Eilat- Wasser, Wüste und die Eisenkuppel
Der Schulausflug nach Eilat.
6.30 Uhr meine Wecker klingelte wie immer erbarmungslos. Ich stand auf, packte ein paar letzte Sachen in den vollgestopften Rucksack. Mein Blick fiel auf den kleinen Schnitt an meiner rechten Hand, ein Überbleibsel der nächtlichen Packaktion. Um 23.00 am Vortag versuchte ich ebenfalls ein paar letzte Kleidungsstücke zu verstauen, wo durch ich den abgebauten Großraumschrank, der in Einzelteilen an der Wand lehnte, einen Hauch zu sehr anstieß. Was folgte, war eine Möbelstücklawine ungeahnten Ausmaßes. Einen Moment lang dachte ich, ich könne mich dem interieuren Desaster in den Weg stellen, wurde aber von einer 2 Meter hohen und 60 Zentimeter breiten, ehemaligen Schrankseitenwand, eines besseren belehrt, die vor mir fast meinen Schreibtisch halbierte. Beim Beseitigen der Überreste, zog ich mir dann den besagten Schnitt zu.
Ich bereitet mein Lunchpaket vor und ging zum Bus. Angekommen in der Schule musste alles schnell gehen, die Taschen der Schüler waren schon Tage vorher vorbereiten worden, sodass wir sie nur noch in die Busse verstauen mussten. Als alle eingestiegen waren, fuhren wir los. Was noch offensichtlich scheint, war nicht immer der Fall, wie sich zeigen sollte. Noch auf dem Weg, aus Jerusalem heraus wurde mir die Schwere und die psychische Anstrengung, die mir auf dieser Busfahrt bevor stand, bewusst, als die Musikanlage im Bus entdeckt wurde. Ich schrieb deshalb per SMS Logbuch an meinen Mitbewohner Elias.
Elias: „Ich wünsche dir eine schöne Klassenfahrt.“
Ich: „Dankeschön. Es geht schon einmal gut los. Alle regionalen Schlagerstars wurden rekrutiert um uns Mithilfe einer Compact Disk zu foltern, bis uns das Gehirn aus der Nase läuft. Euch auch ne schöne Zeit. :)“
Ich übertreibe nicht, die Israelische Musik, ist einer der emotionalsten und schmalzigen, die ich kenne.
Ich bekam einen Plan in die Hand gedrückt, dem ich erschreckender Weise entnahm, dass wir voraussichtlich erst um 19.30 das Hotel in Eilat erreichen würden. Über zehn Stunden in diesem Bus? Das konnte nicht sein, doch als wir nach gut einer Stunde das erste Mal anhielten, um einen Naturpark in der Nähe von Tel Aviv zu besuchen, wurde mir klar warum. Die Route war so angelegt, das den Jugendlichen nicht langweilig wurde, sodass der restliche Teil der Fahrt erträglich war, auch für die Mitarbeiter. So wurde die Fahrt fortgesetzt und nach einer Stunde Fahrt hielten wir an für eine Stunde. Einmal staunen: „Oh, wie schön“. Etwas essen, nochmal auf Klo und dann ging es weiter. Der einzige Unterschied zu einer Kaffeefahrt war, dass uns auf der Fahrt nichts verkauft wurde. Und noch ein Vorteil, für mich war es auch perfekt so habe ich auf der Strecke sehr viele neue Attraktionen gesehen, an denen ich normalerweise wahrscheinlich nicht vorbei gekommen wäre. Wir mussten manchmal ganz schöne Umwege fahren um jede Stunde an einer Sehenswürdigkeit vorbei zu kommen. Das merkte ich daran:
Ich: „Die Fahrt dauert mit Pausen 10 Stunden. Jetzt fahren wir aber mit unseren Bussen über mehrere Felder und drehen gerade wieder um, da die Fahrer einsehen mussten das die Busse nicht geländegängig sind und querfeldein nicht unbedingt das schnellste Vorankommen ermöglicht“.
Diese kleine Kursänderung der Busfahrer ließ mich nervös auf dem Sitz hin und her rutschen, ersten, weil der Untergrund ein Feld war und wir deswegen ziemlich durch geschaukelt wurden. Und zweitens weil ich, zwischen all den Klogängen der Schüler vergessen hatte, selbst das Örtchen zu besuchen. Ein Fehler der einem nur einmal passiert. Ein Glück das wir jede Stunde eine Pause machten..
Wir haben wirklich viele Orte gesehen, manche waren interessant und wir hielten an, manche sah ich durch das Fenster, die andere nicht wahrnahmen. Die Landschaft änderte sich irgendwann, es wurde immer karger und trockener. Wir hielten abermals, um uns alle gemeinsam auf einer Hängebrücke auf Schwindellosigkeit zu prüfen. Der Weg Richtung Eilat wurde sandiger, an den Seiten türmten sich Sanddünen auf. Dann beleuchteten die letzten Sonnenstrahlen einen Stacheldrahtzaun, ein weit eingezäuntes Gelände und da standen sie, 300 Panzer in Reih und Glied. Ein Anblick dessen Rarität, wie ein Luxus für mich ist. Es ging weiter, bald war es so dunkel, dass man nichts mehr sah, aber dem Bremsen und Schaukeln des Busse war zu entnehmen, dass es in Serpentinen bergab ging. An Schlaf war nicht zu denken, denn der Party-Konvoi fuhr mit gehabter Lautstärke Richtung Süden. Unsere Direktorin meldete sich kurz vor 18.00 Uhr am Mikrofon des Busses, sie kündigte an, dass alle noch geplanten Pausen ausfallen müssten, da wir sonst das Abendbrot verpassen würden.
Ich: "Nein noch nicht, und es wird schlimmer ich bin auf dem Weg so krank geworden, das ich nichts mehr höre!! Kein Witz, aber der Verlust meines Hörvermögens ist im Moment gar nicht so schlecht :D"
Es war wirklich so, als ich morgens in den Bus stieg lief meine Nase und es fühlte sich nicht danach an als würde es besser werden. Die Klimaanlagenluft auf der Fahrt begünstigte eine baldige Genesung auch nicht unbedingt.
So kam es, dass meine Nebenhöhlen zu waren und ich kaum etwas hörte.
Ich: "Endlich angekommen nach nur 12 Stunden! :/"
Wir checkten ein im Hotel: "Astral Nirvana" (kein Scherz), und mir wurde die Zimmer Aufteilung erklärt; Jeder Mitarbeiter, die Betonung liegt auf Mitarbeiter, war für drei Schüler zuständig, das war mir auch vorher schon klar. Nun wurde mir aber endgültig gesagt, mit wem ich auf ein Zimmer kam. Zwei waren aus meiner Klasse, einen kannte ich nur vom sehen, dass sollte sich später noch als Problem herausstellen. Bei den Mitarbeiterinnen sah das etwas anders aus, wie ich durch eine Volontärin erfuhr, als ich sie fragte mit wem sie auf einem Zimmer sei. Sie war mit einer Schülerin und zwei weiteren Volontärinnen auf einem Zimmer. Wir gingen zum Abendessen, Buffet vom Feinsten. Es gab alles, drei Sorten Fleisch, Couscous, Salat und natürlich das wichtigste Hummus aus einer gerade zu irrwitzig großen Metallschüssel. Nach dem Essen, es war 21.30 stand die Körperpflege an. Wie lange man dabei letztendlich braucht, hängt von der Selbständigkeit der Schüler ab. Nach anderthalb Stunden war ich fertig, alle waren geduscht und in Pyjamas verfrachtet worden und nachdem auch für mich ein Bett in das Zimmer gestellt worden war, konnte ich endlich schlafen gehen.
Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt, ein Kollege hatte beschlossen den Zeitplan zu ändern, aber ohne jemanden davon Bescheid zu sagen. Ich hatte mir vorgenommen zu duschen, dass konnte ich aber dann vergessen, weil ich in Windeseile, meine Jungs aufwecken und zum Anziehen überreden musste. Israel, der einzige Schüler der aus meinem Zimmer nicht bei mir in der Klasse ist, bekam aber erst mal einen kleinen Trotzanfall, worauf hin sich alles ein wenig verzögerte. Bei Frühstück gab es eine ähnlich große Auswahl wie bei Abendbrot und das war auch gut so, denn schließlich sagte der Zeitplan, dass wir den ganzen Tag unterwegs seien würden.
Wir stiegen in die Busse, die erste Station hieß: Delphin-Riff- und zum ersten Mal sahen wir Eilat bei Tag. Die Stadt besteht zu 75% Prozent aus Hotels, 10% sind vom Flughafen belegt, der mitten in der Stadt liegt -wenn dort Flugzeuge laden denkt man, dass sie mit den Rädern auf den Dächern der umstehenden Hotels aufsetzen könnten-, 5% sind Shoppingmalls und nochmal 10% Hafen plus Strand. Alles in allem eine typische Touristenstadt, aber trotzdem ist sie nicht hässlich. Das liegt vor allem an der Umgebung, Eilat ist die südlichste Spitze von Israel, eingeschlossen von Jordanien, Ägypten dem Roten Meer und der Negev Wüste. Links und rechts erheben sich riesige Gebirge und die Stadt liegt in dem Tal dazwischen. Die Natur ist meiner Meinung nach der Grund warum Eilat trotzdem, naja schön möchte ich nicht sagen, aber beeindruckend ist. Eilat scheint diesen harten Lebensumständen zu trotzen.
Das Delfin-Riff war toll, ein im Baumhausstil (nein nicht Bauhaus) gehaltener Aussichtsturm mit Steg ins Wasser, war perfekt für uns, um die Delphine zu beobachten. Vor allem auf dem Steg verbrachten wir viel Zeit, hielten unsere Füße ins noch kalte Wasser des Roten Meeres, an denen bald kleine Fische vorbei schwammen. Das Wasser war so klar, man konnte bis zu fünf Meter in die Tiefe schauen. Unten sahen wir ein Korallenriff, viele Fische in bunten Farben und ab und zu ein paar Delphine, die ihre Runden durch das Riff drehten und immer mal wieder auftauchten, was unsere Schüler in Ekstase versetzte.
Dann ging es weiter, wir fuhren mit dem Bus immer weiter aus Eilat heraus, tiefer und tiefer in die Wüste. Am Straßenrand erschien eine Militärbasis, auf einem Hügel standen drei Anhänger mit jeweils drei Raketen. Wie oben schon beschrieben, schätze ich es als Luxus, etwas der gleichen in Deutschland nicht sehen zu müssen, andererseits gibt es einem auch die Sicherheit hier zu sein, da Eilat immer wieder Ziel von Raketenanschlägen ist. Vor allem in den letzten Wochen hat die Einrichtung der sogenannten "Eisenkuppel" eine traurige Wichtigkeit erreicht, als innerhalb von zwei Tagen bis zu 60 Raketen aus Gaza in den südlichen Teil Israels geschossen wurden. Der größte Beschuss seit 2012.
Die meiste Zeit verbrachten wir an diesem Tag im Bus, um von einem seltenen, wunderschönen Ort zum nächsten zu kommen. Es war so viel, dass ich mich jetzt nur blitzartig daran erinnere. Viel Wüste, karge Landschaft, riesige Felsen die aussehen wie Pilze, Steinsäulen, ausgelatschte Schuhe und durstige Schüler. Diese Landschaft ist einfach beeindruckend, deshalb erwähne ich es noch mal. Diese Tal zwischen den zwei Gebirgen, lässt einen ziemlich klein erscheinen.
Der Tag ging zu Ende wie er angefangen hatte, stressig. Aber zumindest half mir mein Kollege beim Duschen der Schüler, er brauchte nur eine halbe Stunde. So sah es dann aber auch aus, meine Ordnung für die Kleidung konnte ich vergessen. Aber dafür war ich eher fertig. Die Kollegen luden mich ein noch ein wenig draußen zu sitzen und zu quatschen, es gab Kuchen. Auch wenn ich wenig von dem verstand, was gesprochen wurde, war es sehr witzig. Am nächsten Morgen machten wir uns zu einer Bootsfahrt auf. Ein spezielles Boot mit begehbarem Glasboden, was wir betraten als wir über ein Korallenriff fuhren. Die restliche Zeit war eher eine Dupstep, Elektro Party auf dem windigen Deck des Schiffes. Danach klapperten wir noch eine Vogelstation ab, bevor wir uns endgültig auf den Nachhauseweg machten. Diesmal sollte es schneller gehen, als auf dem Hinweg und da war mir auch dran gelegen, mich erwartete nämlich Besuch aus Deutschland. So wurde nicht an jeder Milchkanne gehalten und wir kamen zügig voran. Pinkelpausen wurden nur noch gemacht wenn es nötig war, in einem Fall so nötig, dass wir mitten auf der Straße halten mussten und einen ebenfalls ausgestiegenen Schüler fast am Straßenrand stehen ließen. Auf dem Weg fiehlen mir komisch Schilder ins Auge. Dort wurde in Hebräisch, Arabisch und Englisch auf nahestehende Kamele aufmerksam gemacht. Ich malte mir aus was passieren würde, wenn man in so ein gewaltiges Tier hereinfahren würde, ist glaube ich zu vergleichen mit einem Elchschaden. Es wurde aber noch schräger, auf dem nächsten Schild wurde vor Panzerwechsel auf den nächsten Tagen 10 Kilometern gewarnt. Kaum auszumalen was passieren würde, wenn man einen solchen "Wildunfall" hat. Wir waren schnell unterwegs, die einzige Rast die wir noch machten, war an Ben Gurions Grab. Als wir schließlich Jerusalem erreichten, bekamen alle Mitarbeiter, zum Dank eines Vaters Blumen geschenkt.
Was es noch zu sagen gibt: Auch wenn mein Bericht vielleicht ein wenig negativ klingt, war es eine der besten Erfahrungen, die ich je machen durfte. Trotzdem waren eine Woche Urlaub danach auch nicht schlecht.