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Zwangspause
Diese Blog zieht gerade um, von tumblr zu Wordpress, Bis das neue Layout steht, erscheinen keine neuen Texte. Es dauert aber nicht mehr lange ... :) Wer mir auf facebook.com/duesselflaneur folgt, bleibt auf dem Laufenden ... Anbei schon mal ein Vorgeschmack, zunächst in der Desktop-Version, dann im Smartphone-Layout ...
Presseschau und Printkolumne
Lesungen, Presseartikel, Interviews und ein gedruckter Ableger in Form einer monatlichen Zeitungskolumne: Was bisher 2018 rund um das Blog Düssel-Flaneur passiert ist.
Ende Februar ging es los mit einer vom Literaturbüro NRW organisierten Lesung in der Stadtbücherei Düsseldorf-Rath: Im Mittelpunkt stand der Fotobildband zu Markus Luigs Blog “Düsseldorfer Perlen”, zu dem neben Philip Holstein und Alexandra Wehrmann auch Düssel Flaneur-Autor Sebastian Brück einen Begleit-Text beisteuerte (”Der Stoffeler Kamm”).
Ebenfalls im Februar 2018: RP Online stellte “11 inspiriende Social Media-Kanäle” vor, unter anderem Düssel-Flaneur:
Im März stand zunächst eine weitere Lesung auf dem Plan: Düssel-Flaneur-Autor Sebastian Brück war im Rahmen der Micro-Pop-Week bei Christian Trossdorfs Lesereihe OFF CHURCH in der Christuskirche Oberbilk zu Gast.
Einen der vorgetragenen Texte kann man bei YouTube nachsehen. Hier noch einige Impressionen (Fotograf: Markus Luigs):
Am 31. März berichtete die WZ Düsseldorf über Düssel-Flaneur-Autor Sebastian Brück: “Ein Flaneur macht die Düssel berühmt. Es stand bitte um den Bekanntheitsgrad unseres namensgebenden Flüsschens. Dann kam Sebastian Brück.”
Mitte Mai 2018 brachte RP Online einen Artikel, der sich auf ein von diesem Blog veröffentlichtes Video bezog: “Der Köln-Düsseldorf-Horizont begeistert die Internet-Nutzer. Ein Video auf Youtube zeigt den Ort, von dem man eine unerwartete Fernsicht über das Rheinland hat.”
Im Juni 2018 stand eine Lesung im Café Neandertal No1 in Erkrath an. Theycallitkleinparis.de brachte vorab ein Interview, die Rheinische Post in der Ausgabe Mettmann/Erkrath/Wülfrath einen Vorab-Artikel.
Ende Juni dann erneut eine Erwähnung in der RP Mettmann/Erkrath/Wülfrath, im Rahmen einer LIebeserklärung an die Düssel: “(...) Man könnte über die Düssel erzählen, das sie wunderbar klares Wasser mit sich führt und das sie von Stadtplanern für das schnelle Ableiten von Hochwasser missbraucht wurde. Aber ist es wirklich das, was uns mit einem Fluss verbindet? Sind es nicht vielmehr die Geschichten, die mit ihm zusammen geschrieben werden? Wir könnten beim Düsselflaneur Sebastian Brück vorbeischauen, der seit vier Jahren an ihrem Ufer entlang wandert und seine Erlebnisse in einem Blog festhält. (...)”
Mitte Juli 2018 dann etwas, das vier Jahre zuvor, beim Start dieses Blogs keiner erwartet hätte: Düssel-Flaneur bekommt einen Print-Ableger - und zwar in Form einer monatlichen Kolumne in der Westdeutschen Zeitung. Vorab gab es dazu ein Interview, danach kam die erste Folge von: “Düssel-Flaneur. Die Kolumne zum Blog.”
Vielen Dank an alle, die dem Blog Düssel-Flaneur seit 2014 folgen :)
(#44) Kein Reitweg und kein Wanderblog
Wie wir versuchen die „Kürze“ zu entdecken / Wie eine Kurz-Etappe trotzdem eine Stunde dauert / Und wo in der Neandertal-Einsamkeit man gleichzeitig alte Bücher und frischen Senf kaufen kann.
Manchmal macht es Sinn, Dinge abzukürzen – auch textlich. In diesem Fall fängt das so an: Schild, Tunnel, Parkplatz. Ein Blick auf die Fotos, und Ihr wisst Bescheid …
Die Kürze – das soll das bestimmende Motto dieser Blog-Folge und dieser Düssel-Etappe sein. Weniger blabla, mehr auf den Punkt. Gar nicht so einfach in einem zuweilen detailverliebten und thematisch ausschweifenden Blog wie diesem. Aber einen Versuch ist es wert. Beschleunigt entschleunigen, sozusagen ...
„Da müssen wir runter“, sagt mein bester Freund und Co-Flaneur P., als wir am Parkplatz am Winkelsmühler Weg aus dem Auto steigen. Kurz darauf passieren wir ein „Anlieger frei“-Schild sowie eines mit „Achtung Kröten“-Symbol. Wenn P. die Karte auf Google Maps richtig studiert hat, müssten wir auf dem ins Tal führenden Weg vor uns genau zu der Düssel-Stelle gelangen, wo wir beim letzten Mal geendet haben.
Schon nach 20 Metern, als vom asphaltiertem Weg ein nicht-asphaltierter rechts abbiegt, kann P. sein im Hirn gespeichertes Google Maps-Wissen nicht mehr für sich behalten: „Da müssten wir eigentlich auf dem Rückweg zum Auto wieder rauskommen, wenn alles so läuft wie geplant.“ P. hat nämlich eine Art Rundweg geplant ...
Wir betrachten die üblichen Entfernungsschilder, garniert von einem „Kein Reitweg“-Hinweis.
P. nimmt die Vorlage auf: „Gut, dass wir heute ausnahmsweise die Pferde zu Hause gelassen haben.“
„Kein Wanderblog, kein Reitblog“, ergänze ich.
Einen Vierbeiner hat P. trotzdem dabei. Es ist ein Hund, und der Hund heißt Manolo. Erst vor zwei Wochen ist er in P.s Familie eingezogen, nachdem der Wellensittich Pucky gestorben und Manolos altes Herrchen (P.´s Cousin) nach Australien ausgewandert ist. Manolo ist elf Jahre alt und fast blind, dafür aber noch recht flott unterwegs. Terrier eben. Mein bester Freund P. möchte nicht, dass sein neuer alter Hund auf Fotos zu sehen ist: „Der kann mir ja schlecht sagen, wenn er das gar nicht will.“ „Alter“, sage ich. „Würden uns hier deine Töchter begleiten, könnte ich das voll verstehen, aber das hier ist doch nur ein Hund.“
„Wie jetzt?“, sagt P. und wechselt in den Ironie-Modus. „Nur ein Hund? Willst du Manolo diskriminieren. Auch Hunde haben ein Recht auf Rechte am eigenen Bild.“
„Hunde und Hündinnen muss das heißen!“, sage ich in gespielt aggressivem Tonfall. „Wenn schon, denn schon …“ „Monolo ist ein Rüde“, unterbricht mich P. Ich korrigiere die kaum überraschende Info auf meine Art: „Rüde und Rüdinnen muss das heißen!“
Gerade mal 100 Meter gelaufen, und schon ahne ich, dass das schwer wird mit der „Kürze“. Noch mal ein Versuch: Den Weg runter, durch den Wald, an einem Feld vorbei, wieder durch den Wald. Auf einem Schild an einem Baum ist zu lesen: „Neanderlandsteig – Entdeckerschleife Kalkspuren“. Ich nehme mir vor: Es wird in dieser Blog-Folge keine Infos über die Geschichte des Kalkabbaus im Neandertal geben. Das hatten wir schon in vorherigen Folgen, und wer mehr wissen will, kann das ja im Netz ausführlich nachzulesen.
Dann, unten im Tal, eine Weggabelung, dahinter die Düssel. Eigentlich müssten wir ihr von hier aus Richtung Gruiten-Dorf flussaufwärts folgen. Aber weil wir so pedantische Fluss-Chronisten sind, spazieren wir vorher noch einmal hundert Meter die linke Abzweigung entlang – bis wir genau an dem Endpunkt der letzten Etappe angekommen sind: Einer Brücke über die Düssel, mit Blick auf einen am Hang liegenden Bauernhof.
Auf dem Weg flussaufwärts macht mein bester Freund P. immer wieder Fotos mit seinem iPhone. Beklagt sich dabei, dass man die Düssel im Sommer viel schlechter aufs Bild bekäme als zu den anderen Jahreszeiten. „Weil sie so zugewachsen ist, überall grün im Weg beim Blick aufs Wasser.“
Ein paar Mal schafft er es trotzdem. Und wenn man die Düssel sieht, dann lohnt es sich: Mit Farnen veredeltes Efeu-Ufer. Wie Mikado-Stäbchen ins Flussbett gefallene Baumstämme. Am Ufer: Ton, Steine, ja sogar Scherben. Und Moos! Überall Moos! Es ist so viel Moos los, dass es grüner nicht sein könnte. Musikalisch untermalt wird die Szenerie vom typischen Neandertal-Sound: PlätscherPlätscher trifft ZwitscherZwitscher, und zwischendurch schallt immer wieder mal ein einsam knackender „Beat“ aus dem Astwerk.
Sonnenstrahlen tanzen auf dem Wasser, als hätten sie sich ganz oben verabdredet, gemeinsam den Weg durch die dichten Baumwipfel bis ganz unten, bis ins Neandertal anzutreten.
„Du schreibst jetzt aber nicht wieder so kitschige Naturbeschreibungen ins Blog“, sagt mein bester Freund P., als wir ein altes Gemäuer am Düssel-Ufer erreichen. Ich schüttele energisch den Kopf.
Ein Schild verrät: Das Gemäuer ist ein Kalkofen. Der Name: Huppersbracken.
Mehr dazu, wie gesagt, im Netz …
Als wir eine Bank erreichen, möchte P. plötzlich doch ein Foto von seinem Hund machen. „Vielleicht gefällt es ihm ja, wenn er gezeigt wird“, sagt er und platziert Manolo auf der Bank. „Konsequenz ist das A und O in der Hundeerziehung“, sage ich spöttisch. „Hunde- und Hündinnenerziehung!“, sagt P. und grinst.
Zurück zur angestrebten „Kürze“: Ein Straßenname: Bracken. Eine Düssel-Brücke. Ein „Privatweg“-Schild. Ein „Knusperhäuschen“ mit Holz-Fensterläden. Und eine „Achtung, süße Katze!“-Warnung. Die Düssel: Kaum zu sehen, von „Grün“ verdeckt.
Dann noch ein „Knusperhäuschen“, mit schönen Blumen davor. Und schließlich die „Sensation“ der heutigen Etappe: Ein Selbstbedienungs-Verkaufsstand mit abenteuerlichem Produktmix. Senf-Manufaktur vs. Open-Air-Antiquariat.
Neben Gläsern mit „Düsselsenf“, Konfitüren und Gelees zu je 3 Euro stehen gebrauchte Bücher zum Verkauf. Von eher neueren wie Elizabeth Georges Krimi „Gott schütze dieses Haus“ und das „Das Saumagen-Syndrom“ bis hin zu Unterhaltungsromanen aus den 1920ern mit Titeln wie „Lilos letzte Rolle“, „Regina fährt nach Kopenhagen“ und „Bräutigam im Labyrinth“.
P. lässt sich zu philosophischen Gedankenverirrungen inspirieren: „Ist das nicht krass“, sagt er. „Diese vollkommen unterschiedlichen Bücher stehen mit hundertprozentiger Sicherheit nirgendwo anders auf der Welt in dieser Kombination in einem Regal.“
„Zumindest werden sie nicht gemeinsam mit Senf verkauft“, sage ich.
An einer Wegbiegung: die nächste und für heute letzte Düssel-Brücke, diesmal mit Wasserblick. Vor einem Fachwerkhaus fotografiert P. noch ein Schild mit „Bracken“-Historie, dann machen wir uns auf den Rückweg, bergauf, einen Weg namens „Ehlenbeck“ entlang – und können dabei noch die Kletter-Arbeiten an einem Stromkabel beobachten.
Kurz vor Schluss zwei kurze Begegnungen: Einmal treffen wir an einer Esel-Wiese keine Esel an. Und dann fotografiert mein bester Freund P. in einem Papierkorb vor einer Bank neben einer „Wanderhütte“ noch eine Flasche Puschkin Pink Grapefruit. „Richtig eklig sieht die aus“, sagt P. und vermutet, dass der Inhalt ebenso schmecke, und mehr ist eigentlich gar nicht mehr zu sagen. Außer: Natürlich kommen wir am Ende genau an der Gabelung an, wie es Klugscheißer und Google Maps-Sklave P. es zu Beginn der Etappe prophezeit hat ...
Interview-Spaziergang: Mit Richard Gleim an der Düssel (Teil 1)
In Düsseldorf kennt man Richard Gleim als „Hausfotograf“ der örtlichen Punk- und New Wave-Szene der späten 1970er und frühen 1980er. Vor Kurzem waren einige seiner Werke unter dem Titel „ZK und die frühen Toten Hosen“ in einer Ausstellung zu sehen – mit großem Medienecho. Das Blog Düssel-Flaneur zeigt Gleim von einer ganz anderen Seite: Als Botanik-Spezialist zwischen Nördlicher Düssel und Kittelbach.
An der Heinrichstraße, auf der Trennlinie zwischen den Vierteln Düsseltal und Grafenberg, teilt sich die Nördliche Düssel in zwei Arme. Der eine zweigt scharf nach links ab (heute ausnahmsweise mal stromabwärts gesehen), der andere fließt schnurgerade weiter, nun als Kittelbach firmierend Richtung Norden. Von eben diesem Spaltwerk war vor einigen Wochen auf der Facebook-Seite zu diesem Blog ein kurzer Video-Clip zu sehen. Darunter fand sich ein beeindruckender Kommentar:
„Dort kenne ich jeden Stachelditz, jeden Blutsauger, jedes Moderlieschen, jedes Veilchen, jeden Aruncus, jede Linde, alle Pappeln, jede Platterbse, jeden Grashalm, jede Ente, jede Ratte, jeden Fischreiher und jede tote Katze. Und den Geruch des Wassers zu jeder Jahreszeit. Ja, auch die knorrige Weißbuche ein paar Schritte zurück und den Feldahorn an der Brücke der Graf-Recke-Straße.“
Grund genug sich mit Richard Gleim, dem Kommentar-Urheber, an Ort und Stelle zu verabreden. Auf der Brücke an der Ecke Heinrichstraße/Graf-Recke-Straße. Genau vor dem erwähnten Feldahorn. Zu einem An-der-Düssel-Spaziergang.
In der Öffentlichkeit hat sich der heute 77-Jährige unter dem Namen “ar/gee Gleim” (englisches Kürzel seiner Initialen) als Dokumentar der Punk-Szene rund um den legendären Ratinger Hof bundesweit einen Namen gemacht. Was viele nicht wissen: Vor seiner Fotografen-Karriere hat er lange Zeit als Gärtner gearbeitet, ist dementsprechend ein Baum- und Pflanzenkenner.
Gleim, mit dem Linienbus von „seinem“ aktuellem Viertel Pempelfort aus angereist, hat (natürlich!) eine Kamera dabei – und erzählt:
„Ich interessiere ich ja besonders für die Pflanzen, die hier wild vorkommen. So ein Feldahorn wie der vor uns ist eigentlich nichts Besonderes. Aber in so einer prachtvollen Größe und mehrstämmig findet man ihn in der Stadt extrem selten. Das ist eine Nachkriegsaussaat, der hat sich also selbst diese Stelle ausgesucht. Ich beobachte ihn schon seit meiner Kindheit. Er ist am Düssel-Ufer so gewachsen, wie er eben auch in der freien Natur vorkommt. Normalerweise würde ein Feldahorn im urbanen Raum von Stadtmitarbeitern beschnitten, und dann wäre hier nur einstämmiges Bäumchen übriggeblieben. Aber dieser spielt in einer anderen Liga. Wenn er sich im Herbst färbt dann wirkt das, als brenne neben der Düssel eine gelbe Flamme.“
Richard Gleim berichtet von seiner Düssel-Kindheit. Im Hintergrund rauscht der Verkehr an der viel befahrenen Kreuzung vorbei.
„Ich bin hier in der Ecke groß geworden, in den 1940er und 1950er Jahren, habe etwa 20 Jahre da hinten (zeigt auf den nördlichen Teil der Heinrichstraße) gewohnt. Und natürlich waren in meinen Kindertagen Düssel und Kittelbach und ihre Umgebung unser Spielplatz. Ich war auf einer Grundschule an der Grafenberger Allee, und nach dem Unterricht hat unsere Bande sich meistens entlang des Mittelstreifens der Heinrichstraße rumgetrieben. Einmal – ich war sieben oder acht – war ich genau an der Stelle, wo wir uns jetzt gerade unterhalten, mit einem Freund am Ufer unterwegs und bin ins Wasser gefallen. Im November! Das war so kalt, das vergisst man nicht.“
Der Mittelstreifen zwischen den jeweils zweispurig verlaufenden Fahrtrichtungen der Heinrichstraße ist circa 30 Meter breit und wird an beiden Ufern von einem Fußgängerweg gesäumt. Der Beginn eines sich über rund einen Kilometer hinziehenden, schmalen Naturstreifens, die Düssel bzw. der Kittelbach in der Mitte. Während wir langsam Richtung Spaltwerk spazieren, hält Richard Gleim inne, zeigt mit seinem Geh-Stock auf den unteren Rand der Düssel-Böschung: „Schau mal da unten, die blauen Blüten! Das ist Beinwell, kannste googeln! Solche Pflanzen kommen hier wild vor. Wenn die Stadt nicht dauernd irgendwelche Pflanzenmäher einsetzen würde, wären die Uferränder noch viel bunter ...“
Schon dreißig Sekunden später macht Richard Gleim wieder eine botanische Entdeckung, diesmal direkt unterhalb des Zauns, der den Gehweg von der Düssel-Böschung trennt. Er zeigt auf eine grüne Pflanze mit weißen Blüten, die den Laien auf den ersten Blick ein wenig an eine Brennessel erinnert. Und siehe da, es scheint zumindest eine gewisse Verwandtschaft zu bestehen:
„Das ist eine Taubnessel!“
Noch ein paar Meter der nächste „Treffer“: Diesmal etwas höher wachsend, mindestens 60 Zentimeter.
Gleim: „Und hier haben wir den Wilden Kerbel.“
Drei Pflanzenbestimmungen auf nur 15 Metern! Auf der Hand liegende Frage: Woher kommt diese Begeisterung, dieses Fachwissen?
„Ich stamme aus einer Kaufmannsfamilie, und dann bin ich eben auch erst mal Kaufmann geworden nach der Schule, was mir aber eigentlich absolut gestunken hat. Anschließend habe ich Gärtner gelernt. Das passte besser zu mir, denn ich hatte mich schon immer für Ethnologie interessiert. Als Kind wollte ich sogar Archäologe werden, war von grundsätzlichen Fragen durchdrungen: Wo kommen wir her? Wie hat alles angefangen? Und so weiter. Ich bin ja 1941 geboren, mitten im Krieg. Kurz vor Kriegsende wurden wir ausgebombt und sind dann aufs Land ausgewichen. Dort habe ich dann einen prägenden Teil meiner Kindheit verbracht. Vom Ende des dritten Lebensjahres bis zum siebten. Diese Zeit möchte ich nicht missen. Mit meiner Mutter lebte ich in einem Tal bei Haan, in der Elp, auf einem Bauernhof. In der Nachbarschaft: zwei weitere Höfe, ein Bächlein mit Forellen, auf den Wiesen glückliche Kühe. Wir sammelten in der Natur Kamille und irgendwelche anderen Medizinpflanzen, denn nach dem Krieg hatten wir kein Geld, und die nächste Apotheke war sechs Kilometer entfernt. Da musste man sich also selbst helfen …“
Eine Überleitungsfrage, dem großen Interesse des Interviewers an Fischen folgend: „Aber Forellen gibt es hier an der Düssel nicht, oder?“
Knappe Gleim-Antwort: „Doch, aber das erzähle ich dir gleich!“
Der Interviewte hat, so scheint es, einen klaren Plan für diesen Spaziergang. Da müssen sich die Forellen erst mal hintenanstellen. Zum Beispiel hinter der Senfrauke, die er als eine weitere weißblütige Pflanze am Düssel-Ufer identifiziert …
Die Linden, vor denen wir anschließend Halt machen, sind hingegen fest in der Düssel-Böschung verankerte Dauergäste – und somit langjährige „Begleiter“ von Gleim: „Genau wie den Feldahorn an der Brücke kenne ich diese Linden schon seit der Kindheit. Die sind ebenfalls mehrstämmig, durften sich also damals relativ frei entfalten.
Er zeigt auf die noch kleinen Bäume, die alleemäßig am Rande der Düssel stehen, zwischen Spazierweg und Fahrstreifen: „Da vorne siehst du, wie Linden aussehen, wenn sie kontrolliert gepflanzt werden. Eigentlich war die Heinrichstraße ja immer eine Art Lindenallee, aber durch die Bomben im Krieg sind viele Linden einfach weggeputzt worden, und danach hat die Stadt stattdessen Pappeln gesetzt – wahrscheinlich, weil man etwas schnell Wachsendes haben wollte. Die wiederum sind inzwischen so alt und brüchig geworden, dass sie zum größten Teil gefällt worden sind. Jetzt also wieder Linden …“
Richard Gleim möchte gerne die Straße überqueren, hin zu einem brach liegenden, wilden Grundstück etwas unterhalb des Straßenniveaus. Doch der ein paar Meter breite Grünstreifen vor der Fahrbahn hält ihn auf. Diesmal sind zunächst zwei Pflanzen verantwortlich, die momentan nicht blühen:
„Das hier ist der Spitzwegerich, und daneben steht die Acker-Kratzdistel. Und die beiden da vorne, die kennt jeder: Löwenzahn und Gänseblümchen. Alles Pflanzen, die gerne dort wachsen, wo hin und wieder gemäht wird.“
Wir überqueren den Fahrstreifen der Heinrichstraße und begeben uns auf das „wilde“ Grundstück.
„Ich glaube, der Grundstücksbesitzer ist verpflichtet, die Fläche hin und wieder zu lichten, sonst würden überall Brombeeren wuchern. Als Kinder haben wir hier oft gespielt. Das war ein Urwald, fast undurchdringlich. Jetzt ist alles ziemlich kahl, weil anscheinend vor kurzem gemäht worden ist. Im frühen Frühjahr, vor ein paar Wochen, konnte man hier noch jede Menge Schneeglöckchen sehen.“
Vor uns: Ein recht hoher Baum mit grünlich schimmerndem Stamm.
„Das ist ein Ailanthus altissima, auch Götterbaum genannt. Diese Sorte stammt ursprünglich aus China und ist vor langer Zeit als Zierpflanze nach Europa gekommen. Der vermehrt sich rasend schnell. Wahrscheinlich ist er irgendwann von den botanischen Gärten in die Landschaft übergesprungen. Hier gibt es nur diesen einen, aber an anderen Orten kommt er aus alle Ritzen, gerade auf halbwilden Flächen, und verdrängt oft angestammte Arten. Wenn man so einen Baum fällt, sollt man tunlich eine Gasmaske anziehen, sonst drohen allergische Reaktionen. In meiner Zeit als Gärtner habe ich solche Bäume öfter verkauft, heute würde ich das nicht mehr tun.
Wir nähern uns einer Gruppe von blau blühenden Pflanzen, die mehrere Quadratmeter Boden bedecken.
„Wilde Hyazynthen! Die vielen Brennesseln da vorne weisen übrigens darauf hin, dass der Boden sehr fruchtbar ist.“
Der Interviewer hat mit Brennesseln schlechte Erfahrungen gemacht, hakt nach: „Die sind ja bei vielen unbeliebt …“
Gleim (gerade dabei ein Hyazynthen-Foto zu machen): „Ja, weil sie halt stechen. Und weil sie als Unkraut gelten und sich schnell ausbreiten.“
Interviewer: „Du hast also ein gutes Verhältnis zu Brennesseln?“
Gleim: „Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Brennesseln. Die sind lecker, man kann Tee aus ihnen machen, man kann sie aber auch essen, wie Spinat. Es gibt die kleine und die große Brennessel, und die kleine ist küchengeeigneter …“
Interviewer: „…“ (schweigt und beschließt sein eigenes Verhältnis zu Brennesseln zu überdenken)
Zurück zum Düssel-Ufer. Auf dem Weg dahin noch eine Frage an Richard Gleim: Wie spaziert er durch Düsseldorf, durch Straßen, Parks und Grünstreifen? Legt er sein Augenmerk bewusst auf die die botanischen Inseln mit ihren kleinen Details? Oder passiert alles automatisch, intuitiv, situativ?
Gleim, während er die Straße überquert:
„Ich habe so einen 360-Grad-Blick. Was ich sehe und was mir begegnet, erweckt mein Interesse – oder auch nicht. Ich gehe nicht mit der Idee los, mich bei einem Spaziergang nur auf Pflanzen zu fixieren. Wenn mir eine hübsche Frau über den Weg läuft, dann sehe ich das auch …“
Pause auf einer Bank am Düssel-Ufer. Gleim steckt sich eine Zigarette an.
„Im Grund hat sich im Umfeld des Flussbetts in diesem Abschnitt seit meiner Kindheit nicht viel verändert. Die Nördliche Düssel fließt heute wie damals eher behäbig dahin, auch nachdem ihr beim Spaltwerk der Kittelbach abgetrennt worden ist. Im Gegensatz dazu plätschert dieser, fließt viel schneller. Unabhängig vom Namen haben wir es hier immer noch mit einem geraden, nicht renaturierten Kanal zu tun. Nur die Eingriffe durch die Stadt – die sind im Laufe der Zeit etwas größer geworden. Es wird mehr gemäht. Ich habe zu Hause noch Fotos, auf denen zu sehen ist, wie städtische Mitarbeiter vor ein paar Jahren die Böschung begradigt haben – mit Maschinen, die auf der Schräge am Ufer praktisch alles platt machen, auch geschützte Pflanzen. Offenbar nach dem Motto: Es muss Ordnung herrschen. Früher haben sie in dieser Hinsicht noch mehr Rücksicht genommen: Es wurde erst gemäht, wenn die Pflanzen ausgesamt haben. Heute erscheint mir das Mähen eher willkürlich …“
Wir machen uns auf dem Weg zum knapp fünfzig Meter stromabwärts gelegenen Spaltwerk. Gleim erzählt über Biodiversität …
„Generell ist die Vielfalt der Pflanzen in der Stadt größer als auf dem Land. Weil es in der Stadt so viele unterschiedliche Orte gibt, dass auch viele unterschiedliche Pflanzen irgendwo ihre Nische finden. Auf dem Land haben gerade kleinere Pflanzen durch Monokultur und Landwirtschaft oft keine Chance mehr. Diese Tendenz gilt nicht nur für Pflanzen, sondern zum Teil auch für Tiere. So passiert es ja am Rande von Berlin immer wieder, dass Wildschweine durch die Gärten laufen. Und im Hofgarten, in dessen Nähe ich wohne, habe ich schon öfter Füchse beobachtet. Aber natürlich gibt es auch Tierarten, die in der Stadt nichts bzw. nichts mehr zu suchen haben
Es folgt eine passende, wenn auch aus heutiger Sicht fast surreal erscheinende Kindheitsbegegnung:
„Da vorne hinter den Häusern … (er zeigt auf ein Neubau-Ensemble auf der Grafenberger Seite der Heinrichstraße, nahe der eben begangenen Wildfläche) … waren in den 1950er Jahren Kleingärten, und da konnte man öfter Rehe beobachten. Die kamen aus dem benachbarten Grafenberger Wald und haben immer wieder mal kleine Ausflüge gewagt. Tatsächlich ist der Wald von dort nur noch einen guten Kilometer entfernt. Und durch die Kleingärten war es eine sehr grüne Ecke. Nicht zu vergessen: Damals gab es viel weniger Autoverkehr. Und so sind die Rehe im Winter bis zu den Kleingärten vorgestoßen – vielleicht weil es da noch etwas zu fressen gab, was sie im Wald nicht mehr gefunden haben. Heute werden die Rehe natürlich den Teufel tun und in der Stadt herumspazieren.
Auf einer Litfaßsäule am Rande des Grünstreifens der Heinrichstraße verweilen zwei Enten. Keine Standard-Stockenten, vielmehr solche mit schwarzumrandeten Augen.
„Mit Tieren kennen ich mich weniger gut aus als mit Pflanzen. Das könnten aber diese asiatischen Enten gewesen sein. Die da vorne hingegen … (er zeigt auf zwei größere Vögel, die am anderen Düssel-Ufer entlang watscheln) … die kennt man ja, das sind die Kanadagänse, die sind inzwischen ziemlich berühmt in Düsseldorf. Der ganze Zoopark ist zugekackt. Wobei: Es sind dafür nicht allein die Kanadagänse verantwortlich, sondern auch noch andere ….“
Von der Fauna zurück zur Flora. Richard Gleim zeigt auf eine Pflanze an der Düssel-Böschung:
„Das ist der unbeliebte Giersch! Wie man sieht: Wenn der einmal da ist, nimmt er recht schnell Flächen ein ….“
Und nun stehen wir kurz vor der Stelle, wo das Wasser der Nördlichen Düssel am Spaltwerk geteilt wird. Die eine Hälfte biegt im rechten Winkel nach links ab, Richtung Zoopark – und behält den Namen. Die andere heißt fortan Kittelbach, fließt weiter schnurstracks geradeaus – und nimmt nach dem Mini-Wasserfall aber deutlich mehr Fahrt auf als zuvor. Gurgelt, sprudelt, strudelt.
„Schau mal dort rechts, da fließt das Wasser über diesen überdachten Steg. Der Bereich darunter war in der Kindheit für meine Bande und mich so eine Art Versteck. Im Sommer haben wir hier immer barfuß gespielt, Ende der der 1940er, Anfang der 1950er Jahre. Anfangs haben wir sogar in der Düssel gebadet, aber nur so lange, bis uns die eine oder andere tote Katze entgegen geschwommen kam. Heute würde vermutlich keiner seinen Kindern mehr erlauben, dort unten direkt am Wasser zu spielen. Wir aber hatten damals alle Freiheiten.“
Zwei Halsbandsittiche fliegen kreischend von einem Baum am Düssel-Ufer hinüber auf die andere Seite der Heinrichstraße. Wir spazieren zur Brücke, die kurz hinter dem Spaltwerk das Flussbett (hier schon: Kittelbach) überquert.
„Die Fußgängerbrücke, auf der wir jetzt stehen, gab es damals noch nicht. Wir haben den Fluss also immer da vorne über alte Brücke direkt am Spaltwerk überquert, die jetzt nicht mehr zugänglich ist. Vor ein paar Jahren habe ich hier, wo wir jetzt stehen und das Wasser aus dem Spaltwerk herausströmt und in den Kittelnach übergeht, einen Jungen gesehen, der geangelt hat. Da habe ich so ein bisschen ironisch rumgefrotzelt: Für Forellen werde es wohl nicht reichen. Es gebe hier doch nur Moderlieschen und Stachelditzkes. Nein, meinte er, hier gebe es Bachforellen, und zwei habe er bereits gefangen an diesem Tag. Die Forellen würden vom Rhein aus den Kittelbach hochschwimmen, und an dieser Stelle würden sie sich sammeln, weil sie wegen des Spalt- und Sperrwerks nicht weiterkämen. Das schien mir glaubwürdig, auch wenn ich mich nicht erinnern kann, hier als Kind jemals eine Bachforelle gesehen zu haben. Klar, jede Menge Moderlieschen, aber die werden ja nur handgroß. Manchmal habe ich bei Niedrigwasser auch ein paar größere Fische rumspringen sehen, die ich aber nicht zuordnen konnte. Und natürlich Stichlinge, die wir gerne gefangen und wieder freigelassen haben. Außerdem gab es viele Blutsauger. Manchmal haben die sogar versucht, sich an einem festzusaugen, aber dann hat man sie eben einfach wieder abgestreift. Die Düssel war von der Wasserverschmutzung durch Industrieabwässer nie so betroffen wie der Rhein, aber ich kann mich an Vorfälle erinnern, wo Abwässer die Düssel in ein Schaumbad verwandelt haben. Wahrscheinlich ist damals aus Versehen etwas von der Gerresheimer Glashütte in den Fluss gelangt. Ich weiß noch, wie dann die Feuerwehr kam, um Enten und andere Vögel aus dem Schaum zu retten.“
Gleim zeigt auf den großen Baum, der links von der Fußgängerbrücke das Spaltwerk säumt.
„Das hier ist eine Hainbuche. Die wächst hier so ziemlich wie sie will, in jedem Fall nicht gerade. Sie dürfte inzwischen um die 80 Jahre alt sein, war also schon da, als unsere Bande hier gespielt hat, aber natürlich deutlich kleiner. Hainbuchen sind bei Schreinern durchaus beliebt, aber wenn sie so wild durcheinander wie diese hier wachsen, sind sie handwerklich nicht zu gebrauchen. Von solchen wildwachsenden Hainbuchen ist übrigens auch das Wort `hanebüchen´ abgeleitet. Nach dem Motto: Das ist ja hanebüchen, das kann man nichts mit anfangen.“
Wir überqueren erneut die Heinrichstraße, diesmal links vom Flussbett, und folgen der Verlauf der beim Spaltwerk abgetrennten Nördlichen Düssel: Über einen Spazierweg, der entlang des Ufers durch ein schmales Grün-Areal führt, Richtung Zoopark.
„Früher war das hier nur ein wilder Trampelpfad und kein offizieller Weg.“
Richard Gleim entdeckt eine Pflanze am Wegesrand.
„Das ist wilder Knöterich, der ist innen hohl und kann noch viel dicker werden. Er gehört zu den invasiven Arten, breitet sich oft stark aus und verdrängt andere Pflanzen. Als Kinder haben wir uns aus seinen Stengeln prima Blasrohre gebastelt, und die grünen Beeren des Holunders, der hier damals überall wuchs, waren unsere Munition. Damit haben wir uns jede Menge Schlachten geliefert.“
Neben dem Spazierweg findet sich ein kleiner Teich. Ein Schwan schwimmt darin, und am anderen Ufer ein basketballspielerloser Basketball.
„Früher gabs hier auf dem Teich regelmäßig Froschkonzerte, keine Ahnung wie es heute ist. Beim letzten Mal, als ich hier war, hatten sich die Teichhühner in der Mitte aus Ästen eine Art Insel gebaut, zum Brüten.“
Wer möchte, kann dies in einem Eintrag auf Gleims Blog Gnogongo.de nachlesen.
Inzwischen sind mehr als anderthalb Stunden vergangen. Gleim hat noch so Einiges auf dem Plan. Wir beschließen, den Düssel-Spaziergang in einem zweiten Teil fortzusetzen – und kehren an dieser Stelle um, zurück zur Heinrichstraße.
Dabei kommen uns am Wegesrand zwei Gewächse in die Quere: Der Hahnenfuß sowie gleich daneben der blau blühende Ehrenpreis. Ehrenpreis – so heißt die Pflanze wirklich, und wäre man die Düssel, dann würde man Richard Gleim nach diesem Spaziergang umgehend einen ebensolchen verleihen: Eine Würdigung für jahrzehntelange erfolgreiche „Zusammenarbeit.“ Denn vermutlich gibt es in Düsseldorf nur wenige Menschen, die so viele interessierte Blicke auf das Flüsschen und seine Ufer geworfen haben wie er.
Der Interviewer würde sich freuen, wenn er diesen Düssel-Spaziergang, in dem Gleim so viel aus seiner Düssel-Kindheit erzählt hat, mit einem alten Düssel-Foto Gleims aus eben dieser Zeit illustrieren könnte – und hat Glück:
„Damals war Fotografieren noch eine teure Sache, die sich nur wenige leisten konnten. Daher gab es Fotografen, die sich ihr Geld damit verdienten, auf der Straße gegen Honorar andere Menschen, oft Kinder, zu fotografieren. Man legte damals noch dieses schwarze Tuch über die Kamera, alles sehr aufwendig, das komplette Gegenteil zum Smartphonezeitalter. Lange Rede, kurzer Sinn: So ein Foto habe ich noch irgendwo im Archiv. Ich als Grundschüler, mit Cowboyhut und Spielzeugpistole – die hat mir der Fotograf gegeben – mit der Düssel im Hintergrund. Das werde ich bald mal rausuchen …“
Bücher von Richard Gleim alias ar/gee Gleim:
- Guter Abzug II: Punk in Deutschland. Erweiterte Neuauflage eines zur Documenta 1982 erschienenen Foto-Buches (nur als E-Book, mit Texten von Peter Glaser und Xao Seffchechque),
- ZK - DIE TOTEN HOSEN: die frühen Jahre 1980-1983. Der oben erwähnte Begleitband zur 2017er Fotoaustellung.
Düssel-Flaneur-Autor Sebastian Brück erzählt, wie er mit seinem Hund in einer Kölner Sparkassen-Filiale auf eine Flatulenz-Virtuosin getroffen ist. Bestimmende Frage: Können menschliche Fürze hündisches Niesen auslösen? Mehr zu dem Mitschnitt einer Live-Lesung vor Publikum in der Videobeschreibung auf YouTube. Gerne teilen! :)
(#43) Mit Fortuna im Neandertal
Wie ein Nebel-Tag im Neandertal mit einem Schildbürgerstreich beginnt / Wie wir innerhalb eines An-der-Düssel-Kilometers auf zwei Fortuna Düsseldorf-Aufkleber stoßen / Und wie genau im richtigen Moment der Akku leer ist.
Raus aus dem Auto, den Berg runter, schnellstmöglich ans Düssel-Ufer, dann einen Kilometer am Flüsschen entlang – und wieder zurück ins Büro. Das wäre unser Wunschszenario! Heute Mittag sind wir endlich wieder unterwegs, leider mit engem Zeitplan. Dazu passende Phrase: Besser eine kurze Etappe – als gar keine.
Geparkt haben wir an einem offiziellen Neandertal-Parkplatz (Diepensiepen). Wer mag, wird dort neandertaltypisch mit (fast) allen möglichen Entfernungsangaben versorgt.
Der Parkplatz liegt „oben“. „Unten“ im Tal kann bzw. darf man nämlich nicht parken. Wobei der zuständige Entscheider in einer abenteuerlichen Mischung aus „gutem Selbstbewusstsein“ und „Bescheidenheit“ verkündet, warum das so ist. So ist auf einem der Parkplatzschilder zu lesen:
Liebe Wanderer, benutzen Sie bitte den neuen Wanderparkplatz. Der alte Parkplatz in der Düsselaue wurde geschlossen, um der Natur mehr Raum zu geben. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im Neandertal.
„Dass sich jemand in der Ich-Form auf einem Schild zu Wort meldet, ist ziemlich ungewöhnlich, oder?“, sage ich zu meinem besten Freund und Co-Flaneur P. „Wer ist denn überhaupt dieser Ich? Wer spricht hier zum Volk? Der Bürgermeister? Der Ministerpräsident? Der Herzog von Berg? Oder der Landwirt von um die Ecke?” Mein bester Freund P. ist bereits einige Schritte weiter, sowohl zu Fuß, als auch gedanklich. Er steht direkt vor dem Schild und liefert nun, quasi messerscharf, die Interpretation: „Klare Sache, hier hat irgendein Mitarbeiter oder Praktikant bei der Formulierung Mist gebaut, aber als das aufgefallen ist, war das Schild schon fertig, und deswegen ...“ Er zeigt auf die – zumindest für mich – nur aus nächster Nähe zu entziffernde „Unterschrift“ unter der Ich-Botschaft. „...deswegen hat sich der Unterzeichner so klein wie möglich gemacht.“
Tatsächlich sind die am unteren rechten Schildrand angebrachten Buchstaben winzig – und sehen so aus, als seien sie nachträglich aufgebracht worden.
Dort steht zu lesen:
„Der Landrat“
Ein „Schildbürgerstreich“ zu Beginn einer Etappe, das hatten wir noch nie ...
Angekommen im Tal – dem Neandertal! – stoßen wir kurz hinter einem Fachwerkhaus auf eben die Stelle, an der wir bei der vorangehenden Etappe umgekehrt sind. Wir biegen links ab, dem Wanderweg folgend.Ist es Wanderweg A5, Wanderweg A1 oder Wanderweg A99? Uns doch egal, wir halten uns an die Düssel. Spazieren vorbei an weiteren Schildern. Eines fordert „Bitte nicht reiten“, und dem kommen wir, die so pferdelosen wie zweibeinigen Flaneure, selbstverständlich nach.
Das andere Schild hängt neben einem kleinen Bach, der 50 Meter weiter in die Düssel mündet. Gesucht wird die Katze „Pippilotta“, aber wenn Ihr das hier lest, ist sie sicherlich längst wieder gefunden und ihre Geschichte verfilmt worden, ja wahrscheinlich hat sie inzwischen auch ein eigenes Instagram-Profil mit 1227 Followern, auf dem sie täglich Hundefotos postet. Wie das nun mal so ist in dieser schnelllebigen Zeit ...
Nicht dass es uns überraschen oder stören würde: Aber der Wanderweg erinnert sehr an die vorige Etappe. Links von uns: der von hohen Bäumen bestandene Hang des Neandertals. Rechts von uns: eine Wiese, vor der sich schlängenlnden und von niedrigeren Bäumen umsäumten Düssel.
Erneut kreuzt ein Richtung Düssel strebendes Bächlein den Weg, und dann folgen zwei rot-weiße-Pöller. Vermutlich sind sie dazu da, zu verhindern, dass hier einer mit dem Auto durchfährt.
Mein bester Freund P. kommentiert die Pöller: „Um hier mit dem Auto durchfahren zu wollen, muss man schon hackedicht oder wahnsinnig sein – oder beides.“
Ich kommentiere den F95-Aufkleber auf einem der Pöller: „Nur noch ein paar Wochen, dann sind wir endlich wieder in der Bundesliga.“ „Da wäre ich mir gar nicht so sicher“, kontert P., dem man ja gar nicht übel nehmen kann, dass er - obwohl er Düsseldorfer ist - Borussia Mönchengladbach anhängt. So was passiert eben - kleiner Exkurs -, wenn man in Neuss geboren wird und dort seine ersten Lebensjahre verbringt. Bei Neussern ist fußballmäßig sowieso alles möglich: Viele sind Fortuna-Fans, manche sind Gladbach-Anhänger – und gar nicht mal so wenige sind sogar Fans des 1. FC Köln, aber die leben dann eher nicht direkt in Neuss, sondern im Kreis – Zons oder Dormagen oder so.
Nach ein paar Hundert Metern erreichen wir einen Hochsitz, unmittelbar am Wegesrand positioniert.
„Alter“, sagt P., „was soll das denn bitte? Warum steht das Ding hier? Wollen die vorher eine Lautsprecherdurchsage an alle Spaziergänger machen, dass gleich scharf geschossen wird, wenn sie einen Hasen oder ein Reh sehen?!“
Ich zucke die Schultern, bin gerade dabei, meinen Kopf so zu drehen, dass ich das auf dem Kopf stehende Schild entziffern kann, das neben dem Hochsitz an einem Baum befestigt ist.
„Betreten verboten wegen Baumsturz und Astbruch“, steht dort, und ich bin mir nicht sicher, ob dieses Schild womöglich jemand extra umgedreht hat – sei es als (erneuten) „Schildbürgerstreich“ (aber diesmal aus Spaß) oder, weil momentan weder Baumstürze, noch Astbrüche drohen und dass Schild ja dann wieder richtig herum gedreht werden könnte, sobald seine Botschaft akut werden sollte. Tja, das sind die Fragen, mit denen man sich als Düssel-Flaneur so rumschlagen möchte bzw. muss.
Und da mein bester Freund P. und ich Aufkleber tendenziell genauso spannend wie Baudenkmäler finden, sei noch erwähnt, was wir auf einem Pfosten am Wegesrand neben den üblichen Wanderpfadmarkierungen und „Benutzung auf eigene Gefahr“-Warnungen erblicken: 1.) einen weiteren Fortuna Düsseldorf-Aufkleber. 2.) einen Aufkleber von „Anka & Alex on Tour“. Ob der letztere zu einem Wanderblog gehört? Ich googele kurz, finde aber nichts, dafür kommt meinem besten Freund P. (wieder mal) die Idee, eines Düssel-Flaneur-Aufklebers in den Sinn – wie üblich von mir abgeblockt: Wahrscheinlich zu teuer und außerdem hat man im schlimmsten Fall hinterher das Ordnungsamt am Hals.
Was wir vom Weg aus kaum erkennen können: Die Düssel teilt sich laut Google Maps weiter unten im Tal in zwei Hälften auf – flussaufwärts gesehen. Vor einer Bank gabelt sich auch der Weg. Natürlich nehmen wir die Abzweigung, die der Düssel zugeneigt ist. Nachdem sie eine Weile in rund 50 bis 100 Metern Entfernung verlaufen ist, fließt sie nun wieder direkt neben uns, allerdings rund zehn Meter tiefer. Deswegen ist der Weg auch durch einen Zaun gesichert.
Kurz bevor der Weg auf eine hölzerne Über-die-Düssel-Brücke zuläuft, passieren wir ein Schild, das die „typischen Bewohner eines Fließgewässers“ vorstellt. Das hatten wir schon mal, ebenfalls vor einer Brücke, am Rundweg durch das Eiszeitliche Wildgehege.
Nach der Brücke läuft der Weg auf die Winkelsmühle zu. Die hat mit winkelsmuehle.de sogar eine eigene Website und ist vermutlich das schönste Gebäude, dem wir bisher am Rande der Düssel begegnet sind. Wobei: Eigentlich handelt es sich nicht um ein “Einzelstück”, sondern um eine komplette Hofanlage. Wer mehr wissen möchte, kann das ja mal in Ruhe nachlesen.
Der Wanderweg führt mitten durch die private Hofanlage hindurch.
„An Wochenenden ist das für die Anwohner bestimmt ganz schön nervig, wenn hier ein Wanderverein nach dem anderen an der Haustür vorbei marschiert“, vermutet P.
„Gut, dass man hier nicht parken darf“, sage ich, als wir das Winkelsmühle-Gelände hinter uns gelassen haben und den (stromaufwärts gesehen) rechten und schmaleren Arm der temporär gespaltenen Düssel überqueren.
Das Thema „Parken“ spielt für die kommenden Hundert Meter auch für uns eine Rolle. Wir gestalten unsere Etappen im Neandertal nämlich immer so, dass wir – wie heute – beim nächsten Düssel-Termin unser Auto einigermaßen in der Nähe abstellen können. In einem Naturschutzgebiet ist das aus gutem Grund nicht ganz so einfach.
Wir folgen der Düssel noch rund 500 Meter, vorbei an einem aufgestauten See, an dem unser Flüsschen (immer noch) zweigeteilt zur Linken und zur Rechten vorbeifließt.
Das Ende der heutigen Etappe läuten wir dann an einer Wegbiegung mit “Auenwald”-Erklär-Schild ein: vor einer Felswand, mit Blick auf einen Bauernhof.
Hier treffen Düssel und Wanderweg auf den asphaltierten Winkelsmühler Weg, der offenbar auch von Autos befahren werden kann. Signal: Irgendwo in der Nähe, oberhalb des Neandertals muss es Parkmöglichkeiten geben. Das wars für heute, zurück zum Auto, ab ins Büro, die Zeit drängt.
Hmm. Moment mal!
Flaneure im Stress, wie absurd! So geht das doch nicht! Also: Kurz innnehalten auf dem Weg zurück zum Auto, noch mal zwischen den Bäumen näher ans Ufer rantasten, ein paar Fotos machen, einen kurzen Clip drehen. Durchatmen. Lauschen.
Stille. Nur: Ästeknacken, Vögelzwitschern, Düsselplätschern – und dann ist plötzlich der Smartphone Akku leer. Und das ist auch gut so …
Ein #TextOhneDüssel bei Spiegel Online
Im Januar 2018 erschien ein sehr persönlicher Text von Düssel-Flaneur-Autor Sebastian Brück im Ressort EinesTages von Spiegel Online: Die Geschichte eines deutsch-amerikanischen Schüleraustauschs - und nebenbei auch eine Geschichte über die Ärzte und die Toten Hosen.
Auf der facebook-Seite von Spiegel Online:
Twitter-Reaktionen hier:
⚡️ “Danny, ich und "Anneliese Schmidt"”https://t.co/lLoAY49koX
Als Fundstück des Tages bei "Krautreporter":
In den Top20 der Social Media Charts von “10.000 Flies”:
Der Köln-Düsseldorf-Horizont: Vom Glück in die Ferne zu schauen
Zwei Skylines, ein Ausblick: auf beide, von ein und demselben Punkt! Oder: Wie ich den Ort fand, von dem aus man meine Geburtsstadt Köln und meine Heimatstadt Düsseldorf gleichzeitig sehen kann – und was das mit Ibiza und Formentera zu tun hat.
Ausblicke faszinieren mich. Vom Berg ins Tal. Von der Küste aufs Meer. Von Hochhäusern in Stadtschluchten: Nehme ich! Begonnen hat meine Ausblick-Vorliebe im Grundschulalter. Als wir 1977 zum ersten Mal in den Osterferien auf Formentera Urlaub machten, saß ich – knapp sieben Jahre alt – stundenlang am Rande von Es Pujols (damals gerne scherzhaft „Düsseldorf-Süd“ genannt) auf meinem Lieblingsfelsen, warf die Angel aus und schaute Richtung Horizont. Dort zeichnete sich die Nachbarinsel Ibiza ab, von der ich durch die Anreise lediglich den Flug- und den Fährhafen kannte. Mal schienen Ibizas Berge und Hügel unendlich weit weg, mal zum Greifen nahe, und nur hin und wieder verschwand die Insel im Dunst. Man konnte die Ibiza-Silhouette nicht nur beim Angeln sehen, sondern praktisch ständig. Ob wir am Strand lagen, in unserem Stamm-Restaurant Sa Palmera Fisch aßen, mit Fahrrädern über Formenteras Straßen fuhren oder an einem sonnigen Morgen die Fenster unseres schneeweißen Miet-Bungalows öffneten (passenderweise hieß er „Mar i Sol“): Ausblick hier, Ausblick da, Ausblick Ibiza.
Der Turm zu Düsseldorf, der Köln-Sicht verheißt
Als zwei Jahre später, 1979, in meiner Heimatstadt Düsseldorf der Rheinturm gebaut wurde, freute ich mich: Schließlich sollte er nicht nur Radio- und Fernsehsignale ins Umland funken, sondern auch eine Aussichtsplattform bekommen. Monat für Monat wuchs das Turm-Skelett ein paar Meter in den Himmel, und irgendwann wurde mir klar, dass dieses Ding tatsächlich außergewöhnlich hoch werden würde – höher als die gar nicht mal so niedrige Suitbertuskirche in der Nähe unserer Wohnung, vermutlich sogar höher als der Kölner Dom.
„Ob man vom fertigen Rheinturm aus Ibiza sehen kann?“, fragte ich meinen Vater – obwohl ich alt genug war, um zu ahnen, dass das wohl eher nicht klappen würde.
Seine Antwort gefiel mir: „Ibiza ist zu weit weg, aber in der Zeitung steht, dass man bei schönem Wetter den Kölner Dom erkennen kann.“ Den Kölner Dom von Düsseldorf aus sehen?! Das klang abenteuerlich und verlockend. Mir kam nämlich unsere Nachbarstadt ebenfalls ausgesprochen weit weg vor – auch wenn sie sicher näher lag als die Balearen ...
Als der Rheinturm 1982 endlich fertig war, ging ich in die 6. Klasse und fuhr immer noch mit meinen Eltern und meiner Schwester in die Formentera-Osterferien. Stets die gleiche Prozedur: Mit der LTU von Düsseldorf nach Ibiza, raus aus dem Flugzeug, rein ins Taxi, kurzer Bummel am Hafen von Ibiza-Stadt, dann mit der legendären Schaukel-Fähre Joven Dolores rüber nach Formentera. Inzwischen hatte ich dort von meinem Lieblingsfelsen aus sogar den einen oder anderen Fisch aus dem Mittelmeer gezogen. Rückblickend kann ich mir aber durchaus vorstellen, dass das Angeln eigentlich nur ein unbewusster Vorwand für stundenlanges Ibiza-Gucken war.
Zu dumm, dass die Osterferien bloß drei Wochen dauerten. Den Rest des Jahres brauchte ich für meine Fernsicht-Faszination einen Ibiza-Ersatz. An Nord- oder Ostsee wäre ich wohl leicht fündig geworden, ebenso im alpennahen München oder im hügeligen Stuttgart. In Düsseldorf, mitten im Niederrheinischen Tiefland war das schon schwieriger. Der höchste Punkt der Stadt – der Sandberg in Hubbelrath – misst zwar stolze 164,7 Meter über Nullniveau, hat aber eine komplett bewaldete Spitze. Ziemlich ausblicksarm also, meine Heimatstadt – zumindest, wenn es um die „echten“, die „weiten“ Ausblicke geht. Um so mehr war ich begeistert, als ich mit meinem Vater schon kurz nach der Eröffnung die 170 Meter hohe Aussichtsplattform des 240 Meter hohen Rheinturms besuchen durfte.
Gesucht: Aussichtspunkt mit Köln-Düsseldorf-Panorama
Kaum hatte ich den Aufzug des Rheinturms verlassen, klebte ich an den Panoramafenstern. Meine Augen flogen über Dächer und Fassaden, tauchten in Straßen ein, blieben an winzig erscheinenden Autos oder Rheinschiffen hängen, wanderten zum Horizont. Das Wetter spielte mit, der Himmel war klar, mein Herz klopfte. Im „Angebot“: Der Grafenberger Wald, der Flughafen, das Rheinstadion, das Drei-Scheiben-Haus, Neuss, Krefeld, das Bergische Land und die Fleher Brücke (auch erst 1979 fertiggestellt!). Noch besser: Rund 40 Kilometer südlich waren tatsächlich die Spitzen des Kölner Doms zu erkennen, flankiert vom ein Jahr zuvor eingeweihten Kölner Fernmeldeturm „Colonius“.
„Welcher ist höher – der Kölner Fernsehturm oder unserer?“, fragte ich meinen Vater.
Der hatte die Frage schon erwartet: „Der Turm in Köln ist etwas höher, 253 Meter, dafür hat er mit 166 Metern eine niedrigere Aussichtsplattform.“
Ich zog einen (nicht notwendigerweise logischen) Schluss: „Wenn die beiden Fernsehtürme fast gleich hoch sind, müsste es doch einen Ort geben, von dem aus man sie beide sehen kann“.
Mein Vater zuckte die Schultern: „Wenn, dann liegt der passende Aussichtspunkt wahrscheinlich auf einem der Hügel im Bergischen Land.“ Er hörte sich im Freundes- und Bekanntenkreis um – doch keiner hatte eine Idee. So blieb mein „Köln und Düsseldorf gleichzeitig sehen“-Wunsch unerfüllt, und irgendwann verschwand er in der Erinnerung …
Düsseldorfer mit Kölner Migrationshintergrund – und Fernsichtvorliebe
Bis heute habe ich die Aussichtsplattform des Rheinturms sicher drei Dutzend Mal besucht: Als Kind mit meinen Eltern, später allein, dann mit Besuchern aus anderen Städten bzw. anderen Ländern, seit der Jahrtausendwende auch mit Neffen und Nichten – und seit ein paar Jahren mit meiner Tochter. Dass der Blick vom Düsseldorfer Fernsehturm bis zum Kölner Dom und zum Kölner Fernsehturm reicht, finde ich immer noch faszinierend. Vielleicht hat das nicht zuletzt mit meinem Kölner „Migrationshintergrund“ zu tun: Als Kind eines Düsseldorfer Vaters und einer münsterländischen Mutter bin ich in Köln geboren. Kurz vor meinem dritten Geburtstag zogen meine Eltern mit mir nach Düsseldorf-Bilk. Zwischen Düssel und Volksgarten bin ich aufgewachsen. Als Erwachsener habe ich kurz nach dem dreißigsten Geburtstag auch mal zwei Jahre in Ehrenfeld verbracht, zurück zu den Wurzeln. Kurzum: Ich fühle mich beiden Städten verbunden, mache mir nichts aus der Rivalität, wohne gerne in Düsseldorf, bin aber auch oft in Köln (nur im Fußball gehört mein Herz allein F95). Warum ich das alles erzähle? Weil man das, worum es hier eigentlich geht, dann besser verstehen kann: Bei einem Familienausflug nach Leichlingen – einer von der Wupper durchflossenen Kleinstadt im Bergischen Land – machte ich vor drei Jahren eine Entdeckung, die mir die eben beschriebene Fernblick-Faszination meiner Kindheit zurückgebracht hat.
Nach einem Wald-Spaziergang fuhren wir auf einer Landstraße über die Anhöhen am Stadtrand. Erst entdeckte ich aus dem Auto heraus den Kölner Fernsehturm am Horizont. Als nach einem Richtungswechsel, ein paar Kurven weiter auch noch der Düsseldorfer Rheinturm zwischen den Bäumen auftauchte, macht es „Klick“ in meinem Kopf: Das war die Chance, endlich den Platz zu finden, von dem aus man sowohl meine Geburtsstadt, als auch meine Heimatstadt im Blick hätte. Wohlgemerkt: Ohne auch nur einen Schritt gehen zu müssen. Allein dadurch, dass man den Kopf dreht und den Blick schweifen lässt. Wenn nicht hier, wo sonst? Schließlich liegt Leichlingen fast genau in der Mitte zwischen Köln und Düsseldorf, jeweils gut 20 Kilometer entfernt, und ist mehr oder weniger von Hügeln umgeben. Auch „kulturell“ sind die Voraussetzungen optimal: Leichlingen liegt unweit der Kölsch-Alt-Grenze und des Helau-Alaaf-Äquators. Und es wird zeitungsmäßig sowohl vom Kölner Stadtanzeiger, als auch von der Rheinischen Post mit einem Lokalteil versorgt. Kurzum: Nirgendwo sind sich Köln und Düsseldorf „näher“ als in Leichlingen. Fehlt also nur noch die passende Aussicht.
Leichlinger Hochfläche: Beide Fernsehtürme im Blick?
Über zwei Jahre gehe ich rund um Leichlingen immer wieder mal auf die Jagd nach dem Köln-Düsseldorf-Horizont. Stellen, von denen man eine der beiden Städte sehen kann, finde ich mehrere. Einer Doppel-Fernsicht stehen jedoch stets Wäldchen oder Häuser im Weg – oder der Winkel passt nicht. Der Tipp eines Exil-Leichlingers bringt schließlich die Wende: Ich solle doch mal „Hülstrung“ oder „Bergerhof“ in den Navi eingeben. Auf der Hochfläche, zwischen den genannten Ortsteilen, liege womöglich „mein“ Aussichtspunkt. Allerdings müsse ich ein wenig Glück mit dem Wetter haben. Ich checke die Lage vorab auf Google Maps, finde für Hülstrung (112 Meter über Nullniveau) und Bergerhof (140 Meter) sogar je einen Wikipedia-Eintrag. Die Satellitenansicht ist vielversprechend: Ein sanft ansteigender Hang, mit Feldern bedeckt, dazwischen nur wenige Bäume und Sträucher. Könnte klappen ...
Dann ist es soweit: Ein sonniger Wintertag, kaum Wolken, gutes Fernsicht-Wetter. Ich parke in Leichlingen-Bergerhof, einer Ansammlung von Häusern auf dem höchsten Punkt der Hochfläche, spaziere ein wenig am Ortsrand hin und her und finde schließlich „meine“ Stelle: Ein asphaltierter Feldweg, der nur für Anliegerverkehr freigegeben ist und südwestlich talabwärts führt. Weiter unten, circa dreißig Meter vor zwei dicht nebeneinander stehenden Buchen, die von weitem wie ein einziger Baum wirken (sogar in Google Maps zu sehen), müsste der Blick frei sein – auf Köln und auf Düsseldorf.
Ich positioniere mich am Wegesrand und richte den Blick scharf nach links. Ich sehe Leverkusen: die Schornsteine des Bayer-Werks und den Wasserturm. Seitlich dahinter: Köln! Der Dom, der Fernsehturm und der Kölnturm im Mediapark.
Vorwahlübergreifende Sicht: Von 02175 auf 0211 und 0221 schauen
Und Düsseldorf? Ohne meine Position zu verlassen, neige ich den Kopf nach rechts. Als erstes entdecke den Rheinturm, dann folgen Stadttor, LVA-Hauptgebäude und Gap15. Ich meine sogar die Oberkasseler Brücke zu erkennen. Östlich begrenzt der ARAG-Tower den Düsseldorf-Horizont. Nur die Fleher Brücke vermisse ich. Weil sie mit dem höchsten Brückenpylon Deutschlands aufwarten kann, ist sie bei Düsseldorf-Blicken aus der Ferne normalerweise der ideale Blickfang, um sich zu orientieren.
Trotzdem: Es hat funktioniert! Oder? Noch mal ein prüfender Blick nach links: Ich sehe Köln. Und noch mal einer nach rechts: Ich sehe Düsseldorf. Eine Simultan-Fernsicht auf die beiden größten Städte des Rheinlands – von ein und derselben Stelle aus! Freude, Aufregung, fast ein Bisschen Rührung: Was für die Menschen, die hier wohnen, vermutlich ein nicht hinterfragter, vielleicht sogar unbemerkter Teil des Alltags ist, bleibt für mich eine Sensation. Ein kleines Wunder, das man nirgendwo sonst genießen kann – nur hier, am Rande von Leichlingen-Bergerhof, auf einem Feldwegabschnitt von maximal 20 Metern. Kamera raus, das muss ich festhalten: Für den heutigen Tag habe ich mir extra einen Camcorder mit optischem Zoom zugelegt. Durch die Kälte (-2 Grad) und den Wind zittern meine Hände beim Zoomen, außerdem ist mein Stativ nicht so stabil wie erhofft. So landen einige Wackler im Film. Aber egal: Bin ja kein Filmprofi. Ich habe den Köln-Düsseldorf-Horizont aufgenommen, in einem Schwenk, ohne Schnitt – das zählt (siehe Video weiter unten!). Und durch das Ranzoomen erkenne ich in den Skylines „meiner“ beiden Städte noch weitere Details und Gebäude. Und dann entdecke ich auch noch die Fleher Brücke, „versteckt“ zwischen Baumwipfeln.
Rheinische Horizonterweiterung: Vom Glück, in die Ferne zu schauen
Schon öfter habe ich mir überlegt, wie man meine Vorliebe für Fernblicke erklären könnte. Seit Henry David Thoreaus Essay von 1862 („Vom Spazieren“) haben sich diverse Autoren intensiv, zum Teil fast wissenschaftlich mit allen möglichen Facetten der Zu-Fuß-Bewegung beschäftigt. Eine „Philosophie des Fernblicks“ habe ich bisher nicht finden können. Durchaus erstaunlich, denn Aussichts-Enthusiasten, die sich gerne im Horizont verlieren, dürfte es viele geben. Ich persönlich habe durch fortwährendes Ausblicken schon oft neue Einblicke gewonnen und spannende Einfälle gehabt – ohne dass es in diesen Momenten meine Absicht gewesen wäre. Vielleicht handelt es sich bei meinem „Hobby“ ja um eine Art Meditation. Um einen Stresskiller, der ein Gefühl von Freiheit verschafft. In jedem Fall könnte ich von der Leichlinger Hochfläche aus stundenlang in die Ferne schauen. Einen Lieblingsfelsen, so wie im Jahr 1977 auf Formentera, werde ich hier Anfang 2018 zwar nicht finden (ich müsste schon einen Klappstuhl mitbringen). Auch das Wellenrauschen fehlt. Dafür fühlt sich die „Aussichtsplattform“ kurz vor der prägnanten Doppel-Buche„exklusiv“ an, denn anders als das Bergpanorama von Ibiza drängt sich der Fernblick auf die beiden „Rivalen vom Rhein“ nicht auf, man muss sich schon ein Bisschen anstrengen, um ihn zu genießen. Anders gesagt: Den kindlichen Sehnsuchtsort mit Köln-Düsseldorf-Blick nach 35 Jahren doch noch gefunden zu haben – das ist meine ganz persönliche Horizont-Erweiterung.
P.S. Wer weiß: Vielleicht liegt die Annäherung zwischen Köln und Düsseldorf ja gerade im “Trend”. Momentan geht, passend zum Köln-Düsseldorf-Horizont, ein Craftbeer-Start-Up durch die Medien, das Kölsch und Alt vereint: Költ. Schlagzeilen: „ Friedensbier für das Rheinland“ (Spiegel Online). Und: „Költ = Frieden in Flaschen?“ (Sueddeutsche.de). Oder: „Ein Einheitsbier für Köln und Düsseldorf“ (dpa).
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TIPPS/ANREISE:
Bei schlechtem, bewölktem Wetter kann es sein, dass sowohl Köln, als auch Düsseldorf im Dunst liegen und gar nicht zu sehen sind. Am besten ein wenig spazieren gehen: zum Beispiel dem „Obstweg Leichlingen folgend, der genau über die Köln-Düsseldorf-“Aussichtsplattform“ verläuft, und dann noch mal wiederkommen. Manchmal tauchen zuerst die beiden Fernsehtürme am Horizont auf – und mit etwas Glück auch noch weitere Gebäude. Es gibt aber auch Tage, an den Düsseldorf recht klar am Horizont zu sehen ist und Köln kaum bis gar nicht – und umgekehrt. Idealerweise hat man zum Horizont-Spotting ein Fernglas oder eine Kamera mit optischem Zoom zur Hand. Anreise: In den Navi „Leichlingen-Bergerhof“ eingeben – oder „unten“ in Leichlingen parken und über den gerade erwähnten „Obstweg“ kommen. Entlang dieses Obstwegs, etwas tiefer am Hang, kann man hier und da den „Köln-Horizont“ sehen, und hier und dort auch den „Düsseldorf-Horizont“. Ja, möglicherweise gibt es sogar eine weitere Stelle, von der aus die Skylines beider Städte zu erkennen sind. Wo? Das müsste Ihr selbst herausfinden … :)
Weitere Infos zu den erwähnten Orten/Gebäuden im Überblick:
LEICHLINGEN
- Leichlingen: 55 Meter über Normalhöhennull (NHN), https://de.wikipedia.org/wiki/Leichlingen_(Rheinland)
- Ortsteil Hülsstrung: 122 Meter über NHN, https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%BClstrung
- Ortsteil Bergerhof: 141 Meter über NHN,1 https://de.wikipedia.org/wiki/Bergerhof_(Leichlingen)
DÜSSELDORF
- Düsseldorf: 38 Meter über NHN, https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCsseldorf
- Fleher Brücke, 146 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/Fleher_Br%C3%BCcke
- LVA-Hauptgebäude, 122 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/LVA-Hauptgeb%C3%A4ude
- Rheinturm: 240,5 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinturm
- Gap15: 90 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/GAP_15
- Stadttor: 72 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/Stadttor_(D%C3%BCsseldorf)
- Arag Tower, 125 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/ARAG-Tower
- Oberkasseler Brücke, 103 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/Oberkasseler_Br%C3%BCcke
- Sandberg (höchster Punkt Düsseldorfs): 164 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/Sandberg_(D%C3%BCsseldorf)
- Suitbertuskirche: 80 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/St._Suitbertus_(D%C3%BCsseldorf-Bilk)
- Liste der höchste Gebäude in Düsseldorf: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Hochh%C3%A4user_in_D%C3%BCsseldorf
KÖLN
- Köln: 53 Meter über NHN, https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6ln
- Kölner Fernsehturm („Colonius“): 266 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/Colonius
- Kölnturm: 148 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lnturm
- Kölner Dom: 157 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Dom
- Monte Troodelöh (höchster Punkt Kölns): 118 Meter, https://de.wikipedia.org/wiki/Monte_Troodel%C3%B6h
- Liste der höchsten Bauwerke in Köln: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_h%C3%B6chsten_Bauwerke_in_K%C3%B6ln
Und so sieht es am “Aussichtspunkt” vor den beiden Buchen in Leichlingen-Bergerhof bei “schlechtem” Wetter aus:
SOFIA AUF DEM SAND: (K)EINE FUSSBALLGESCHICHTE
Als ich Sofía zum ersten Mal gesehen habe, waren wir Gegner. Ich verteidigte, sie stürmte. Als ob es gestern gewesen wäre: Freistoß aus kurzer Entfernung. Ihr Blick trifft meinen. Sie klemmt sich ihre schulterlangen Haare hinter die Ohren, zieht die linke Braue leicht hoch und lächelt. Zwei endlose Sekunden. Dann schießt sie. Ich hechte in die Ecke meines Tores, errichtet aus zwei mit Steinchen gefüllten Fanta-Dosen. Gerade noch erwische ich den Ball mit den Fingerspitzen. Gehalten. Feiner Sand dringt in meinen Mund. Ich spucke aus. Sofía klopft mir auf die Schultern. „Toni Schumaaakerr“, sagt sie anerkennend und knipst ein Auge zu. Mein Bauch kribbelt, mein Herz klopft. Ich lächele. Dann zerbeiße ich einige Sandkörner zwischen den Zähnen und werfe den Ball ab. In meinen Handflächen sammelt sich Schweiß. Das Spiel geht weiter.
Fortan treffe ich Sofía jeden Tag. Während alltagsgestresste Eltern aus Oberhausen, Duisburg oder Essen den Spanienurlaub Bildzeitungslesend an der Strandbude verbringen, spielen wir Fußball auf Sand. "Ruhr-Süd 81“ gegen "Real madrid“. „Ruhr Süd“, weil sich ein gutes Dutzend pubertierender Ruhrgebiets-Jungs unmöglich auf einen real existierenden Klub einigen kann. „Real Madrid“, weil unsere spanischen Mitspieler wirklich alle aus Madrid kommen. Samstags hören wir über Kurzwelle die aktuellen Spielberichte aus der Bundesliga.
Ich erkläre Sofía, dass nicht Nationaltorwart Toni Schumacher, sondern Norbert Nigbur mein Vorbild ist. Weil Toni Schumacher für den 1. FC Köln spielt und Norbert Nigbur für den FC Schalke 04, meinen Lieblingsverein. Sofía wiederum schafft es, mir begreiflich zu machen, dass ihr Cousin Miguel in Deutschland lebt und Toni Schumachers Bundesligaspiele oft vor Ort im Stadion verfolgt. „Miguel lives at Kolln-Muulcheejm“, sagt Sofía. Als sie merkt, dass ich sie nicht verstehe, wiederholt sie: „Kolln-Muulcheejm!“ Immer noch steht ein Fragezeichen auf meiner Stirn. „Toni Schumaaakerr plays Kolln-Muulcheejm!“, bekräftigt Sofía – und endlich fällt die aus unterschiedlich ausgesprochenen Schulenglisch-Brocken errichtete Barriere. Ich versuche Sofía mitzuteilen, dass ich aus einer Stadt komme, die fast genauso heißt: Mülheim an der Ruhr. Gar nicht weit weg von Köln-Mülheim. Diesmal ist es Sofía, die nicht versteht. Ich arbeite mit Händen und Füßen, doch der gemeinsame Wortschatz unserer Deutsch-Englisch-Spanisch-Zeichensprache erreicht endgültig die natürlichen Grenzen. Sofia beeindruckt das nicht im Geringsten. Seelenruhig zeigt sie mit dem Finger auf mich, legt die Stirn in Falten und sagt bestimmend: „Hombre! You play like Toni Schumaakerr from Kolln-Muulcheejm! Basta!“ Dabei klopft sie mir auf die Schultern und fixiert mich mit ihren grünen Katzenaugen. Ihr Blick spricht eine klare Sprache: Diskussion beendet. Ich gebe auf. Schließlich ist es für einen Dreizehnjährigen keine Schande, mit einem Torwart verglichen zu werden, der es schafft, den Ball vom Sechszehn-Meter-Raum fast bis zur Mittellinie abzuwerfen. Direkt in die Tiefe des Raumes. Auch wenn ich nicht glaube, dass er in Köln-Mülheim wohnt.
In den kommenden Wochen verändern sich die Aufstellungen von „Ruhr-Süd 81“ und „Real Madrid“ fast täglich. Neue Spieler kommen und gehen, Sofia ist und bleibt das einzige Mädchen – und unsere Anführerin. Alle verehren und respektieren sie. Wir Ruhrpottler geben ihr den Spitznamen „Sofía auf dem Sand“, weil das irgendwie edel und adelig klingt. Die Madrilenen nennen sie „Sofía de la Arena“, weil Sand auf Spanisch „arena“ bedeutet. Gibt es Ärger, schlichtet und vermittelt sie. Zum Beispiel, als sich der Strandbudenbesitzer über den Lärm und die Querschläger beschwert, die ein ums andere Mal die Tische seiner Gäste abdecken. Sofía verhandelt, und wir verlegen unser Spielfeld um ein paar Meter. Dafür erhalten wir pro Team jeden Tag eine Fünf-Liter-Flasche eiskaltes Wasser. Manchmal passiert es, dass ein Ruhrpottler bei „Real Madrid“ mitspielt, oder ein Madrilene bei „Ruhr-Süd 81“. Weil wir zu viele oder zu wenige sind, um zwei gleichstarke Mannschaften zu bilden. Bei diesen Gelegenheiten spiele ich mit Sofía in einem Team. Immer wenn ich einen schwierigen Ball pariere, umarmt sie mich und tönt mit heiserer Stimme, so dass es jeder hört: „Toni Schumaaakerr!“
Ich habe Sofía bewundert. Für ihren Stolz, ihre Schönheit – und weil sie mit ihren langen Beinen im Sand Haken schlagen konnte wie ein Kaninchen auf der Flucht. Am drittletzten Urlaubstag hat sie mir angeboten, eine Zigarette mit ihr zu rauchen. Meine erste Zigarette. Am vorletzten Tag haben wir uns geküsst. Mein erster Kuss. Und als ich wieder zu Hause war, habe ich tagelang geheult. Im echten Leben habe ich Sofía nie wieder gesehen, auf der Leinwand meiner Erinnerung erscheint sie fast täglich.
Ich öffne die Augen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren vergrabe ich meine Zehen wieder zwischen den Sandkörnern unseres Spielfelds von damals. Die Strandbude ist zu einem modernen Restaurant mutiert. Dort, wo früher nur Dünen den Strand begrenzten, spazieren die Leute über eine Stein-Promenade. Die Kinder spielen nicht Fußball sondern Beachvolleyball. Und die Eltern finden am Kiosk nicht nur die Bild, sondern auch WAZ, NRZ und Westfalenpost. Ich setze mich auf den Felsen, von dem aus ich und Sofia an den letzten drei Urlaubstagen in die untergehende Sonne geschaut haben. Seit einer Woche bin ich hier – und habe mich nicht überwinden können, es zu tun. Nun ist es soweit: Zehn Schritte Richtung Strandbude – jeder in etwa so lang wie der eines Dreizehnjährigen. Dann noch einmal zehn, diesmal nach rechts Richtung Strandmitte. Vor mir überall Handtücher, Sonnenschirme und Liegen. Schritt sechs führt genau über ein junges Pärchen. Befremdete Blicke. Schritt sieben, Schritt acht, Schritt neun. Stopp! Vor dem letzten Schritt verharren meine Füße im Sand, ich würde auf dem mächtig behaartem Bauch eines spanischen Urlaubers landen, der schwerfällig wie eine Schildkröte neben seiner Frau in der Sonne döst. Ich bitte ihn mit Händen und Füßen, seine Liege um einen Meter zu verschieben. „Porqué?“, fragt er immer wieder – und tut mir schließlich kopfschüttelnd den Gefallen. Ich fange an zu buddeln. Zunächst mit bloßen Händen, später mit einer geliehenen Schaufel. Die meisten Gäste des Strandes beobachten mich bei meiner Arbeit. Ich hätte nachts kommen sollen. Zu spät. In zwei Stunden fliege ich zurück nach Hause. Weiter. In einem halben Meter Tiefe stoße ich auf etwas, das hohl klingt. Eine verrostete Getränke-Dose. Wahrscheinlich einer unser Pfosten von damals. Ich beschließe das Loch zu vergrößern. Ich grabe und grabe, schon nach ein paar Minuten klebt mein T-Shirt am Körper, als hätte ich angezogen gebadet.
Endlich, in etwas mehr als einem Meter Tiefe, stoße ich auf einen Ziegelstein. Ich renne zum Wasser, um ihn abzuwaschen – und ich finde, was ich suche. Eine mit Messer eingeritzte Zeile. Ein wenig verblichen aber lesbar: „Sofía“ steht dort, daneben mein Name und ein Datum. 25 de Agosto de 1981. In meiner letzten Urlaubsnacht haben wir den Stein von einer nahe gelegenen Mauer geklaut, ihn gemeinsam beschriftet und in der Mitte des Strandes im Sand vergraben. Jedes Jahr im Sommer wollten wir ihn hervorholen, mit aktuellem Datum versehen und wieder vergraben. „Wenn einer von uns mal keine Zeit hat, setzt er eben für ein Jahr aus“, hat Sofía damals gesagt. „Und wenn das zehn Jahre lang klappt, heiraten wir.“
Ich schrecke auf. „Sofía“, ruft der spanische Urlauber, der eben seine Liege für mich verschoben hat. Jetzt trägt er ein XL-Trikot von Real Madrid und winkt einem Mädchen zu, das gerade aus dem Wasser kommt. Offensichtlich seine Tochter. Nicht älter als dreizehn, zehn Jahre jünger als ich. Sie sieht nicht so aus, als ob sie jemals etwas von Toni Schumacher gehört hat. Geschweige denn von Köln-Mülheim oder von Mülheim an der Ruhr. Ich hole aus und versenke den Ziegelstein in hohem Bogen im Meer. Wie Toni Schumacher bei seinen legendären Abwürfen. Dann gehe ich zum Taxistand. ENDE
--> Diese Erzählung entstand anlässlich eines Schreibwettbewerbs der taz. die tageszeitung unter dem Motto "Strandgeschichten", kam dabei unter die besten 20 und erschien 2005 gedruckt in der dazugehörigen Anthologie. Außerdem war "Sofia auf dem Sand" bis vor Kurzem auf der Website des Online-Kulturportals Titel-Magazin nachzulesen. Damaliger Kommentar der Redaktion: „So sympathisch kann Literatur sein! Eine wunderhübsche Miniatur mit großem Finale, klar geschrieben, leicht - und leicht schwermütig. Hier ist sie, die frische Brise, die so vieles Verquaste, Stickige davon fegt."
Gerne teilen (auch via facebook, siehe unten) und/oder Toni Schumacher schicken! ;)
(#42) Im Eisvogel-Paradies
Wie wir in Erkrath-Hochdahl einen Superlativ unterqueren / Wie wir keinen Eisvogel sehen / Und wie sich Neandertalwiesen schmatzend gegen illegale Begehungen wehren
Wir sitzen im Auto und unterqueren einen Superlativ. Er steht auf einer Eisenbahnbrücke und lautet: „Steilste Eisenbahn-Hauptstrecke Europas bis 1981“.
„Tja“, sagt mein bester Freund P. „Da war Erkrath mal stolzer Europameister, und dann klaut 1981 einfach ein anderer den Titel.“ „Haben sie aber gut gelöst, die Erkrather Superlativ-Beauftragten“, sage ich.
„Na ja“, sagt P. „Ein Bisschen konstruiert, oder?“
„Konstruiert, aber sympathisch“, sage ich. „Die hatten sich eben an den Rekord so sehr gewöhnt, dass sie ihn behalten wollten.“
„Und warum haben Sie nicht einfach Zweitsteilste Eisenbahnstrecke Europas geschrieben?“
„Weil sie den Superlativ dann früher oder später in Drittsteilste Eisenbahnstrecke Europas hätten ändern müssen. Das wäre zu teuer geworden. Aber wenn da bis 1981 steht, ist es ein Rekord für die Ewigkeit.“
Während wir auf der Landstraße am Rande von Erkrath-Hochdahl dem Neandertal entgegenfahren, zückt P. sein iPhone und googelt (keine Sorge er ist der Beifahrer!). Ein paar Sekunden später zitiert er einen Artikel der Rheinischen Post:
„Die steilste Eisenbahn-Hauptstrecke Europas vermutet man vielleicht in den Alpen oder einem anderen großen Gebirgszug, nicht jedoch zwischen dem Bergischen und dem Rheinland. Und doch hielt ein Teilabschnitt der Eisenbahnstrecke Düsseldorf-Elberfeld diesen Rekord über 140 Jahre lang: Der Streckenabschnitt zwischen Erkrath und dem Erkrather Stadtteil Hochdahl hat bei einer Länge von 2449 Metern eine Höhendifferenz von rund 82 Metern. Die Steigung der schnurgeraden Bahnstrecke beträgt 33 Promille.“
„Wäre jetzt natürlich interessant zu erfahren, wer den Erkrathern den Rekord abgejagt hat“, sage ich.
P. zitiert weiter:
„Erst 1981 wurde in Frankreich die Hochgeschwindigkeitsstrecke Süd-Ost zwischen Paris und Lyon eröffnet, die zum Teil eine Steigung von bis zu 35 Promille aufweist und somit den Rekord ablöste.“
Wir fahren die Serpentinen Richtung Neanderthal-Museum und parken auf dem Parkplatz vor dem Lokal Neanderthal No. 1. Wer die dieser vorangehende (Doppel)Folge verfolgt hat, weiß mehr – unter anderem auch, dass P. nicht mit von der Partie war.
Ist also alles neu für ihn hier: Wir spazieren flussaufwärts am rechten Ufer der Düssel entlang.
Beim letzten Mal haben die Gast-Flaneurin und ich ungefähr 1,5 Kilometer von dieser Stelle entfernt den Rückweg angetreten. Eigentlich beginnt unsere heutige Etappe also erst dort so richtig. Ich kenne den Weg schon, mein bester Freund P. noch nicht. Ein Aufkleber am Rande des Weges verrät, wo wir uns befinden:
„Neanderlandsteig. Entdeckerschleifen. Evolutionspfad Romantisches Düsseltal”
Das Düsselbett schimmert zwischen den Bäumen. Im Frühjahr oder Sommer würden wir unser Flüsschen vom Spazierweg aus wohl gar nicht sehen. Wir spazieren erst an dem verlassenen Haus vorbei, passieren danach die Steinzeitwerkstatt und die Stationen des Skulpturenpfads – und landen dann am Tarpan-Gehege.
Diesmal tummeln sich hier tatsächlich einige Exemplare der eiszeitlichen Wildpferde. P. fotografiert sie. Mich fasziniert aber eher das Wandgemälde an der Außenwand des Stalls. Dort ist neben anderen Tieren auch ein Eisvogel zu sehen
„Habe ich dir erzählt“, beginne ich, „dass in den letzten Wochen insgesamt drei Leser auf der facebook-Seite zum Blog geschrieben haben, sie hätten mitten in der Stadt einen Eisvogel gesehen?“ (nachzulesen hier und dort)
„Ist das was Besonderes?“, fragt P.
„Alter“, sage ich, „der Eisvogel – das ist so eine Art Superstar unter den seltenen Vogelarten. Er ist extrem selten, sieht super aus und kommt nur dort vor, wo es genügend Kleinfische als Beute gibt. Ich habe einmal einen am Brückerbach gesehen, dort und im Südpark gibt es wohl genauso wie am Unterbacher See eine kleine Population. Aber in der Stadt?! Das ist schon ziemlich sensationell.“
„Und wo in der Stadt?“
„Also, Corneliusstraße oder Schadowstraße werden es wohl nicht gewesen sein. Die gemeldeten Sichtungen waren an der Südlichen Düssel, Höhe Karolingerstraße, sowie in Derendorf, in der Nähe dieser gelben Brücke, wo die Nördliche Düssel renaturiert worden ist.“
„Schön“, sagt P., „aber dann waren die Eisvögel wahrscheinlich nur auf Wanderschaft, an der Düssel entlang, aber im Gegensatz zu uns eben nicht flussaufwärts, sondern flussabwärts.“ Er winkt ab: „Schön, dass sie da sind, aber ich habe zu Vögeln kein Verhältnis, ebenso wenig zu Fischen. Du bist hier der Fischförster, ich nicht.“
Weiter. Entlang des Tarpan-Geheges. Richtung: Gruiten-Dorf.
Die Düssel verläuft in circa Hundert Metern Entfernung, unerreichbar. Das heißt: Theoretisch könnten wir natürlich versuchen, uns bis an ihr Ufer durchzuschlagen. Über Wiesen, über Zäune, durchs Unterholz. Immer so nah wie möglich am Ufer: In Düsseldorf war das noch unsere Devise – aber da war es auch leichter. Seit wir am Rande von Düsseldorf-Gerresheim in den „Erkrather Urwald“ eingedrungen und mit Schlamm bespritzt und zerkratzt wieder herausgekommen sind, sehen wir es lockerer: Keine illegalen Begehungen mehr. Hauptsache wir folgen – irgendwie – dem Verlauf unseres Flüsschens. Am Ende der eingezäunten Tarpan-Wiese kommen wir ihm wieder näher. Doch uns trennen immer noch Zäune und Tore.
Als nächste Tierart sind die Auerochsen dran, von denen allerdings keiner auftaucht – weder im Stall, noch auf der breiten Talwiese, auf die fortan unser Blick vom Wegesrand aus fällt. Die Düssel? Wie gehabt: Auf der anderen Talseite, das Gehege begrenzend.
Endlich kommen wir an die Stelle, wo der Rundweg um das Eiszeitliche Wildgehege nach rechts abzweigt. Würden wir ihm fünfzig Zick-Zack-Meter folgen, kämen wir an die Düssel-Brücke, wo ich beim letzten Mal umgekehrt bin. In diesem Sinne geht es diesmal geradeaus weiter: Der „offizielle“ Beginn der heutigen Etappe. Ein Wegweiser zeigt die Richtung:
Als wir Fotos machen, überholt uns ein Vater mit Baby im Tragebeutel. Ansonsten: Ziemlich einsam im Neandertal an diesem dunstig-trüben Vormittag im Januar.
„Man kann die gute Luft hier nicht früh genug atmen“, sagt P. in seinem typischen P.-Ironie-Modus. Ernst meint er das aber trotzdem. Wahrscheinlich klingt P. sogar dann ironisch, wenn er seiner Frau sagt, dass er sie liebt. Jedenfalls:Wenn er hier in der Nähe wohnen würde, wäre er der erste gewesen, der mit seinen Tragebeutel-Kindern Kilometer für Kilometer durchs Neandertal marschiert.
Nun verläuft der Weg leicht bergauf. Ein Fahrradfahrer kommt uns entgegen und grüßt. Zwischen uns und der Düssel: Die Talwiese. Dann gabelt sich der Weg, wir nehmen die Abzweigung, die am Rande der Wiese verläuft. Die Wiese wird schmaler, die Düssel kommt näher. Da! Zwischen den blätterlosen Bäumen können wir sie erkennen.
P. schießt einige Fotos. Auffallend: Um diese Jahreszeit gibt es hier nur drei Grünsorten: Moosgrün, Efeugrün, Wiesengrün. Das mag sich trist anhören, hat aber seinen Reiz. Man kann mit den Blicken tiefer in den Wald eindringen, nimmt die Landschaft anders wahr, als wenn man von einer quasi durchgehend „grünen Wand“ umgeben ist.
Die Düssel mäandert am Waldrand durch die Wiese. Darf so sein, wie sie möchte. Das bilden wir uns zumindest ein. An einer Stelle der Wiese fehlt der Stacheldrahtzaun. Ich schaue P. an, P. grinst. Er weiß, was ich vorhabe. „Geh alleine“, sagt er. „Ich habe keinen Bock auf die Matsche.“
„Matsche?“, sage ich. „Quatsch, das ist eine ganz normale Wiese, allenfalls ein Bisschen feucht.“ Und als ich den Satz zu Ende gesprochen haben, bin ich bereits auf dem Weg zur Düssel. Vor mir liegen circa 30 Wiesen-Meter. Wenn wir der Düssel im Neandertal schon nicht direkt am Ufer folgen können, so möchte ich mich doch zumindest für einen Moment so nahe wie möglich an ihrem Ufer aufhalten. Fast habe ich es geschafft. Mein Status: Kurz vor dem Einsinken, aber noch keine „Matschschuhe“. Kurz bevor ich die die Düssel erreiche, wird der Boden feuchter und weicher, und ich gehe schneller. Der Kommentar der Wiese: Sie schmatzt im Takt mit, Schritt für Schritt. Jeder Schmatzer ist eine Ermahnung, und beim letzten Schritt sinke ich tatsächlich so weit ein, dass Wasser in meinen Schuh gelangt. Ich lerne: Das „Ordnungsamt“ des Neandertals bestraft das Verlassen des Weges mit nassen Socken. Immerhin bekomme ich für meine Grenzverletzung eine „Belohnung“: Ich stehe am Rande der stacheldrahtbegrenzten Düssel und mache Fotos. Besonders gefällt mir die schmale, von einem größeren und mehreren kleinen Bäumen bestandene Insel. Wäre es Sommer und wäre ich ein Kind, dann hätte mich nichts davon abhalten können, auf eben diese Mini-Insel zu gelangen. Der ideale Ort für ein Bandenhauptquartier!
Zurück – und weiter den regulären Weg entlang, einen kleinen Bach passierend. Fotos hier, Fotos da. In der Nähe steht eine Infotafel, auf der die Düssel gewürdigt wird: Wie sie Landschaft gestaltet, wer in ihr lebt, und so weiter. So etwas müsste es auch in Düsseldorf geben, an die dortige Situation angepasst. Denn die Bachforellendichte in Bilk oder Derendorf dürfte wohl eine andere sein als hier im Neandertal.
Kurz darauf die nächste Infotafel, diesmal widmet sie sich dem Buchenwald. Derweil entfernt sich das Bett der Düssel wieder, verläuft am Rande einer Wiese, mehr oder weniger parallel zum Weg.
Wir spazieren ein wenig hoch und ein wenig herunter, und dann gelangen wir an einen Abschnitt, wo das Düssel-Ufer unmittelbar an den Spazierweg grenzt. In der Mitte des Flusses: Eine Insel, diesmal deutlich größer, mit diversen Bäumen auf ihr und zum Weg hingewandt von einer alten Backsteinmauer begrenzt. Auf einem Schild lesen wir, was es damit auf sich hat: Es handelt sich um den Rest eines Flößwehrs aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit dem Düsselwasser auf die angrenzenden Felder umgeleitet wurde.
So ist auf dem Schild zu lesen: „Seit Jahrhunderten bewässerten die Bauern Wiesen, um die Heuernte durch die düngende Wirkung des Bachwassers zu steigern. Denn es gab noch keinen Kunstdünger. Die Bäche hingegen waren nährstoffreich, da die Haus- und Gewerbeabwässer meist ungeklärt in die Bäche geleitet wurden.“
„Das bedeutet ja anscheinend“, sage ich, „dass die Leute damals unter anderem ihre Scheiße in die Düssel geleitet haben.“
„Kunstdünger oder Scheiße“, sagt P. mit seiner P.-Ironie. „Das ist hier die Frage.“
„Mich würde ja mal interessieren, wie dieser Cocktail damals den Forellen geschmeckt hat. Ich habe irgendwo gelesen, die Düssel im Neandertal sei für ihren Fischreichtum berühmt gewesen.“
„Wahrscheinlich hatten die nichts gegen ein paar Nährstoffe.“ P. macht ein grunzendes Geräusch. „Gut, dass wir hier wieder mal die ganz großen Themen verhandeln.“ Er schaut auf seine Uhr. Also, langsam sollten wir vielleicht umkehren, ich habe nicht ewig Zeit.“
Hatte ich eigentlich schon erzählt, dass wir uns vorgenommen hatten, heute bis zu einem Punkt zu gelangen, in dessen Nähe wir beim nächsten Mal unkompliziert parken können? Um zu vermeiden, dass wir – wie heute – eine Strecke zum zweiten Mal abwandern müssen.
„Komm“, sage ich, also wir einen Teich erreichen, in dessen Mitte eine Weide auf einer Insel thront. „Da vorne ist ein Haus, da muss es auch eine Straße geben. Bis dahin gehen wir noch, und das war´s dann für heute.“
Wir erreichen ein Fachwerkhaus, wir erreichen einen asphaltierten Weg, und wir erreichen die Düssel, die von eben diesem Weg mit Hilfe eine Brücke überquert wird. Ich schaue aufs Smartphone: Laut Google Maps müsste es sich um die Verlängerung des aus Hochdahl-Millrath kommenden Höhenwegs handeln: Unser heutiger Endpunkt, unser künftiger Startpunkt. Gemerkt, ein paar Fotos gemacht, umgekehrt. Bis zum nächsten Mal!
P.S. Einen Eisvogel haben wir im Neandertal übrigens nicht gesehen – was sicher auch mit dem zu tun hat, was Tante Wikipedia zu erzählen weiß (womit auch die im Herbst in Bilk und Derendorf gesehenen Eisvögel zu erklären wären):
Während die Altvögel meistens auch außerhalb der Brutsaison in ihren Revieren bleiben, streifen die selbstständigen Jungvögel auf der Suche nach einem geeigneten Gebiet ungefähr von Juli bis Mitte Oktober umher. Die Wanderungen können wenige bis 1000 Kilometer umfassen. Dabei legen Weibchen meist größere Entfernungen zurück als Männchen. Die Jungen aus Zweit- und Drittbruten legen häufig längere Wanderungen zurück. Haben sie ein Revier für den Winter gefunden, wird es in Hinblick auf die Gewässer und die Umgebung erkundet. Auf die Eignung als Brutrevier in der nächsten Brutsaison wird es unter anderem durch Besuche in Brutrevieren anderer, noch späte Bruten aufziehender Vögel, beurteilt. Ab November stellen sie größere Ortsbewegungen ein und nehmen in Erwartung des kommenden Winters von knapp 40 Gramm im Spätsommer auf 44 bis 46 Gramm zu. LESETIPP: Im Gastbeitrag von Andrew Uhlemann kann man lesen und sehen, wie der Düssel-Abschnitt der heutigen Etappe von der anderen Ufer-Seite aussieht.
WIE MEINE MUTTER UND IHR HUND ZU FOTO-STATISTEN WURDEN
Und am Telefon sage ich noch zu Ihr: „Mama, du musst dich auch nur ganz kurz an der Ampel hinstellen. Mit dem Hund. Dauert nur drei Minuten. Ja, einfach dort stehen und warten. So als ob der Fotograf und ich gar nicht da wären. Was du anziehen sollst? Egal, nimm doch einfach deine Lieblingsjacke und deinen Lieblingshut. Das, was du sowieso immer beim Gassigehen anhast.“
Und dann, eine Stunde später, ist sie da: Meine Mutter, die nächstes Jahr 78 wird und für ihr Alter noch sehr fit ist. Und der Fotograf und ich – wir sind auch da. Ich stehe an den Pfosten gelehnt, an dem an der Ecke Merowingerstraße/Karolingerstraße das Düssel-Schild befestigt ist. Dieses Düssel-Schild ist ein besonderes. Es ist das einzige Düssel-Schild in Düsseldorf, das so tief hängt, dass man sich gemeinsam mit ihm fotografieren lassen kann.
Der Fotograf sagt, ich solle während der Foto-Session nicht sprechen, sondern einfach auf den Bereich neben ihm gucken – dorthin, wo früher mal Data Becker war. Ich aber muss sprechen. Denn: Meine Mutter, die mit Hund und Hut – rein „zufällig“ – neben mir an der Ampel steht, damit das Fotografier-Ergebnis wie eine zufällige Straßenszene aussieht, schafft es nicht, sich „zufällig“ zu benehmen. Immer wieder dreht sie sich neugierig um, beobachtet mich und den Fotografen.
„Mama, nach vorne gucken, auf die Ampel an der anderen Straßenseite!“, sage ich. „Aber die ist doch grün“, sagt meine Mutter und wirkt dabei wie eine Marathonläuferin in den Startlöchern. „Egal“, sage ich, „bleib einfach stehen, gleich wird sie ja wieder rot.“
Nach ein paar Ermahnungen gelingt meiner Mutter das „Zufällig“-an-der-Ampel-Stehen doch noch. Ich weiß: Es fällt ihr schwer – genauso wie ihrem Hund, der trotz „Ausgehanzug“ vor Kälte zittert und nichts lieber will, als auf der anderen Straßenseite die An-der-Düssel-Runde fortzusetzen. Markieren statt frieren.
Ich stehe also an der Ampel, neben dem Pfosten mit dem Düssel-Schild. Und ehrlich gesagt ist die „zufällige Straßenszene“, die wir kreiert haben, natürlich alles andere als wirklich zufällig. Im Grunde genommen ist meine Mutter nur dazu da, damit das „Gar-nicht-Zufällige“ auf dem Foto zumindest ein Bisschen nach „zufällig“ aussieht. Keiner würde sich zufällig mehr als zwei Sekunden unter ein Schild mit der Aufschrift „Düssel“ stellen. Und genau darum geht es hier ja auch: Weil ich ein Blog namens Düssel-Flaneur betreibe und eine Art „Düssel-Symbolfoto“ haben wollte, habe ich dem Fotografen ganz bewusst diese Ecke als Foto-Kulisse vorgeschlagen. Und dann meine Mutter als Statistin engagiert.
Wobei: So richtig stimmt das ja auch nicht. Eigentlich stimmt es gar nicht. Na ja, ein wenig stimmt es schon. Okay, ich befürchte, jetzt ist der Moment gekommen, wo ich mich als „unzuverlässiger Erzähler“ outen muss: Die Frau mit Hund, die auf dem Foto neben mir zu sehen ist, hat sich nämlich weder umgedreht, noch haben wir uns unterhalten. Sie ist keine gebriefte Statistin, und sie ist auch nicht meine Mutter. Das alles habe ich erfunden. Denn wenn ich schon meine „Ich poste keine Fotos von mir auf facebook“-Regel breche, möchte ich als „Bonus“ zu dem Posting wenigstens noch eine kleine Geschichte erzählen. Das macht ja sonst keinen Spaß! Die Wahrheit ist: Die Frau mit Hund und Hut stand – rein zufällig – für eine Rot-Phase an der Fußgängerampel, und deswegen sieht man sie auf dem Foto. Ich kenne sie nicht, und wenn sie tatsächlich nächstes Jahr 78 werden sollte, dann wäre das ein Riesenzufall.
Vermutlich ist dieser Text aus mir herausgeflossen, weil ich es durch mein Blog gewohnt bin, „Lügengeschichten“ zu erzählen: In Düssel-Flaneur lasse ich einen Ich-Erzähler (der nicht mit mir identisch ist, auch wenn viele Leser das glauben) und seinen besten Freund P. (den es nicht gibt, denn ich flaniere in der Regel alleine) am bekanntesten unbekannten Fluss Deutschlands entlang spazieren. “Dokufiktion“, genau wie die oben beschriebene Fotografier-Szene. Was stimmt: Meine Mutter wird tatsächlich nächstes Jahr 78, und sie ist tatsächlich sehr fit für ihr Alter. Allerdings ist sie nicht neugierig, und sie trägt auch keine Hüte – sie hat nicht einmal einen Hund.
Den Fotografen gibt es wirklich. Er heißt Markus Luigs, viele Düsseldorfer kennen ihn durch sein Foto-Blog Düsseldorfer Perlen, und auf meinen Wunsch hin hat er heute ein paar Fotos von mir gemacht. Um Schnappschüsse mit offenem Mund zu vermeiden, hat er mich tatsächlich gebeten, während der Foto-Session nicht zu sprechen. Unterhalten haben wir uns aber trotzdem. Danach. Um die Ecke. Im Caffé Enuma. Beim Mittagessen. Dieser Text erschien zuerst auf dem Facebook-Profil von Düssel-Flaneur-Autor Sebastian Brück. Auch dort gerne liken und teilen :)
(#41) Die therapeutische Düssel-Runde – Teil 2
Welche Fließmanieren die Düssel hat / Warum Plätschern keine Fremdsprache ist / Und warum sich der Düssel-Soundtrack zum Meditieren eignet.
→ Dieser Text setzt die „therapeutische Düssel-Runde“ mit Gast-Flaneur Caterina Klusemann fort, Teil 1 kann man hier nachlesen.
Etwas weiter flussaufwärts gerät erneut eine Brücke ins Blickfeld, die Düssel wird hier flacher und breiter. Kurz darauf stehen wir vor einem Schild mit der Aufschrift „Wildgehege Neandertal“.
„Hier überquere ich bei meiner kleinen Runde immer die Brücke, und dann geht es auf der anderen Uferseite zurück zum Parkplatz“, erzählt Caterina. „Manchmal mache ich aber auch die große Runde – die umfasst noch mal einen Schlenker entlang des Wildgeheges.“
Ein Blick auf die Uhr: Schaffen wir das zeitlich? Ja! Den Schlenker nehmen wir noch mit ...
Auf der Website des Wildgeheges Neandertal finden sich ausführliche Infos zu den drei dort lebenden Tierarten: Auerochse (Heckrind), Wisent und Tarpan (eurasisches Wildpferd, Heckpferd).
Wikipedia sagt: Diese Tierarten lebten hier auch zur Zeit des Neandertalers und waren seine Jagdbeute, wobei Heckrind und Heckpferd Nutztiere sind, welche jeweils ihre ausgerotteten Wildformen vertreten sollen. Da das Wildgehege im Naturschutzgebiet Neandertal liegt, können weitere freilebende Tiere wie Graureiher, Baumfalken, Siebenschläfer und andere ebenfalls beobachtet werden.
Wir folgen dem „Rundweg Wildgehege“, der laut der offiziellen Website (wenig überraschend) einmal um das gesamte Gelände herum führt und mindestens eine Stunde dauert. So viel Zeit haben wir leider nicht. Außerdem ist es ja unser Ziel, die „therapeutische Düssel-Runde“ abzuschreiten, welche die heutige Gast-Flaneurin – Filmemacherin und Neu-Gastronomin Caterina Klusemann – in ihren Alltag integriert hat. Als kreativen Auftankspaziergang ...
Auf der großen Wiese hinter dem Holzgatter wohnen die Tarpane (bzw. ihre Nachzüchtungen). Hundert Meter entfernt sind einige von ihnen zu sehen. Ihre Auerochsen-Kollegen scheinen sich jedoch gerade woanders aufzuhalten ...
Der Spazierweg führt zunächst geradeaus neben der Wiese entlang. „Wenn man dem Weg folgt, gelangt man irgendwann nach Gruiten-Dorf“, erzählt Caterina. „Das soll sehr sehr schön sein.“ Sie hat die Strecke bisher noch nicht gehen können: „Dafür war bei der Haus-Renovierug und im Café einfach zu viel zu tun.“
Wir verlassen den Nach-Gruiten-Weg und folgen dem (nach rechts abbiegenden) Wildgehege-Rundgang. Vorbei am aucherochsenlosen Auerochsengehege - allerdings nur bis zur Düssel, die hier von einer Holzbrücke gequert wird. Auf der anderen Düssel-Seite führt der Rundweg bergauf. Doch weil hier die „Lang-Version“ von Caterinas „therapeutischer Düssel-Runde“ endet, machen wir uns anschließend auf den Rückweg zu Caterinas Lokal Neandertal No. 1.
Vorher erregt noch ein Schild meine Aufmerksamkeit. Die Überschrift: „Typische Bewohner eines Fließgewässers (Gebirgsbach)“. Klugscheißerfrage in meinem Hinterkopf: Ob man die Düssel wirklich als „Gebirgsbach“ klassifizieren kann? Egal! Vermutlich war das Schild nur mit eben dieser Überschrift zu haben. Interessant ist es jedenfalls! Auf einer Grafik sind die Lebensräume verschiedener Tierarten dargestellt – vom Eisvogel über die Mückenlarve bis hin zu Fischen wie Bachforelle oder Elritze. Ich erzähle Caterina, dass ich schon als Kind von Fischen fasziniert war – allerdings nicht so sehr von Aquariumsfischen oder Goldfischen, eher von denen, die wirklich in der Natur „um die Ecke“ leben. Und weil ich ihr auch noch erzähle, dass es bis vor vier oder fünf Generationen viele Förster in meiner Familie gab, hat Caterina spontan einen passenden Spitznamen für mich parat: Fischförster.
Auf dem Rückweg gelangen wir wieder zu der Stelle, wo das Wildgehege beginnt und das Düssel-Bett sehr flach und breit verläuft. Rauf auf die Düsselbrücke, Fotos machen. Von hier aus kann man ein weiteres Kunstwerk sehen, das zum bereits erwähnten Skulpturenwanderweg gehört: Eine in der Düssel liegende Steinfigur. Da die Düssel durch den Regen der vorigen Tage etwas mehr Wasser führt, sind nur die Umrisse zu sehen. Weiter gehts: Stromabwärts, am Düssel-Ufer entlang.
Wir passieren weitere Skulpturenkunstwerke und die Steinzeitwerkstatt sowie ein einsames, offenbar unbewohntes Haus, das noch auf seine Renovierung wartet. Caterina deutet auf einen Wegweiser: „Hier geht’s nach Hochdahl-Millrath, zum S-Bahnhof.“ Während ihre älteren Kinder immer auf dem Schulweg nach Düsseldorf pendeln, wo die Familie vorher neun Jahre lang gewohnt hat, bleibt Caterina meistens vor Ort. Was ihr nicht schwer fällt, denn sie ist „verliebt“ in ihr Haus mit den dicken Mauern, den Toskana-Flair verströmenden Rundbögen und dem Flüsschen und dem Wald vor der Tür – und hat dort jede Menge zu tun.
Auf dem Weg zurück zum Haus erzählt Caterina, dass ihr die Geschichte des Neandertals als Treffpunkt der Künstlerszene des 19. Jahrhunderts anfangs gar nicht bewusst gewesen sei. Ein „großartiger Vortrag“ der (inzwischen mehr als 80 Jahre alten) Heimatforscherin Hanna Eggerath im Neanderthal-Museum, schräg gegenüber ihres Hauses, habe sie in dieser Hinsicht sehr inspiriert. „Frau Eggerath hat für ein Buch viele alte Gemälde zusammengestellt, auf denen das Neandertal und die Düssel zu sehen sind, bevor der Kalkabbau die Landschaft hier stark verändert hat.“ Das (vor einigen Jahren neu aufgelegte und erweiterte) Buch heißt „Im Gesteins. Das ursprüngliche Neandertal in Bildern des 19. Jahrhunderts“ (wir haben es bereits zuvor in diesem Blog erwähnt und gezeigt).
Das Neandertal und die Düssel als Lieblingsmotiv der Düsseldorfer Malerschule zwischen 1830 und 1860 – und nun ist mit Caterina die kunstinteressierte Tochter eines Absolventen der Düsseldorfer Kunstkakademie hier ansässig: „Dadurch, dass wir das Haus gekauft haben, sind aus Zufall verschiedene Stränge wieder zusammengeführt worden“, sagt Caterina. „Ich finde es berührend, dass es all diese alten Landschafts-Gemälde gibt und das Tal vor so langer Zeit ein Sehnsuchts- und Party-Ort für Düsseldorfer Künstler war.“
Party? Im 19. Jahrhundert feierten die Künstler im Neandertal gerne Feste in (heute nicht mehr existierenden) Höhlen an den steilen Abhängen. Auch die größte verbliebene Baustelle im Haus ist eine Höhle – und könnte früher oder später für Feierlichkeiten genutzt werden. Vorbei an der Außenterrasse des Neandertal No. 1 und einer Wand, an der auf Schildern verschiedene Weinsorten angepriesen werden, führt mich Caterina Klusemann zum Höhlenzugang.
Sie öffnet die Tür eines Haus-Seiteneingangs, zeigt mir einige Farne, die im Haus neben einer Röhre aus dem mit dem Hang verbundenen Mauerwerk wachsen. Ein paar Meter geradeaus durch den Gang, dann links – und plötzlich stehen wir vor einer circa 100 Quadratmeter großen, Feuchtigkeit atmenden Höhle.
„Die Höhle ist damals in den Hang hinein gebaut worden“, erzählt Caterina. „Wir möchten sie ausbauen und trocken legen, und dann könnten wir sie zum Beispiel für die Gastronomie oder für Feiern und Konzerte nutzen.“ Die Höhle wäre tatsächlich eine tolle Konzert-Location! Spontan fühle ich mich an die Unplugged-Session der Fantastischen Vier in der Balver Höhle erinnert. Die ist zwar deutlich größer, aber das Höhlenkonzertflair wäre sicher auch hier nicht schlecht. „Unser Konditor hat sich auch sofort an das Konzert der Fantastischen Vier erinnert gefühlt“, sagt Caterina. Wo wir gerade den Konditor erwähnen: Während der Öffnungszeiten des Cafés (FR-SO) backt er „live“ vor Publikum in der offenen Backstube.
Natürlich habe es bei der Sanierung des Hauses auch mal Tiefpunkte gegeben: „In solchen Momenten haben wir uns gefragt, ob wir nicht doch besser in unserer kleinen Wohnung in Flingern geblieben wären.“ Aber: „Wenn ich morgens aufstehe, das Fenster öffne und die Düssel höre und die Bäume rieche, dann finde ich es jeden Tag aufs Neue fantastisch hier.“ Fazit: Die in Italien geborene Kosmopolitin, die in der Schweiz, in Venezuela und in der Mongolei gelebt hat, und neben Deutsch auch perfekt Italienisch und Spanisch spricht, ist im Neandertal, vor den Toren Düsseldorfs heimisch geworden. In einem Haus, das von Italienerin mit aufgebaut wurde (nachzulesen in Teil 1 der „therapeutischen Runde“) und nicht nur seine eigene, sondern auch die Geschichte der Landschaft und des benachbarten Flüsschens erzählt. Nach der Sanierung will Caterina Klusemann wieder Filme drehen. Wer weiß: Vielleicht kommen in einem ja irgendwann auch die Düssel und das Neandertal vor.
Auf der Auto-Rückfahrt in die Stadt kommt mir – dem Esoterik-Muffel – noch eine esoterisch anmutendem Schlussfrage zur heutigen Etappe in den Sinn: Wenn die Düssel in der Lage wäre zu kommunizieren: In welcher „Sprache“ würde sie Caterina und ihrem „Toskana-Landhaus“ einen Glückwunsch rüberschicken, wenn alles erfolgeich fertig saniert ist? Ein wohlwollendes Plätschern? Oder ein anerkennendes Gluckern? Oder ... Nein, stopp, jetzt wird es zu kitschig. Mein bester Freund P. würde protestieren. Aber da P. heute nicht dabei ist und ich nun schon mal angefangen habe: Ich glaube, im Grunde genommen kann jeder die Düssel „sprechen“ hören, denn sie spricht weder Deutsch, noch eine andere Sprache. Man muss sich nur hier und da eine Weile an ihr Ufer setzen. Und lauschen. Die Fließmanieren sind überall unterschiedlich, münden in einen ganz eigenen Meditations-Soundtrack. Die Düssel plätschert und gluckert nicht nur. Sie sprudelt, sie rauscht, sie gurgelt, sie blubbert, sie murmelt, sie gluckst, sie spritzt, sie strömt, sie wogt, sie rinnt, sie schäumt, sie strudelt, sie braust, sie wallt, sie sickert, sie brodelt. Und vielleicht hat sie auch schon mal gepupst, als keiner in der Nähe war (P., der letzte Satz ist für dich!) ...
Der Stoffeler Kamm
Seit 1980 liegt ein Haarkamm in Düsseldorf-Bilk mitten auf der Fahrbahn, eingebacken im Asphalt. Düssel-Flaneur-Autor Sebastian Brück erzählt, warum der Kamm das “Speichermedium” seiner Kindheit ist - und neuerdings sogar einen Namen hat.
Nachzulesen ist die wahre Geschichte im Begleitbuch zum Foto-Blog “Düsseldorfer Perlen” (siehe oben) von Markus Luigs (hier bestellen), das auch mehrere Textbeiträge enthält. Außerdem erschien sie in der Rheinischen Post (auch bei RP Online) sowie als Gastbeitrag in Alexandra Wehrmanns Blog Theycallitkleinparis.
Wer wissen möchte, wo genau er den “Stoffeler Kamm” findet, sollte mal bei YouTube vorbeischauen ;)
Gastbeitrag: Smell the Magic ///Alte Heimat///
Der Düsseldorfer Andrew Uhlemann ist in Hochdahl-Millrath aufgewachsen, am Rande des Neandertals. Für das Blog Düssel-Flaneur hat er sich in alten Fotoalben und vor Ort, am Ufer der Düssel auf Spurensuche begeben – und dabei gemeinsam mit Hündin Daisy eine gehörige Portion “Magie” getankt.
Der S-Bahnhof Hochdahl-Millrath. Ein Knotenpunkt? Man könnte es so sehen, denn zum Einen trennt die S-Bahn-Strecke S8 (Mönchengladbach/Neuss-Wuppertal/Hagen) den Stadtteil Millrath vom Neandertal, und zum anderen trennt er die Menschen drumherum in zwei Gruppen: Menschen, die nördlicher wohnen – also alle ab Gruiten und weiter nördlich – fühlen sich eher zu Wuppertal hingezogen. Und alle, die südlicher wohnen – also Hochdahler und Erkrather – fühlen sich eher Düsseldorf zugehörig.
Na ja, so kam mir das jedenfalls seit meinen Kindertagen vor. Und diese erlebte ich zunächst tatsächlich in unmittelbarer Nähe zum S-Bahnhof. Dort wohnten wir. Oma und Opa und meine Mutter waren sogar in Millrath geboren, ihre drei Geschwister ebenfalls. Ich besuchte den Kindergarten, und mit meinem Vater, einem passionierten Naturfreund, Angler und Wandersmann, ging es in der 1970er Jahren bei jeder Gelegenheit hinein ins nahe Neandertal.
In Millrath gab und gibt es drei oder vier Tunnel, die den direkten Durchgang – unter der S-Bahn hindurch – von der Zivilisation in die pralleste Natur ermöglichten, und wir wechselten aus irgendeinem Grund zumindest gefühlt jedes Mal die Route. Zum Ziel hatten wir eigentlich immer die Düssel.
Die S-Bahn-Trasse verläuft ganz oben auf dem Bergkamm, und geht man von da aus durch einen der Tunnel, dann erreicht man nach einer mehr oder weniger langen Geraden immer unten und im Tal: die Düssel. Dort hat man dann zwei Möglichkeiten: Man spaziert nach rechts, flüsschenaufwärts Richtung Wanderklub und Winkelsmühle oder noch weiter nach Gruiten, mal rechts und mal links von der Düssel. Oder man geht flüsschenabwärts Richtung Wildgehege und Neanderthal-Museum und weiter Richtung Erkrath.
Diese Düssel-Runden habe ich unzählige Male gemacht – und vor allem das ganze Jahr durch. Also im Frühling angefangen, inmitten seiner unglaublichen Wachstumswucht. Über den Sommer hin, mit gleißenden Feldern und einladenden Wiesen. Im Herbst, zwischen Beeren, Pilzen und Laubschlachten. Und natürlich auch im Winter mit Schneemännern, Schlittenfahrten und ersten Skiern der (orthopädisch gesehen) übelsten Sorte.
Die Düssel war dabei immer organischer Leitfaden und Orientierungspunkt, denn ohne "ihr" mal guten Tag gesagt zu haben, war ein solcher Spaziergang einfach nicht "rund", und so kannte ich nahezu jeden Meter des Flusslaufs: hier ein kleiner Strudel oder eine Kiesbank, da ein Gumpen (Wiki sagt: “Als Gumpen werden überwiegend beckenartige Strudeltöpfe bezeichnet, die von Sturzbächen in den felsigen Untergrund eines Bachbetts erodiert werden.”), dort eine Baumwurzel, deren feuerrote Verästelungen seicht im Wasser wogen und Bachflohkrebsen, Flusskrebsen oder Forellen Unterschlupf gewährten.
Eine Stelle war bei den Besuchen – ich schätze rückblickend es währte nur einen Sommer lang – immer von ganz besonderem Interesse: Eine Art S-Kurve im Flussverlauf zwischen Wanderclub und Wildgehege. Die Düssel verläuft sich dort – aus einer langen Geraden kommend – in einen mehrere Meter im Durchmesser zählenden Strudel, an dessen Ausgang rechts und links ein von Menschenhand errichtetes Gemäuer den Weiterverlauf etwas staut und somit das beengt durchfliessende Wasser nicht unerheblich beschleunigt. Das führt dazu, dass in sich das Wasser in den nächsten Kurven weitläufig beruhigt und Sand und Kiesablagerungen einen seichten Zugang zum Gewässer ermöglichen.
Diese Laune der Natur war für mich besonders erfreulich, nachdem ich erst durch kindshohen, großblättrigen und fabelartigen Urwald stapfen musste, um überhaupt ans Ufer zu gelangen. Denn ansonsten ist die Düssel auf diesen Metern durch den jahreszeitlichen Wechsel von Hochwasser und Normalstand eher schroff und ungemütlich bis gefährlich zu begehen. Davon abgesehen war es ja auch gar nicht vorgesehen, dort rumzukraxeln, da die Region ein Naturschutzgebiet war (und ist) und ein Angelverein über den Abschnitt wachte.
Aber an diese Stelle konnte man eben ins Wasser waten und wühlen, graben, stauen und entdecken, ohne Gefahr zu laufen in ein Wasserloch zu fallen oder gar abgetrieben zu werden, was einem Fünf- oder Sechsjährigen an anderer Stelle durchaus hätte passieren können. Highlight dieser Tage waren eine metallene Schöpfkelle und ein Eimerchen, welche wir dort unten gefunden hatten. Sie wurden jedes Mal gut, nein, sehr gut versteckt und bei jedem weiteren Besuch natürlich auch wiedergefunden und ausgiebig benutzt. Klar, dass dieses Szenario in meinem geistigen Bilderbuch, Abteilung "besondere Kindheitserlebnisse", einen Ehrenplatz ergattert hat.
Kommen wir noch einmal zurück zu dem bereits erwähnten Gemäuer, welches den ersten Gumpen vor besagter S-Kurve aufstaut. Der allzeit unüberwindbare Abstand der beiden Mauerköpfe beträgt geschätzt zwei Meter, es gibt aber weder Anzeichen von einen ehemaligen Wehr, noch von einer kleinen Brücke. Dennoch hatte ich schon immer das Gefühl, dass Menschen irgendwann einmal ganz lange und hart für etwas gearbeitet haben, was jetzt nicht mehr da ist. Nur noch Fragmente als Zeitzeugen. Irgendwie magisch. Wenn man bedenkt, dass das gesamte Neandertal als Fundstätte des Namensgebers mit den vielen Höhlen und Kalksteinbrüchen, Lianen und Natur im Überfluss für mich als Kind sowieso komplett magisch strahlte, war dies um so mehr ein ganz besonderer Ort. Mittlerweile hat eine weitere Erkenntnis diesen Eindruck verfestigt, denn ich habe von meinen Onkeln und meiner Mutter erfahren, dass sie und viele Kinder aus dem damaligen Dorf Millrath an eben dieser Stelle schwimmen gelernt haben. Das Wasser wurde zwischen den beiden Mauern mit Brettern und Baumstämmen aufgestaut, und damit war für die Kinder ein kleiner “See” zum Baden entstanden. Das muss so um die Jahre des Kriegsendes gewesen sein.
Ich bin dieser Tage – ausgehend vom S-Bahnhof Millrath – nach langer Zeit wieder einmal auf meinen alten “Düssel-Pfaden” gewandelt, und auch wenn sich natürlich die erinnerten, kindlichen Proportionen der Natur arg zusammengezogen haben (jeder kennt wohl das Phänomen), so ist für mich vor Ort alles noch so wie vor 45 Jahren – und vielleicht für meine Mutter und Ihre Brüder so wie vor 75 Jahren. Die (in diesem Blog-Beitrag zu sehenden) Fotos zu meinem kleinen Ausflug habe ich Ihnen noch nicht gezeigt, und ich bin gespannt, ob sie das ähnlich sehen und kann ihre Reaktion hier vielleicht zu einem späterem Zeitpunkt noch einmal nachreichen. Meiner felligen Begleiterin Daisy möchte ich rückwirkend danken, ich glaube sie hat an unserem “Düssel-Wandertag” auch eine gehörige Portion Magie getankt und mir wie immer wohlwollend zur Seite gestanden.
Über den Autor: Andrew Uhlemann ist die ersten Jahre in Hochdahl-Millrath aufgewachsen, bis es ihn nach dem Abitur die Düssel hinunter trieb, ins dazugehörige Dorf. Viel Zeit der frühesten Kindheit hat er im Neandertal verbracht, was sicherlich zu seiner anhaltenden Naturbegeisterung und Angelleidenschaft beigetragen hat. Er ist heute Freelancer für Text, Medien und Internetgedöns. Unter anderem betreibt er das Popkulturportal triggerfish.de. Mit der Band Hack Mack Jackson ist er auch selbst musikalisch unterwegs.
(#40) Die therapeutische Düssel-Runde – Teil 1
Wie sich Gast-Flaneur Caterina Klusemann in ein italienisch anmutendes Landhaus am Rande der Düssel verliebte / Welche alten Geschichten ihr neues Restaurant Neandertal No. 1 zu erzählen hat / Und warum ein Spaziergang entlang der Düssel (fast) alle Probleme löst.
Zu Anfang dieser Blog-Folge fahre ich mit dem Auto gegen einen Buchtitel – aber nur fast. Er lautet „Engstelle im Bewegungsverkehr“ und steht auf einem Warnschild am Rande der steilen Straße, die sich von Erkrath-Hochdahl aus bergabwärts schlängelt und zuerst Feldhof und später Neandertal heißt. Da die Straße tatsächlich ziemlich eng ist, habe ich keine Chance den Buchtitel fotografisch festzuhalten. Und auch der dazugehörige Roman müsste noch geschrieben werden ;)
Während ich mir vorstelle, wie sich Kreativbürokraten stunden-, tage-, wochenlang den Kopf zerbrechen, bis sie sich endlich für „Engstelle im Bewegungsverkehr“ entscheiden, bin ich schon ganz unten angekommen. Dort biege ich vor dem Hotel-Restaurant „Haus Becher“ und dem Neanderthal-Museum rechts in die Talstraße und dann in den Museumsparkplatz ein und stelle meinen Wagen ab.
Über dem Parkplatz thront ein kompaktes Steinhaus. Die Düssel ist nur rund 30 Meter entfernt. Aus den Fenstern der oberen Stockwerke müsste man sie sehen (und vermutlich auch hören) können. Nachdem mein bester Freund P. und ich auf der vorigen Etappe beim Neanderthal-Museum umgekehrt sind, wird von hier aus die heutige An-der-Düssel-Tour beginnen. Ich mache erst einmal ein paar Bilder vom Haus und bin dabei auf mich allein gestellt: Mein bester und noch dazu stets eifrig fotografierender Freund P. ist heute mitsamt seines iPhones zu Hause geblieben – so wie auch beim ersten Mal, als wir in diesem Blog einen Gast-Flaneur dabei hatten. Diesmal ist P. jedoch nicht krank, sondern „nur“ beruflich unterwegs.
Der heutige Gast-Flaneur ist eine Gast-Flaneurin. Sie heißt Caterina Klusemann, hat das Steinhaus vor etwas mehr als einem Jahr gekauft, es mit ihrem Mann in mühevoller Kleinarbeit saniert und dabei den gastronomischen Teil des Gebäudes – die ehemalige Neander-Stuben – in ein stilvoll-modernes Ausflugslokal verwandelt. Es heißt so wie seine Postadresse, mit leicht veränderter Schreibweise: Neandertal No. 1. Die lokale Presse berichtete bereits ausgiebig, sowohl vor der Eröffnung, als auch danach.
Eine Minute später sitzt Caterina auf dem Sofa im Café-Vorraum, in dem eine offene Küche untergebracht ist. Aus der hat sie zwei Becher mit Milchkaffee mitgebracht. Über ihr in den Regalen der Lese-Ecke: Gestapelte Kinderbücher für den Gäste-Nachwuchs. Außerdem mehrere Kunstbände – darunter zwei, die das Werk ihres verstorbenen Vaters Georg Klusemann dokumentieren, einem aus Essen stammenden Maler und Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie. Auch das große Bild an der Wand ist von ihm.
Wie bereits in einer früheren Folge dieses Blogs erwähnt war das Neandertal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Lieblings-Treffpunkt der Düsseldorfer Kunstszene. Und jetzt führt hier die Tochter eines Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie gewissermaßen die Tradition fort: mit einem Lokal, das der Geschichte des Hauses Rechnung trägt, mit Kunst an den Wänden und einem Kulturprogramm (in Planung). Passt!
Caterina Klusemann ist selbst künstlerisch unterwegs, denn eigentlich ist die Neu-Gastronomin Regisseurin. Über ihren Vater Georg hat sie vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm gedreht. Ihre Werke laufen bei Arte und im ZDF, erst kürzlich war das neueste zu sehen. „Momentan widme ich jedoch den größten Teil meiner Zeit diesem Haus“, sagt sie. „Die Sanierung ist noch lange nicht abgeschlossen, aber inzwischen haben wir das Gröbste hinter uns, und der Gastronomiebetrieb läuft – wenn auch bisher nur am Wochenende.“ Unten werden (nicht nur) Kaffee und Kuchen serviert, oben wohnt Caterina mit ihrem Mann, den Kindern und Hündin Aimi. Eine Ferienwohnung im 2. Stock ist seit Kurzem bezugsfertig und wird im Netz bereits gerne gebucht – „sowohl von deutschen, als auch von internationalen Gästen.“ Weltberühmtes Neandertal ...
Der Hauptgastraum kann auch für Veranstaltungen reserviert werden. An eben diesem Vormittag tagen dort die Macher von „Urbanana“ – einem Projekt, bei dem in Kooperation mit Vertretern kreativer Branchen der Städtetourismus in NRW über den klassischen “Besichtigungs- und Shoppingtourismus” hinaus gefördert werden soll. Wäre mein bester Freund P. heute mit von der Partie, so würde er jetzt womöglich den Raum stürmen, um (wieder mal) auf die Popkulturgeschichte Düsseldorfs der 70er und 80er zwischen Kraftwerk, Punk und Krautrock hinzuweisen. Die ist nämlich (wir erwähnten es in diesem Blog bereits einige Male) in der elektronischen Musikszene weltweit ungefähr so berühmt wie das Neandertal bei den Archäologen. P. ist der Meinung, die Stadt Düsseldorf unternehme viel zu wenig, um diesen Schatz („Alleinstellungsmerkmal!“) international zu vermarkten, etwa durch ein Düsseldorf Pop-Museum. Dafür freut er sich auf die Electri_City_Conference, die Düsseldorfs Musikerbe pflegt und fortführt (2017: 27./28. Oktober).
Eine weltbekannte Musikerin aus Düsseldorf – wenn auch aus einem anderen Genre – war bereits im Neandertal No.1 zu Gast: Doro Pesch. An den Besuch der Queen oft Metal erinnert eine Autogrammkarte mit Widmung, die in einer Vitrine ausgestellt ist. Ansonsten findet sich dort eine Dia-Show des Umbaus im E-Rahmen. Außerdem: „Dinge, die wir beim Renovieren gefunden haben.“ Als da wären: Ein altes Tagebuch. Schwarzmarktware, die zwischen Balken versteckt war: Africaines Zigaretten, Faro Tabak und Persilwaschmittelpackungen. Ein hundert Jahre altes Waffeleisen. Schuhe von Kalkarbeitern. Ein Apothekerfläschchen von 1879.
Kurz darauf stehen wir draußen, mit Blick auf die Außenterrasse und Kaffeebechern in der Hand. Tatsächlich würde man die Architektur des wuchtigen Hauses mit den dicken Mauern und den geschwungenen Bögen spontan eher nicht im Bergischen Land verorten. „So wurde in der Gegend eigentlich nicht gebaut“, bestätigt Caterina, „das Haus hat mich sofort an Italien erinnert, und das war natürlich auch ein Grund, warum ich mich spontan verliebt habe.“ Dazu muss man wissen: Caterina ist in Italien geboren, wo auch ihre Mutter immer noch lebt. „Mir hat jemand erzählt, dass im Tal zur Zeit des Kalkabbaus ab 1842 auch viele Italiener gearbeitet haben, und ich bin mir sicher, dass die auch 1852 beim Hausbau ihre Finger mit im Spiel hatten.“ Das Resultat: Toskana-Flair – mitten im Neandertal.
Und nun: der Düssel-Spaziergang mit Caterina Klusemann. Gegen den Strom, wie immer. Wir gehen über den Parkplatz zur kleinen Fußgängerbrücke, die das Flüsschen quert – kurz bevor es „Verstärkung“ vom Mettmanner Bach bekommt. „Wenn ich mich entspannen möchte, mache ich mich auf den Weg zur Düssel“, sagt Caterina. „Ich nenne das `meine kleine therapeutische Runde´.“ Und dann erzählt sie von den vielen kleinen und großen Problemen, die es bei der Sanierung des Hauses gab – und immer noch gibt. „Wenn ich beim Spaziergang dem Plätschern und Gluckern der Düssel lausche, dann kann ich durchatmen, und meistens stellt sich dabei die passende Inspiration ein, um die Probleme zu lösen.“ Sie gerät ins Schwärmen: „Weiter flussaufwärts ist es wunderbar still, dazu die Geräusche der Düssel, der Vögel, des Waldes – in Kombination mit dem gebrochenen Licht ist das einfach fantastisch und durch den Wechsel der Jahreszeiten auch immer wieder neu.“
Na dann los! Doch vorher will Caterina noch etwas zeigen. Denn eben hier – auf der Fläche vor ihrem Haus, schräg gegenüber des Neanderthal-Museums – wird in Zukunft so Einiges passieren: Es wird ein „Auftaktplatz“ gestaltet, einige alte Bäume müssen weichen, dafür eröffnet sich eine offene Sichtachse zwischen dem Zusammenfluss von Düssel und Mettmanner Bach sowie dem Neanderthal-Museum und Caterinas Haus.
Wir stehen an einem in die Jahre gekommenen Holzgeländer. In Zukunft werden Düssel und Mettmanner Bach in diesem Bereich renaturiert. „Die alte Brücke kommt weg, dafür wird es zwei spektakuläre neue Brücken geben“, sagt Caterina. „Eine wird von hier aus Richtung Museum führen, eine andere zum Spielplatz. Man wird diese Ecke in zwei Jahren wahrscheinlich kaum wiedererkennen.“ Wir überqueren die Düssel über die bestehende Brücke und folgen ihr flussaufwärts, über den Spielplatz, der jetzt mit viel Sand, einigen großer Steinquadern, einer Sitzecke und begrenzt von Jägerzaun noch eher spartanisch wirkt.
„Hier kommt ein Steinzeitspielplatz mit einem acht Meter hohen Kletterturm hin, außerdem ein Wasserspielplatz.“ Noch wirkt das Gelände rund um den alten Spielplatz zum Teil recht wild. Was sonst noch im Detail geplant ist und warum, können Interessierte dem „Masterplan Neandertal“ entnehmen, über den hier und da schon ausführlich berichtet worden ist. Caterinas Resümee, als wir eine T-Gabelung samt Wegweiser erreichen: „Ich glaube, das wird ein richtig schönes Projekt!“
Die Bäume hier haben sich mit ihren Wurzelfüßen am Steilhang festgekrallt. Wir halten uns rechts – Richtung „Eiszeitliches Wildgehege” und „Steinzeitwerkstatt“. Ein angenehm federnder Waldweg, bedeckt mit Frühherbstblättern. Vorbei an einem Schild, das an ein durch Vandalismus zerstörtes Kunstwerk erinnert – Teil des „Kunstweg MenschenSpuren“, einem seit 2002 bestehendem Skulpturenwanderweg mit Werken von elf Künstlern, der am Neanderthal-Museum beginnt und das Spannungsfeld Mensch-Natur plastisch machen soll.
Und sonst? Linkerhand: Bemooste Baumwurzeln am Hang. Rechts: Der Neandertal-Wald. Irgendwo dahinter liegt, nein, fließt die Düssel in ihrem Bett. Nach rund 150 Metern, als der Weg sich in eine Kurve schlängelt, treffen wir sie wieder. Von einer Steinbank aus kann man beobachten, wie unser Flüsschen von der Herbstsonne verwöhnt wird. Die Bank ist keine gewöhnliche Bank: Sie gehört ebenfalls zum Skulpturenpfad, und sie trägt den Titel „Bugatti Bench“. Inschrift: „Bare stream racing like a Bugatti“. Stimmt! Und die Düssel schon gar nicht ...
Weiter. Vorbei an weiteren Stationen des Skulpturenpfades. Wer sich für Details und die Künstler interessiert, erfährt hier mehr.
Als am gegenüberliegenden Ufer die Steinzeitwerkstatt in den Blick kommt, mache ich mit dem Smartphone ein kurzes Düssel-Plätscher-Video.
Derweil kommentiert Caterina die Klang-Vielfalt ihrer „therapeutischen Runde“: „Die Düssel ändert immer wieder ihren Sound, je nach Jahreszeit und Flussabschnitt und je nachdem wieviel Wasser sie führt. Es gibt Stellen wie diese – da plätschert sie –, an anderen gluckert oder rauscht es.“
An einigen Abschnitten wirkt das Düssel-Ufer sehr lehmig. Als Mutter von Kindern, die die Düssel zum alltäglichen Spielplatz erkoren haben und dabei zum Beispiel über umgestürzte Bäume das Flüsschen überqueren oder auf eine kleine Insel hinüberspringen, ist Caterina zwangsläufig zur „Lehm-Expertin“ avanciert: Der Lehm wandert nicht nur regelmäßig an den Schuhen ihrer Kinder zu ihr ins Haus. „Sie sammeln ihn auch als Bau- und bastelmaterial und bewahren ihn für später auf.“ Eine Düssel-Kindheit im Neandertal.
Etwas weiter flussaufwärts gerät erneut eine Brücke ins Blickfeld, die Düssel wird hier flacher und breiter. Kurz darauf stehen wir vor einem Schild mit der Aufschrift „Wildgehege Neandertal“.
„Hier überquere ich bei meiner kleinen Runde immer die Brücke, und dann geht es auf der anderen Uferseite zurück zum Parkplatz“, erzählt Caterina. „Manchmal mache ich aber auch die große Runde – die umfasst noch mal einen Schlenker entlang des Wildgeheges.“
Ein Blick auf die Uhr: Schaffen wir das zeitlich? Ja! Den Schlenker nehmen wir noch mit ... → Weiter geht es in Teil 2 der „therapeutischen Runde“ mit Gast-Flaneurin Caterina Klusemann, nachzulesen in Kürze an dieser Stelle .
(#39) Luftpartie ohne Gebirgsbach
Wie wir im Neandertal nach Spuren der ehemaligen Düssel-Schlucht Ausschau halten / Wie wir uns die Düssel als Gebirgsbach vorstellen / Und wie uns das Neanderthal Museum auch mit „h“ und ohne Bindestrich gefällt.
1,2 Kilometer hin, 1,2 Kilometer zurück. Das ist das „Flanierpensum“, das uns heute erwartet. Warum wir das so genau wissen? Weil wir vor einem Schild stehen. Dort ist nicht nur unser Tagesziel – das Neanderthal-Museum – angegeben, wir erfahren auch gleich noch die in den kommenden Etappen zu bewältigende Entfernung bis „Gruiten Dorf“, einem der (wie uns oft „zugeflüstert“ wurde) Highlights des restlichen Weges bis zur Düssel-Quelle.
Auf Google Maps checken wir den Weg: Vom findlingsumsäumten Parkplatz Am alten Kalkofen am Rande der Mettmanner Straße bzw. der L357 (von hier aus sind wir letztes Mal umgekehrt) bis zum Neanderthal-Museum entlang der Düssel, die parallel zur Fahrbahn verläuft.
Asphaltiert, mehr oder weniger gerade, wenig spektakulär.
„Pflichtetappe, oder was?“, sagt mein bester Freund P.
Ich zucke die Achseln.
Eines ist sicher: Im Gegensatz zum vorigen Mal klappt heute der „Anschluss“ an die Vor-Etappe reibungslos. Raus aus dem Auto – und los! Bevor wir uns auf den Asphaltweg entlang der Landstraße machen, überqueren wir noch einmal die am Rande des Parkplatzes liegende „Braumüllersche Brücke“. Ja, deren Namen kennen wir nun auch – dem Neanderland-Standort-Schild unterhalb des Wegweisers sei Dank.
Mein bester Freund P. schießt mit seinem iPhone einige Fotos und hat dabei unter anderem eine Hochwasser-Warnung im Visier. Notiz im Hinterkopf: Irgendwann einmal hierher zurückkommen, wenn es tagelang geregnet hat, um zu erleben, wie sich die Neandertal-Düssel vom zahmen Sympathieträger in ein gefährliches Wildwasser-Ungeheuer verwandelt. Nein, das wäre kein Katastrophentourismus. Vielmehr: Düssel-Wissenschaft! ;)
Aus den Augenwinkeln entdecke ich es: Auf der „Parkplatz-Seite“ der Brücke öffnet sich neben einem Findling flussaufwärts ein schmaler Ufer-Pfad. P. zeigt mit dem Finger auf ihn: „Da müssen wir lang!
Ihr wisst schon: Düssel-Flaneur-Pflicht, immer so nah wie möglich am Ufer.
Ich nicke, wohl wissend, dass wir in letzter Zeit öfter mal die bequemere, uferfernere Variante gewählt haben. Wobei: Da lag ja auch schlammiges, unzugängliches Dickicht vor uns. Nein, ich nehme die Selbstkritik zurück: Einen Pfad wie diesen haben wir noch nie ausgelassen.
Leider endet der Pfad nach etwas dreißig Metern im „Nichts“. Als Belohnung für den Versuch gibt es einen Rückblick auf die Braumüllersche Brücke und einige schöne Ausblicke auf unser Flüsschen in freier Entfaltung. Sprich: Ins Wasser gestürzte Bäume, sonnendurchschienene Flachwasserabschnitte, mikadomäßig verhakte Ästchen. Wären wir 35 Jahre jünger, würden wir genau hier einen Staudamm bauen.
Entlang der Landstraße also. Sieht erst mal ziemlich trist aus. Zumal die parallel zum Fußgänger-und Fahrradweg (durch einen Minigrünstreifen geteilt) und hinter einer Leitplanke verlaufende Düssel kaum zu erspähen ist: Zu viele Brennesseln, Bäume, Büsche. Nur hier und da eröffnet sich ein fotografierbarer Blick durch die grüne „Trennwand“. Dafür treffen wir auf: Ältere Herren in Rennradkluft, die es eiliger haben als wir. Ein agiles Großelternpaar mit Enkelkindern, das nur langsam vorankommt („Opa, gibt’s hier eigentlich auch Dinosaurier?“). Und ein Wanderer-Trio, das uns schnurstracks überholt. Als sich auf der düsselabgewandten Straßenseite ein Rest des Neandertal-Gesteins am Hang erhebt, flitzt ein Cabrio vorbei.
Kaum vorstellbar, dass das Tal bis ca. 1850 so schmal war, dass die Düssel durch eine nur schwer zugängliche, 50 Meter tiefe Schlucht verlief. Ziemlich reißend soll sie gar gewesen sein. Ein „Gebirgsbach“, nur ein paar Kilometer von Düsseldorf entfernt.
„Vielleicht war auf unserer Düssel-Seite der Kalksteinabhang genau dort, wo jetzt die Straße verläuft“, mutmaßt P. „Und der ist dann einfach nach und nach abgebaut worden. Und das da oben …“, er zeigt auf den Felsen, „...das ist der letzte Rest, der übrig geblieben ist.“
Das würde insofern passen, als dass der bewaldete Hang auf der anderen Düssel-Seite ziemlich steil, wenn auch nicht wirklich „schluchtig“ ansteigt. Ich zücke mein Smartphone und schaue kurz nach, was unsere gute Freundin Wikipedia dazu sagt. Sie sagt sehr viel, und wer mag, sollte sich den kompletten Neandertal-Text in Ruhe zu Gemüte führen. Einen Auszug lese ich meinem besten Freund P. vor:
Der Erkrather Arzt und preußische Hofrat Johann Heinrich Bongard beschreibt in seinem 1835 erschienenen Buch Wanderung zur Neandershöhle erstmals das zu diesem Zeitpunkt noch unberührte Gesteins mit seiner Düsselklamm sehr detailliert inklusiv einiger Illustrationen, ohne den noch nicht gebräuchlichen Namen Neandertal zu nennen. Zudem beschreibt der Naturfreund in diesem Wanderführer die Geologie und die vielfältige Botanik der Felsenschlucht und ihren Artenreichtum mit Pflanzen wie Belladonna, Wolfsmilch, Schierling, Thymian, Waldmeister, Brunnenkresse und der im Tale sehr häufig vorkommenden und großflächig wachsenden Pestwurzen. Seine Schilderungen geben auch heute noch den besten Überblick über die ursprüngliche Schönheit der Natur, die zu seiner Zeit bereits ein weithin bekanntes und nach Eröffnung der Bahnlinie Düsseldorf-Elberfeld 1841 auch stark frequentiertes Ausflugsziel von Naturfreunden, Tagesausflüglern und Sangesgruppen war. Die Künstler der Düsseldorfer Malerschule nutzten das Gesteins nicht nur als Vorlage zur Landschaftsmalerei, sondern auch vielfach für ihre Festivitäten und Tagesausflüge.
Und dann schiebe ich noch ein Zitat nach:
„(…) Bey Erkrath ist ein Bruch von Dachschiefer; auch finden sich in diesem Amte verschiedene Kalkbrennereyen, und unter anderem eine bey dem Kostenhof. In deren Nähe ist das so berühmte Gesteins: die Leuchtenburg, Neanderhöhle, und ein Wassersturz der Düsselbach, wohin jährlich von den benachbarten Städten verschiedene Luftpartien gemacht werden.“
Beyträge zur Statistik des Herzogthumes Berg, Erscheinungslauf 1, 1802–1805
„Siehste“, sage ich. „Die Malkasten-Leute haben hier damals nicht nur gemalt, sondern auch gefeiert.“
P. ist begeistert, aus seinem Mund purzeln Ausrufezeichen: „Luftpartie! Was für ein schönes Wort! Das möchte ich adoptieren. Und dann waren auch noch Sangesgruppen am Start. Großartig!“ Und obwohl der pathosallergische P. seine Worte wieder mal mit einen Ironiemantel überdeckt, weiß ich, dass er das alles ziemlich ernst meint.
Nach rund 500 Metern gelangen wir auf unserer Luftpartie zu einer weiteren Düssel-Brücke – durch ein Tor abgesperrt. Ein Schild erzählt uns, dass das Gelände zum Neanderthal-Museum gehört. Eine Art Open-Air-Außenstelle also und vermutlich der Fundort des Neanderthalers. Neben einen Mülleimer schlüpfen wir am Rande der Brücke durchs Gebüsch, haben unser Flüsschen wieder im Blick. Das wird natürlich per Smartphone festgehalten, ebenso wie das „Wasserfällchen“ etwas weiter flussaufwärts, das direkt unterhalb der Leitplanke nach der Landstraßenunterquerung aus einem Rohr schießt.
Kurz darauf schimmern auf der anderen Ufer-Seite diverse rot-weiße Stäbe durch, die offenbar die Fundstelle markieren. Auf der Leitplanke: Zahlen, die wir nicht zuordnen können.
Außerdem: ein Stromkasten und ein Hinweisschild auf den nächsten Parkplatz (100 Meter), ein Blitzer und dann, endlich, ein riesiger Felsen, auf dem eine Tafel angebracht ist.
Aufschrift: „Zur Erinnerung an die Entdeckung des Neanderthal-Menschen durch Prof. Dr. C. Fuhltrott (Elberfeld) im Sommer 1856.“
Als spontane, dem Moment verhaftete Düssel-Flaneure sind wir traditionell schlecht vorbereitet. Zum Glück verrät uns Wikipedia den Namen des Felsens und einige weitere Details. Wieder lese ich P. den Text vor:
War das Tal vom Bau der ersten westdeutschen Eisenbahnlinie von Düsseldorf nach Erkrath noch nicht unmittelbar betroffen (eröffnet 1838, 1841 bis nach Elberfeld erweitert), so veränderte der 1849 einsetzende industrielle Kalksteinabbau das Tal vollständig. 1854 wurde die „Actiengesellschaft für Marmorindustrie im Neanderthal“ gegründet, die den Kalkabbau in großem Stil vorantrieb. Kalk wurde nicht nur für Bauzwecke und die Stahl- und Kohleindustrie des Ruhrgebiets benötigt, auch die nahegelegene Eisenhütte in Hochdahl benötigte ihn als basischen Zusatzstoff für die Verhüttung. Etwa ein Jahrhundert lang prägte der Kalkabbau das Tal; erst 1945 wurde der Betrieb eingestellt.
Von den ursprünglichen Kalkfelsen war hiernach nichts mehr zu sehen, da sämtliche Gesteinsformationen und Höhlen innerhalb von weniger als 100 Jahren dem Kalkabbau zum Opfer gefallen waren. Nur der sogenannte Rabenstein, eine Felsnase unmittelbar an der Straße und am Eingang zum Fundort des Neandertalers, ist übrig geblieben. 1926 wurde eine Tafel angebracht, die an den Fund des Neandertalers durch Johann Carl Fuhlrott erinnert.
Einen Augenblick später entdecken wir die analoge Info über den “letzten Zeugen”. Geht also auch ohne Wikipedia ;)
Rechts des imposanten Rabensteins ist offenbar der offizielle Eingang zur Fundstelle. Wieder gilt es eine Brücke zu überqueren, diesmal ist sie so schmal, dass nur Fußgänger sie nutzen können. Bevor man sie betritt, muss man an einer Art Schranke vorbei und wie an einer U-Bahn-Station einen „Fahrschein“ in einen Schlitz stecken. Aber: Die Schranke steht offen.
„Wahrscheinlich kommt man hier offiziell nur mit Museumseintrittskarte rein“, vermute ich.
„Düssel-Flaneure haben hier freien Eintritt“, beschließt mein bester Freund P. – und schon stehen wir in der Mitte der Brücke und schauen hinunter.
Fazit: Noch nie auf dem Weg von der Rheinmündung bis hierher war die Distanz zwischen einer Düsselbrücke und dem Flüsschen unter ihr so hoch … äh groß ...“
„Könnten fast zehn Meter sein“, schätzt P. „Neuer Rekord!“
Wir folgen einem schnurgraden Weg, der als „Zeitstrahl“ gestaltet ist und an die Brücke anschließt. Er führt auf eine vom Düssel-Ufer durch Bäume und Sträucher getrennte Wiese – dem „archäologischen Garten“ des Museums. Auf der Fläche sind diverse Steinblöcke verteilt, auf denen auf Englisch und Deutsch die Geschichte des Neanderthalers erzählt wird. Ein Check auf dem Smartphone verrät, dass sich an eben dieser Stelle die „Kleine Feldhofer Grotte“ – im Jahr 1856 der Fundort der Neanderthaler-Knochen – befand, die durch den Kalksteinabbau vernichtet wurde.
P. macht Fotos, und am Ende der Wiese gelangen wir schließlich doch noch auf die andere Zugangsbrücke zum Gelände, zu der uns eben von der Landstraße aus der Weg versperrt war.
Und auch das aus dem Rohr strömende „Wasserfällchen“ halten wir nochmal im Clip fest.
Raus aus dem „archäologischen Garten“, zurück zur Landstraße. Noch 400 Meter bis zum Museum.
Die beiden Dixieklos am Parkplatz müssen ohne uns auskommen. Dafür nähern wir uns abseits des Weges über Gestrüpp hinweg unserem Flüsschen und beschauen zwei sehr alt aussehende Türmchen, die links und rechts des Ufers stehen. Reste einer alten Brücke? Oder was? Wir wissen es nicht, finden auch im Netz keinen Hinweis. Dafür stolpert P. fast über ein im Boden verankertes Schraubengewinde.
Weiter! Die Düssel macht einen scharfen Knick, verläuft unter der Landstraße. Der Fußweg zum Museum verläuft parallel. Ein Radsportler in knallblauem Oberteil schießt vorbei und legt sich rasant in die Kurve.
Nach der Landstraßenunterquerung fotografieren wir noch den „Kasten“ einer Regenwasserbehandlungsanlage am Waldrand – und dann kommt auch schon das Museumsgebäude in Sicht. Die Düssel? Hier recht breit aufgestellt und mit extrem schlammigem Ufer.
Auf dem Weg zum Museum passieren wir eine Stelle, an der drei unterschiedliche Bodenbeläge aufeinanderfolgen, jeweils einen Meter lang. Sand, Rindenmulch, Kies.
P. grinst. „Ob das was mit dem Neanderthaler zu tun hat?“
„Wahrscheinlich bloß Fußweg-Kunst“, sage ich.
Und dann stehen wir direkt vor dem Museum – und sind beeindruckt. Notiz im Hinterkopf: Schnellstens mit Kind und Kegel einen Besuch einplanen (Es gibt sogar einen Tag, an dem Hunde mit reindürfen).
„Würde mich wundern, wenn die damit keinen Architekturpreis gewonnen haben“, sagt P.
Wir schießen noch ein paar Fotos auf dem Museumsvorplatz, unter anderem vom benachbarten Hotel-Restaurant Becher und vom „Neanderthal Kiosk“.
„Ich kann ja noch verstehen, dass man hier aus Tradition die altertümlicheSchreibweise von Neanderthal mit h übernommen hat“, sage ich. „Und ich kann auch verstehen, dass man auf den orthografisch korrekten Bindestrich zwischen Neanderthal und Museum verzichtet – von wegen Eigenname und so. Aber ich wusste nicht, dass man das auch auf Büdchen übertragen kann.“
„Klugscheißer!“, sagt P. „Ist doch völlig egal. Hauptsache, es kommt keiner auf die Idee das Neandertal mit dem Deppen-Apostroph zu verhunzen – von wegen „Neanderthal´s“.
„Selbst Klugscheißer!“, sage ich.
Und in dieser trauten Einigkeit machen wir uns auf dem 1,2 Kilometer langen Rückweg zum Auto. Erwähnenswerte Vorkommnisse? P. dreht noch ein kleines Filmchen von der Landstraßenunterquerung.
Und am Rabenstein klettern wir die Böschung zum Fluss hinunter und machen ein paar Fotos.
Ach ja, und das „U-Bahn-Tor“ zur Fundstelle ist inzwischen geschlossen.
„Eine Sache fällt mir noch ein“, sagt P, als wir schon wieder auf dem Weg nach Düsseldorf sind. „Was ist eigentlich mit diesem Schlößchen Pirlepont? Ein Leser hat geschrieben, dass wir es auf der letzten Etappe verpasst hätten. Aber wo genau ist es? Im Netz habe ich dazu keinen konkreten Hinweis gefunden.“