Punkt, Sicherheit der Passagiere, hatten sie super reagiert. Es war schon witzig, wie uns das erste Problem gleich wieder einholte. Auch wenn die Aerolíneas eine genaue Liste der Anzahl von uns Passagieren in Cañuelas hatte, der Bus hatte zwei Plätze zu wenig. Die Dame, die von uns zuletzt in den Bus stieg, machte lautes Theater... Na super! Ein Taxi musste her. Kein Problem. Ein Taxi musste her, dass Kooperationen mit der Fluggesellschaft hatte. Na gut. Das gestaltete sich jetzt schwieriger. Wir verloren eine Stunde dank der schlimmen Dame (sie war irgendwie kompliziert) und dem Busfahrer, der sich weigerte zwei Personen im Gang sitzend mit zu nehmen. Okay, ein Unfall würde auf seine Kappe gehen. Ich hatte doch Verständnis. ’Wahrscheinlich geht heute der Flug tatsächlich los, aber ohne euch’, ging mir durch den Kopf. Ich versuchte mir einzureden, dass sie unsere Gruppe nicht hier zurück lassen könnten, nur weil sie nicht einen Bus für alle bestellen wollten. Nein. Das war nicht unser Verschulden, dass wir nicht pünktlich waren. Am Flughafen Ezeiza angekommen, beeilten wir uns zusammen zur Kofferabgabe zu gelangen. Die Nummer unserer Maschine hatte sich verändert, da der Linienflug von heute nach Barcelona auch AR 1160 hieß und geplant um 22:55 Uhr abheben sollte. Na ja, ob das auch passieren würde... Ich war mir da nicht so sicher. Haha.
Ich konnte nicht glauben, dass es gleich los gehen sollte. Ich sah das noch nicht. Gleich würde ich vor der Zollkabine stehen und sie würden sich etwas neues einfallen lassen, weswegen ich heute nicht das Land verlassen könnte. Ich kannte die doch! Die Strafgebühr hatte ich zwar gestern bezahlt, jedoch war ich jetzt doch illegal länger geblieben. Mir wurd schon wieder mulmig. Auf einmal bemerkte ich, dass der junge Mann der Aerolíneas, der vorhin noch unsere Tickets kontrolliert hatte, meine Aufmerksamkeit suchte. Er grinste zu mir rüber, aber nach Flirten war mir jetzt eigeltich nicht zu Mute. Da es nun auch die anderen bemerkten, konnte ich es nicht so einfach ignorieren. Das Machogehabe würde ich nun wirklich nicht vermissen, dachte ich mir. Obwohl... “Senhor?“ Ohne groß zu überlegen, winkte ich den Mann zu mir. Manche lachten. Ich ignorierte es und erzählte ihm kurz über meinen Fall von gestern und zeigte ihm die Quittung über die Ausreisegebühr. “Wissen Sie, ob ich gleich wieder Probleme am Zoll bekommen?“ Er guckte mich ernst an, sagte: “Ich regel das“ und verschwand mit meinen Papieren in der Hand in der Menschenmenge. Oh, oh. Na toll. Dieses Manöver war vielleicht doch nicht so klug gewesen. Als ich mir schon wieder Gedanken machte, er würde vielleicht nicht mehr mit meinem Pass auftauchen, stand er wieder vor mir. “Ich hab das geregelt. Kein Problem!“, er hielt mir stolz die Papiere hin. “Sie haben die Gebühr gestern bezahlt und das technische Problem ist nicht Ihr Fehler“ Dankeschööööön! Mehr hatte ich gar nicht hören wollen “Lassen Sie sich am Gepäckschalter Schildchen mit ’Priority’ geben. Sicher ist sicher“, er zwinkerte. “Falls meine Kollegen fragen, sagen Sie einfach, dass ich das für Sie geregelt habe. Dann sollten Sie keine Schwierigkeiten haben“, er grinste und ging zurück zum Eingang der Warteschlange. “Hat er seinen Namen gesagt?“, fragte mich die Chilenin neben mir. Momentmal... Nein? “He, ihr Name?“ Sofort wissend wer hier gemeint sein müsste, drehte er sich bestätigt um. “Juan“, rief er und grinste nochmal. Er hatte also demonstrativ vergessen, mir seinen Namen nicht mitgeteilt zu haben. Ach, ja. Der Juan! Als ich dran kam, bestand ich also darauf, dass an meine Koffer Prioretyschildchen angebracht wurden. Ich musste gar nichts von meinem ’Flirt’ erwähnen, es gab keine Einwände dagegen. Da ich schneller dran gekommen war als die anderen, wartete ich jetzt kurz auf sie und winkte Juan beim Weg Richtung Transitbereich noch mal zu.
Warten. Ticket einscannen. Warten. Sicherheitskontrolle. Warten... Zoll. Mir schon Worte und Erklärungen im Kopf bereit gelegt, machte die Angestellte einen neuen Stempel in den Pass und das Dokument. Krizelte noch handschriftlich was dazu und gab mir dann alles lächelnd zurück. Warum war Juan nicht schon gestern da gewesen? Ich konnte es kaum glauben, dass auf einmal alles reibungslos funktionierte. Die Treppe hoch an unserem neuen Gatetrafen wir auf die anderen Reisenden unserer Maschine. “ Im Flughafenrestaurant stand Abendessen für uns bereit“ Durch unsere späte Ankunft hatten wir das jetzt schon so gut wie verpasst. Manche gingen jedoch noch hin. Schon wieder Essen? Ich entschied mich am Gate zu warten. Es hatte sich bereits wieder eine Schlange vor der Tür gebildet und auch wenn ich wusste, dass noch nicht Zeit war, ich wollte einfach nur noch ins Flugzeug. “Sind hier europäische Reisende?“ Ich guckte auf. Was? Wo? Der ältere Mann, der seine Tochter in Barcelona besuchen wollte, guckte in die Runde. Ich hob den Arm. “Hier“ Ohne zu wissen wofür ich mich gerade meldete und gerade so laut, dass er mich hören konnte. “Nur ein Reisetipp. Du solltest Entschädigung für die Flugverspätung und das Chaos verlangen“, teilte er mir mit. “Und was ist mit uns?“, meldete sich Marcela hinter uns?“ “Nada“, antworte er. “Wir Argentinier bekommen kein Geld zurück“ (an die genauen Gründe erinnere ich mich nicht) “Geh’ in Barcelona zum Schalter der Aerolíneas und beantrage ein Dokument, dass dir die Verspätung von gestern beweist. Dann bekommst du etwas an Entschädigung zugesprochen“ Er lächelte und man merkte, dass er jetzt, wo er wusste, dass Argentinier nichts bekamen, zumindest alle anderen auf ihr Recht aufklären wollte. Wenn nicht für ihn, dann mindestens für alle anderen.
Endlich durften wir das Flugzeug betreten. Ein bisschen von Flugangst, genauer Respekt vorm Fliegen, befallen, fühlte ich mich heute irgendwie sicherer beim Betreten der Maschine. Sollte etwas mit der Maschine nicht stimmen, die Piloten würden unsere Sicherheit nicht aufs Spiel legen. Noch wahrscheinlicher, das Flugzeug war fünftmal mehr als sonst geprüft worden. Aerolíneas würde uns nicht weitere Strapazen zumuten. Adriana und ich saßen zwar nicht genau auf den gleichen Plätzen wie gestern, aber wir hatten es geschafft, wieder Plätze nebeneinander zu bekommen. Dieses Mal bewusst. Die Flugbegleiterinnen führten die Sicherheitsbelehrungen durch, wir verließen langsam das Gate und ohne längere Verzögerungen startete die Maschine durch. Kein Flattern der Bildschirme. Den Boden unter den Füßen soeben verloren, begann ein heftiges Klatschen der anderen Passagiere. Wir hatten Buenos Aires verlassen. Glauben konnte ich es noch nicht. Der lange Flug war von hier noch entspannter als auf der Hinreise gewesen. Kaum Turbulenzen, aber viel Schlaf bekam ich nicht. Das Filmangebot sprach mich nicht an, man konnte nur zwischen vier verschiedenen Kanälen wählen und so behielt ich zwischen dösen und Musik hören das kleine Flugzeug unserer Reiseroute im Blick.
’Bienvenidos a Barçelona’ Am kommenden Nachmittag (europäische Zeit) landeten wir in der schönen Hauptstadt Kataloniens. Ich konnte es gar nicht glauben in ein paar Stunden meine Familie wiederzusehen. Papa hatte ich wirklich ein Jahr lang nicht gesehen, immer nur virtuell. Nach der ganzen Aufregung war ich froh nicht mehr eine Nacht in Barcelona zu haben. Barcelona konnte man ja schneller noch mal wieder machen. An der Passkontrolle war ich begeistert von den sogenannten ’Selfsecurity’-Kabinchen (mir fällt einfach keine bessere Beschreibung ein), wo sich nur noch ein Computer mit der Abfertigung deines Reisepasses beschäftigt. Dies funktioniert nur für Reisende mit europäischem Pass, meine Mitreisende aus Argentinien mussten sich an die altbekannte Passkontrolle anstellen, so trennten sich kurz manche Wege. An der Gepäckausgabe machten wir ein paar Erinnerungsfotos unserer AR 1160 und -62 / Cañuelas - Crew. Juan sei Dank nochmal musste ich nicht lang auf meine beiden Gepäckstücke warten. Priorety hatte meine Koffer sicher nach Barcelona befördert. Anders als das Gepäck von Adriana, Vanessa und dem freundlichen Mann, der nur seine Tochter besuchen wollte. Als das Gepäckband wieder stoppte, standen sie immer noch am Gepäckband. Sie waren nicht alleine. Es waren noch viel mehr Menschen, die ihre Koffer vermissten. Aerolíneas schaffte es also doch noch mal das Organisationstalent unter Beweis zu stellen.
Hier trennten sich die Wege von der Cañuelas - Gang. Auch wenn das Endziel nicht von allen Barcelona war, mein Ziel teilte keiner. Wenn man alleine reist, am Ziel ankommt und dann da keiner ist, der auf dich wartet oder dich abholt, finde ich das fast immer traurig. Ausnahme Rio. Dort war ich einfach viel zu aufgeregt endlich meinen Traum von Brasilien erfüllt zu haben. Hier war ich doch etwas geknickt, dass ein Teil meiner Familie erst in Düsseldorf erwarten könnte. Mama und Kathi würden mich erwarten. Papa war sich nicht sicher, ob er vielleicht arbeiten müsste... Ich machte mich auf den Weg in die Abflughalle. Mir blieb jetzt noch viel zu viel Zeit. So wollte ich mich zuerst um die Bestätigung der Flugverspätung kümmern und lief danach ein bisschen durch die riesige Ankunftshalle, um mir die Beine zu vertreten. Bloß nicht schon wieder sitzen. Als ich rausfand, dass es hier freies Wifi geben sollte, verbrachte ich meine Wartezeit nun damit, mich mit dem Iphone einzuwählen. Leider erfolglos. “Bei Iphones funktioniert es nicht so gut“, gab der Mann an der Information zu. Na ja. Das funktioniert in Argentinien. Mit Wifi an den Flughäfen hatte ich nie Probleme gehabt. Na schön. Gerne hätte ich ein ’alles ok’ nach Deutschland geschickt und es wäre zwar nur ein allzu verlockender Zeitvertreib gewesen, aber gut. Kathi konnte meine Reiseroute im Internet nachverfolgen. Aerolíneas Argentinas würde im Reiseplan bestimmt groß unterstreichen, dass der Flug AR 1160 oder 1162 endlich in Barcelona gelandet wäre. Natürlich war ich eine der ersten, die an der Gepäckabgabe von Air Berlin anstand, um endlich meine Koffer für ein letztes Mal noch mal abzugeben. Das zweite Gepäckstück hatte ich bereits über das Reisebüro hinzugebucht, so könnte mich nur noch das Übergepäck in Schwierigkeiten bringen. Irgendwie war ich ganz aufgeregt, dass so viele Menschen um mich rum hier Deutsch sprachen. Ich freundete mich gleich mit den beiden Männern in der Schlange vor mir an, die ebenfalls eine abenteuerliche Geschichte mit dem ADAC zu erzählen hatten und sie liehen mir kurz ein Handy, dass ich Kathi anrufen konnte. So froh ein Lebenszeichen von mir zu hören, viel es mir schwer bei dem kurzen Telefonat zu bleiben. “Bis gleich“, legte ich nach mehreren Minuten endlich auf.
“Die Gepäckstücke wiegen beide mehr als 21 Kilogramm“, stellte die Angestellte der Air Berlin Group prüfend fest. Das wusste ich bereits und ging gar nicht darauf ein. Darauf kam “Sie müssen das zweite Gepäckstück bezahlen“. Darauf war ich auch vorbereitet. Ich hatte schon bei der Buchung eine Bestätigung verlangt und da dies irgendwie schwierig war, hatte ich einen Zettel in Reisebürocodes dabei. Die Zeile mit der Angabe der Gepäckstücke unterschrichen. Ich reichte ihn ihr. Anscheinend war sie wie ich der Reisebürocodesprache nicht befähigt und schüttelte sie den Kopf. So langsam machte sich Unruhe hinter mir bemerkt. “Sie müssen zu unserem Schalter gehen und den zweiten Koffer bezahlen“ Da ich genau wusste, dass jeglicher Protest erfolglos scheitern würde, folgte ich ihren Anweisungen und begab mich zum Schalter – Dank meines Beine-vertretens wusste ich zum Glück genau, dass sich dieser am anderen Ende der großen Halle befand. Dort angekommen, bestätigte mir die Frau am Schalter, dass ich bereits bezahlt hatte und rief ihre verehrte Kollegin an der Gepäckannahme an. Da meine Koffer dort geblieben waren, ging ich also wieder zurück, an all den Wartenden vorbei und holte mir von der verlegenen Angestellten mein Flugticket ab. Natürlich wurde ich gleich beim Sicherheitscheck wieder aufgehalten und durfte nach dem dritten mal ’Piep’ endlich weiter. Jetzt hatte ich gar keine Zeit mehr mich hier umzusehen und hier im Transitbereich gab es ein Zara! Oh, wie hatte ich Zara vermisst! Aber jetzt würde alles ganz schnell gehen. Im Flugzeug nahm ich in der letzten Reihe am Fenster neben zwei Barcelonaurlaubern, die in meinem Alter sein müssten, platz. Wie die besten Plätze in der 552 ganz hinten! Haha.
Unser Flug startete aufgrund von Unwetterbedingungen über Barcelona leicht verspätet, was uns der Pilot in seinem Vergnügen sich uns mitzuteilen noch vorm Verlassen des Gates gleich in der Begrüßung erzählte. “Sehr geehrte Fluggäste, leider können wir nicht ganz zeitgemäß Barcelona verlassen, da die Stadt von einem Unwetter umkreist ist bla bla...“ Kurz darauf. “Sehr geehrte Fluggäste, wir haben soeben die Mitteilung erhalten, dass es in vier Minuten endlich los geht“ Nach exakt vier Minuten: “Sehr geehrte Fluggäste, leider können wir die vier Minuten nicht einhalten. In zwei Minuten geht es aber jetzt los“ Der argentinische Pilot hätte sich von dem hier mal eine Scheibe abschneiden können. “Sehr geehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Düsseldorf Flughafen. Das Wetter ist leider auch nicht viel schöner als in Spanien. Es regnet bla bla...“ Ich wünschte mir fast den argentinischen Piloten zurück. Mit meinem Sitznachbar verstand ich mich gleich so gut, dass wir am Ende des Flugs Telefonnummern austauschten. Trotz all der Katastrophen hatte ich wundervolle Menschen um mich. Das vergisst man bei all dem Chaos schnell mitzuteilen. Während des Fluges entertainten uns die drei kleinen Mädels vor uns, die ohne ihre Eltern reisten und die Flugbegleitungen mit süßen Fragen bombadierten.
Applaus. Wir waren gelandet. Im Gegensatz zu meinen Sitznachbarn platzte ich fast vor Aufregung wieder in Deutschland zu sein. Wir wurden mir dem Shuttlebus zum Flughafengebäude gebracht. Ich erinnerte mich jetzt wieder ganau an den Hinflug. Es fühlte sich wie gestern an, als mir kurz vorm Start bewusst wurde, dass ich jetzt wirklich ein Jahr lang nicht deutschen Boden betreten würde. Aufregend! Für mein Sommerkleid mit Hawaianas – Look war es zwar bei dem Wetter etwas kühl, konnte meine Begeisterung aber nicht mindern. Mein Gepäck ließ auch gar nicht lange auf sich warten. Jetzt war es so weit. ’Halloooooooo Mama + Kathi!’ ’Hallo Mama + Kathi?’ “Hallo Mama + Kathi + Thomas + Marlene + Clara + Max + Ute + Josi + Jana + Anna + Hauke + Elisa“ besser gesagt. Luftballon, Wein und Bilder... Und ich wusste von nichts! Ein überweltigendes Gefühl wieder hier zu sein. Danke für den unfassbar schönen Moment, Anfang und Ende einer langen Reise.
♥
Ich habe natürlich versucht ein bisschen Humor in dieses für mich fast traumatisches Erlebnis zu packen. Alles ist so passiert. Vielleicht ist Sinn für Humor und argentinische Leichtigkeit die einzig wahre Möglichkeit damit umzugehen. Ob ich aber drauf angesprechen werden möchte, weiß ich noch nicht. Bis auf den Namen ’Juan’ ist alles genau so passiert, leider habe ich den Namen des wohl einzigen engagierten Mitarbeiters (ob mit oder ohne Hintergedanken) der Aerolíneas vergessen. Vielleicht hieß er aber auch wirklich ’Juan’. Vielleicht war der Grund warum ich den letzten Bericht so lange vor mir her geschoben habe, nicht ausschließlich das Rückkehrtrauma – mein Wort – sondern auch die Feststellung, dass somit Con – Alegria, ein Versuch mein Abenteuer in Lateinamerika festzuhalten, somit fast fertig ist. Für alle Fälle ist ’Com – Alegria’, eine mögliche Schwester von Con – Alegria für weitere Abenteuer in Brasilien reserviert. Ich freu mich drauf.
CON – ALEGRIA.
Travel guide Franco :)
A los últimos días.. Viel zu wenig war ich während meines Argentinienabenteuers in La Cumbrecita gewesen, dem verwunschenem Örtchen gut 30 km entfernt von Villa General Belrgano. Das Abenteuer vor der Nase blind es immer sofort wahr zu nehmen. Wundervoller Ausflug mit Mattie und Franco! :)
Oh, Buenos Aires!
"Ich liebe diese Stadt übelst... Und ich hasse sie!" Wer meinen Blog genau verfolgt, weiß woher ich diese Aussage genommen habe. Es ist wirklich schwer diese außergewöhnliche schöne Stadt zu beschreiben. Ohne wirklich lange Zeit hier verbracht zu haben, bin ich mit dir eng verbunden Buenos Aires. Zu gern erinnere ich mich an meinen ersten Besuch im September zurück. Noch nie zuvor war ich in einer so aufregenden und imposanten Stadt gewesen, mein erster Gedanke "Hier bleibe ich. Und wenn ich nicht bleibe, dann komme ich doch zurück zu dir". Doch Gedanken kommen und gehen. Nicht alle Menschen machen besondere Erfahrungen und Augenblicke und denken an dich so zurück wie ich. Du kannst sehr beängstigend sein. So beängstigend und gleich so wunderschön. Wie machst du das? Ich wollte nicht wieder kommen. Es ist nur nicht so leicht, wenn sich bei dir das meiste Leben abspielt. Du bist ganz schön aufregend. Zurück bei dir braucht es nicht lange und ich möchte nicht mehr gehen. Gedanken kommen zurück. Ich bin glücklich. Glücklich hier bei dir. Zusammen allein. Liebe? Ja, vielleicht. Ein Tango. Leben ist eine Folge von Momenten. Es liegt an dir, wie du sie lebst. Freiheit? Ja, ein bisschen. Doch der Abschied naht. Es macht mir Angst. Keine Angst vor dir. Nein, nein. Angst vor mir. Angst vor Entscheidungen. "Pass auf, dass du nicht auf deinen Straßen fällst!" Besser gehe ich allein. Nein. Du begleitest mich. Was zögerst du hinaus? Es ist kein Abschied. Aber was ist es wenn ich jetzt gehe? Buenos Aires du machst mich müde. Ich weiß es nicht. Wäre ich direkt gegangen. Was zöger ich hinaus? Ein Gefühl von zuhause sein werde ich bei dir zurück lassen. Eine Kehrseite des Reisen. In der Welt zuhause. Oh, Buenos Aires...
BOMBA DE TIEMPO.
Buenos Aires Juli 2.0. !
Familienselfie!
Letzter Tag unserer gemeinsamen Reisezeit! Liebste Grüße aus dem charmanten Güemes. - x
Ohrwurm: The Bird and the Bee: I'm Into Something Good! Check it out!
JUST ARRIVED IN CORDOBA CAPITAL. NIIIIIIIICEE!